Ein Sohn der Omar
Verfasst: Sonntag 22. Mai 2016, 01:20
Noch ehe die Sonne aufgestiegen war, sah man den Hadcharim bereits im Stall bei seinem Kadal stehen. Dort prüfte er den Sattel des Tieres, der bereits mit einer Ration an Nahrung und ausreichend Wasser gefüllt war. Er hatte seinen zwei Söhnen und der Tochter einen Kuss auf die Stirn gedrückt und, sofern es nötig war, jeweils die Decke enger um die kleinen Leiber geschlossen. Noelani widmete sich gänzlich ihrer Ausbildung und so war es gut, dass sie noch Tamika als Amme hatten. Die guten Aufgaben übernahm er immer noch selbst - da war er völlig egoistisch: Die gute Nacht-Geschichten, das Spiel mit den vielen Stofftieren, das gemeinsame Familienessen. Gedanklich zählte er noch auf, ob er am heutigen Morgen alles erledigt hatte und er sämtliche Utensilien bei sich trug. Es waren hierfür lediglich einige Handgriffe nötig, die an seinem Leib entlang tasteten. Alles saß dort, wo es auch hingehörte. Er war der Maleem, der Perfektion unterrichtet und irgendwann hatte er wohl diese lästige Eigenschaft übernommen. Er schwang sich schließlich in den Sattel des Kadals und wendete diesen in Richtung Tor herum. Die Palastwache dort nickte ihm mit einem freundlichen Lächeln zu, drückte das Tor auf und machte schließlich einen Schritt beiseite. Kurz darauf sah man ihn bereits nach draußen galoppieren, den Weg durch das Osttor suchend.
Noch gab es den Übergang nicht, als die Sonne sich zum Himmelszelt schlich, um den tüchtigen Menekanern die Nasenspitze zu kitzeln, ihnen das Gesicht zu wärmen oder sie bei ihrer Arbeit zu blenden. Es war die perfekte Zeit, um sein Gebet zu Eluive zu suchen. Oftmals unterschied sich der Ort, den er dafür aufsuchte - sei es denn der Tempel selbst, in der eigenen Wohnung im Palast, am Orden oder eben an dem Berg, der das menekanische Reich und Rahal trennte. Letzteren Ort suchte er nur auf, wenn er wirklich seine Ruhe brauchte und sich nach direkter Nähe zu Eluive sehnte. Heute hatte er das Bedürfnis, als müsse er seinem Alltag entkommen und einige ehrliche Worte an seine Mutter entsenden. Eine Mutter die zuhörte und ihn verstand. Eine Mutter, die auch bestrafen konnte, doch dann wieder schützend beide Hände um ihre Kinder schloss. An manchen Tagen fühlte man sich ihr näher, als an anderen, doch das hing oft von irgendwelchen Ereignissen ab, die schlimmerer Natur waren: Beerdigungen, ein Flehen an die Mutter, ganz allgemeine Gesuche. Selten war man ihr für die kleinen Gaben dankbar. Imraan selbst wollte sich in erster Linie bei ihr bedanken, dass sein Leben inzwischen in den Bahnen verlief, die er sich so lange herbeigewünscht hatte. Er musste über einige Gefühle sprechen, die vielleicht nicht ganz richtig waren, aber sich unglaublich gut an fühlten?
Während er durch die Durrah ritt, schweiften seine Gedanken weiterhin umher und er wirkte fast schon unaufmerksam. Es reichte jedoch dennoch den üblichen Gefahren in der Wüste auszuweichen, als sei es schon ein eingesessener Reflex. Am Außenposten an der Grenze zum Reich Menek’Ur ließ er dann seinen Kadal stehen und machte sich daran seinen Marsch zum Schrein seiner Mara fortzusetzen. Es war kein Gang, der sonderlich beschwerlich war, dennoch spielte die Sonne hier manchmal schon ihre zahlreichen Streiche. Bei der ohnehin hohen Hitze konnten aber manche Schritte bereits frühzeitig schwerer werden und selbst einen erfahrenen und standhaften Menekaner ermüden. Gerade als er dann doch den gepflasterten Boden zu seinen Füßen sah, war das genug Motivation für ihn, die ihm neue Kraft schenkte und die müden Knochen weckte.
