Kapitel 1: Die Sache mit dem Erwachen und meiner Person
Dreimal frisch angesetzt und wieder keine rechte Einleitung gefunden... bestimmt ein Fluch, der mich irgendwann böse geschnappt hat. Wäre dann ja schon der Zweite. Der Verdacht liegt langsam nahe, dass die hinterhältig im Rudel angreifen, diese Flüche und einen daher so gut erwischen. Auf wirklich ganz kaltem Fuße. Von hinten angeschlichen und dann in einer komplexen quasi-semi-ovalen Kreisbewegung einmal um mich herum, um dann mitten auf der Nase in mich einzuschlagen. Würde so Einiges erklären, allen voran die Narbe, die dort prangt und an deren exaktes Auftauchen und die Umstände drum herum sich weder meine Familie noch mein Freundeskreis erinnern können. Dreck, ich ja auch nicht und immerhin laufe ich damit herum.
Ach, das wäre mal eine Art Einleitungssatz gewesen.
Also die versäumte Vorstellung!
Was nicht ist, kann ja noch werden:
Mein Name ist Ellys und nachdem ich aus einem winzigen Landstrich namens Fuchsenlohe bin, trage ich auch diesen Nachnamen. Oh nein, ich bin sicher weder adelig, noch edel oder sonst irgendwie besonders wichtig geartet aber das kleine Fleckchen Land gehört tatsächlich irgendwie meiner Familie, besser gesagt meinem Vater Nykolas Fuchsenlohe, der in einer ebenso idyllisch-beschaulichen wie öde-langweiligen Gegend das Wunder vollbracht hat, ein kleines Handelsimperium zu gründen. Einst war er Köhler, was in einer Lohe gar nicht so ungewöhnlich ist, bis er auf die Idee kam... nah, nun wird es doch ausufernd. Zurück zur Vorstellungsrunde.
Wie gesagt, Ellys Fuchsenlohe der Name, kein kleines Mädchen mehr aber eben auch noch nicht lange das, was man als „Vollweib“ bezeichnen würde. Allerdings fällt mir dann schon gar nicht so sehr viel mehr zu meiner Person ein. Ich bin nicht nur unspannend, was irgendwelche Titel und Ämter betrifft, sondern auch optisch eher ein Mensch, der nicht so sehr herausragt, denke ich.
Sicherlich bin ich kein zartes, elfengleiches Geschöpf aber auch keine kleine Walze, bin weder besonders hochgewachsen, noch winzig und kleide mich gerne praktisch bis bubenhaft. Mein Gesicht ist für den eigenen Geschmack etwas zu rund, die Lippen dürften dafür voller und verführerisch rot sein – sind sie aber eben nicht. Ich kann meine Augen gut leiden, was an der seltsamen Farbe liegt, die undefinierbar zwischen grün und blau schwankt und sich scheinbar je nach Lichteinfall, Stimmung oder Jahreszeit ein wenig zu ändern scheint. Gerne würde ich auch mein kupferfarbenes Haar loben aber abgesehen davon, dass es sich störrischerweise nicht entscheiden kann, ob es sich nun locken will oder lieber glatt bleibt, ist die Farbe nicht echt! Ich verdanke sie nur einer guten Mischung aus diversen Erden, Wurzeln und Blättchen, die dann eine gefühlte Ewigkeit in undefinierbarer Matsche auf meinem Kopf einwirken müssen, um ein garstiges mausgraubraunes Aschehaar Marke Straßenköterfarben mit ein wenig Herbstkupfer zu segnen.
Gesellschaftlich bin ich hier und da eine gescheiterte Existenz, denn obwohl ich in eine sehr wunderprächtige, liebevolle Familie geboren wurde, hab ich es selber nicht hinbekommen eine eigene zu gründen. Will sagen, ich war mal verlobt und das ist noch gar nicht so lange her, aber bevor die Hochzeit gehalten und der Mythos der ersten Nacht gelüftet werden konnte, lag das Ganze Luftschlossgebilde in Scherben vor mir und wäre nicht meine gute Großmutter Minna, mein Vetter Fandoryn, sowie meine Eltern, Geschwister und Freunde gewesen, dann hätte ich mich selber nur schlecht wieder aufklauben und zusammenreißen können. Seitdem backe ich kleine Brötchen und darf erst einmal zusehen, dass ich irgendwie vielleicht meine Lehre schaffe. Hatte mich beruflich wohl zu sehr auf die vermeintliche Prädestination namens „Hausfrau“ verlassen. Nun also tapfer anpacken und die neue Zukunftsvision des Kräuterweibleins verwirklichen! Aber auch da stehe ich noch eher am Anfang und bewege mich beschämend wackelig, wie auf Kindesbeinen, voran.
