Wie ich erwachsen wurde

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Mirah Bashir
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Registriert: Sonntag 7. September 2014, 16:45

Wie ich erwachsen wurde

Beitrag von Mirah Bashir »

- Scherben bringen Glück -

Geschehen ist es zu der Zeit als die Stadt sich in Trauer hüllte auf Grund des Todes von Imraan. Ein jeder hing seinen Gedanken und seinen Erinnerungen nach oder grollte wütend in sich hinein. Das war eine Zeit gewesen, in der sich keiner so wirklich für mich interessierte. Sie zogen an mir vorbei, nickten oder sagten zwei, drei Worte. Aber mehr sagte oder machte niemand. Es war nicht die schlechteste Situation auch wenn mir bereits zu dem Zeitpunkt mehr als bewusst war, dass ich Alleine-sein nicht mochte. Die Langeweile war mein Feind und da ich niemanden meine Gesellschaft aufdrücken konnte, suchte ich mir eine andere Beschäftigung. Ich fand sie alsbald in dem Holzschwert, dass man mir schenkte und der Erinnerung an den Wunsch, ein toller Kämpfer zu werden. Mein erster Gegner - so entschied ich - wurde ein Kaktus vor den Toren der Stadt. Die Pflanze war knapp eine Handbreit höher gewachsen als ich und mit Hilfe zweier Datteln, einer leeren Kokosnussschale und meines Dolches konnte ich Ihr sogar ein grusliges Gesicht verpassen, das es Wert war von meinem Holzschwert zerschlagen zu werden. Der Kampf währte erstaunlich lange - der Kaktus erwies sich als äußerst zäh und meine Arme zu dünn und kraftlos. Ich hielt das Holzschwert mit beiden Händen und wuchtete es immer wieder gegen die Pflanze, dass die Stacheln nur so flogen. Nach wenigen Hieben war ich bereits erledigt. Ich war zwar immer gut im Laufen und vor allem im Weglaufen gewesen aber kräftig bin ich nie gewesen. So erschlafften meine dünnen Ärmchen schnell und Wut ersetzte das bisschen Kraft, dass ich hatte. Die Hiebe wurden unkoordinierter und plötzlich durchschlug das stumpfe Holzschwert die grüne Hülle des Kaktus, der Kokosschalenhut flog im hohen Bogen davon und weißliche Flüssigkeit ran wie Blut aus der geschlagenen Wunde. Ich hatte es geschafft. Der Kaktus war besiegt und ich war außer Atem. Es dauerte, bis ich wieder soweit Kraft geschöpft hatte, dass ich meine kaktusmordende Waffe aus eben diesem befreit hatte und angetrieben von den Glücksgefühlen des unerwarteten Sieges zog ich zurück in die Stadt. Wie immer erntete ich als hausloser Bengel von den Stadtwachen misstrauische Blicke und die Aufforderung mich zu waschen. Immer das gleiche. Wie immer ignorierte ich Aufforderungen in diese Richtung komplett. Motiviert und zufrieden schlenderte ich weiter, das Holzschwert mit mir führend. Nach einigen Straßenecken nahm ich das Schwert wieder in beide Hände - in Gedanken den Kampf noch einmal durchgehend. Dabei habe ich meine eigene Erschöpfung völlig vergessen - denn in der schwungvollsten Bewegung, lockerte sich mein Griff um das Holzschwert und es segelt mit ungebremsten Schwung durch die Luft und landete scheppernd im Glasfenster der Kaserne. Erschrocken - da es sich anhörte als wäre das Scheppern in ganz Menek'ur zu hören gewesen. Auf jeden Fall hörte es eine der Diensthabenden Wachen, die schweren Schritts um die Ecke gestapft kam. Kurz tauschten wir einen Blick aus - ehe ich mich dazu entschloss, dass das Schwert gar nicht meins war und Fersengeld gab. So schnell ich konnte - und ich konnte ganz schön schnell sein, wetzte ich die Straßen entlang zu meinem nächstgelegenen Versteck. Ich hörte noch das Schnaufen der Wache, als Sie ohne mich zu sehen an meinem Versteck vorbei rannte. Da hatte ich noch mal Glück gehabt...
Zuletzt geändert von Mirah Bashir am Mittwoch 25. Mai 2016, 23:29, insgesamt 1-mal geändert.
Mirah Bashir
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Beitrag von Mirah Bashir »