Als er jedoch den Schrein allmählich erblicken konnte, zeigten sich dort bereits einige Gestalten. Keine, die eine typische menekanische Kluft trugen. Reisende sah man ansonsten auch selten hier oben. Es ärgerte ihn sogar, dass er sein Gebet nicht in völliger Ruhe sprechen konnte. Fünf weitere Schritte hatte er fortgeführt, dann sah er ein Aufblitzen aus der Entfernung. Aufgrund der Überraschung war ein Ausweichen nicht mehr möglich und er holte sich den Bolzen direkt mit seiner Hüfte ab. Der Aufprall war wuchtig genug, dass es ihm den Leib herumriss und ihn direkt von den Füßen holte. Jetzt musste er rasch handeln, um nicht Opfer dieser Angreifer zu werden. Ein Ruf nach seinem Dschinn, der doch fortwährend an seiner Seite weilte. Ebenfalls eine Handlung, die er über viele Jahre und Jahrzehnte verinnerlicht hatte - es geschah ganz automatisch. Zeitgleich entstand ein kleiner Sandwirbel, der aus dem breiten, unteren Ende den Sand gen Imraans Hände leitete. Er selbst musste nur noch die Hände öffnen, als sich dort, nach und nach, der Schild und der Säbel manifestierten. Die Wärme an seiner Wunde spürte er ebenso. Es war das typische Anzeichen dafür, dass sein Dschinn sich bereits um die Regeneration kümmerte. Ein tiefes Durchatmen, dann drückte er sich schon auf. Der Bolzen saß noch tief und das Blut lief ihm über den rechten Oberschenkel entlang. Lange pausieren konnte er jedoch nicht, als von anderer Richtung ein zweiter Bolzen angeflogen kam. Dieser landete jedoch am Schild und prallte letztendlich ab. Jetzt war es an ihm zum Angriff über zu gehen. Erst jetzt war überhaupt ersichtlich, wer ihm gegenüber stand. Sie waren zwar allesamt verhüllt, doch waren die dunkle Haut und die Augen verräterisch für Letharen. Eine Gegnerzahl, der er selten alleine gegenüber stand, so stellte er sich auch auf einen harten Kampf ein. Eine schnelle Vorgehenweise war von Nöten und doch musste er sich nun eine Taktik zurechtlegen. Der erste Letharf, der ihm im Weg, wurde lediglich gestreift und zum Ausweichen gezwungen, denn sein eigentliches Ziel war der Schütze, der zuvor den Bolzen abgefeuert hatte. Dieser sah zwar den mächtigen Sandteufel auf sich zukommen, doch nahm er eine Schreckstarre ein - offenbar hatte er eine solche Schnelligkeit nicht erwartet. Noch während der Schütze zu Boden fiel, drehte sich der Hadcharim herum und sah dem ersten Gegner entgegen, der nun vor ihm lauerte und nach Schwachstellen Ausschau hielt. Die anderen Wachen waren noch nicht hinzu geeilt, so musste er die Situation ausnutzen und seinen Gegner rasch niederstrecken.
