Nachgelebt

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Gast

Nachgelebt

Beitrag von Gast »

Eisig kalt fegte die Meeresbrise über Deck, während die „Meerestöter“, kaum mehr als ein Stück Treibholz mit Flattersegel, ihrem Zielort entgegenflog. Es war später Nachmittag, vielleicht gar früher Abend, und die letzten Sonnenstrahlen erhellten die Weite der See. Ein atemberaubendes Spektakel für jeden, der es noch nie gesehen hat.

An der Reling des Schiffes lehnte ein junger Mann. Niemand, dem man ein zweites Mal Beachtung schenken würde: Gerade erst dem Kindesalter entwachsen trugen seine Gesichtszüge noch immer die Zeichen der Jugend, die etwas zu vollen Wangen, die glatte Haut, hie und da eine Unreinheit, die mit etwas gründlicherem Waschen längst beseitigt worden wäre. Seine abgerissenen Kleider taten wenig für seine an sich schlanke, drahtige Figur, betonten jedoch überdeutlich den Mangel an ästhetischem Grundverständnis für die einfachsten Farbkombinationen. Ihn jedoch schien weder der fehlende Sitz noch der modische Fehltritt sonderlich zu stören. Gewiss, ihn fröstelte ein wenig, und die dünnen Stofffetzen am Leib vermochten den zugigen Wind nicht abzuhalten. Doch er brauchte diesen Moment für sich allein. Er musste nachdenken. Ohne seine Schwester.

Die Fahrt der beiden ging nun schon seit drei Tagen. Als sie von Zuhause aufgebrochen waren, da waren sie alle beide voller Tatendrang und Abenteuerlust gewesen. Wie hätte es anders sein können? Kaum erwachsen, da standen ihnen Tür und Tor der Welt weit offen, und allein ihr Geld oder ihre Vorstellung würden Grenzen schaffen können. Vor allem der Vater ihn, Pavel, ausdrücklich zu diesem Schritt ermutigt. Wie hatte er doch gleich gesagt?

„Sohn, ich gebe dir den Rat: Pack deine Sachen und geh hinaus in die Welt. Es ist ein schwerer, ein harter Weg, aber nur so wirst du dein Glück finden.“

Er musste wissen, wovon er sprach. Er selbst hatte eins sein Elternhaus verlassen und war auf die Walz gegangen, um in fernen Gestaden sein Glück zu finden. Pavel konnte sich kaum vorstellen, wie das damals gewesen sein mochte. Sein Vater hatte ihm von Varuna berichtet, einer Stadt lange vor Adoran. Er hatte ihm und seiner Zwillingsschwester Milyen vom Clan der Hinrah berichtet, einem Tiefländer-Volk, bei dem er untergekommen war. Welch atemberaubende Geschichte! Allein und verlassen musste er damals den Nebelwald durchquert haben, auf der Suche nach einem neuen Heim, einem Sinn in seinem Leben, und dann stand er plötzlich inmitten eines Haufen großgewachsener Kinder, die ihn dankbar aufnahmen. Bisweilen stritten Pavel und seine Schwester darüber, ob wirklich alle Details dieser Geschichte wahr waren.

Eines jedoch stand außer Frage: Es war dort gewesen, in jenen Landen, und bei jenem Clan, wo ihr Vater ihre Mutter kennen lernte. Was so ziemlich alles war, was wenigstens Pavel aus den beiden herausbekommen konnte. Denn wann immer diese Zeiten zur Sprache kamen, da lächelte ihr Vater nur vergnügt, nein: verliebt. Wenn schlimmerdies dies Mutter noch im Raume war, hing der Himmel voller Geigen und die romantische Stimmung verursachte Übelkeit in Pavel, der noch immer ganz Junge, ganz unreif war.

Allein, wenn sie erzählten, wie sie später ihr gemeinsames Haus hinter sich ließen, da wurde der Blick der beiden Eltern wehmütig und schmerzerfüllt. An einem Berghang habe es gestanden, direkt am Waldesrand, an einer Kreuzung all der Wege, die sie je gegangen waren. Wieso sie es verlassen hatten? Wieso sie Adoran den Rücken gekehrt, verschwunden waren? Sie sprachen nie darüber. Tiefer Schmerz lag im Blick der Mutter, Pein im Angesicht des Vaters, doch nie verlor einer von ihnen auch nur ein Sterbenswort. Unnötig zu erzählen, dass Pavel und Milyen dutzende, nein hunderte, gar tausende von Theorien aufgestellt hatten, um sie gleich wieder zu verwerfen. Doch es war, so viel stand fest, wie der einzige, dunkle Fleck auf einem lichterloh erhellten Leben voller Abenteuer und Gefahren.

Als schließlich der Tag kam, da Pavel seine Sachen packen und in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte, da ward ihm eine schreckliche Offenbarung gemacht: Milyen sollte ihn begleiten. Ausgerechnet seine Zwillingsschwester, die sich – ganz der Mutter folgend – dem Nähwerk verschrieben hatte und auch ansonsten zu nichts zu gebrauchen war. Schneiderinnen! Bei aller Ehrerbietung, die Pavel seiner Mutter Luciana entgegenbrachte: Es war Erik, der Vater, gewesen, der ihm das Schreinerhandwerk beibrachte, und der Möbel und Waffen in einer Kunstfertigkeit zu schaffen wusste, wie Pavel sie nie zuvor gesehen hatte. Für einen Vater war er ein geduldiger, ruhiger Lehrmeister gewesen, doch es schien Pavel gar so, als habe Erik nie die Absicht gehabt, den Sohn bis in die höchsten Weihen seiner Kunst einzuführen. So nahm er ihn eines Abends beiseite und sprach:

„Mein Junge, ich werde dir nichts mehr beibringen können. Du verstehst es, die Axt zu schwingen, die Säge zum Singen zu bringen. Aber ich werde nicht den Fehler begehen, dich zu einer Kopie meiner selbst zu machen. Was du lernst, muss von anderen – und vor allem aus dir selbst kommen. Ich liebe dich, mein Junge, aber um deiner selbst willen musst du deinen Weg finden.“

Pavel hatte seinen Vater noch nie so sprechen hören. Es schwang in diesen Worten eine Nervosität mit, die seinem Vater nicht ähnlichsah. Und als Milyen wie er selbst mit gepacktem Rucksack die Stufen des Elternhauses herunterstieg, als sie beide den Blick sahen zwischen Erik und Luciana, da wussten sie genau: Es war beiden Eltern ernst, und sie hatten es lange schon beschlossen.

Doch ausgerechnet Milyen? Die gesamte Fahrt über ging sie Pavel auf den Geist. Eigentlich schon zuvor. Von ihrem Elternhaus aus war es ein kurzer Fußmarsch quer durch eine Forstung bis hin zum örtlichen Hafen. Und während Pavel einfach nur die letzten Momente zwischen den Bäumen genießen wollte, zwischen denen er groß geworden war, schnatterte und brabbelte seine Schwester in einem Fort. Pavel hegte riesige Hoffnungen auf die Seefahrt. Vielleicht würde sie ja seekrank? Doch entweder machte ihr der Wellengang wenig aus, oder sie ließ sich nicht davon behindern, jedenfalls waren auch die ersten beiden Tage an Bord der „Meerestöter“ alles andere als erholsam. Pavel war sich sicher, dass ihm einige der Seeleute bereits mitleidige Blicke zugeworfen hatten.

Doch jetzt, am dritten Tage, schien es Milyen zu kalt geworden zu sein. Noch war sie unter Deck, noch schlummerte sie, und hier draußen, an Deck, herrschte himmlische Ruhe. Abgesehen vom stürmischen Toben der Brandung. Pavel stütze die Ellbogen auf die Reling und legte den Kopf in beide Hände. Irgendwo dort vorne läge das Ziel. Bajard. Ein Fischerdorf. Jenes Fischerdorf, in dem Erik Forstnam einst anlandete. Und nun, viele Jahre später, würde sein Sohn ihm nachfolgen.
Zuletzt geändert von Gast am Montag 25. April 2016, 11:30, insgesamt 2-mal geändert.
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Milyen Forstnam
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Beitrag von Milyen Forstnam »

Es war noch ganz früher morgen. Die Nacht hatte sich noch nicht ganz verzogen. Nebelschwaden umhüllten die ‚Meerestöter‘, dichter Dunst legte sich auf die Planken, den Mast und das merkwürdige Segel, welches im Wind seicht flatterte. Und trotzdem lag die ‚Meerestöter‘ noch ruhig im Hafen. Der Morgen ruhte drückend auf den Schultern der ganzen Besatzung. Auch wenn es ruhig schien, wuselte es im Hafen wie verrückt. Männer wirbelten umher, verluden Kisten, Koffer, Taschen und allerlei Waren. Die Mannschaft hatte noch viel zu tun ehe sie in See stachen und das nächste Ziel ansteuerten. Ein stetiges Wirbeln und Tosen ging übers Deck.

Milyen saß noch am Pier, auf einem der kürzeren Pfähle der Anlegestelle, die Beine überkreuzt, die Hände fest unterm Po eingeklemmt das Treiben an Deck der ‚Meerestöter‘ beobachtend. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, auf dieses Schiff zu gehen. Ein nahezu heruntergekommenes Wrack. Zumindest sah es in ihren Augen so aus. Denn eigentlich sah man die ‚Meerestöter‘ selten im Hafen, dieses Schiff war eben auf der See zu Hause und nicht an Land. Die Gebrauchsspuren waren demnach nicht zu übersehen. Und trotzdem ekelte sich Milyen nur beim Anblick der klammen Hölzer und des Drecks der sich rund um das Schiff ausbreitete. Das Salzwasser und der Geruch machten ihr schon an Land zu schaffen, wie sollte das dann nur auf dem Schiff werden? Doch es half nichts. Sie musste da rauf. Plötzlich kam ein Schiffsjunge ums Eck und schubste sie unsanft von ihrem Sitzplatz, dabei spuckte er ihr ein paar Worte entgegen, ja spuckte, denn seine Aussprache war widerlich. Deutlich sprechen war nicht seine Stärke. Wie ein spuckendes Lama verhielt er sich. Ständig lief ihm der Sabber aus dem Mund als könne er es nicht kontrollieren. Ekliger Kerl. Trotzdem verstand Milyen gerade noch so, das sie hier verschwinden und sich an Deck begeben solle, da die ‚Meerestöter‘ in wenigen Minuten auslaufen würde. Milyen heftete einen langen, wehmütigen Blick über die kleine Hafenstadt. Jetzt war es wirklich an der Zeit, sie musste ihre Heimat verlassen zusammen mit ihrem Bruder, der sich bereits an Deck befand und an der Reling lehnte. Ein wehmütiges Seufzen entglitt ihren Lippen und langsamen Schrittes ging sie aufs Schiff zu über die Planke bis hoch zu Pavel, ihrem Bruder. Milyen stellte sich schweigend neben ihn und sah wieder auf die kleine Stadt.

Sie hörte die Worte ihrer Mutter noch nachhallen: „Mein liebes Kind, du bist nun alt genug, dein eigenes und ein neues Leben zu beginnen. Ich habe dir mein Handwerk nahe gelegt, dir einige Dinge gezeigt, damit du eine gute Ausbildung antreten kannst, aber den Rest musst du alleine schaffen. Du sollst nicht so sein wie ich, du bist einzigartig und etwas besonders, genau wie dein Bruder. Es ist an der Zeit, dass wir euch gehen lassen. Begleite Deinen Bruder und pass auf ihn auf. Du weißt, dass er gerne den Hang zum Träumen hat und so das Ziel aus den Augen verliert. Sucht euren eigenen Weg.“

Die Schiffsjungen holten die schweren Seile ein, die um die Pfähle gebunden waren und machten alles bereit zum Auslaufen. Ein hektisches Treiben. Und wie das Schiff auslief, sprudelten Ihr die Wörter nur so aus dem Mund. Sie musste sich ablenken, da war es ihr egal, ob sie Ihrem Bruder auf die Nerven ging. Sie redete und redete. Völlig belanglose Dinge, hauptsache sie war abgelenkt. Abgelenkt von ihren Ängsten, Sorgen, dem Heimweh und der Übelkeit, die die Schifffahrt mit sich brachte. Sie redete über alles, nur nicht darüber. Denn schließlich sollte ihr Bruder nicht merken, was sie wirklich bedrückte.