Das war es dann schon zu meiner Person, fürchte ich.
Ach jaaaa... und ich bin erwacht!
Heißt grundlegend erst einmal, dass ich das Lied, welches Eluive webte und in jedem Wesen aber auch scheinbar unbelebten Gegenständen innewohnt, wahrnehmen und irgendwie auch hier und da verändern kann. Aber hierbei stoße ich schon erklärungstechnisch an meine Grenzen, denn diese Sache ist so unendlich groß, dass ich selbst jetzt, nach einigen Wochenläufen unter fürsorglicher Anleitung, immer noch dann und wann das Gefühl habe darin ersaufen zu können. Kam unerwartet, dieses Erwachen und so plötzlich...
Hm, ganz nüchtern betrachtet passt es doch eigentlich gut, dass es zwischen Eisbruch und Lenzing irgendwann geschehen ist, denn somit war's im wahrsten Sinne des Wortes ein „Frühlingserwachen“. Ja, ich glaube da verstehe ich die kleinen Frühlingsblumen, die noch unsicher den Kopf aus der Erde stecken und sich zögerlich umsehen. Ich fühle mit den Bäumen, die behutsam die ersten Knospen öffnen und zarte, grüne Blätter gen Sonnenlicht strecken. Alles lauscht dem ersten Ruf der Lerche und ich lausche gleichermaßen dem Lied und staune nicht weniger, freue mich riesig und fühle mich dennoch unglaublich klein. Bestimmt würde ich mich auch genauso alleine fühlen, wenn da nicht jene wären, die mit mir auf diesem Weg wandern und sich nicht nur als Fremdenführer oder Freunde, sondern Schwestern angeboten haben. Wenn einem so viele Hände ohne jegliches Bedenken bedingungslos offen zur Hilfe gereicht werden, dann ist man ein Narr diese nicht anzunehmen. Oder in meinem Fall: eine Närrin. Bin ich zwar manchmal aber ganz so bescheuert war ich dann da doch nicht und hab dankend nach besagter Hilfe gegriffen, sie bisher kein Stück bereut und ich hoffe es ist andersrum genauso. Der Kreis um die Schwestern wuchs und bald fühlte ich mich auch gut behütet und über einen Brudermangel kann ich auch nicht klagen.
Als wäre es das Erwachen, welches nicht genug von mir und meinem Staunen bekommen konnte, hat es sich irgendwie auch im übertragenen Sinne auf andere Teile meines Lebens ausgebreitet. Ich schätze, meine Eltern wären reichlich zufrieden, wenn sie sehen würden, wie sehr ich mein Winterkleid, gewebt aus Unsicherheit, Rückzugstaktiken und Selbstverachtung, abgelegt habe und dank dem schon erwähnten Kreise aber auch einiger lieber Freunde, die nichts mit der Schwesternschaft am Hut haben, wieder etwas Selbstbewusstsein gefunden habe. Das wird nun durch Selbige Tag für Tag genährt, gewässert und gepflegt, damit täglich ein wenig mehr wächst. Im Moment habe ich sogar so etwas wie eine Bleibe und bin Untermieterin bei einer dieser wertvollen Personen. Dort in Bajard, wenn ich auf der Veranda sitze und dem glitzernden Wellenspiel zusehe, dann fühle ich sie, die Frühlingssonne. Mit jedem Morgen, wird sie ein wenig stärker, das Prickeln auf der Haut intensiver und das Wohlgefühl in mir breitet sich aus.
Es ist unglaublich prächtig zu erwachen!
Wobei... das nicht in allen Belangen gilt.
Es gibt Sachen, die weiter ruhen dürfen und nicht wieder erwachen sollten. Gerade was den Punkt Gefühle betrifft. Lächerlich dramatisch wahrscheinlich, wenn ich nun anmerke, dass der Winter zwar vorbei, doch nicht vergessen ist und dass die Furcht manchmal sehr große Schatten wirft. So groß, dass sie die Frühlingssonne hinter düsteren Wolken verstecken können. Klingt wie einem besonders schlechten Wälzer für parfaitsüchtige, alte Jungfern. Vielleicht gefällt es mir dann, wenn ich irgendwann eine solche werde?
Flapsige Sprüche und übertuschende Albernheiten beseite:
Ich habe die ersten Anzeichen bemerkt, als es sich in der Brust geregt hat und wieder erwachen wollte. Es ist auch schwer ein Schebegefühl zu ignorieren, wenn es durch eine simple Berührung oder den Griff um die Hand hervorgerufen werden kann. Ich armer, tumber Tropf habe dann aber nicht gleich gehandelt, sondern in stillem Staunen mal abgewartet und Maulaffen feilgehalten.