- Kater müssen keine Katzen sein -

An den Abend selber erinnere ich mich nicht mehr im Ganzen, vermutlich ging er aber sehr schnell rum. Denn Zwerg und Priester motivierten mich mit Zusprüchen: "Das ist nur am Anfang eklig - später geht es" und "Ich trinke das immer". Ich erinnere mich vor allem an den eklig, bitteren Geschmack und die unangenehmen Folgeerscheinungen. Ein Glück stellte mir Antorius einen Eimer ans Bett. Diesen brauchte ich in der Nacht noch einige Male. Ich hatte ja gar keine Ahnung, was mich erwartete. Ursprünglich wollte ich doch nur ein wenig aus Menek'Ur weg. Die Sache mit dem Fenster könnte noch Ärger bedeuten. Und Bajard erschien mir das erste Mal seit den vielen Besuchen dort unheimlich. Wobei es nicht an dem Fischerdorf lag, sondern an den Leuten, die mir nahe kamen. Wahrscheinlich ist aber auch, dass ich durch die Geschehnisse der vorherigen Woche in Menek'Ur tatsächlich etwas vorsichtiger geworden bin. Um so froher war ich um die nachfolgende Gesellschaft. Bis wir am Feuer saßen! Eine unangenhme Lektion - dieses Zwergenstarkbier. Aber in einem war ich mir am nächsten Morgen sehr sicher. Nie wieder rühre ich das an ...
Mirah Bashir
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Beitrag von Mirah Bashir »

- Wie man aus einer Mücke ein Lama macht -

Der Auslöser der Ereignisse der Folgetage- und Wochen war trotz aller Dramatik und Angst, die er für mich barg bald vergessen. Grund für meine nachfolgenden Entscheidungen und taten war ein Vorfall vor Bajard. Ein maskierter Fremder sah in mir nicht nur den verlausten Menekanerburschen sondern eine Einnahmequelle und versuchte mich gen Hafen zu verschleppen. Er war schneller und kräftiger als ich, und ungünstiger Weise traf ich auf dem freien Feld auf ihn - so dass ich mir mein Geschick im Hakenschlagen, Klettern und verstecken nicht zunutze machen konnte. Ein glücklicher Zufall war es, dass andere Bajardbesucher den Mann daran hindern wollten, ein strampelndes Kind davon zu zerren. Die Besucher kauften mich unbekannterweise frei. Schneller als dass sie etwas zu mir sagen konnten, habe ich meine Beine in die Hand genommen und schnellstmöglich die Flucht ergriffen.
Diese Art der Bedrohung war mir bis dahin fremd - zumindest von den Nordländern. Und diese Erfahrung machte mir klar, dass ich die Einsamkeit der letzten Jahre nicht mehr wollte. Ich erkannte dass Freiheit auch eine gewisse Gefahr birgt, und meine Sehnsucht nach Sicherheit wuchs.
Das war der Auslöser, weshalb ich Tage später im Büro des Sanjak saß, den Wunsch äußerte wieder eine Familie zu haben und auch alle Karten und Geheimnisse offenbarte, die ich bislang verschwiegen habe.
Welchen Stein ich damit ins Rollen brachte, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht erahnen. Was sollte nur aus Marid werden?
Mirah Bashir
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Beitrag von Mirah Bashir »