Die Kraft schoss ihm unnachgiebig durch den Leib, als sein Dschinn ihn unterstütze und ihn nährte. Er musste seinen Schwung nutzen, um den Feind aus dem Konzept zu bringen und er schafft es auch hier. Die Attacken waren prinzipiell keine großen Kunststücke, wie er sie sonst beherrschte. Es reichte jedoch scheinbar aus, da die Letharen noch unerfahren waren. Den vierten Gegner hatte er niedergestreckt, doch einen weiteren Hieb eingesteckt. Die Rüstung an seiner linken Schulter war gänzlich zerrissen und verhüllte so auch nicht länger seine wattierte Unterkleidung, wie auch das Blut an dieser Stelle. Es kostete ihn alleine schon Kraft den Schrein selbst zu betreten, doch war sein Kampf scheinbar noch lange nicht zu Ende. Weitere Letharen befanden sich dort, die offenbar auch die Anführer dieses Trupps waren. Ein Letharf trat auch gleich an ihn heran, der ihn scheinbar noch von einem Treffen bei Grenzwarth kannte, als sie Cihan abgeholt hatten. Die Konzentration des Hadcharim wankte jedoch und er konnte nicht einschätzen, ob ihm die Stimme vertraut vorkam. Andere waren es jedoch, als die zwei Bekannten näher kamen. Radeeh und Samija hatten sich beim Schrein aufgehalten und waren nun ebenfalls in Bedrängnis. Imraan wusste, dass die Letharen nicht alle drei gehen lassen würden. Wann konnte er seinen Namen sonst für einen guten Zweck benutzen, als gerade jetzt? Für die Letharen war ein bekannter Name interessant. Ein Menekaner, der etwas wert war und den sie hierbehalten wollten. Außerdem war er es, der das Blut ihrer Brüder noch am Säbel trug. Und trotz des ganzen Trubels, bei der Radeeh sogar noch kurzzeitig über eine Lethra die Oberhand gewann, konnte Jaryan, wie er sich vorstellt, einen deutlichen und unanfechtbaren Befehl abgeben, der den anderen Letharen befahl die beiden Menekaner gehen zu lassen. Sein Augenmerk blieb auf Imraan hängen. Allzu offensichtlich baute sich die Wut in dem Letharf auf, der sich wohl jeden Moment auf den Hadcharim stürzen wollte. Dieser verlor von Atemzug zu Atemzug weiter an Kraft, so dass sein rechtes Bein zitterte und der Schild inzwischen tiefer hing.
Einzig und alleine sein Stolz und der Dschinn hielten ihn noch auf den Beinen. Gerade genug, um seinem Gegenüber noch diverse erniedrigende Worte an den Kopf zu werfen und ihn weiter zu provozieren. Entweder funktionierte das auch, oder es geschah bereits ganz von alleine. In jedem Fall würde er sich jedoch nicht kampflos ergeben. Sie würden sich an ihm die Zähne ausbeißen müssen.
Die Stimme der Lethry erklang hinter ihm, während er sich mit dem offensichtlichen Anführer unterhielt. Sie wollte sich zwar leise äußern, doch war ihre Absicht doch völlig klar. Eine leise Provokation, dass er doch den Hass aufnehmen sollte. Worte, mit denen sie ihn mit ihnen gleichstellen wollte. Wesen, die von ihrem Hass leben und sich davon ernähren. Es war keine direkte Beleidigung, doch wusste er genau, wohin sie abzielte. Leider war das auch ein direkter Volltreffer, der ihn seine Kraft sammeln ließ, um zu einem Schlag aus zu holen. Bei den Verletzungen hatte er natürlich bei weitem nicht mehr die nötige Schnelligkeit, noch genug Wucht, um überhaupt einen Treffer landen zu können. So durchschnitt sein Säbel die Luft und landete neben der Magiekundigen auf dem Boden. Der laute Knall der Waffe war Auslöser für den Befehl Jaryans, dass nun frei auf den Hadcharim geschossen werden durfte. Ein Bolzen traf ihn an der Seite und durchstieß die Rüstung an einer ihrer weichen Stellen. Feuer aus den Händen eines anderen Letharf durchschnitt das Lederband, das den Helm auf seinem Haupt behielt. Aufgrund der Wucht wurde ihm dieser zusätzlich noch vom Schädel gefegt. Die Lethry selbst beschwor ihre eigene unheilvolle Magie herbei, die Blitze durch seinen Leib jagte und ihn regelrecht zucken ließ. Es fühlte sich an, als würde ihm das Blut kochen und dennoch wollte er sich nicht ergeben, nicht einfach zu Boden fallen. Abermals wollte er sich aufrichten, bis dann Jaryan direkt vor ihm stand. Er konnte sich nur minimal von den Knien erheben, als die Waffe seine Brust durchstieß. Das Blut der giftdüstergrünen Waffe musste gar nicht erst wirken. Er spürte es ohnehin nicht mehr. Der Körper sackte lediglich nach hinten zurück, die Arme breiteten sich zu den Seiten aus. Vom Schild und vom Säbel blieben nur noch kleine Sandhaufen übrig und von ihm nur noch ein lebloser Leib. Leere Augen blickten dem Nachthimmel entgegen. Einen Schrei gönnte er den Letharen nicht.