Es war nicht leicht, das geliebte Heim zurückzulassen. Neue Wege sollten sich offenbaren, ein neues Leben war das Ziel. Das wohlige Heim und Stübchen zu verlassen war wahrhaftig nicht die leichteste Übung. Aber sie hatte Vater und Mutter versprochen ihren Bruder Pavel zu begleiten. Deshalb stand sie hier, erfüllt von Angstzuständen, Besorgnis und Unsicherheiten. Nach Bajard sollte es gehen. Ein völlig unbekanntes Stück Land. Sicher kannte sie die Ländereien aus den Erzählungen ihrer Mutter Luciana oder ihrem Vater Erik. Trotzdem war es was anderes, das Land selbst zu erkunden, vor allem nach all den ganzen Jahren.

Milyen merkte schnell, das sie ihrem Bruder auf die Nerven ging. Zwei Tage lang hatte sie ihn nun ohne Punkt und Komma zu getextet. Sie war es Leid über sinnlose Dinge zu reden. Sie wurde müde und zog sich zurück. Unter Deck befanden sich ein paar kleinere Kajüten. Eine davon gehörte Pavel und ihr. Naiv betrachtet: ein kleines Zimmer, mit einer schrottigen Gartenliege und einem ausklappbaren Hochbett aus Holz. Ein abgenutzter Strohkorb stand in der Ecke, der seine Funktion als Stuhl erfüllte; daneben ein Holztisch auf welchem man die Einkerbungen verschiedener Schreibmaterialien oder Werkzeuge zu sehen war. Vielleicht wurden hier rein aus Langeweile Geschichten in den Tisch geritzt. Denn irgendwie erzählte jedes Zeichen, jedes Mal seine eigene Geschichte. Nun ja, sehr gemütlich war es nicht, aber ausreichend für die lange Überfahrt. Sie warf sich auf die Liege, zog die Decke, die aussah wie ein Rupfensack, über sich und schloss die Augen. Bald sollte Bajard, das kleine Fischerdorf zu sehen sein...
Gast

Beitrag von Gast »

Bajard.

Pavel schlenderte am Pier dieser kleinen, beschaulichen Fischergemeinschaft entlang, die Hände tief in den Taschen seiner zerschlissenen Arbeitshose vergraben. Er musste sich die Beine vertreten und etwas Zeit totschlagen, während seine Schwester – Milyen, die „Fleißige“ – unter irgendeinem Baum lag und ein Mittagsschläfchen hielt. Sie selbst hatte steif und fest behauptet, von der langen Überfahrt erschöpft zu sein. Pavel hingegen war sich sicher, dass ihr einfach immer noch übel war von all dem Geschunkel und Geschaukel. Aber das hätte seine „kleine Schwester“ niemals zugegeben. Schon gar nicht ihm gegenüber.

Kleine Schwester“. Ja, so nannte er sie eigentlich immer, vor allem dann, wenn sie ihm wieder einmal gehörig auf die Nerven ging. Keiner seiner Freunde daheim hatte jemals so ein Gespür dafür besessen, zu welchen Zeitpunkten man Pavel so gut wie möglich verärgern kann. Das vermochte nur Milyen. Ganz gleich, ob es ihr ohrenbetäubendes Gegackere, das Geklacker ihrer Nähnadeln, ihr ständiges Geschwafel von „Mama hier, Mama da“ oder der schrille Vorwurf war, er – also der böse Bruder – habe mal wieder alles kaputt gemacht und sei sowieso an allem schuld. Und wie sie dann dastand, in ihrem Kleidchen, beide Fäuste in die Hüfte gestemmt, als sei sie nicht ein kleines unschuldiges Mädchen, sondern eine dicke Matrone.

In Wirklichkeit – und Pavel war sich durchaus dessen bewusst, dass dies völlig normal war – liebte er seine Schwester. Sie waren Zwillinge. Die „Kleine“ war sie ja nur, weil sie eben die zweite war. Aber wenigstens Pavel fühlte sich nie wie der große starke Bruder. Im Gegenteil. Wann immer Milyen weit von ihm war, fühlte er sich einsam, leer. Unvollständig. Er brauchte sie, und er hoffte stark, dass sie sich nicht anders fühlte. Gebeichtet hätte er ihr das allerdings niemals. Allein bei dem Gedanken daran schlich sich ein Lächeln auf Pavels Lippen. Ob es vielleicht allen Geschwisterpaaren so ging? Nach außen Zwist und Zoff, doch nach innen reine Liebe? Aber er wollte nichts Besonderes sein, nicht mit diesem Gefühl brechen, das ihm so kostbar, so wertvoll erschien. Außer eben in jenen Momenten, wenn sie ihm auf den Geist ging.

Ihre Reise – das große Abenteuer – hatte jedenfalls längst nicht so begonnen, wie Pavel sich das vorgestellt hatte. Sicherlich, die „Meerestöter“ war, wie geplant, in Bajard angelandet. Man hatte den zwei Geschwistern rechtzeitig Bescheid gegeben, als hätten sie nicht selbst schon von Ferne die fremden Gestade erblickt, die rasch, viel zu rasch, immer größer wurden. Ihre Sachen sollten sie endlich packen, hopp hopp, man werde nicht ewig vor Bajard liegen, und schon gar nicht auf sie warten. Dabei hatten sie beide wenig mehr dabei als die Kleider, die sie am Leibe trugen. Milyen gewiss einiges von ihren Schneidersachen, Pavel sein geliebtes Beil, mit dem er den Vater oft in den Wald begleitet hatte, und einige Werkzeuge. All das passte bequem in zwei halbhohe Rucksäcke, die seit Beginn der Reise ordentlich an einer Wand ihrer Kajüte lehnten, fertig gepackt, stets Aufbruch bereit.

Als das Schiff endlich fest mit dem Pier vertäut war und die Matrosen und Schiffsjungen begannen, Waren ab- und wieder aufzuladen, da traten dann auch Milyen und Pavel die Planke herunter und betraten den Boden eines neuen, fremden Landes. Eines Landes, das viel enger mit ihrer Lebensgeschichte verbunden und verknüpft war, als sie alle ahnten. Pavel sog mit breiten Nasenflügeln tief den Duft der frischen Welt ein…

… und verfiel erst einmal in einen gewaltigen Niesanfall, gefolgt von einem fürchterlichen Schütteln. Eine erschreckende, betäubende Mischung aus Gewürzgerüchen gepaart mit dem Gestank gammeligen, salzigen Fisches hatte sich in seiner Nase zu einer explosiven Mischung vereint, die seine Sinne schlagartig alle Notregister ziehen ließen. Und während Milyen besorgt neben ihm stand und so gar nicht zu wissen schien, was mit ihm geschah, da stand der Kapitän der „Meerestöter“ doch allen Ernstes neben ihnen, hielt sich seinen Bauch und lachte so dröhnend und so kräftig über das Ungeschick des jungen Schreiners, dass die Bohlen des Piers bedrohlich wackelten.

„Haha… Hahaha…. Min Jung, willkommen in Bajard, aye? Willkommen im schuppigsten Viertel von dem ganzen Land hier! Ich sags euch gleich: Fisch würd ich hier nicht fressen. Hat schon sein Grund, warum die das Zeug verticken und nicht selber fressen, aye?“

Wobei er sich weiter den feisten Bauch hielt und umgehend wieder zu lachen anfing, begleitet von einem Gelächterchor der Matrosen, die an der Reling des Schiffes standen und das Spektakel beobachteten. „Na wunderbar“, dachte Pavel. „Frisch gelandet und schon zum Gespött gemacht.“ Das besorgte Gesicht seiner Schwester machte alles nur noch schlimmer.

Dann hatte der Kapitän aber doch noch Erbarmen, wohl auch angesichts des zerrissenen Zustandes, den die beiden Geschwister machten, und gab jedem von ihnen eine Aufgabe: Zwei Briefe, beide an den „Freihafen zu Bajard“ adressiert, und möglichst zügig abzuliefern. Bei Ablieferung stünde eine Belohnung aus, so der bärtige Seemann, die sie beide sicherlich gut gebrauchen könnten. Mit einem weiteren dröhnenden Lachen schlug er Pavel zum Abschied noch so kräftig auf die Schulter, dass dieser sicher war, ein beherztes Knacken zu hören, und stieg dann zurück an Bord, bereit für eine neue Reise an ein neues Ziel. Zurück blieben allein die Zwillinge Pavel und Milyen, ihre Rucksäcke, und ein Haufen geschäftiger Lagerarbeiter, die auf Geheiß eines Bajarder Lagervorstehers Kisten von A nach B schleppen durften.

Ja, so hatte ihr Tag begonnen. Aber immerhin verhießen die beiden Briefe einen gelungenen Start in ihr neues Leben, die Belohnung war in jedem Falle ein ausreichender Anlass, nach dem „Freihafen zu Bajard“ zu suchen, obgleich sie schon mitten darinnen standen. Doch schon die erste Dame, die ihnen entgegenkam, war hilfsbereit genug, ihnen einen Hinweis zu schenken – wahrscheinlich, so vermutete sie, sei der Adressat der Briefe die Hafenverwaltung selbst. Natürlich. Daran hätte man denken können. Wenn, ja wenn man nicht gerade von einem wackelnden Seemonster in eine fischige Dufthölle ausgespuckt worden wäre.

Es blieb den Zwillingen nichts Anderes übrig, als die Stadt zu erkunden und nach der besagten Hafenverwaltung zu fahnden. Ihr ständiges Gekeife und Gekabbel, mit dem sie sich gegenseitig bei Laune hielten und das auch im Beisein Fremder nicht minder anstrengend wurde, konnte jedoch nicht über ihre unterschiedlichen Auffassungen hinwegtäuschen. Mit jedem neuen Schritt in dieser Stadt sog Pavel mehr und mehr das Gefühl des Abenteuers in sich auf, er war bereit, sein Leben neu zu beginnen. Milyen hingegen war, auch wenn sie es zu verbergen versuchte, weit weniger angetan von alledem. Zu sehr noch hing sie im Gedanken zuhause, bei ihrem Strickwerk und ihrer Mutter Luciana. Es fiel ihr offenkundig schwerer, sich an diesem wenig wirtlichen Ort zurecht zu finden. So blieb sie weiterhin die schüchterne junge Frau, die sich hinter dem Rücken ihres Zwillingsbruders verbarg und ihn für sich sprechen ließ. Wie Pavel das aufregte. Schließlich schob er sie sogar bis zu der Tür eines Handwerkshauses, um sie endlich vortreten und für sich selbst sprechen zu lassen – nur um dann doch alles selbst übernehmen zu müssen. Was, bei Eluive, Temora und allen Göttern, hatte seinen Vater dazu bewogen, diese dünnwandige Nähnadel mit auf seine Reise zu schicken?

Ja, er liebte seine Schwester. Aber noch viel mehr hätte er sie weit weg geliebt. Zuhause. Sicher. Bei den Eltern.