- Zeit des Hin und Her -

Die nachfolgenden Tage waren gelinde gesagt verwirrend für mich. Der eine gab mir die Regeln vor, der andere die nächsten. Manchmal waren es die gleichen, aber häufig widersprachen sie sich auch. So wusste ich einige Zeit nicht auf welche Aussage ich nun zu hören hatte. Durfte ich die Stadt verlassen? Bei wem sollte ich schlafen? Früher waren das Sachen um die ich mir keinen Kopf gemacht habe. Ich schlief da wo ich wollte und ging hin wo ich wollte. Meistens zwar in Deckung, damit ich keinen unnötigen Ärger heraufbeschwor, dennoch handelte ich immer nur nach meiner eigenen Nase. Dass sich das ändern würde, ist mir zwar klar gewesen, als ich meine Identität offenbarte, aber nicht dass ich nun gar nicht mehr mitbestimmen konnte. Vorher genoss ich alle Freiheiten und nun war ich gezwungen mich für jeden Kleinkram zu rechtfertigen. Warum ich so spät noch unterwegs bin? Warum ich mein Essen so schlinge? Warum meine Kleidung bekleckert ist? Und so weiter. So hatte ich mir das nicht gedacht. Und nicht nur einmal verfluchte ich meine Entscheidung. Auf der anderen Seite gab es aber auch Momente von Geborgenheit, die mir so lange gefehlt haben. Dann war ich wiederum zufrieden mit dem Weg, den ich eingeschlagen hatte. Doch ob es das Wert war, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit sagen.
Mirah Bashir
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Beitrag von Mirah Bashir »

-Anders als erwartet-

Was ich mir genau dabei gedacht hatte, konnte ich rückblickend gar nicht mehr sagen. Es hatte sich so ergeben. Es kam eins zum anderen. Wenn man erstmal damit begonnen hatte gestellte Regeln zu ignorieren beziehungsweise zu brechen ist es nur folgerichtig dass sich das wiederholt.
So wurde aus dem Besuch im Norden eine Übernachtung, dann zwei und schließlich fast eine ganze Woche.
Hätte Ahmad mich nicht in dem Waldstück aufgefunden, dann wäre ich wohl noch länger von der Heimat und meinem Heim fern geblieben. Fast einen Jahreslauf durfte ich mich schon zu den Bahir zählen, und ich fühlte mich wahrhaftig zugehörig.
Zumindest bis zur Geburt meines "Bruders". Zumindest hatte sich seitdem meine Wahrnehmung auf die Umgebung verändert. Ich begann mich als Fremdkörper in einer zufriedenen Familie zu fühlen. So kam es, dass ich immer mehr meine gegebenen Versprechen brach. Ich verbrachte Zeit im Norden. In Bajard. In Adoran. In Berchgard. In Nilzadan. Einmal führte mich mein Weg sogar einmal kurz in westlicher Richtung. Was rückblickend mehr als leichtsinnig war - zum Glück aber harmlos ablief.
Nun war ich wieder in meinem Heim und erwartete Ärger. Riesigen Ärger sogar. Hausarrest bis zum Ende meines 20. Lebensjahrs, ewige Kleidertragepflicht, Strafarbeiten, Zwangsausbildung zur Schneiderin. Kurzum ich erwartete das Donnerwetter meines bisherigen Lebens.

Doch das was passierte, damit hätte ich nie gerechnet. Meine Familie reagierte ... gar nicht. Ich war zu perplex um selber auf das Thema zu kommen. Vorallem schienen sie es doch zu wissen, dass ich weg war. War dass die Strafe? Es ergab keinen Sinn für mich.

Im Laufe des Abends hatte ich mehr Kuchen, mehr Gold und weniger Ahnung als je zuvor. Was hatten sie nur vor mit mir?

Oder war es tatsächlich so, wie ich es seit einiger Zeit schon heimlich befürchtete: Dass es egal war, ob ich hier war oder woanders? Das hatte ich insgeheim befürchtet, aber nie erwartet.
Mirah Bashir
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Beitrag von Mirah Bashir »

-So launisch wie ein Lama-

Wieder waren Wochen, sogar Monate ins Land gezogen und eigentlich hatte sich nichts verändert. Der Kontakt zu meiner Familie befand sich auf einem gefühlten Tiefpunkt. Wobei mir durchaus bewusst war, dass es auch daran lag, dass ich den Kontakt nicht aktiv suchte.
Aber es widerstrebte, und widerstrebt mir bis heute Aufmerksamkeitsheischend durch den Raum zu hüpfen und solange zu quängeln bis jemand seine Zeit für mich erübrigte. So verstrichen die Tage im Haus der Familie meist in der Form, dass man sich zwar sah und die Existenz der anderen zur Kenntnis nahm, aber eigentlich kein Gespräch miteinander führte. Wie Geister, die blind aneinander vorbei schweben, jeder mit seiner Aufmerksamkeit in anderen Welten.