Doch als seine Augen bereits leer wirken, waren seine Gedanken noch eine ganze Weile vor Ort, als er die letzten Erinnerungen durchging. Gesichter von Freunden, Bekannten und seinen Liebsten zeigten sich ihm. Er würde nun viele dort zurück lassen. Andere würde er jetzt wieder sehen. Er durfte endlich in Mara Schoss zurück, um dort seinen Frieden zu finden. Der Sajneen, der die Truppen des Reiches gegen Rahal führte. Der Sanjak, der sich selbst nicht immer an die Regeln hielt. Der Kalif, der immer zu seinem Emir aufschaute. Der Emir, der sehnlichst bemüht war den Frieden zu wahren. Der Maleem, der den Orden der Hadcharim öffentlich verkündete und so stolz war auf Khalida, Sahid und Abbas. Imraan hatte viele Rollen bekleidet, doch am Ende hat er sich als Vertrauter, Ranim und Radeh am wohlsten gefühlt. Wäre er nicht als Omar geboren worden, hätte er sich niemals um einen der hohen Posten bemüht. Er hatte das Pflichtbewusstsein von seinem Vater und so erfüllte er alle Anforderungen, die ihm genannt wurden. Eigentlich hätte ihn Eluive bereits holen sollen, als er seinen Dienst als Emir beendet hatte. Dennoch, scheinbar gab es noch viel zu tun für ihn. Er sah es, als er weiterhin Maleem blieb und Abbas ihn erneut zum Sanjak ernannte. Er wollte niemanden enttäuschen und doch blieb jetzt so viel zurück.
Er sah die Gesichter von seinem Bruder Aasim, seiner Schwester Armaiti, seiner liebsten Anisah und eine kleinere Gestalt, die gänzlich in Licht gehüllt war. Das Kind, das leider niemals das Licht der Welt erblicken durfte. Doch waren dort auch Ghadir, Nabil, Nazeeya, Aaminah, Razyr, Nadim, Faruk und so viele mehr. Sie warteten alle auf ihn.
Und wenn er oben angekommen ist, wird er auch auf jene warten, denen sein Herz gehört. Sie sollten sich allerdings Zeit lassen, denn er war bereits in guter Gesellschaft. Seine Rani hatte noch ihre Ausbildung vor sich und die Kinder Aasim, Armaiti und Arif brauchten ihre Liebe und Zuneigung. Er würde Nahlah zurück lassen, obwohl er ihr Fels sein sollte, der immer für sie da ist. Vor allem, nachdem sie solche Verluste erlitten hatte. Er konnte seinen Schwur leider nicht halten. Seine Schwester musste jetzt unbedingt einen anderen Beschützer erhalten, doch würde er sein möglichstes tun, um ihr die unwürdigen Männer vom Leib zu halten. Sie wird die Akademie weiterhin großartig führen. Er würde zu Abbas hinab sehen, den er mit seinem Rat nicht länger unterstützen konnte. Seine Ausbildung musste durch den Orden fortgeführt werden, denn er hatte ein solches Potenzial. Er war für diese Zeit genau der richtige Emir - vielleicht würde sein Dschinn sogar direkt auf Abbas übergehen, sobald er die Prüfung besteht. All das hatte er sich verdient. Die Zeit mit Yasmeen wird er niemals vergessen, auch wenn sie sich die letzten Monde kaum noch gesehen hatten. Manche Menschen entkommen dem eigenen Sichtfeld, um sich vielleicht auch in Sicherheit zu begeben. Er hoffte, dass Khalida so bleib, wie sie war. Seine Bitte galt Sahid und Suraya, die endlich ihr gemeinsames Glück im Nachwuchs finden sollten. Er würde seinen besten Freund vermissen - vor allem die guten Gespräche und das gegenseitige Ärgern. Er hätte gerne noch einmal Thahidas oder Hajifas Kopf getätschelt und ihnen gesagt, was für großartige Natifahs sie waren. Für Samija würde er gerne noch eine Weisheit mit auf den Weg geben, damit sie erneut Mut findet ihr Herz zu öffnen. Im gleichen Zuge würde er sie jedoch ermahnen vorsichtig zu sein. Bei ihr war er nie sicher, welche Worte richtigen Anklang fanden…
Er hatte noch so viele Gedanken mehr, mit denen er sich noch noch gerne im Diesseits beschäftigt hätte. Die Hände seiner Ahnen griffen jedoch fest zu und zogen ihn hinfort.