Schlussendlich hatten sie den ganzen Tag damit verbracht, quer durch ein Fischerdorf zu irren, obwohl sie schon zu Beginn ihres Weges dem Ziel sehr nahe gewesen waren. Direkt über der Bank sei die Hafenverwaltung, so tat man ihnen im Handwerkshause kund, nur die Treppe empor. Die besagte Treppe – ja, die hatten sie gesehen, aber beide völlig ignoriert. Und nun, als sie beide zurückkehrten, da war natürlich niemand mehr zu sprechen. Ein Reinfall auf ganzer Linie. Pavel drohte schon am ersten Tage die Lust auf das Abenteuer zu verlieren, das sein Vater für die größte Chance seines Lebens gehalten hatte. War Erik Forstnam etwa jemals gezwungen gewesen, mehr oder weniger auf Fußspitzen zwischen Fischabfällen und Rattendreck umher zu waten und dabei verzweifelt nach Flecken frischer Luft zu sondieren? Das war kein Abenteuer! Das war grausam. Und ja, selbst Pavel quälte plötzlich der Gedanke, ob Milyen nicht Recht hatte – vielleicht war es bereits an der Zeit, wieder nach Hause zurückzukehren. Doch das würde er ihr nicht zeigen. Noch nicht. Er wollte sie nicht enttäuschen. Ebenso wenig, wie seine Mutter und seinen Vater.
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Milyen Forstnam
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Beitrag von Milyen Forstnam »

Das kleine Fischerdorf Bajard war gar nicht so klein wie es der Kapitän beschrieben hatte. Aber dennoch ein recht übersichtlicher Ort. Es roch nach Fisch, nein, es stank bestialisch nach Fisch, vor allem im Hafengebiet. Wobei das ganze Dorf ein Hafengebiet zu sein schien. Milyen war von der Überfahrt ohnehin noch entsetzlich übel, da drehte es ihr den Magen gleich noch einmal um, doch sie behielt Kontenance und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Ihr Bruder sollte schließlich nicht sagen können, dass sie ein ‚Schwächling‘ wär oder ein ‚Weichei‘ oder ein ‚zu verwöhntes Mädchen, die nichts aushält‘. Es war schon schrecklich genug, dass sie die Heimat verlassen musste und sie das Heimweh nicht richtig verbergen konnte. Sie wusste, dass er es auch wusste, aber das schöne war, er ließ es sich nicht anmerken und sprach sie auch nicht darauf an. Dafür liebte sie ihren Bruder. Bei wichtigen Dingen wusste er genau, wann er besser nichts sagte. Pavel war so feinfühlig sobald es darauf ankam. Obwohl er nach außen hin, immer den starken ‚großen‘ Bruder markierte und sie immer und immer wieder maßregelte, störte es sie nicht. Es gehörte dazu und irgendwie liebte sie die kleinen Kabbeleien zwischen Ihnen. Ohne ihn wäre das Leben nur noch halb so schön. Milyen würde das niemals zugeben. Er gehörte einfach fest zu ihrem Leben, sie waren nicht umsonst zwei zur gleichen Zeit. Manchmal schmerzte sie es jedoch, wenn er wieder versuchte ihr einen Mann aufzuschwatzen. Sie war es leid, sie war nicht hierher gereist, um nach einem heiratsfähigen Mann zu suchen, dafür war sie auch noch viel zu jung. Zwar fast erwachsen - mit frischen 17 Jahren und sicher eine junge, hübsche Frau, aber ein Mann kam wirklich nicht in Frage. Das würde eine Trennung von ihrem Bruder bedeuten und das will und könnte sie nicht zulassen. Milyen stellte sich oft die Frage, ob er sie wirklich loswerden wollte, ob sie ihm wirklich so sehr auf die Nerven ging. Sie kannte sich ja selbst und wusste genau, dass sie den ganzen Tag ohne Punkt und Komma reden konnte, aber grade dieses Gerede verbarg ihre Gefühle, die sie nicht zulassen wollte. Die Unsicherheiten, ihre Nervosität, ihr Heimweh. Die neue Welt war ihr nicht geheuer. Hier war kein Anker mehr, der sie erdete, Mutter und Vater waren weit weg, keiner sagte, dass alles gut werden würde. Niemand nahm sie mehr in den Arm um ihr Geborgenheit und Schutz zu gewähren. Innerlich war sie einfach nur das Kind ihrer Eltern, welches ihre Eltern zurückgelassen hatte.

Nun waren sie schon ein paar Tage hier in diesem Land. Noch als die Zwillinge von Bord gingen, drückte ihnen der Kapitän, unabhängig voneinander, jedem ein Schreiben in die Hand, welches sie weiterleiten sollten. Milyen fand das nicht so prickelnd, denn dieser Kapitän war sehr ungepflegt und rau. Jedesmal wenn sie ihm auf dem Schiff begegnete machte er anzügliche, schmierige Bemerkungen mit einem dämlichen Gelächter dahinter, ließ sie aber glücklicherweise meistens in Ruhe. Und am Tag, als die Meerestöter in Bajard anlegte, bekam er die Gelegenheit Milyen doch noch zu begrabschen -wenngleich er es wohl nur als väterlichen Ratschlag gedacht hatte. Er legte seine rauen, schmierigen Finger auf ihre Schultern, drückte diese ein wenig und meinte mit einem abfälligen Lachen zu ihr:

„Pass gut auf dei auf Mädel! Hier lauern überall raue Gstaltn, ned das dei einer zum unnützn Weib macht!“

Dieser Kerl war einfach nur ekelhaft. Mit angewidertem Gesicht nahm sie das Schreiben und ging von Bord. Die dreckige Lache des Kapitäns hallte immer noch in ihren Ohren und passte zum Gestank am Hafen. Es stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach war den Freihafen von Bajard oder die Verwaltung zu finden. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie einfach Ruhe brauchte. Erholung von der Überfahrt. Eingewöhnung in dieses Land. Die ganzen Eindrücke mussten ja irgendwie verarbeitet werden. Bis heute trägt Milyen den Brief noch in der Tasche. Ob er jemals dort ankommen wird, wo er hin sollte? Ob es dann nicht zu spät sei?

Milyen war für einen Moment geblendet, die Sonne strahlte ihr mitten ins Gesicht. Sekundenlang sah sie nur Helligkeit, wurde vom intensiven Geruch des Waldes eingenommen und hörte kaum etwas außer dem Zwitschern der Vögel, die sich in den Baumwipfeln herumtrieben und ihr Spiel spielten. Milyen lag unter einem Baum, mitten in Wald bei Varuna. Sie musste vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Die Strecke war länger, als sie gedacht hatte, offenbar waren sie doch ein ganzes Stück von Adoran weg gelaufen. Es setzte ihr mehr zu, als es ihr lieb war. Sie hatte von dem Haus geträumt, in dem sie aufgewachsen war, nun forschte sie nach einem Gefühl von Heimkehr und Vertrautheit, doch als ihr bewusst wurde, wo sie nun war. Vergeblich. Sie spürte nur eine tiefe Leere in sich und fragte sich, wo denn nun eigentlich ihr Zuhause war? Sie reibte sich die Augen, richtete sich auf und ihre Hand kroch in die Tasche und berührte den feinen Stoff, den ihre Mutter ihr mitgab. Wenigstens war er noch da, und wenn sie irgendwann die gleichen kunstfertigen Finger hatte wie ihre Mutter, würde sie aus diesem etwas ganz besonderes nähen. Zumindest nahm sie sich das fest vor. Suchend ging ihr Blick durch den Wald, nachdem sie Pavel nicht fand, lauschte sie einfach den Klängen im Wald und siehe da, nahm sie auch schon das leise hacken einer Axt war. Er konnte also nicht weit sein. Es gab ihr ein beruhigendes Gefühl. Ohne ihn wäre sie vermutlich schon längst verloren. Pavel und sie verfolgten die Spuren ihrer Eltern, sie wollten sich die prachtvolle Stadt Varuna ansehen, in der die beiden Elternteile oft ihre Zeit verbrachten, ihre Mutter hatte damals für den Grafen die Kleidung geschneidert. Allerdings lag die Stadt wohl seit geraumer Zeit in Schutt und Asche und bestand nur noch aus zahllosen, steinernen Ruinen, verlassener Gehöfte, Überbleibsel einer Zeit, als darin die Bauern und Tagelöhner der Großgrundbesitzer gelebt hatten. Jetzt waren die einen wie die anderen verschwunden und niemand machte sich die Mühe, die letzten Erinnerungen an diese Zeit zu beseitigen. Aber warum auch. Manche Erinnerungen haben eben doch etwas Magisches. Deswegen standen sie irgendwann auch hier, mitten im Wald, um endlich mal eine Pause von der unentwegten Suche nach den Spuren ihrer Eltern zu machen. Denn wieder traf Enttäuschung sie hart ins Gesicht. Anhand der Erzählungen hatte sie weitaus schöneres erwartet. Dass die Sehnsucht sie ausgerechnet in diesem Augenblick mit voller Breitseite traf, war eine Frechheit, aber sie kam nicht dagegen an. Im einen Moment dachte sie: -Hier bin ich also-, im nächsten – schöner wärs, wenn ich wieder zu Hause wäre-.
Auch der Menekaner, den sie bei den Ruinen trafen, konnte ihren Schmerz nur kurz erhellen.
Er erzählte von seinem Land ‚Menekur‘ die Sonneninsel. Es musste sehr heiß dort sein, denn ohne Kopfbedeckung und züchtiger Kleidung war es wohl nicht möglich dort zu verweilen. Hitze konnte Milyen nicht ausstehen, beim Gedanken daran schüttelte es sie innerlich. Auch allein wie die Frauen dort lebten verstand sie nicht; „Plumen“ nannte er sie, die Wortwahl zauberte ihr ein Schmunzeln ins Gesicht. Es erheiterte sie für einen Moment, aber nicht im schlechten, sie stellte fest, dass doch nicht alle Männer, abgesehen von ihrem Vater und Bruder, schleimig und schmierig in dieser Welt waren. Und nicht jede Sprache schien einfach, nicht einmal die eigene. Nunja, die Frauen in Menekur hatten überhaupt keine Freiheiten, wurden ständig unter Schritt und Tritt von ihren Männern oder Verwandten verfolgt. Ohne eine solche Begleitung durften sie nicht einmal vor die Haustür. Wie schrecklich. So würde sie auch nicht leben wollen. Doch was wollte sie eigentlich? Milyen hatte das Gefühl, dass ihr Bruder genau wusste wo er lang wollte. Er beherrschte das Handwerk ihres gemeinsamen Vaters. Das Schreinerhandwerk. Ja, er konnte das sehr gut und dazu hatte er noch einen Draht zu den Göttern, die Mutter der Schöpfung, Streiterin, wie auch immer. Es war Milyen manchmal unheimlich, denn sie wusste überhaupt nicht wo sie hingehörte, in welche Richtung sie gehen sollte. Pavel hatte irgendwie einen klaren Weg vor sich, obwohl er es sich selbst noch nicht eingestand.
Der Menekaner, Faris hieß er, er meinte der Weg nach Westen, Richtung Rahal sei gefährlich. Dort lebten nur fiese Gestalten, die nichts Gutes im Sinn hatten. Milyen reizte der Gedanke dorthin zu reisen. Sie wollte sehen, ob er Recht behielt. Ob die Menschen dort wirklich böse waren. Sie konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie war überzeugt, dass in jedem Menschen das Gute und das Böse zu gleichen Teilen ruhten. Man konnte doch nicht sagen, hier: wir sind die Guten und da drüben, das sind alles die Bösen! Andererseits wird es schon seinen Grund haben, warum alle, die sie bisher trafen, behaupteten das Rahal, die Stadt des Panthers, das Böse sei.