Die Suppe muss ich nun wohl auslöffeln und wieder ist sie ein wenig bitter.
Ich habe die Blicke meiner Schwester zuerst nicht recht deuten können. Ein wenig Schrecken, kurzes Verzweifeln und zuletzt ganz offenes Mitleid, welches mir galt. Selbst nach der richtigen Deutung habe ich es nicht wirklich begriffen und mir nichts weiter an den veränderten Umständen gedacht. Zumindest nicht im Bezug auf mich, ihn und... und was auch immer das gewesen ist.
Jetzt allerdings, nach diesem wirren Abend und dem Zukunftsweg der sich da für ihn öffnet, beginne ich erst langsam zu begreifen. Hmmm... und auch wenn ich dachte, dass es so schlimm noch nicht sein könnte, sitzt nun ein dicker, fetter Kloß in meinem Hals und lässt sich auch mit noch so viel Selbstironie nicht recht herabwürgen.
Es gibt Sachen, die nicht erwachen sollten!
Ich werde sie nun langsam wieder in den Schlaf wiegen und wohl doch auf die gerade erst schmählich benannten Rückzugstaktiken zurückgreifen. In diesem einen Fall zumindest...
Bizarr, wie das eigene Erwachen den Weg in ein wundersames Land öffnet und das Erwachen eines Anderen einen Keil zwischen zwei nah beieinander liegenden Pfade treibt.
Verdammtnocheins sch... schade.
Ellys im Wunderland
-
Ellys Fuchsbaum
Kapitel 2: Die Sache mit dem Leben und der Leidenschaft
Es dauert dann doch immer eine ganze Weile, bis Angelegenheiten, die eigentlich schon längst dauerhaft präsent sind, von der sturen Birne soweit auch anerkannt und zugelassen werden, dass man beginnt sie zu verdauen. Also nicht die Birne, Donnerwetter, ich bin ja kein Untoter... auch wenn ich manchmal morgens einem solchen vermutlich gar nicht so unähnlich sehe. Prächtig, nun schweife ich doch noch ab! Also zurück zur Sturbirne, die Gefühle gedanklich erst spät zulässt und jene dann verdaut. Wobei dieser Verdauungsvorgang eine halbe Ewigkeit anhält, wie mir scheint, denn ich staune und erschrecke teilweise jetzt noch über das kleine Wunder, was sich gerade an Beltane zugetragen hat.
Beltane, ja damit ging es schon los.
Man liest die Einladung, forscht dann doch ein wenig hier und da nach und bekommt bei einem solchen Fest irgendwie nichts Ganzes und nichts Halbes heraus. Fuchsenlohe ist ein einfaches Stück Land, eine Lohe eben, fruchtbar aber nicht wirklich weiter spannend oder auffällig. Die Menschen, die ein solches Land ihre Heimat nennen, sind ganz genauso. Äh, ich meine, ich weiß nun nichts über die Fruchtbarkeit der Fuchsenloher zu erzählen aber einfache Gemüter sind es wohl. Glücklich, zufrieden aber nicht weiter übermäßig interessant. Der Krieg hat diesen Flecken Erde nicht gezeichnet, zu weit abgelegen und dafür auch noch nicht reich genug. Viele kleine Fische in einem Tümpel, einem Moor. Nachrichten finden uns immer erst verspätet, wenn sie denn überhaupt den Weg nach Fuchsenlohe einschlagen, und für größere Märkte oder Feierlichkeiten fährt man gut und gerne einen halben Wochenlauf bis die nächstgrößere Ortschaft. Natürlich haben wir somit eher unsere eigenen Feste und Bräuche entwickelt und Beltane war mir nur als Frühlingsfeuer und Feldsegen bekannt.