Imraan meldete sich endgültig vom Dienst ab.
Noch gab es den Übergang nicht, als die Sonne sich zum Himmelszelt schlich, um den tüchtigen Menekanern die Nasenspitze zu kitzeln, ihnen das Gesicht zu wärmen oder sie bei ihrer Arbeit zu blenden. Es war die perfekte Zeit, um sein Gebet zu Eluive zu suchen. Oftmals unterschied sich der Ort, den er dafür aufsuchte - sei es denn der Tempel selbst, in der eigenen Wohnung im Palast, am Orden oder eben an dem Berg, der das menekanische Reich und Rahal trennte. Letzteren Ort suchte er nur auf, wenn er wirklich seine Ruhe brauchte und sich nach direkter Nähe zu Eluive sehnte. Heute hatte er das Bedürfnis, als müsse er seinem Alltag entkommen und einige ehrliche Worte an seine Mutter entsenden. Eine Mutter die zuhörte und ihn verstand. Eine Mutter, die auch bestrafen konnte, doch dann wieder schützend beide Hände um ihre Kinder schloss. An manchen Tagen fühlte man sich ihr näher, als an anderen, doch das hing oft von irgendwelchen Ereignissen ab, die schlimmerer Natur waren: Beerdigungen, ein Flehen an die Mutter, ganz allgemeine Gesuche. Selten war man ihr für die kleinen Gaben dankbar. Imraan selbst wollte sich in erster Linie bei ihr bedanken, dass sein Leben inzwischen in den Bahnen verlief, die er sich so lange herbeigewünscht hatte. Er musste über einige Gefühle sprechen, die vielleicht nicht ganz richtig waren, aber sich unglaublich gut an fühlten?
Während er durch die Durrah ritt, schweiften seine Gedanken weiterhin umher und er wirkte fast schon unaufmerksam. Es reichte jedoch dennoch den üblichen Gefahren in der Wüste auszuweichen, als sei es schon ein eingesessener Reflex. Am Außenposten an der Grenze zum Reich Menek’Ur ließ er dann seinen Kadal stehen und machte sich daran seinen Marsch zum Schrein seiner Mara fortzusetzen. Es war kein Gang, der sonderlich beschwerlich war, dennoch spielte die Sonne hier manchmal schon ihre zahlreichen Streiche. Bei der ohnehin hohen Hitze konnten aber manche Schritte bereits frühzeitig schwerer werden und selbst einen erfahrenen und standhaften Menekaner ermüden. Gerade als er dann doch den gepflasterten Boden zu seinen Füßen sah, war das genug Motivation für ihn, die ihm neue Kraft schenkte und die müden Knochen weckte.