Sie aber glänzt in bunten Farbenringen,
Und achtet nicht der Beute, die sie hält,
Die Macht nur ist’s, der Sieg und das Gelingen,
Es ist das grause Spiel, das ihr gefällt.
So bist auch Du! Dein Bild ist’s, das ich male,
Der dunklen Sterne unglücksel’ge Pracht;
Mit ihrem Glanz, mit ihrem Zauberstrahle,
Mit ihrem Reiz, mit ihrer Todesmacht.


Nachdem sie noch eine Weile im Wald verweilten, frisches Holz und Federn sammelten zog es die Geschwister zurück nach Adoran. Hungrig und müde wollten sie einfach nur noch nach einer Bleibe Ausschau halten. In der Stadt trafen sie auf freundliche Gardisten, die den Geschwistern einige Fragen beantworten konnten. So zeigten sie ihnen auch den Weg zum Hafen, in welchem es kleine, heruntergekommen Häuser gab, die anscheinend noch bewohnbar und auch zu Mieten waren und das ohne sich gleich fest in der Stadt einzuschreiben. Beide waren sehr freundlich, man fühlte sich aufgehoben und sicher. Doch dieser Schein einer vollkommenen heilen, sicheren Stadt sollte bald in nichts aufgelöst werden. Pavel und Milyen ließen ihre Blicke durch das abgetrennte Hafenviertel schweifen und beide hatten wohl den gleichen Gedanken. Heruntergekommene, brüchige Häuser. Ein Haus direkt neben dem anderen, kaum Luft zu atmen. Klein und beengt. Viele anliegende Gassen, mit Efeu und Flechten verwachsene Steinwände, hinter denen man sich gut verstecken konnte. Überall Rinnsale mit dreckigem Wasser. Ein modriger Geruch stieg einem in die Nase. Nunja, besser als irgendwo unter einer Brücke hausen und kein Dach über dem Kopf zu haben. Denn schließlich sollte es nur vorübergehend sein, bis sie eine vernünftige Arbeit hatten.

Milyen konnte den Blick gar nicht von den alten Häusern lösen, bis sie auf einmal einen farbigen Stofffetzen aus einem der Efeuverhangenen Tore blitzen sah. Merkwürdig, dachte sie sich. Doch Pavel sah es nicht und erklärte sie für verrückt, bis merkwürdige aber auch melodische Töne erklangen. Die Neugierde packte sie beide und sie forschten dem Geraschel und den Klängen hinterher, nur fanden sie keinerlei Anzeichen, niemanden der jene Klänge hervorrief. Irgendwann hörte Milyen einen dumpfen Knall, ein Platschen, ein Stöhnen und natürlich auch Gemecker. Ihr Bruder machte es sich in einem der schlammigen Rinnsale gemütlich. Gemütlich sah zwar anders aus, aber sie konnte nicht anders als Lachen. Zu komisch, wie er auf dem Hosenboden, mitten in der nassen Pfütze, voller Schlamm saß und sich den Kopf rieb. Milyen hielt sich den Bauch vor Lachen, zu guter Letzt traf ihn auch noch ein Schlammball voll in die Mitte. Keiner wußte woher diese Schlammkugel kam, nur die Richtung war gegeben. Er beschuldigte sie, doch sie selbst war es nicht. Sie konnte es ja gar nicht gewesen sein, denn Milyen bekam vor lauter Lachen gar nichts mit, außer dass er noch ein zweites Mal in den Dreck fiel. Beruhigen war dadurch irgendwie nicht richtig möglich. Irgendwie tat ihr, ihr Zwillingsbruder auch leid. Andererseits war es seine eigene Tollpatschigkeit, die ihn in diese missliche Lage brachte. Dennoch versuchte sie ihr Lachen einzudämmen als sie bemerkte, dass er nun sichtlich sauer war. Es endete schlussendlich im Streit. Pavel wollte der Sache auf den Grund gehen und suchte das Hafenviertel nach dem Übeltäter ab. Er klopfte an den Häusern, doch auch hier schienen alle ausgeflogen. Er meckerte unentwegt. Milyen war das alles zu viel, sie konnte sowieso kein Wort mehr sagen, dass richtig erschien. Er legte ja doch alles auf die Goldwaage und drehte ihr wieder einen Strick daraus. So beschloss sie einfach zu gehen. Sollte ihr Miesepeter-Bruder doch alleine schauen, wer in diesem Viertel herumstreunert und seine Spielchen mit uns treibt. Noch während sie wütend und enttäuscht zugleich davonstapfte rumpelte sie voller Wucht mit einer Frau zusammen. Die plötzlich aus dem nichts erschien. Milyen taumelte und ehe sie sich versah, hatte sie schon eine Klinge am Hals und hörte ein leises Zischen. Die Angst fuhr ihr durch alle Glieder und sie bewegte sich nicht mehr. Keinen Zentimeter zuviel. Bloß nicht. All unser Gold wollte sie und wir hatten doch kaum eine Münze. Pavel redete immer noch auf das Haus ein und schien gar nicht zu bemerken, dass sie in den Fängen einer Verrückten war. Die Zeit verstrich sehr langsam. Sekunden fühlten sich an wie Stunden. Die Angst lähmte sie. Ängstlich sah sie zu ihrem Bruder, Schutz und Hilfe suchend, doch der war immer noch mit sich beschäftigt. Bis die Verrückte endlich lauter wurde und er sich ruckartig der Lage bewusst wurde. Hilflos stand er da. Die Sorge um sie, stand ihm in den Augen, doch ihre Lage schien aussichtslos. Pavel machte dieser Frau, die selbst irgendwie nervös wirkte, klar, dass sie nichts hatten und der Überfall aussichtslos sei, er bot ihr sogar an, dass sie all ihre Wünsche erfüllen würden, solange es das Handwerk zu lässt, denn schließlich waren Milyen und Pavel noch nicht besonders erfahren. Die Frau kam ins Trudeln, ihre Nervosität war deutlich zu spüren, flugs drängte sie Milyen in eine Ecke und verlangte sofort ihr schönes Kleid. Die Klinge an ihrem Hals machte deutlich, dass sie keine andere Wahl hatte. Die Kälte zog in ihren Körper, angsterfüllt setzte sie einen Fuß vor den anderen, die Klinge nicht aus den Augen verlierend, ums Eck geschoben und wie gelähmt vor Angst schälte sich Milyen langsam aus dem Kleid, die Tränen liefen ihr über die Wangen, aber nicht weil sie den Verlust des Kleides nicht verkraften würde, sondern die Pein war es, die ihr zugemutet wurde. Kaum fertig, entriss ihr die Irre das Kleid und rannte davon als wären tausend Panther hinter ihr her. Es war ausgestanden. Ihre Knie wurden weich, gerade noch konnte sie sich an einem der Masten des Hauses festhalten, dabei ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Schuldgefühle strömen auf sie ein und Wut, vor allem Wut. Vorhin haben ihr alle noch erzählt wie sicher man in Adoran sei. Nichts dergleichen war gegeben und das machte sie wütend. Hier in Adoran wird man übelst überfallen und gnadenlos ausgeraubt. Pavel kontrollierte den Weg und als es ruhig schien, begannen beide zu laufen, raus aus diesem verruchten Viertel, dass nur Schmach über einen brachte. Hier wollte sie nicht länger verweilen. Den Wachen im Ort schien es gleichgültig zu sein, was mit ihr passierte. Sie zeigten außer einem Schulterzucken kaum eine Regung. Was war das nur für ein Ort? Hier fühlte man sich nur verloren und nicht beschützt. Irgendwann kamen sie in der Stadtstube Adorans an.
Milyen war urplötzlich ganz ruhig. Erschöpfung, die nichts mit ihrer Rennerei von eben zu tun hatte, umfing sie. Wie das Gefühl, wenn Hysterie in stumpfen Gleichmut umgeschlagen ist. Sie hatte das Schreien und Toben übersprungen und war an den Punkt angelangt, an dem sie gar nichts mehr spürte. Nur noch Einsamkeit. Leere. Sie musste nun erstmal einen klaren Gedanken fassen. Wie sollte es weitergehen? Wollte sie zurück nach Hause? Oder sollte sie stark bleiben, für ihren Bruder und weiter den Weg mit ihm gehen?
Gast

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Pavel hielt den Atem an. Wenn er sich ganz still verhielt, dann konnte er die Geräusche der Stadt dort draußen überdeutlich hören. Natürlich die offensichtlichen: Das regelmäßige Gelächter aus der Taverne, das ungleich lauter wurde, wann immer jemand den Schankraum betrat oder wieder verließ. Das staccato artige Geklacker der Hufe eines Pferdes, das quer über den Marktplatz geführt wurde. Den Fluch eines Betrunkenen, der seinen Lebenskummer im Alkohol ertrunken, sich dabei selbst überschätzt und nun auf die eigenen Schuhe übergeben hatte.

Doch dazwischen waren auch die leisen Klänge, die man sonst nicht ganz so leicht wahrnehmen konnte. Das stille Murmeln einer jungen Frau, die mit sich selbst sprach, ganz in sich versunken, tief in Gedanken. Das ständige metallische Geräusch der Fahnenbefestigungen, die im Nachtwind gegen die Stangen schlugen. Die Tropfen eines spätabends gegossenen Blumenkübels, der irgendwo im ersten Stock hängen musste, und die nun in immer länger werdenden Abständen auf dem harten Boden aufschlugen. Das Gesäusel des Zweifels, der sich von irgendwo tief im Kopf langsam durch die Haut frisst, bis es gar wirkt, als schreie er dir direkt in dein Ohr.

Ruckartig fuhr Pavel empor und saß mit einem Mal aufrecht in seiner Schlafstatt. Es dauerte eine Weile, bis sich sein Kopf wieder an die vertikale Neigung gewöhnt hatte – es war mitten in der Nacht und sein Kreislauf längst auf Schlafen eingestellt. Allein, er konnte nicht schlafen. Die Zweifel, sie zerfraßen ihn von innen heraus wie eine Maus den sprichwörtlichen Käse. Ein Zustand zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Leben und Sterben war das. Der junge Schreiner schlug sich mit der flachen Hand auf den Hinterkopf, schüttelte anschließend, nachdem er sich von den Sternchen erholt hatte, die er nun sah, den Kopf, und schlug die mottenzerfressene Decke zurück, die ihn allerhöchstens vor der schlimmsten Kälte der Nacht bewahrt hatte. Sein Bett bestand aus einem abgeranzten, knarrenden Bettrahmen, auf dem jemand mit wenig Sorgfalt einige ungleiche Bretter verteilt hatte, die als Lattenrost für eine schrecklich unbequeme Matratze aus stichigem Stroh dienen sollte. Nachdem Pavel sich zunächst in aller Vorfreude beinahe zwischen zwei Latten gelegt hatte, brauchte er über zwanzig Minuten allein, um die Bretter in eine brauchbare Ordnung zu bringen. Nein, eine gemütliche Schlafstatt war das hier nicht.

Doch sie sollte auch keine sein. Er war froh, dass Milyen und er überhaupt eine Unterkunft hier gefunden hatten. Das Leben war nicht leicht in einem fremden Land ohne bekannte Gesichter. Keiner da, der einem helfen würde. Keiner da, der einem Rat gab. Ganz im Gegenteil. Der Besitzer dieses Verschlages, den er vollmundig eine „Unterkunft“ genannt hatte, ließ sich seine vermeintlich gute Tat teuer bezahlen und lachte vermutlich gerade schallend über sein grauenhaftes Glück, zur rechten Zeit auf zwei Bedürftige getroffen zu sein. Doch was blieb ihnen anderes übrig? Das wenige Reisegeld, dass die Eltern ihnen mitgegeben hatten, war längst aufgebraucht, und von dem bisschen Gold, das sich mit der Jagd auf Federn und dem Schnitzen von Pfeil- und Bolzenschäften verdienen ließ, damit ließ sich höchstens der Grundbedarf an täglichen Mahlzeiten decken. Niemand hatte behauptet, dass es leicht werden würde, in diesem Land Fuß zu fassen. Und trotzdem hatte sich Pavel all dies wesentlich leichter vorgestellt.