Dass eine reine Feldsegenfeier mit anschließendem Freudenfeuer und den ersten gerösteten Frühkartoffeln nicht ganz das war, was mich bei der Schwesternschaft dann erwarten würde, deutete man mir mehrfach an. Mal ein etwas forsch-freches Zwinkern da, ein beinahe anzügliches Grinsen dort und mein Misstrauen wuchs. Spätestens seit Lux kichernd von Beltane sprach, als gelte es eine Orgie zu feiern, wurden in meinem Kopf wieder die alten Mären von Hexenweibern, die des Nachts nackend auf ihrem Besen um das Feuer flogen und sich mit Satyren und anderem Getier paarten lebendig. Nein, ich erwartete sicherlich nicht genau so etwas, immerhin bin ich kein dummes, kleines Hascherle und habe Augen, um zu sehen und einen Kopf, sowie ein Herz, um zu verstehen, dass meine Schwestern nicht derart gestrickt waren. Wohl aber spürte ich die plötzliche Präsenz der Leidenschaft und jene, wie mir Liska später bestätigte, nicht nur in den Herzen meiner Schwestern, sondern im gesamten Lauf der Natur, im Leben und dessen Blüte. Knospen reckten sich der Sonne entgegen, öffneten sich und warteten auf die ein oder andere, emsige Biene - Bäume sandten ihre Fruchtbarkeit in eidottergelben, flirrenden Samen durch die Lande... und wo Flora schon so freudig an Vermehrung dachte, war Fauna natürlich auch voll und ganz dabei. Brunftschreie der Hirsche des Tages, lockende Vogelrufe nach paarungswilligen Weibchen des Nachts. Hier und dort wuchsen die Nester in den Wipfeln der Bäume und die Kröten trugen ihre Kröteriche in die Tümpel... ja, ich sah, ich verstand und mir wurde unwohl.
Warum unwohl?
Weil es mich deutlich, wie mit einem glühenden Span auf bloßer Haut, daran erinnerte, dass ich mich selber nur aus einem ganz bestimmten Grund sperrte. Ohja, ich verweigerte mich den Frühlingsgefühlen immernoch und mit Leidenschaft konnte man mich eine ganze Weile sogar jagen. Jetzt denke ich im Nachhinein ziemlich peinlich berührt daran zurück, wie oft ich meinen Mitmenschen schon bei der kleinsten Andeutung von Privatsphärengesprächen mit einem "Will ich gar nicht wissen!" ins Wort gefallen bin oder wie sehr ich mich geweigert habe diverse Dinge auszusprechen und stattdessen derart wilde Umschreibungen abgegeben habe, dass Lucien schon bei den ersten Sätzen zu schmunzeln angefangen hat. So rückblickend betrachtet, kam ich wahrscheinlich wie ein prüdes, verklemmtes und recht grünohriges Gör rüber und Letzteres ganz ohne zu Shalas Verwandten zu gehören. Nicht sehr schmeichelhaft für meine Person und äußerst anstrengend für den Rest. Ich glaube Finja hat ein paarmal versucht mir den Kopf zu waschen, doch auch da stellte ich mich stur und allen voran taub. Doch wer denkt, dass ich hierbei schon ätzend war, der wird auch sehen, wie grausam ich anderswo sein konnte.
Grausam, ohja und selbstsüchtig, denn ich sah nur mein mögliches Leid und versuchte mich und mein Mimimimimi-Herz zu beschützen, damit es nicht noch einmal gebrochen werden konnte, indem ich mich demjenigen entzog, der die Gefahr darstellte. Allein, wenn ich das nun so reflektiere, möchte ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihn danach ächzend schütteln. Wie albern kann ein Mensch nur sein? "Weiber!"? Nein nein, eher "Ellys!" Es wäre doch so simpel gewesen, den Jungen einfach beiseite zu ziehen und ihn direkt zu fragen, was er selber empfindet, statt Mutmaßungen und freie Interpretationen zu treffen. Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?! Ich wählte den Dumpfbackenweg und ging ihm wochenlang aus dem Weg, deutete seine Freude, wenn er mich dann mal erwischte, absichtlich falsch a la "Oha, dem scheint es aber gut zu gehen ohne dich..." und wunderte mich, dass er mich aufgrund der unterkühlten Distanz "seltsam" nannte, ja war sogar noch kurz beleidigt.
Affentheater oder wie meine Großmutter zu sagen pflegt:
"Eluive hat schon einen seeeehr großen Tiergarten!"
So spielte ich zuerst eben die Rolle des albernen Gänschens, dann die des selbstsüchtigen Egoferkels und zwischendrin immer mal wieder die dumme Pute, bis zur Beltanenacht. Es war nicht mal unbedingt Liskas Erläuterung, bei der ich noch pikiert äußerte, dass ich solche Gefühle sicher nicht haben würde (und verständlicherweise einen eher mitleidigen Blick erntete), sondern das, was danach geschah, was mich und meine Sinne lockerte. Bestimmt hatte auch der Wein und der süße Rausch darin so seine Wirkung im ganzen Spiel, doch glaube ich fest daran, dass es zuletzt die Lieder, Geschichten, Gedichte, Tänze und damit die Verbundenheit, ja, das Vertrauen zueinander war, was die Knoten in meinem Inneren mit sanften Fingern lockerte. Die Schwestern, der Behüter, nicht mehr oder weniger Familie, als die, der ich mit dem Blute verbunden bin. Ich liebe beide von ganzem Herzen. Es waren just solche glückseligen Gedanken, die durch meinen Körper und den Geist fluteten, als mein Name quer durch den Sumpf schallte... und ich wusste sofort, wem die Stimme gehörte.
