Welch interessanter Tag war es doch gewesen, das musste sie wohl zugeben. Sie hatte den ganzen Tag damit verbracht, sich ein wenig über Gerimor zu informieren, sich das Land so gut es ging anzusehen und vielleicht auch dem einen oder anderen ihre Künste vorzuweisen, doch gerade letzteres schien hier in diesem Land schwer zu sein. Alle waren sie beschäftigt, schauten sie schief an und fragten was sie denn dafür wolle. Was sie dafür wolle … Karischa schüttelte den Kopf fast schon empört. Sie verlangte nie etwas dafür, jemanden vielleicht ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern wenn sie spielte. Vielleicht lag es auch an ihrer schlichten Kleidung, die mehr auf Gemütlichkeit ausgesucht wurde denn auf Ansehnlichkeit, aber waren alle Leute hier argwöhnisch und dachten immer nur das schlimmste? Es war beinahe schon erschreckend. Aber vielleicht hatte sie auch nur einen schlechten Start erwischt und war an die falschen Personen geraten. Genau so musste es sein, es konnte doch nicht jeder laufend am Arbeiten oder beim Trainieren sein.
Doch mit dem heutigen Tage wollte sie sich nicht mehr mit der Suche beschäftigen, hatte sie doch schon ihre Dienste nun an den örtlichen Handelsbrettern niedergeschrieben und jetzt war ihr nur nach etwas Ruhe. Sie hatte sich ein Gasthaus in Varuna ausgesucht, vielleicht war ja auch jemand da, der einer schönen Melodie lauschen wollte, doch sie wurde wieder enttäuscht. Die Taverne war fast komplett leer, bis auf ein Mann und einer Frau die eine recht hitzige Diskussion zu führen schienen, und nach der Art des Tonfalls der beiden war ihnen sicher nicht nach guter Laune und Musik. Sie pustete sich seufzend eine Strähne aus dem Gesicht und kümmerte sich ein wenig um ihre Laute, zog Saiten nach und lauschte nebenher den Wortfetzen des Gesprächs von nebenan. Irgendwann erhob sich die Frau, ging ruhig raus und ließ den Sitzenden zurück. Karischa sah nachdenklich rüber, dachte fünf Sekunden nach und setzte sich dann einfach ihm gegenüber.
Raphael Cassini, oder so jedenfalls war sein Name. Ein interessanter Bursche, auch wenn er in Karischas Augen recht verbittert und auch einen Tick zu sehr von sich selbst überzeugt war. Doch sie konnte es ihm nicht ganz verübeln, er schien einiges hinter sich zu haben, und nun stand er da, mit einem kaputten Ruf. Karischa hatte ihm vorgeschlagen, vielleicht die eine oder andere Ballade über ihn zu singen, ihn vielleicht in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, doch sie erntete nur Spott und Hohn. Sie schmunzelte jedoch nur darüber, früher hätte sie sich so etwas zu Herzen genommen, nun tat sie es mit einem Schulterzucken ab, sie wusste um ihre Künste und schließlich war sie nicht in seiner Lage. Sie führten noch eine Weile ein Gespräch und auch wenn Raphael recht herablassend war in so manch einer Gelegenheit, so hatte sie Sympathie für diesen armen Dummkopf gefunden, sie würde auf jeden Fall wieder versuchen mit ihm in Kontakt zu treten, Menschen wie er waren immer eine gute Quelle für Inspiration und Ideen.
Sie hatte sich dann von ihm verabschiedet, hatte das Gasthaus verlassen und sah in den dämmernden Himmel. Sie stand alleine auf dem leeren Marktplatz Varunas. Ihre Blicke glitten umher und sie sah eine Bühne; Instrumente standen auf jener, aller Arten. Von Trommel, über die Laute bis hin zu einer mannesgroßen Harfe. Karischa lächelte verzückt, sie trat auf die Bühne und sah dann über den Markt. Hier vielleicht mal stehen und spielen … sie schüttelte den Kopf. Es hatte etwas verlockendes an sich, das musste sie zugeben, aber die meisten Menschen die sich extra für ein Konzert fein machten und sich dann geduldig niedersetzten und abwartend hochstarrten, waren selten erfreut über ihre Liedtexte. Sie hatte einmal vor einer Gruppe Adligen gespielt und diese hatten dies mit einem hochnäsigen Lächeln abgetan und gesagt, sie solle doch wieder in die Taverne zum Pöbel und spielen. Pöbel … sie hasste diesen Ausdruck. Meist hatte dieser „Pöbel“ einen besseren und vor allem ausgelasseneren Geschmack was Musik betraf als so manch ein Adeliger. Aber sie wusste auch dass man nicht verallgemeinern sollte, es gab sicher auch Adlige die ihre Musik schön fanden, doch diese wären dann wohl wiederum von ihrem Äußeren zu abgeschreckt. Sie war nun mal keine feine, edle Dame. Noch einmal blickte sie auf die Bühne und lächelte breit, vielleicht ja doch mal. Und mit diesem Gedanken trat sie aus Varuna raus, ein Schlafplatz musste gefunden werden.