Dennoch waren es weder das Bett noch die klamme finanzielle Lage, die ihn des Schlafes beraubten. Mit vom Schlaf – oder dessen Mangel – noch immer tauben und zittrigen Fingern schlüpfte er in seine Hose, zog das blaue Jäckchen über, das seine Schwester Milyen ihm geschneidert hatte und trat hinaus vor die Tür, in die dunklen Gassen von Rahal. Unwillkürlich zog er die Jacke ein wenig fester zu, weniger der Kälte, sondern doch vielmehr der Gedanken wegen, die ihn unweigerlich wieder packten.

Rahal.

Die Stadt des Einen, des Panthers, des Grausamen.

Was war das nur für eine seltsame Reise, die sie beide da vollbrachten, Milyen und er. Nur wenige Tage erst war es her, da sie in Bajard an Land traten und ihre leisen Flüche über den unmöglichen Kapitän ausstießen, der gewiss gut darin war, Bezahlungen einzufordern, doch schlecht darin, Aufgaben zu übernehmen. Wie vielen Leuten sie seither begegnet waren – Reisenden aus fernen Ländern ebenso wie Einheimischen. Das Schicksal hatte sie wild gebeutelt, zunächst zur einen Seite, hin nach Alumenas, in die Stadt Adoran, und Pavel hatte tief in seinem Herzen die große Beglückung verspürt, als er durch die weiten und freien Straßen lief – ja, das hier war die Heimat, nach der er sich gesehnt hatte! Eluive und Temora hatten hier ihr Werk perfektioniert! Dies war, musste sein jenes Abenteuer, das die Eltern ihnen versprochen hatten.

Es liegt wohl, so mussten die Zwillinge schnell erkennen, in der Natur des jungen Heranwachsenden, die Welt in seiner Abenteuerlust in blumig leuchtenden Farben zu sehen, ganz in Verkenntnis der Komplexität, die das Leben nun einmal mit sich bringt. Doch das Schicksal, die Götter, vielleicht gleich alle zusammen taten ihr Übriges, die jungen Forstnams die Wahrheit über das Leben zu lehren. Wie anders würde sich erklären lassen, dass ausgerechnet dort in Adoran, ausgerechnet am ersten Tage ihrer Ankunft, sich ein Unmensch so an ihrer Seele, ihrer Unversehrtheit, ihren Sachen verging? Während Pavel unstet und ohne Ziel durch die Straßen von Rahal lief, fingen seine Finger wieder an zu frösteln und ein leeres, kaltes Gefühl jagte quer durch seine Innereien. Irgendwo vor seinem geistigen Auge sah er es immer wieder – seine Schwester, Milyen, seine geliebte Zwillingsschwester, in den Klauen einer mordlüsternden Verbrecherin, die ihr mit kalter Grausamkeit das Messer an die Kehle setzte. Nun, vielleicht entsprach das Bild in seinem Verstand nicht ganz den Umständen der Begegnung, denn statt eines Messers trugen ihre Finger messerlange, scharfe Klauen und aus einer verhüllten Räuberin war ungewollt ein fleischgierender Dämon mit geifernden Fängen geworden, doch Pavel ließ seinem Geist den Willen, entsprachen diese Bilder doch viel mehr dem, was er empfand. Diese endlose, magenzerfressende Hilflosigkeit, wie er danebenstehen und sie beobachten musste. Ein kleiner Schnitt, eine kurze Bewegung aus dem Handgelenk nur, und das Monster hätte jene eine Person zu Tode gebracht, die mehr war als nur eine Person, sondern sein zweiter Teil. Da war es gar so, als hätte sie ihm selbst das Messer an die Brust gesetzt.

Noch viel schlimmer jedoch erschien Pavel, wie allein sie mit alledem waren. Niemand im Hafenviertel schien sich für die Rufe zweier Beraubter zu interessieren, keine Wache patrouillierte durch ein Viertel, in dem selbst am helllichten Tage Reisende ihrer Güter und ihrer Würde beraubt wurden. Gewiss, sofort am nächsten Tage, als Pavel unerwartet in die Torkontrolle des Regiments stolperte, da tat er nicht nur seine guten Absichten wider die Stadt, sondern auch die Geschichte des Überfalles kund, nach bestem Wissen und Gewissen. Was er erntete, war seinem Gefühl nach kaum mehr als ein Achselzucken. Unsicher sei es dort, hieß es, man könne die Sicherheit dort nicht aufrechterhalten. Man solle sich lieber fernhalten. Doch waren es gerade die Mitglieder des Regiments gewesen, die ohne Zögern die beiden Handwerkslehrlinge in das Hafenviertel geführt hatten! Jedoch, so verkündete man nun, werde man die flüchtige Person gewiss verfolgen und stellen, wenn – ja, wenn sie, also die Opfer, sie ausfindig gemacht hätten.

Es dauerte eine Weile, bis Pavel die wahre Bedeutung dieser Worte begriffen hatte, noch lange über den Moment hinaus, in dem er sich überschwänglich bei den Gardisten für ihre Zeit bedankte. Denn es hieß dies doch nichts Anderes, als dass man vielmehr stillsitzen und schweigen würde, bis sie, die Nichtbürger, selbst jene Arbeit getan hätten, die man dem Regiment anvertraut hatte. So war den Zwillingen auf brutale Weise und mit kaltem Stahl klargemacht worden, was davon zu halten war, wenn es hieß: In Adoran, da leben die Guten, doch in Rahal, da leben die Ketzer. Für Pavel brach an jenem Tag ein Luftschloss zusammen, das er sich in Windeseile gezimmert hatte. Nein, sie waren keine erfahrenen Reisenden, sie kannten das Land nicht. Sie waren die Opfer, auf deren Rücken das tägliche Spiel veranstaltet wurde. Sein Glaube an die göttliche Mutter Eluive blieb ihm erhalten, doch der Zweifel an der Gerechtigkeit und Stärke der Temora nagte schwer an ihm, und mit jeder Stunde, die er wachend verbrachte, in der er das Monstrum mit der spitzen Klinge am Hals seiner Schwester sah, mit jeder Stunde kam sein gläubiges Bild mehr ins Wanken.

Schlimmer jedoch ward es noch. Denn Milyen, noch weitaus stärker getroffen von der beinahe vollbrachten Bluttat und grundsätzlich weit weniger den Göttern zugetan als der junge Pavel, schien geradezu erpicht darauf, ihre ureigene Theorie an der Realität zu messen: Wenn in Adoran, dem vermeintlichen Ort der Ehre und des Miteinanders, ein solches Verbrechen möglich und ungesühnt blieb, vielleicht war dann ausgerechnet der Ort, den alle für einen Hort des Bösen hielten, nicht minder gut oder schlecht? Standhaft hatte sich Pavel bis zu jenem Zeitpunkt dagegen verwahrt, auch nur ansatzweise in die Nähe einer Stadt zu treten, die mit dem Panthergott in Verbindung stand. Nun irrte er schlaflos und verfroren mitten in der Nacht quer durch die Straßen seiner höchsten Stadt Rahal.

„Des Alleinen Segen“, so wünschten sie hier, und meinten damit einen Gott, dessen grausame Fratze bereits das Stadttor zierte und jeden verschlang, der eintreten wollte. Ganz so, als sei es ein Gang ohne Wiederkehr – wer in den Fängen des Panthers schlummert, der entrinnt ihnen nicht mehr. Doch auch wenngleich die Stadt und ihre Bewohner martialisch und teils ungeniert miteinander umgingen, so bot man den Forstnams mit Vorbehalten, aber dennoch die offene Hand dar, führte sie, zeigte ihnen die Treffpunkte der Stadt, machte sie mit den Regeln des Stadtwesens vertraut. An beinahe jedem Platz, in jeder Straße patrouillierten die Mitglieder der Stadtgarde in erschreckend schönen Rüstungen, glattpoliert, und mit Adlerblicken so scharf, dass jeder Missetäter zweifelsohne lieber im Hafenviertel zu Adoran hausen als hier auch nur einen kleinen Finger krumm machen würde. Ja, sogar im hiesigen Hafenviertel patrouillierten die Soldaten und ließen so keinen Zweifel am Anspruch des Alkas über die Stadt, ihre Sicherheit, ihre Ordnung. Was für den Schurken bitter schmecken mochte, das war für die Forstnams mit einem Mal ein trautes, ein wärmendes Gefühl der Sicherheit. Hier kümmerte man sich. Hier gab es Regeln, und ebenso, wie man sich darauf verlassen konnte, dass man bei einem Verstoß teuer zu bezahlen hatte, so stand fest, dass man in Sicherheit war, solange man sich den Gesetzen und dem Glauben treu verhielt. Gewiss kein schlechter Umstand für zwei junge Handwerker, frei von Kampfeslust.

Allein der Gedanke an die Eltern machte Pavel schwer zu schaffen, während er langsamen Schrittes wieder bis zu ihrer Schlafstatt getrottet war. Zwar hatten Erik und Luciana Forstnam über lange Jahre bei den Tiefländern gelebt und oft berichtet, dass Neutralität deren höchstes Gut war. Doch hatten sie gleichermaßen, gemein mit ihren Freunden Alliestra und Thancred, bei Varuna und in den Mauern von Berchgard gelebt, gar ihr Haus am Wegkreuz erbaut, ehe sie ihre Zelte abbrachen und die Lande verließen. Was mochten diese Eltern nun, die dem lichten Reich zweifelsohne nahestanden, davon halten, dass ihr Sohn, ihre Tochter, in die Fänge des Panthers geraten waren? Würden sie es verstehen? Oder würden sie in Gram versinken?

All das jedoch war nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste war, dass es Pavel hier zu gefallen begann.
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Nicola Kiesthaler
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Beitrag von Nicola Kiesthaler »

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Gast

Beitrag von Gast »

Die hat doch einfach keine Ahnung! Stellt sich da allen Ernstes hin und meint, sie hat jetzt ihre eigenen Entscheidungen vor sich, sie muss jetzt ‚nicht mehr das nette kleine Mädchen sein‘. Spinnt die?

Seit Minuten schon lief Pavel Forstnam im Hafengebiet Rahals zwischen den Häusern auf und ab und schimpfte halblaut vor sich hin. Als er vorhin aus dem Gespräch mit Milyen einfach abgehauen war, da war sein Kopf zwar noch röter, noch knalliger gewesen. Doch der Jähzorn und die Verzweiflung hatten noch nicht nachgelassen. Er kochte. Irgendwo sah er einen Stein herumliegen und trat ihn volle Kanne gegen die nächste Wand – nur um sich dann für einige Momente und mit schmerzverzerrtem Gesicht den Fuß zu reiben. Ja, auch Lederstiefel schützen nicht vor dem Bruch eines kleinen Zehs.

Doch im Grunde war er froh über den Schmerz. Er half ihm, sich abzulenken, wenigstens für einige Augenblicke. Gab ihm die Gelegenheit, seine Gefühle sacken zu lassen und sich wieder zu beruhigen. Was ihn natürlich nicht davon abhielt, dennoch fleißig weiter zu schimpfen.

‘Mutter und Vater sind ja nicht hier‘. Die hat sie doch nicht mehr Alle. Glaubt sie, nur weil wir jetzt für einige Zeit gemeinsam unseren Weg suchen sollen, muss sie gleich alles über Bord werfen, was sie uns beigebracht haben? Beim Holzwurm, sollte ich je so eine unfähige, unfassbare, illoyale Tochter bekommen…

Und mit geballter Faust stand er da zwischen den zwei heruntergekommenen Häusern am Hafen und spuckte und spie all das aus, was er zuvor Milyen nicht direkt hatte sagen können. Nicht direkt hatte sagen wollen.