Schon seltsam wie sehr man zwischen
* lodernder Wut, denn immerhin war der dreiste Kerl mitten in der Nacht im Sumpf gestanden und hatte das Beltanefest am Ende ein wenig gesprengt
* plötzlicher Sorge, denn wie gesagt - er war mitten in der Nacht im Sumpf gestanden und oh Hölle, vielleicht war etwas passiert ?!
* perplexer Irritation, denn... stand er wirklich mitten in der Nacht im Sumpf oder durfte ich das nun auch noch dem Wein und etwaigen Wahnvorstellungen zuordnen? Bestimmt war der Schlehengeist schuld!
* flattriger Freude und Schmeichelei, er war scheinbar mitten in der Nacht im Sumpf und offensichtlich suchte er mich... alsoooo, war er hier wegen mir!
schwanken kann.
Ich hab's dann letztendlich aufgeteilt und den Schwestern die Sorge geschildert und erklärt, dass ich mit ihm reden wollen würde. Er bekam die Wut kurz danach zu schmecken, denn ich raunzte ihn übellaunig an und hielt die ersten Standpredigten - bis heute ist mir nicht ganz klar, warum er mich nicht einfach hat stehenlassen, sondern sich brav alles anhörte. Mit der Irritation verabschiedete ich mich dann, als Majalin und Lucien mit so einem ganz seltsamen Hauch Amüsement dafür sorgten, dass wir zu zweit den Rückweg nach Bajard antraten und die Freude packte mich, als er meine Hand wieder einmal ergriff.
Tja und da, nachdem er immernoch keine zufriedenstellende Antwort geben konnte, warum er seit geraumer Zeit fast selbstverständlich meine Hand dann und wann nahm oder warum er mich so lange seltsam ansah, wenn ich Röcke und weiblich-schmeichelnde Leibchen trug (zugegebenermaßen geschah beides bisher so selten, dass ich seine Verwunderung und die längeren Blicke schon ein wenig nachvollziehen kann aber es lag mehr als nur Erstaunen darin), da wirkte der Beltaneleidenschaftszauber ein ganz klein wenig auf mich. Wild entschlossen, endlich Gewissheit zu bekommen, zog ich ihn vor das kleine, eingefallene Hüttchen mitten in eine Moorlichtung voller wilder Kräuter und ehe er nachfragen konnte, was genau ich da gerade vorhatte, hielt ich ihm die Augen zu und wagte den kleinen Sprung ins sprichwörtlich kalte Wasser. In Wahrheit nur eine Gewichtsverlagerung nach vorne, das Hochdrücken der Fersen, um ein wenig Größe zu kompensieren, um Lippen mit den eigenen zu berühren.
Ein Moment nur, der zeitlich alles und nichts bedeutet... dann erst hält die Welt den Atem an, wenn die Antwort nun kommen müsste, die Erklärung, die Reaktion, die...
"Ich mag es, wenn du dich hübsch anziehst..."
Ich fand sie schon in der Hilflosigkeit, die in diesem Satz mitschwang. Es war eher eine Frage, eine vorsichtige Erläuterung und keine kühl berechnende Aussage. Er hätte mich danach nicht mehr küssen müssen, um mir zu zeigen, wie es um sein Herz bestellt war, denn es jubilierte bereits in meinem. Aber beschweren mag ich mich nicht, ich habe auch diesen zweiten Kuss und all jene, die nach dieser Beltanennacht folgten, schwer genossen, selbst wenn oder gerade weil sie noch immer unschuldig und etwas unbeholfen anmuten, denn sie gelten und gehören ganz mir.
Es dauert dann doch immer eine ganze Weile, bis Angelegenheiten, die eigentlich schon längst dauerhaft präsent sind, von der sturen Birne soweit auch anerkannt und zugelassen werden, dass man beginnt sie zu verdauen. Also nicht die Birne, Donnerwetter, ich bin ja kein Untoter... auch wenn ich manchmal morgens einem solchen vermutlich gar nicht so unähnlich sehe. Prächtig, nun schweife ich doch noch ab! Also zurück zur Sturbirne, die Gefühle gedanklich erst spät zulässt und jene dann verdaut. Wobei dieser Verdauungsvorgang eine halbe Ewigkeit anhält, wie mir scheint, denn ich staune und erschrecke teilweise jetzt noch über das kleine Wunder, was sich gerade an Beltane zugetragen hat.