So ging ich wieder zurück in alte Verhaltensmuster und scherrte mich wenig um meine Versprechen, die Regeln und das was ich zu lernen hatte um in meine Umgebung zu passen.

Dem Norden stattete ich regelmäßige Besuche ab - wobei ich darauf achtete nicht über Nacht fortzubleiben. Ich schlich mich davon und log um meinen Aufenthaltsort zu verheimlichen. Fragte mich jemand aus der Gemeinschaft wo ich die Nacht, oder die Tage verbrachte, so gab ich an den Arbeiten im Palast nachgegangen zu sein. Und fragte mich jemand aus dem Palst, erhielt er die Antwort, dass ich bei meiner Familie oder Gemeinschaft war.

In der ersten Zeit verletzte dieses Verhalten mich selber wohl am meisten und ich hoffte sogar darauf, dass jemand meine Lügen durchschaute und mich zur Besinnung brachte. Doch die Tage und Wochen ließen diese Empfindung abstumpfen.

Glücklicherweise gab es ein paar Menekaner und auch Kaluren die mir immer wieder in Erinnerung riefen, welchen Wert es hat zu etwas dazu zugehören und eine Bedeutung zu haben. Wären sie nicht da gewesen, hätten die Wochen gewiss einen anderen Verlauf genommen.

Doch so war ich trotz der Einsamkeit die mich plagte, nie soweit weg, dass man mich nicht hätte finden können. Ich hoffte auch weiterhin, dass die Kluft, die sich zwischen mir und meiner Familie gebildet hatte, wieder überwunden werden konnte. Ich war nur leider nicht in der Lage das offen auszusprechen, zu sagen wonach es mich sehnte.

Ich war lieber der Quatschkopf, der sich um nichts scherrte, als zu offenbaren, was mich bewegte. Ich schüttel solche Gedanken lieber ab. So auch diese Mal, als die Armee ihre Übung in der Wüste machte und ich mich einfach nur um den aufmerksamen Soldaten einen Schreck einzujagen oberhalb des Torbogens auf die Stufen der Pyramide hockte. Breit grinsend und alle Warnungen in den Wind schlagend, nur um dann reissaus zu nehmen, als sich jemand bemühte mir hinterher zu klettern.

Fangt mich doch, wenn ihr könnt...!
Zuletzt geändert von Mirah Bashir am Freitag 1. September 2017, 22:37, insgesamt 1-mal geändert.
Mirah Bashir
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Beitrag von Mirah Bashir »

Was bleibt ...

Im Goldblatt des Jahres 260 hatte ich einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Ich fühle mich so einsam wie noch nie, obwohl ich doch eigentlich eine Familie hätte haben müssen. Einzig Raniya war mir von meiner Familie zu diesem Zeitpunkt geblieben. Sonst begegnete ich nicht einmal zwischenzeitlich einem anderen Bashir. Meine Empfindungen darüber schwankten wie meine gesamte Stimmung - zwischen freudiger Genugtuung (machen zu können was ich wollte) und tiefer Traurigkeit (und Einsamkeit).

Auch die anderen Menekaner mochten meine Lage durchaus mitbekommen, wobei sie meiner Empfindung nach mit Nichtbeachtung bis hin zu Verachtung reagierten. Als wäre es meine Schuld, dass plötzlich keiner mehr da war. Ich hatte sie nicht gebissen! Jedenfalls nicht doll. Nur ein bisschen. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Beispiele fielen mir ein, bei denen ich mich daneben benommen hatte, statt ihnen was Gutes zu tun. Vielleicht hätte ich auch einmal die Erwartungen erfüllen sollen. Doch die Erkenntnis schien mir zu spät zu kommen. Jetzt war keiner da, dem ich etwas beweisen konnte - das ich auch anders sein konnte.

So sank ich nur noch mehr in meine trüben Gedanken hinunter und die Genugtuung, die ich über meine Freiheit empfand sank von Tag zu Tag ...

...von mir übrig?
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