Nein, das konnte er auch nicht. Denn tief im Inneren, gut versteckt unter einer brodelnden Masse des Zorns, der Enttäuschung, der Aufgerührtheit, da war ihm selbstverständlich bewusst, dass all diese Flüche, all dieser Schimpf gar nicht ihr galt. Weswegen er ihn ihr auch nicht an den Kopf geknallt hatte. Manchmal war Pavel so. Jähzornig. Schwer zu halten. Da gingen mit ihm die Tanzbären durch und er brauchte Ruhe, um sich wieder zu fassen. Ganz besonders, wenn er sich im Innersten attackiert und angegriffen fühlte. Und Milyen hatte nicht weniger getan – sie hatte ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Doch was war geschehen?

Eigentlich ging all dem ein Ereignis voraus, auf das sich Pavel schon den ganzen Tag gefreut hatte: Unterricht. Zugegeben, nicht unbedingt für viele Menschen ein Highlight. Doch sie sollten nicht weniger lernen als die Grundlagen über Gesetz und Hierarchie der Stadt. Das war der erste formelle Schritt, Teil dieser wunderschönen, prachtvollen, starken Stadt zu werden. Eine Gelegenheit, Würdenträger der Stadt kennen zu lernen und gleichzeitig aus erster Hand zu erfahren, wie die Strukturen des alatarischen Reiches funktionierten. Dass Pavel noch wenige Tage zuvor drauf und dran gewesen war, sich um eine Bürgerschaft in der Räuberbude Adoran zu bewerben, hatte er inzwischen fast vollkommen verdrängt. Gewiss, die breiten, hellen Straßen Adorans, die mächtige Kirche der Temora, die wundervollen Steinbrücken über die Gewässer, das hatte ihm schon sehr imponiert. Doch Rahal in den dunklen Farben des Panthergottes war nicht minder beeindruckend. Dank der Gardisten jedoch, die auf alatarischem Gebiet nahezu überall zu patrouillieren schienen, fühlte er sich hier so sicher wie nie zuvor. Wer würde es schon wagen, hier, inmitten der heiligen Stadt des Panthers, Unrecht zu begehen und damit sein Leben zu verwirken? Niemand. Der unschöne Zwischenfall am Adoraner Hafen verschwand zusehends in den hintersten Regionen seines Denkens.

Es war allerdings nicht allein die gute Sicherheitslage, die Pavel aufatmen ließ und die ihn binnen kürzester Zeit so vertraut machte mit der Stadt. Angestachelt von dem Bestreben, sich in seiner neuen Heimat so gut und schnell wie möglich zu integrieren, suchte er nach weiteren Möglichkeiten, die Lehren und Strukturen der Stadt zu begreifen. Pavel wollte nicht nur ein Zaungast am Straßenrand sein, der zwar hier wohnte, jedoch kein echter Teil war. Nein, sein Vater hatte ihm einmal eingeschärft: „Junge, wenn du etwas machen willst, dann tu es richtig. Sei ein Teil davon, mit Haut und Haar. Nur, wenn du dich einer Sache wirklich verschrieben hast, dann wirst du sie auch meistern. Anders hätte ich das Holz nie bezwungen.“ Und dabei hatte er breit gegrinst und um sich gedeutet, standen sie doch alle beide in der meisterlichen Schreinerei des Erik Forstnam.

Mit Haut und Haar. Ja, das hatte Pavel vor. Weswegen er sogar über seinen eigenen Schatten gesprungen war und die örtliche Bibliothek besucht hatte. Bücher waren normalerweise eher Milyens Sache gewesen, sie konnte ein regelrechter Bücherwurm sein. Kein Wunder also, dass seine Zwillingsschwester viel schneller und genauer lesen konnte als er. Doch auch Pavel hatte Lehrstunden bekommen, nicht nur im Lesen, sondern auch darin, sich ausdrücken zu können. Das war der Mutter, Luciana, wichtig gewesen. Denn, so war ihr Motto, nur wer sich ausdrücken kann, der kann auch die Menschen für sich gewinnen.

In den Büchern der Bibliothek standen vornehmlich religiöse Schriften. Die Gebote Alatars, verbunden mit Interpretationen der Lehrsprüche, die Lehren des Alka, Gedichte mit und über den Panther. Die teils alten und schon abgegriffenen Buchrücken standen wie eine Armee des Wissens Kante an Kante, und insgeheim war Pavel schon ein wenig beeindruckt von der Fülle der literarischen Ergüsse in dieser Einrichtung. Dennoch zog er es vor, sich zunächst allein mit den Dingen zu befassen, die ihm weiterhelfen sollten. Er erinnerte sich: Nebst eines Unterrichts über die Gesetze und Strukturen des Reiches würden seine Schwester und er auch den Tempel besuchen müssen. Alatars Tempel.

Von den Eltern waren die Zwillinge nie religiös erzogen worden. Sicher, sie wussten um die Existenz der Götter, der Erdenmutter Eluive, der Streiterin Temora, des Zornbringers Alatar. Milyen machte auf Pavel oft den Eindruck, als interessiere sie das Götterspiel trotz seiner Farbenpracht nicht wirklich. Stattdessen saß sie beglückt in der Schneiderstube und nähte, was das Zeug hielt. Götter? Hatten in diesem Leben keinen Platz, waren nicht wichtig. Temora oder Eluive würden ihr kaum den Saum flicken. Zumindest hatte Pavel das so in Erinnerung. Ob sie es wirklich gesagt hatte, dessen war er sich heute auch nicht mehr sicher. Pavel selbst hingegen hatte stets etwas mehr Faszination für den Gedanken verspürt, dass irgendwo dort draußen die Götter wandelten und über ihre Schritte wachten. Manchmal, wenn er alleine im Wald gewesen war, hatte er sich gar selbst zu einem Streiter eines Gottes ernannt. Dann stand er mit einem aufgelesenen Ast in den Händen und wirbelte herum und stach und hieb gegen einen Stamm, er, der Streiter der Göttin, gegen den Baum, das widerliche Monster. Der Temora hatte er sich dennoch nie wirklich verbunden gefühlt, sie war an ihrer Heimatstatt zu weit entfernt. Der Eltern Freunde hingegen kamen gelegentlich zu Abendessen vorbei und sprachen dann von den Gaben der Eluive, wünschten ihren Segen, verrieten, dass all das Essen, all die Getränke allein der Erdenmutter zu verdanken seien. Und so hatte auch Pavel insgeheim verspürt, dass es wohl die Erdenmutter war, die er zu verehren gedachte. Denn war nicht auch sie es, die all jene Bäume schuf, aus denen er später kostbare Möbel und dehnbare Bögen fertigen würde?

Nun stand er hier und las in den Schriften des All-Einen, der nicht nur seinen Bruder Getares getötet hatte, sondern zugleich voll des Hasses auf die Erdenmutter war. Kein Wunder, dass Pavel von Anfang an, als sie in Bajard das Schiff verlassen hatten, eine tiefe Abneigung gegen Rahal und den Panther verspürt hatte. Doch je länger er sich durch die Glaubenssätze des Panthers arbeitete, desto mehr kamen ihm Zweifel. Vor den Ruinen Varunas, da hatten Milyen und er einen Wüstenmann getroffen – ein gar seltsamer Bursche mit noch viel merkwürdigeren Ansichten über die sich geziemenden Gebahren einer Frau. Der hatte nur in den Westen, also nach Rahal, gedeutet und gemeint, da lebten böse Gestalten. Oder der Tiefländer, den er vor Adoran traf – meinte, dort wären die Ketzer und man solle vorsichtig sein. Überhaupt schienen sich die Menschen erstaunlich einig darin, dass Rahal ein korrumpierter und verseuchter Ort des Bösen sei.

Doch was er hier in den Schriften las, das war anders. Es ging um ein stabiles, ordentliches Gefüge. Jeder Mensch hatte seinen Platz in der Schöpfung des Herren, und er musste diesen Platz ausfüllen, um der Gemeinschaft am besten dienen zu können. Doch gleichzeitig gewährten die Schrift die Aussicht auf einen Aufstieg bei entsprechender Leistung, und warnten vor dem Abstieg, sollte jene jemals nachlassen. Pavel verstand durchaus, worum es dabei ging. Die Leute wurden gezwungen, ihr Bestes zu geben, um ihren Stand aufrecht erhalten zu können. Nicht mehr, nicht weniger. Doch wenn alle gemeinsam immer ihr Bestes gäben, dann würde die Gemeinschaft auch obsiegen. Kraft durch Gemeinschaft. Ein nobles Ziel! Nicht weniger überraschend waren die Gebote ob der Gefolgsamkeit wider dem All-Einen und seinen Vertretern auf Erden. Wer, außer einem „Ketzer“, wie auch hier die Gegenseite beschimpft wurde, würde sich dem Willen eines Gottes widersetzen? Und wer würde ernsthaft anzweifeln, dass es der Alka oder die Priester waren, die seinen Willen verkündeten? Pavel kamen noch nicht einmal ansatzweise Zweifel an diesem Paragraphen, so einleuchtend erschien er ihm.

Jetzt jedoch, während er sich im Hafengebiet auf einen umgefallenen Steinbrocken setzte und verzweifelt den Kopf in beide Hände stemmte, da wurde ihm das wahre Ausmaß all dessen erst wirklich bewusst. Es waren so unendlich viele Dinge, die mit einem Mal gleichzeitig auf ihn einprasselten. Er hatte begonnen, sich mit den Lehren des Panthers vertraut zu machen, und musste nun erkennen, dass die ersten Tropfen dieses Glaubens bereits bis an sein Herz gereicht waren. Er war bereit, sich mit seiner Zukunft auseinander zu setzen und all die Ideale in Frage zu stellen, die ihn begleitet und beschäftigt hatten. Seinen Weg.

Denn um nicht weniger war es im Streit mit Milyen gegangen. Für Pavel war es immer klar gewesen: Sie würden den handwerklichen Fußspuren ihrer Eltern folgen. Er, der Sohn, der Ältere, würde Schreiner werden, so wie Erik Forstnam es gewesen war. Und Milyen, sie würde die Profession ihrer Mutter Luciana annehmen und Schneiderin werden. So wollten es die Regeln, so wollte es die Norm. Die Leute erwarteten zuhause, dass man in die Fußstapfen der Eltern treten würde. Und war nicht auch der Großvater bereits Schreiner gewesen?

Milyen jedoch, sie begann sich widersetzen. Plötzlich wollte sie nicht mehr die stille, höfliche, loyale Tochter sein, die brav dem Lebensweg folgte, den man ihr vorgezeichnet hatte. Sondern ihren eigenen Weg suchen und finden. Und sie warf Pavel vor, verbohrt, verstockt, ja ganz und gar engstirnig zu sein, und gar nicht kapiert zu haben, was die Eltern mit ihrer Reise eigentlich hatten bezwecken wollen: Den Kindern eine Chance bieten, ihren echten, ihren eigenen Weg zu finden, fernab der Eltern, fernab der Erwartungen, die man an sie gestellt hatte.

In Pavel war alles zerbrochen. Obwohl er sie angekeift, angeblökt, ja fast schon angeschrien hatte, um sein Weltbild vor ihren ketzerischen Ansichten zu bewahren, pochte der Zweifel tief und laut in seinem Inneren. Der Schaden war angerichtet. Und wie er dasaß, da überlegte er sich: Was will ich? Wo soll ich hin? Kann es wirklich sein, dass Vater und Mutter uns in die Freiheit entließen?