Beltane, ja damit ging es schon los.
Man liest die Einladung, forscht dann doch ein wenig hier und da nach und bekommt bei einem solchen Fest irgendwie nichts Ganzes und nichts Halbes heraus. Fuchsenlohe ist ein einfaches Stück Land, eine Lohe eben, fruchtbar aber nicht wirklich weiter spannend oder auffällig. Die Menschen, die ein solches Land ihre Heimat nennen, sind ganz genauso. Äh, ich meine, ich weiß nun nichts über die Fruchtbarkeit der Fuchsenloher zu erzählen aber einfache Gemüter sind es wohl. Glücklich, zufrieden aber nicht weiter übermäßig interessant. Der Krieg hat diesen Flecken Erde nicht gezeichnet, zu weit abgelegen und dafür auch noch nicht reich genug. Viele kleine Fische in einem Tümpel, einem Moor. Nachrichten finden uns immer erst verspätet, wenn sie denn überhaupt den Weg nach Fuchsenlohe einschlagen, und für größere Märkte oder Feierlichkeiten fährt man gut und gerne einen halben Wochenlauf bis die nächstgrößere Ortschaft. Natürlich haben wir somit eher unsere eigenen Feste und Bräuche entwickelt und Beltane war mir nur als Frühlingsfeuer und Feldsegen bekannt.
Dass eine reine Feldsegenfeier mit anschließendem Freudenfeuer und den ersten gerösteten Frühkartoffeln nicht ganz das war, was mich bei der Schwesternschaft dann erwarten würde, deutete man mir mehrfach an. Mal ein etwas forsch-freches Zwinkern da, ein beinahe anzügliches Grinsen dort und mein Misstrauen wuchs. Spätestens seit Lux kichernd von Beltane sprach, als gelte es eine Orgie zu feiern, wurden in meinem Kopf wieder die alten Mären von Hexenweibern, die des Nachts nackend auf ihrem Besen um das Feuer flogen und sich mit Satyren und anderem Getier paarten lebendig. Nein, ich erwartete sicherlich nicht genau so etwas, immerhin bin ich kein dummes, kleines Hascherle und habe Augen, um zu sehen und einen Kopf, sowie ein Herz, um zu verstehen, dass meine Schwestern nicht derart gestrickt waren. Wohl aber spürte ich die plötzliche Präsenz der Leidenschaft und jene, wie mir Liska später bestätigte, nicht nur in den Herzen meiner Schwestern, sondern im gesamten Lauf der Natur, im Leben und dessen Blüte. Knospen reckten sich der Sonne entgegen, öffneten sich und warteten auf die ein oder andere, emsige Biene - Bäume sandten ihre Fruchtbarkeit in eidottergelben, flirrenden Samen durch die Lande... und wo Flora schon so freudig an Vermehrung dachte, war Fauna natürlich auch voll und ganz dabei. Brunftschreie der Hirsche des Tages, lockende Vogelrufe nach paarungswilligen Weibchen des Nachts. Hier und dort wuchsen die Nester in den Wipfeln der Bäume und die Kröten trugen ihre Kröteriche in die Tümpel... ja, ich sah, ich verstand und mir wurde unwohl.
Warum unwohl?
Weil es mich deutlich, wie mit einem glühenden Span auf bloßer Haut, daran erinnerte, dass ich mich selber nur aus einem ganz bestimmten Grund sperrte. Ohja, ich verweigerte mich den Frühlingsgefühlen immernoch und mit Leidenschaft konnte man mich eine ganze Weile sogar jagen. Jetzt denke ich im Nachhinein ziemlich peinlich berührt daran zurück, wie oft ich meinen Mitmenschen schon bei der kleinsten Andeutung von Privatsphärengesprächen mit einem "Will ich gar nicht wissen!" ins Wort gefallen bin oder wie sehr ich mich geweigert habe diverse Dinge auszusprechen und stattdessen derart wilde Umschreibungen abgegeben habe, dass Lucien schon bei den ersten Sätzen zu schmunzeln angefangen hat. So rückblickend betrachtet, kam ich wahrscheinlich wie ein prüdes, verklemmtes und recht grünohriges Gör rüber und Letzteres ganz ohne zu Shalas Verwandten zu gehören. Nicht sehr schmeichelhaft für meine Person und äußerst anstrengend für den Rest. Ich glaube Finja hat ein paarmal versucht mir den Kopf zu waschen, doch auch da stellte ich mich stur und allen voran taub. Doch wer denkt, dass ich hierbei schon ätzend war, der wird auch sehen, wie grausam ich anderswo sein konnte.