Als er jedoch den Schrein allmählich erblicken konnte, zeigten sich dort bereits einige Gestalten. Keine, die eine typische menekanische Kluft trugen. Reisende sah man ansonsten auch selten hier oben. Es ärgerte ihn sogar, dass er sein Gebet nicht in völliger Ruhe sprechen konnte. Fünf weitere Schritte hatte er fortgeführt, dann sah er ein Aufblitzen aus der Entfernung. Aufgrund der Überraschung war ein Ausweichen nicht mehr möglich und er holte sich den Bolzen direkt mit seiner Hüfte ab. Der Aufprall war wuchtig genug, dass es ihm den Leib herumriss und ihn direkt von den Füßen holte. Jetzt musste er rasch handeln, um nicht Opfer dieser Angreifer zu werden. Ein Ruf nach seinem Dschinn, der doch fortwährend an seiner Seite weilte. Ebenfalls eine Handlung, die er über viele Jahre und Jahrzehnte verinnerlicht hatte - es geschah ganz automatisch. Zeitgleich entstand ein kleiner Sandwirbel, der aus dem breiten, unteren Ende den Sand gen Imraans Hände leitete. Er selbst musste nur noch die Hände öffnen, als sich dort, nach und nach, der Schild und der Säbel manifestierten. Die Wärme an seiner Wunde spürte er ebenso. Es war das typische Anzeichen dafür, dass sein Dschinn sich bereits um die Regeneration kümmerte. Ein tiefes Durchatmen, dann drückte er sich schon auf. Der Bolzen saß noch tief und das Blut lief ihm über den rechten Oberschenkel entlang. Lange pausieren konnte er jedoch nicht, als von anderer Richtung ein zweiter Bolzen angeflogen kam. Dieser landete jedoch am Schild und prallte letztendlich ab. Jetzt war es an ihm zum Angriff über zu gehen. Erst jetzt war überhaupt ersichtlich, wer ihm gegenüber stand. Sie waren zwar allesamt verhüllt, doch waren die dunkle Haut und die Augen verräterisch für Letharen. Eine Gegnerzahl, der er selten alleine gegenüber stand, so stellte er sich auch auf einen harten Kampf ein. Eine schnelle Vorgehenweise war von Nöten und doch musste er sich nun eine Taktik zurechtlegen. Der erste Letharf, der ihm im Weg, wurde lediglich gestreift und zum Ausweichen gezwungen, denn sein eigentliches Ziel war der Schütze, der zuvor den Bolzen abgefeuert hatte. Dieser sah zwar den mächtigen Sandteufel auf sich zukommen, doch nahm er eine Schreckstarre ein - offenbar hatte er eine solche Schnelligkeit nicht erwartet. Noch während der Schütze zu Boden fiel, drehte sich der Hadcharim herum und sah dem ersten Gegner entgegen, der nun vor ihm lauerte und nach Schwachstellen Ausschau hielt. Die anderen Wachen waren noch nicht hinzu geeilt, so musste er die Situation ausnutzen und seinen Gegner rasch niederstrecken.
Die Kraft schoss ihm unnachgiebig durch den Leib, als sein Dschinn ihn unterstütze und ihn nährte. Er musste seinen Schwung nutzen, um den Feind aus dem Konzept zu bringen und er schafft es auch hier. Die Attacken waren prinzipiell keine großen Kunststücke, wie er sie sonst beherrschte. Es reichte jedoch scheinbar aus, da die Letharen noch unerfahren waren. Den vierten Gegner hatte er niedergestreckt, doch einen weiteren Hieb eingesteckt. Die Rüstung an seiner linken Schulter war gänzlich zerrissen und verhüllte so auch nicht länger seine wattierte Unterkleidung, wie auch das Blut an dieser Stelle. Es kostete ihn alleine schon Kraft den Schrein selbst zu betreten, doch war sein Kampf scheinbar noch lange nicht zu Ende. Weitere Letharen befanden sich dort, die offenbar auch die Anführer dieses Trupps waren. Ein Letharf trat auch gleich an ihn heran, der ihn scheinbar noch von einem Treffen bei Grenzwarth kannte, als sie Cihan abgeholt hatten. Die Konzentration des Hadcharim wankte jedoch und er konnte nicht einschätzen, ob ihm die Stimme vertraut vorkam. Andere waren es jedoch, als die zwei Bekannten näher kamen. Radeeh und Samija hatten sich beim Schrein aufgehalten und waren nun ebenfalls in Bedrängnis. Imraan wusste, dass die Letharen nicht alle drei gehen lassen würden. Wann konnte er seinen Namen sonst für einen guten Zweck benutzen, als gerade jetzt? Für die Letharen war ein bekannter Name interessant. Ein Menekaner, der etwas wert war und den sie hierbehalten wollten. Außerdem war er es, der das Blut ihrer Brüder noch am Säbel trug. Und trotz des ganzen Trubels, bei der Radeeh sogar noch kurzzeitig über eine Lethra die Oberhand gewann, konnte Jaryan, wie er sich vorstellt, einen deutlichen und unanfechtbaren Befehl abgeben, der den anderen Letharen befahl die beiden Menekaner gehen zu lassen. Sein Augenmerk blieb auf Imraan hängen. Allzu offensichtlich baute sich die Wut in dem Letharf auf, der sich wohl jeden Moment auf den Hadcharim stürzen wollte. Dieser verlor von Atemzug zu Atemzug weiter an Kraft, so dass sein rechtes Bein zitterte und der Schild inzwischen tiefer hing.