Er vergrub das Gesicht noch tiefer in den Handflächen. Und trotz eines leichten Nieselregens, der spätabends einsetzte und sein Haar wie seine Kleider durchnässte, rührte er sich keinen Millimeter mehr.
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Milyen Forstnam
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Beitrag von Milyen Forstnam »

Seltsam, dass wohl Rahal nun ihr zu Hause werden würde und dennoch fühlte sie sich einsam. Leerer als zuvor. Der Streit mit ihrem Bruder machte es nicht leichter. Pavel war fest darauf eingefahren, den Lehren ihrer Eltern nachzugehen. Er war so stolz, der Sohn und Nachkomme seines Vaters zu sein und wollte unbedingt in seine Fußstapfen treten, um ihn nicht zu enttäuschen. Und Sie, Milyen, zweifelte alles an. Sie wusste, dass sie ihm in diesem Moment mit ihren Worten unheimlich traf, aber es war ihr egal. Auch sie hatte das Recht ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Sie spürte wie die unangenehmen Gefühle, wie Verbitterung, Leid, Wut, Sehnsucht und Trauer gleichzeitig über sie herfielen. Vielleicht war sie doch zu hart und sollte manchmal besser den Mund halten? Die morbide Stimmung machte ihr zu schaffen. Diese neuen Gefühle zu trennen, zu sortieren musste sie wohl neu erlernen. Es war schwer und manchmal überwältigend, doch sie konnte sich durchkämpfen. Nur wenn sie sich gestattete, in Selbstmitleid zu verfallen, indem sie an zu Hause dachte, brauch Milyen völlig zusammen. Dann war sie enttäuscht, dass sie es sich schon wieder erlaubte, den Angstgefühlen nachzugeben. Milyen hatte immer Angst vor den Nächten, in denen sie allein war, nicht mehr den Schutz des Elternhauses genoss und sie konnte sich nicht darauf verlassen, dass Pavel sich immer in ihrer Nähe aufhalten würde. Aber hier in Rahal verspürte sie keinerlei Angst mehr. Nein im Gegenteil, sie fühlte sich sicher. Aufgehoben. Nichts von alledem, was andere Personen über die Stadt sagten, stimmte. Zumindest hatte sie nicht den Eindruck, dass hier nur schlechte Menschen lebten. Die Menschen neigen dazu, das Schlechte eher zu glauben als das Gute, deswegen musste sie sich selbst ein Bild machen. So konnte sie auch ihren Bruder ein Stück weit ziehen lassen, auch wenn es ihr schwer fiel. Sie erinnert sich noch gut an den ersten Tag, als sie gemeinsam vor Rahal standen, sich diese ‚böse‘ Stadt einfach nur anschauen wollten. Die Zwillinge staunten beide über das riesige Tor, dass sie empfing. Das Maul eines Panthers. Dunkel, gewaltig und bereit alles zu verschlingen. Soll die Stadt uns doch vertilgen, dachte sich Milyen zu dieser Zeit noch, dann hätte die ganze Tragödie wenigstens ein Ende. Aber nichts dergleichen geschah. Andererseits war sie vermutlich doch verschlungen worden, auf andere Art und Weise, denn die Faszination, die diese Stadt auf sie ausübte war mehr, als nur beeindruckend.

Die nächsten Tage vergingen langsamer. Nichts war mehr so hektisch und aufregend wie zu Anfang. Die Zwillinge suchten immer noch nach einer vernünftigen Bleibe, denn auf Dauer konnte ein Zimmer in der Taverne nicht die Lösung sein. Manchmal schlief Milyen auch in einem der leerstehenden Häuser, in der Hoffnung nicht erwischt zu werden, nur um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es sich als Bürger anfühlen könnte. Ja, das war ihr erstes, festes Ziel. Bürger in dieser Stadt zu werden.

Nachdem sie eine Weile durch das Hafenviertel irrten und nicht wirklich etwas fanden, was ihnen gefallen hätte, Nein, was ihr gefallen hätte. Denn viel sprachen Pavel und Milyen nicht miteinander. Milyen war immer noch angefressen bezüglich des Streites am Vorabend. Es war nicht so einfach einen Weg miteinander aber auch ohneeinander zu finden.
Da standen sie nun, vor dem Hafenviertel. Sich uneins, welches Haus oder welches Zimmer das richtige wäre. Pavel warf ihr noch in großen Tönen vor die Füße, dass sie doch jemanden anheuern sollte, der ihr das perfekte Haus baute. Ja, wahrscheinlich gar nicht so verkehrt. Jedoch im Augenblick ein Ding der Unmöglichkeit. An so etwas war noch lange nicht zu denken. Dazu musste sie sich erst einen Namen machen, oder sich doch einen ‚reichen‘ Kerl suchen. Nachdem sie etwa eine Stunde versuchte, sich zu konzentrieren und das zu verfolgen, was ihr Bruder zu sagen hatte, merkte Milyen dass sie sich in ihren eigenen Gedanke verlor und an einem der Häuser nach oben auf einen äußerst, merkwürdig großen Raben blickte. Ihr Bruder schien den Vogel erst richtig wahrzunehmen, als dieser mit schrillem Krächzen, es war wirklich unangenehm, die Flügel ausbreitete und dann mit großen Flügelschlägen auf dem dunklen Steinboden vor ihnen landete. So war dieser erschreckend nahe und die größe des Raben wurde noch viel deutlicher. Der Rabe starrte die beiden durchdringend an, beinahe so als wären sie auserwählt, als neue Leibspeise zu enden. Milyen konnte den Blick nicht von diesem ungewöhnlichen Rabe abwenden. Er war wirklich anders. Größer als normale Raben, neugieriger und auf gewisse Art und Weise wirkte er bedrohlich. Warum auch immer, ungewollter Respekt legte sich über sie wie eine unsichtbare Maske. Einige Leute kamen den Weg am Tor des Hafenviertels entlang, ein Mann wurde derart von diesem Raben angefaucht, dass sie selbst vor Schreck zusammenzuckte. Ein merkwürdiger Ton für einen eigentlich einfachen Raben. Doch das war er ja nicht. Nachdem dem Tier wohl die Ansammlung Menschen zu viel wurde, verzog es sich mit großen, lauten Flügelschlägen und Krächzen, flog über uns hinweg, Richtung Hafen. Alle blickten wir uns verwundert über das Geschehen an, unterhielten uns eine Weile bis eine Frau geheimnisvoll meinte: „Raben sind selten ein gutes Zeichen…“
Milyen verstand nicht, was sie meinte, warum sollte ein Rabe kein gutes Zeichen sein? Sie solle Abstand halten … wieder verlor sie sich in Gedanken und Gesprächen über den Raben. Jedem kam es merkwürdig vor. Pavel redete unentwegt, er konnte gar nicht fassen, einen solch monströsen, gar aufdringlichen Raben gesehen zu haben. Da ertönte dumpfes Klacken auf Stein, immer näherkommend. Es klang wie ein Stab der auf den grauen Steinboden traf. Milyens Ohren lauschten, denn plötzlich verstummte dieses Klacken direkt hinter ihr. Langsam drehte sie sich um, darauf bedacht keine zu schnelle Bewegung zu machen, die Luft flirrte spürbar, doch es gab nichts Greifbares, obwohl Milyen vollkommen sicher war, dass sie sich dieses merkwürdige, gefangene Gefühl nicht einbildete. Ihre Augen weiteten sich für einen Moment, als sie den Fremden vor ihr sah. Es konnte nicht mit Worten ausgedrückt werden, was für ein eindrucksvoller, beängstigender Mann er war. Seine Gegenwart war wesentlich imposanter als all der anderen. Beeindruckend war der Stab in seinen Händen, auf welchem ein Rabe saß. Jener sah aus wie der, der eben noch auf dem Vorhof landete. Auch dieser schien sein Augenmerk auf Milyen zu lenken. Beobachtend. Anstarrend. Milyen konnte nicht anders und starrte fasziniert, beeindruckt zurück. Ihre Gefühle konnte sie nicht deuten und als sie ihren Kopf drehte und wendete, der Blick des Raben folgte ihr ohne Unterlass. Es zog sie magisch an, es war beunruhigend, sie schluckte schwer. Es konnte doch nicht sein, dass ein einfaches Tier sie so vereinnahmte? Die Neugier wuchs in ihr und der Drang, den Raben einmal anzufassen oder zu streicheln keimte in ihr auf. Milyen konnte nicht anders und musste den Fremden danach fragen. Ihr Blick ruhte auf dem Gesicht des Fremden. Er beobachtete sie genauso aufmerksam wie der Rabe. Beunruhigt trat sie einen halben Schritt nach hinten, jedoch stand ihr Bruder dicht hinter ihr und kein Ausweichen war möglich. Doch die beruhigende Hand Pavels, auf ihrer Schulter half ihr, das Unbestimmte zu überwinden und sich hervor zu trauen. Unsicher streckte sie die Hand aus, um dem Raben sanft übers Gefieder zu streichen. Er fühlte sich warm, weich und edel an. Offenkundig waren die beiden eine Einheit. Gemeinsam suchten sie ihre Beute. So fühlte es sich an, jedoch nur für einen Moment. Denn als Milyen bemerkte wie zahm und zutraulich der Rabe war, verschwand ihr mulmiges Gefühl und Neugierde machte sich breit. Am liebsten hätte sie tausend Fragen gestellt, doch da kam ihr Anstand zum Vorschein und sie schwieg mehr als es ihr lieb war. Immerhin konnte sie noch herausfinden, dass ihr Gegenüber Drakhon Sokarth hieß. Erwählte Seele, im Dienste des Rabengottes. Was er wohl damit meinte? Rabengottes? Es gab in dieser Stadt also nicht nur den Panthergott. In ihrem Bewusstsein arbeitete es erneut. Weitere Götter, es gab viele Götter, denen man im Glauben nachgehen konnte. Sie musste mehr darüber erfahren, bevor sie sich auf einen festigen konnte. Der Panther schien ihr sinnvoll, zumindest in ihrer momentanen Lage, doch wusste sie noch lange nicht, ob sie auf dem richtigen Weg wäre. Sie prägte sich die knochige Gestalt vor sich genau ein. Er sich die Zwillinge wohl auch, immerhin deutete er an wie wichtig und das Band zwischen ihnen wäre. Womit er durchaus Recht hatte. Es war etwas Besonderes. Das wusste sie, wenngleich sie es auch immer weniger mit Gefühlen würdigte. Doch in diesem Augenblick war ihr die Präsenz ihres Bruders sofort wieder bewusst. Er war da, er hielt sie fest. Er war immer da und ließ sie nie in das tiefe schwarze Loch fallen, dass so groß vor ihr aufzuklaffen schien. Wie Drakhon selbst sagte. Zwillinge teilen ihre Stärken und halbieren ihre Schwächen. Wie Recht er doch damit hatte. Auch wenn es augenscheinlich etwas schwer fiel, daran festzuhalten. Die schwarze Feder des Raben, die ihr überreicht wurde, nicht als Geschenk, sondern als Tribut ihrer beginnenden Reise, sollte Milyen immer daran erinnern.