Grausam, ohja und selbstsüchtig, denn ich sah nur mein mögliches Leid und versuchte mich und mein Mimimimimi-Herz zu beschützen, damit es nicht noch einmal gebrochen werden konnte, indem ich mich demjenigen entzog, der die Gefahr darstellte. Allein, wenn ich das nun so reflektiere, möchte ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihn danach ächzend schütteln. Wie albern kann ein Mensch nur sein? "Weiber!"? Nein nein, eher "Ellys!" Es wäre doch so simpel gewesen, den Jungen einfach beiseite zu ziehen und ihn direkt zu fragen, was er selber empfindet, statt Mutmaßungen und freie Interpretationen zu treffen. Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?! Ich wählte den Dumpfbackenweg und ging ihm wochenlang aus dem Weg, deutete seine Freude, wenn er mich dann mal erwischte, absichtlich falsch a la "Oha, dem scheint es aber gut zu gehen ohne dich..." und wunderte mich, dass er mich aufgrund der unterkühlten Distanz "seltsam" nannte, ja war sogar noch kurz beleidigt.
Affentheater oder wie meine Großmutter zu sagen pflegt:
"Eluive hat schon einen seeeehr großen Tiergarten!"
So spielte ich zuerst eben die Rolle des albernen Gänschens, dann die des selbstsüchtigen Egoferkels und zwischendrin immer mal wieder die dumme Pute, bis zur Beltanenacht. Es war nicht mal unbedingt Liskas Erläuterung, bei der ich noch pikiert äußerte, dass ich solche Gefühle sicher nicht haben würde (und verständlicherweise einen eher mitleidigen Blick erntete), sondern das, was danach geschah, was mich und meine Sinne lockerte. Bestimmt hatte auch der Wein und der süße Rausch darin so seine Wirkung im ganzen Spiel, doch glaube ich fest daran, dass es zuletzt die Lieder, Geschichten, Gedichte, Tänze und damit die Verbundenheit, ja, das Vertrauen zueinander war, was die Knoten in meinem Inneren mit sanften Fingern lockerte. Die Schwestern, der Behüter, nicht mehr oder weniger Familie, als die, der ich mit dem Blute verbunden bin. Ich liebe beide von ganzem Herzen. Es waren just solche glückseligen Gedanken, die durch meinen Körper und den Geist fluteten, als mein Name quer durch den Sumpf schallte... und ich wusste sofort, wem die Stimme gehörte.
Schon seltsam wie sehr man zwischen
* lodernder Wut, denn immerhin war der dreiste Kerl mitten in der Nacht im Sumpf gestanden und hatte das Beltanefest am Ende ein wenig gesprengt
* plötzlicher Sorge, denn wie gesagt - er war mitten in der Nacht im Sumpf gestanden und oh Hölle, vielleicht war etwas passiert ?!
* perplexer Irritation, denn... stand er wirklich mitten in der Nacht im Sumpf oder durfte ich das nun auch noch dem Wein und etwaigen Wahnvorstellungen zuordnen? Bestimmt war der Schlehengeist schuld!
* flattriger Freude und Schmeichelei, er war scheinbar mitten in der Nacht im Sumpf und offensichtlich suchte er mich... alsoooo, war er hier wegen mir!
schwanken kann.
Ich hab's dann letztendlich aufgeteilt und den Schwestern die Sorge geschildert und erklärt, dass ich mit ihm reden wollen würde. Er bekam die Wut kurz danach zu schmecken, denn ich raunzte ihn übellaunig an und hielt die ersten Standpredigten - bis heute ist mir nicht ganz klar, warum er mich nicht einfach hat stehenlassen, sondern sich brav alles anhörte. Mit der Irritation verabschiedete ich mich dann, als Majalin und Lucien mit so einem ganz seltsamen Hauch Amüsement dafür sorgten, dass wir zu zweit den Rückweg nach Bajard antraten und die Freude packte mich, als er meine Hand wieder einmal ergriff.
Tja und da, nachdem er immernoch keine zufriedenstellende Antwort geben konnte, warum er seit geraumer Zeit fast selbstverständlich meine Hand dann und wann nahm oder warum er mich so lange seltsam ansah, wenn ich Röcke und weiblich-schmeichelnde Leibchen trug (zugegebenermaßen geschah beides bisher so selten, dass ich seine Verwunderung und die längeren Blicke schon ein wenig nachvollziehen kann aber es lag mehr als nur Erstaunen darin), da wirkte der Beltaneleidenschaftszauber ein ganz klein wenig auf mich. Wild entschlossen, endlich Gewissheit zu bekommen, zog ich ihn vor das kleine, eingefallene Hüttchen mitten in eine Moorlichtung voller wilder Kräuter und ehe er nachfragen konnte, was genau ich da gerade vorhatte, hielt ich ihm die Augen zu und wagte den kleinen Sprung ins sprichwörtlich kalte Wasser. In Wahrheit nur eine Gewichtsverlagerung nach vorne, das Hochdrücken der Fersen, um ein wenig Größe zu kompensieren, um Lippen mit den eigenen zu berühren.