Einzig und alleine sein Stolz und der Dschinn hielten ihn noch auf den Beinen. Gerade genug, um seinem Gegenüber noch diverse erniedrigende Worte an den Kopf zu werfen und ihn weiter zu provozieren. Entweder funktionierte das auch, oder es geschah bereits ganz von alleine. In jedem Fall würde er sich jedoch nicht kampflos ergeben. Sie würden sich an ihm die Zähne ausbeißen müssen.
Die Stimme der Lethry erklang hinter ihm, während er sich mit dem offensichtlichen Anführer unterhielt. Sie wollte sich zwar leise äußern, doch war ihre Absicht doch völlig klar. Eine leise Provokation, dass er doch den Hass aufnehmen sollte. Worte, mit denen sie ihn mit ihnen gleichstellen wollte. Wesen, die von ihrem Hass leben und sich davon ernähren. Es war keine direkte Beleidigung, doch wusste er genau, wohin sie abzielte. Leider war das auch ein direkter Volltreffer, der ihn seine Kraft sammeln ließ, um zu einem Schlag aus zu holen. Bei den Verletzungen hatte er natürlich bei weitem nicht mehr die nötige Schnelligkeit, noch genug Wucht, um überhaupt einen Treffer landen zu können. So durchschnitt sein Säbel die Luft und landete neben der Magiekundigen auf dem Boden. Der laute Knall der Waffe war Auslöser für den Befehl Jaryans, dass nun frei auf den Hadcharim geschossen werden durfte. Ein Bolzen traf ihn an der Seite und durchstieß die Rüstung an einer ihrer weichen Stellen. Feuer aus den Händen eines anderen Letharf durchschnitt das Lederband, das den Helm auf seinem Haupt behielt. Aufgrund der Wucht wurde ihm dieser zusätzlich noch vom Schädel gefegt. Die Lethry selbst beschwor ihre eigene unheilvolle Magie herbei, die Blitze durch seinen Leib jagte und ihn regelrecht zucken ließ. Es fühlte sich an, als würde ihm das Blut kochen und dennoch wollte er sich nicht ergeben, nicht einfach zu Boden fallen. Abermals wollte er sich aufrichten, bis dann Jaryan direkt vor ihm stand. Er konnte sich nur minimal von den Knien erheben, als die Waffe seine Brust durchstieß. Das Blut der giftdüstergrünen Waffe musste gar nicht erst wirken. Er spürte es ohnehin nicht mehr. Der Körper sackte lediglich nach hinten zurück, die Arme breiteten sich zu den Seiten aus. Vom Schild und vom Säbel blieben nur noch kleine Sandhaufen übrig und von ihm nur noch ein lebloser Leib. Leere Augen blickten dem Nachthimmel entgegen. Einen Schrei gönnte er den Letharen nicht.