Diese Welt trennt vieles, was nicht getrennt werden sollte …
Die Worte hallen immer noch in ihren Gedanken nach. Auch der Blick des Raben, der sie gespannt im Bann behielt. Er ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Das Angebot zu helfen, wenn Hilfe nötig wäre, würde sie alsbald annehmen, denn sie wollte mehr erfahren … mehr hinterfragen. Ihre Lücken füllen. Diese Lähmung, diese Faszination, dieses unglaubliche beängstigende Gefühl, diese Trance wie wenn sie in einer Art Rausch gefangen wäre beschäftigte sie noch eine ganze Weile. Auch ihr Bruder bemerkte, dass seine Schwester vom Weg abdriftete, dass sie sich zu verändern schien.
Gast

Beitrag von Gast »

Nachdenklich saß Pavel dort draußen am Pier, ließ die Füße in der Luft baumeln und lehnte sich auf seine beiden Ellbogen, mit denen er sich auf den nassen Planken abstützte. Sein Blick galt nicht der Weite der See, dem Glitzern des Sonnenlichtes auf den Wellen des Meeres, nicht den Geschichten, die sich fern dieser und aller Gestade zutragen mochten. Nein, sein Blick galt allein dem wolkenverhangenen Himmel. Gerade noch war eine vorbeigezogen, die mit viel Fantasie wie ein Rehkitz ausgesehen hatte. Unwillkürlich hatte Pavel lächeln müssen. Es hatte ihn an zuhause erinnert. Sein wahres Zuhause, bei seinen Eltern. An die glücklichen Tage, wenn Vater und er im Wald zugange waren, ihre frechen Witze über die Frauen zuhause machten und der Ricke dabei zusahen, wie sie ihre kleinen Fohlen umsorgte. Mit einem Mal war alles wieder da. Die Gespräche, die Witze, das Lachen, der Geruch des Waldes, das Stöhnen über die schwere Arbeit, die imaginären Schwertkämpfe. Er hatte Vieles von alledem verdrängt und vergessen in den vergangenen Wochen. War abgetaucht in eine neue Welt. Sein neues Zuhause.

Doch schon die nächste Wolke hielt eine gänzlich andere Geschichte für ihn parat. Wie ein hungriger, zorniger Panther bäumte sie sich auf. Zugegeben – noch vor einigen Wochen hätte Pavel darin vielleicht eher eine scheue Ratte oder ein süßes Wiesel zu erkennen geglaubt. Ein Hermelin? Doch inzwischen vermochte Pavel die wahre Anmut und Schönheit des dunklen Raubtiers zu erkennen, wann immer sie sich ihm offenbarte. Aus dem fröhlichen Lächeln war mit einem Mal ein nachdenklicher Blick geworden, mit gerunzelter Stirn, zusammen gekniffenen Lippen und Gedanken so laut, dass man sie beinahe von den Augen ablesen konnte.

Schließlich drückte er sich wortlos nach oben und griff nach seinem Rucksack. Es war schon erstaunlich, was er da jeden Tag mit sich herumschleppte – ein kleines Beil war stets an einem der Riemen befestigt, ein Wasserschlauch an der anderen Seite. Dazu etwas Verpflegung, wenn er für längere Zeit unterwegs sein wollte. Ein Dolch für kleinere Gelegenheiten, eine Schere, sogar eine Fackel hatte er jederzeit dabei. Am wichtigsten jedoch schien ihm ein Bogen Papier zu sein, den er sorgsam verstaut hatte, um ihn möglichst knickfrei durch die Welt zu tragen. Es handelte sich um erstaunlich dunkles, aber edles Papier – wenigstens empfand Pavel das so. Aber was wusste er schon von solchen Dingen? Obenauf stand, worum es sich handelte: „Bürgerbrief von Alatarien und Wetterau“. Und nicht weit unten darunter: „Ausgestellt auf Pavel Forstnam“. So saß er wieder eine Weile regungslos da, starrte auf die wenigen Zeilen und dachte darüber nach.

Bürgerbrief. Pavel Forstnam war nun also Bürger. Bürger. Ein seltsames Wort. Steckte darin nicht das kleine Wörtchen Burg? Wie in der Trutzburg? Kein Wunder, denn nun besaß er das Recht, auch innerhalb der Stadtmauern ansässig zu werden, sich ein Haus zu mieten. Im Schutze der dunklen Mauern, die vor dem Ungemach der Welt dort draußen Zuflucht boten. Er war nun also einer derer, die in der Burg Rahal Zuflucht gefunden hatten. Ein Bürger. Puh. Und nicht nur er – Milyen ebenso. Er kaufte seiner Zwillingsschwester allerdings keine Sekunde lang ab, dass es so locker gelaufen war, wie sie anfangs tat. Wie sie da vor ihm gestanden und mit ihrem Bürgerbrief vor seinem Gesicht gewedelt hatte. Nein, er kannte seine Schwester. Er war sich sicher – das lief nicht perfekt. Oder doch? Ach. Er würde es noch herausfinden.

Ehrlicherweise hätte er gerne gewusst, was sein Vater nun sagen würde. Gewiss, Erik hatte seinem Sohn keinen Weg vorgezeichnet, als er ihn nach Gerimor geschickt hatte, um dort sein Glück zu suchen. Beide Eltern hatten sich redlich bemüht, ein vorurteilsfreies Bild zu zeichnen. Und auch wenn sie die Zwillinge in dem Wissen unterrichtet hatten, welche Werke die Götter auf Erden verrichteten, was alles im Kampfe zwischen ihnen vorgefallen war, so hatte wenigstens Pavel nie das Gefühl gehabt, er sei in diese oder jene Ecke gedrängt worden. Bisweilen hatte das gar für wahnsinnigen Ärger gesorgt. Man mag sich kaum vorstellen, wie frustrierend es für einen jungen Burschen sein kann, wenn er verzweifelt versucht, anzuecken, aufzuregen, die Grenzen auszuloten, und doch auf keine stößt. Nein, Erik und Luciana hatten ihre seltsamen Ahnen. Doch allen Geschichten zum Trotze war das ihre eigene Welt, in der sie groß geworden waren. Für Pavel war all das entsetzlich weit weg.

Kurze Zeit später nur hatte er plötzlich in der Kommandantur zu Rahal gesessen. An einem gewaltigen Tisch, zusammen mit einem ganzen Haufen anderer dubioser Gestalten. Einer von ihnen, er nannte sich Cadan oder so ähnlich, schien ein aufmerksamer und netter Mann zu sein. Zusammen mit Pavel waren sie beim allfälligen Unterricht über die Gesetze der Stadt, des Reiches und die Hierarchien in einer Gruppe gewesen, um die Fragen von Trabant Farinor zu bearbeiten. Der Kerl konnte noch nicht einmal lesen – wirklich alles musste Milyen ihm Wort für Wort vorsagen. Aber sein Gedächtnis war phänomenal. Während ihm die Gesetzespassagen aus dem Munde purzelten wie muntere Frösche auf dem Weg in ihr Laichquartier, da musste Pavel jede Passage mehrfach lesen, um sie überhaupt zu begreifen. Wieso musste das Zusammenleben in einer Stadt auch so schrecklich kompliziert sein? Und dann waren da noch diese seltsamen anderen Typen, die ihn aus unerfindlichen Gründen permanent seltsam anstarrten. Pavel war dankbar gewesen für die Anwesenheit von Trabant Farinor – anderenfalls hätte er sich sicherlich nicht sonderlich wohl gefühlt.

Trotzdem waren die Dinge, die er über Rahal erlernen konnte, aufschlussreich. Es gab einen klaren Katalog an Regeln und Pflichten, für jeden Einzelnen, ganz gleich ob Gast oder Bürger, Würdenträger oder einfacher Handwerker. Die Stadt bot Abteilungen für jede Kaste, jeden Berufsstand. Und eine Garde, die sichtlich bemüht darum war, die Ordnung des Reiches nicht nur auf dem Papier aufrecht zu erhalten. Was nicht wenige Tage später gar eindrucksvoll demonstriert worden war – da war doch glatt einer dieser seltsamen Typen aus besagtem Unterrichte abgeführt worden. Erst später las Pavel irgendwo, dass es um eine Verletzung des Rüstrechts gegangen war. Rüstrecht, Rüstrecht… und schon war Pavel wieder in Gedanken versunken, stromerte die Marktgasse herunter und zählte an den Fingern der Rechten die verschiedenen Regeln ab.

Der wesentlich eindrucksvollere Teil der Vorbereitung auf die Bürgerschaftsprüfung war das Studium der Gebote und Lehren Alatars gewesen. Pavel war klar gewesen, dass es nicht ausreichen würde, unbedarft an den Tempelstufen aufzuschlagen und den Worten eines Geweihten zu lauschen. Der All-Eine war in dieser Hinsicht wie ein strenger Vater, der einen mit harter und beständiger Hand antrieb. Denn nur, was mit eigener Anstrengung und eigenem Schweiß erworben wurde, das war es auch wert. Denn wie heißt es in den Geboten des All-Vaters, des Zornbringers? „Dir zu dienen heißt, keine Almosen oder Geschenke anzunehmen, da nur mit eigenen Händen Erarbeitetes vor deiner Präsenz bestand hat.“

Kein Wunder also, dass sich sogar Pavel dazu herab begeben hatte, ein Buch aufzuschlagen, um die Lehren des Herrn zu verinnerlichen. Nicht alles darin ergab für ihn viel Sinn. Was in aller Welt war Nileth Azhur? Davon hatte er nie zuvor gehört. Weshalb hatte er weltlichem Besitz abzuschwören? Weshalb musste er sich zwangsläufig in den Kampfeskünsten schulen, wo er doch wenig mehr wollte als mit einer Axt Bäume im Wald zu zerlegen?

Tiefere Erleuchtung brachte da schon die Lehre der Gebote im Tempel des Panthers. Ein beeindruckendes Gebäude, in dessen eindrucksvollen Mauern die Macht des Gottes noch viel deutlicher zu spüren war. Pavel schien es gar, als sei jeder Stein, jede Bank, wirklich alles von der Essenz des Panthers durchdrungen worden. Ein Rauschgefühl, das nicht allzu lange anhielt. Denn kaum erkundigte sich der Vicarius Alataris nach den Geboten des Panthers, da wurde Pavel schnell bewusst, dass es das eine war, die Worte auswendig aufzusagen. Jedoch das andere, sie verinnerlicht und verstanden zu haben. Sie gar zu leben, in jeder Tat und zu jeder Stunde, das war eine Herausforderung.

Jedoch waren es eben diese Worte und ihre Interpretation, die in Pavel das Feuer entflammten. Denn all die Gebote des Herrn, und darüber hinaus die Worte des Vikars, zeichneten ein wundervolles Bild einer Gemeinschaft, die gemeinsam, Seite an Seite, für die Ideale ihres Herrn strebten. Eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Möglichkeiten beizutragen vermochte, in der Leistung anerkannt und Müßigkeit bestraft wurden. Eine Gesellschaft, in der sich Hilfe nicht allein darauf beschränkte, dem Anderen Reichtümer zu überlassen, sondern in der ein Jeder dem Anderen zu helfen angehalten war, sich selbst zu helfen. Oh, wie töricht waren die hilflosen Kinder Adorans, dass sie ihren Bettlern Geld, ihren Unfähigen Wohnraum, ihren Kriminellen Tadel angedeihen lassen. Es bedurfte der strengen und geduldigen Hand eines liebenden Vaters, um jedes Kind zu dem zu erziehen, was es dereinst werden sollte – ein wertvoller Teil der Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der ein Ritter im Kampfe vielleicht mehr zu tun vermag als ein schlichter Schreiner. Und doch weiß der All-Eine dessen Werk nicht minder zu schätzen.

An all das musste Pavel denken, als er dort saß, ganz einsam, am Hafenpier. Seine Beine schlackerten immer noch im Wind und er starrte auf die Bürgerurkunde. Er war nun also ein Bürger der Stadt. Er hatte sich dem Panthergott verschrieben. Ihm war nicht klar, was ihn erwarten würde, was die Zukunft brächte. Doch er hatte geschworen, seiner Hände Werk dem All-Einen angedeihen zu lassen. Und wenigstens das hatte sein Vater ihm eingeschärft: Ein Schwur ist heilig und nicht zu brechen. Niemals.
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