Doch als seine Augen bereits leer wirken, waren seine Gedanken noch eine ganze Weile vor Ort, als er die letzten Erinnerungen durchging. Gesichter von Freunden, Bekannten und seinen Liebsten zeigten sich ihm. Er würde nun viele dort zurück lassen. Andere würde er jetzt wieder sehen. Er durfte endlich in Mara Schoss zurück, um dort seinen Frieden zu finden. Der Sajneen, der die Truppen des Reiches gegen Rahal führte. Der Sanjak, der sich selbst nicht immer an die Regeln hielt. Der Kalif, der immer zu seinem Emir aufschaute. Der Emir, der sehnlichst bemüht war den Frieden zu wahren. Der Maleem, der den Orden der Hadcharim öffentlich verkündete und so stolz war auf Khalida, Sahid und Abbas. Imraan hatte viele Rollen bekleidet, doch am Ende hat er sich als Vertrauter, Ranim und Radeh am wohlsten gefühlt. Wäre er nicht als Omar geboren worden, hätte er sich niemals um einen der hohen Posten bemüht. Er hatte das Pflichtbewusstsein von seinem Vater und so erfüllte er alle Anforderungen, die ihm genannt wurden. Eigentlich hätte ihn Eluive bereits holen sollen, als er seinen Dienst als Emir beendet hatte. Dennoch, scheinbar gab es noch viel zu tun für ihn. Er sah es, als er weiterhin Maleem blieb und Abbas ihn erneut zum Sanjak ernannte. Er wollte niemanden enttäuschen und doch blieb jetzt so viel zurück.
Er sah die Gesichter von seinem Bruder Aasim, seiner Schwester Armaiti, seiner liebsten Anisah und eine kleinere Gestalt, die gänzlich in Licht gehüllt war. Das Kind, das leider niemals das Licht der Welt erblicken durfte. Doch waren dort auch Ghadir, Nabil, Nazeeya, Aaminah, Razyr, Nadim, Faruk und so viele mehr. Sie warteten alle auf ihn.
Und wenn er oben angekommen ist, wird er auch auf jene warten, denen sein Herz gehört. Sie sollten sich allerdings Zeit lassen, denn er war bereits in guter Gesellschaft. Seine Rani hatte noch ihre Ausbildung vor sich und die Kinder Aasim, Armaiti und Arif brauchten ihre Liebe und Zuneigung. Er würde Nahlah zurück lassen, obwohl er ihr Fels sein sollte, der immer für sie da ist. Vor allem, nachdem sie solche Verluste erlitten hatte. Er konnte seinen Schwur leider nicht halten. Seine Schwester musste jetzt unbedingt einen anderen Beschützer erhalten, doch würde er sein möglichstes tun, um ihr die unwürdigen Männer vom Leib zu halten. Sie wird die Akademie weiterhin großartig führen. Er würde zu Abbas hinab sehen, den er mit seinem Rat nicht länger unterstützen konnte. Seine Ausbildung musste durch den Orden fortgeführt werden, denn er hatte ein solches Potenzial. Er war für diese Zeit genau der richtige Emir - vielleicht würde sein Dschinn sogar direkt auf Abbas übergehen, sobald er die Prüfung besteht. All das hatte er sich verdient. Die Zeit mit Yasmeen wird er niemals vergessen, auch wenn sie sich die letzten Monde kaum noch gesehen hatten. Manche Menschen entkommen dem eigenen Sichtfeld, um sich vielleicht auch in Sicherheit zu begeben. Er hoffte, dass Khalida so bleib, wie sie war. Seine Bitte galt Sahid und Suraya, die endlich ihr gemeinsames Glück im Nachwuchs finden sollten. Er würde seinen besten Freund vermissen - vor allem die guten Gespräche und das gegenseitige Ärgern. Er hätte gerne noch einmal Thahidas oder Hajifas Kopf getätschelt und ihnen gesagt, was für großartige Natifahs sie waren. Für Samija würde er gerne noch eine Weisheit mit auf den Weg geben, damit sie erneut Mut findet ihr Herz zu öffnen. Im gleichen Zuge würde er sie jedoch ermahnen vorsichtig zu sein. Bei ihr war er nie sicher, welche Worte richtigen Anklang fanden…
Er hatte noch so viele Gedanken mehr, mit denen er sich noch noch gerne im Diesseits beschäftigt hätte. Die Hände seiner Ahnen griffen jedoch fest zu und zogen ihn hinfort.
Imraan meldete sich endgültig vom Dienst ab.