Ein Moment nur, der zeitlich alles und nichts bedeutet... dann erst hält die Welt den Atem an, wenn die Antwort nun kommen müsste, die Erklärung, die Reaktion, die...
"Ich mag es, wenn du dich hübsch anziehst..."
Ich fand sie schon in der Hilflosigkeit, die in diesem Satz mitschwang. Es war eher eine Frage, eine vorsichtige Erläuterung und keine kühl berechnende Aussage. Er hätte mich danach nicht mehr küssen müssen, um mir zu zeigen, wie es um sein Herz bestellt war, denn es jubilierte bereits in meinem. Aber beschweren mag ich mich nicht, ich habe auch diesen zweiten Kuss und all jene, die nach dieser Beltanennacht folgten, schwer genossen, selbst wenn oder gerade weil sie noch immer unschuldig und etwas unbeholfen anmuten, denn sie gelten und gehören ganz mir.
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Ellys Fuchsbaum
Kapitel 3: Die Sache mit den Wegverästelungen und den werten Mitwanderern
Da sitze ich nun, ich armer Tor und mein erstes Werk das liegt davor.
Na gut, zum rhetorischen Reimwunder wird es wahrscheinlich nicht langen aber immerhin blicken meine Augen mit einem gewissen Stolz auf einige emsig beschriebene Seiten, die tatsächlich meinen ersten kleinen Opus über die Minzgewächse allgemein darstellen. Nichts weiter Großartiges aber doch eine Hausaufgabe, die ich nicht nur gerne, sondern gar mit Feuereifer bestritten habe. In Fuchsenlohe war ich deshalb vermutlich eine rechte Plage, denn kein Buch und kein Gläschen in der Kräuterstube meiner Großmutter war vor mir sicher – na und sie erst recht nicht! Zuletzt dachte ich, dass man die Löcher, die ich ihr in den Bauch gefragt habe, schon beinahe sehen müsste. Eigentlich ist man das Gequassel meinerseits wahrscheinlich schon gewohnt, doch mit einer neuen Selbstsicherheit gehe ich seit geraumer Zeit an meine Forschungsgebiete heran, hinterfrage zwar, doch zweifle ich lange nicht mehr mich und jede meiner Handlungen an. Vielleicht hatten Cara und Liska das damals gemeint, als sie von einer stetigen Wandlung der Einstellung zu so ziemlich allem Möglichen sprachen. Licht und Schatten werden facettenreicher und wachsen, ich wachse mit ihnen, betreibe meine Selbstreflexion und sehe, dass ich sogar „erwachsen“ werde. Nicht hinsichtlich meines Körpers, der war auch schon zu Beginn meiner Zeit im Kreise der Schwestern so wie jetzt, mehr oder minder ausgereift und für meinen Geschmack hier und da zu rund und das dann an den falschen Stellen... auch nicht im Bezug auf mein inneres Kind, denn ich fürchte das verliert man nicht wirklich, wenn man es nicht ständig unterdrückt und maßregelt, sondern eher in jener bizarren, weltoffenen Art die durch die vielen, neuen Eindrücke, Erlebnisse und Verknüpfungen schleichend einen Hauch Weisheit mit sich bringt. Ich bin, wissen die Götter, nicht altwürdig weise und ausgefeilt klug, doch auch nicht mehr ganz das blauäugige Träumerchen aus dem verschlafenen Hinterland, das die Heimat Fuchsenlohe damals verließ.
Woran das nun konkret liegt kann ich nur mutmaßen, denn die Erfahrungen tragen nicht immer Gesichter aber es hat natürlich viel mit der ganzen Abzweigungen auf den Pfaden meines Lebens zu tun und nicht zuletzt mit der Entdeckung, dass man manche davon sehr wohl auch parallel gut verfolgen und bestreiten kann. Nicht immer bedeutet die Wahl eines Weges, dass man einen anderen dafür sicher verspielt hat und ich genieße es, die Wegverästelungen zu begehen und erfreue mich auch an den werten Mitwanderern, die ich hier und da auf den Pfaden finde.
In den Wurzeln meiner Wege finde ich meine Familie, mein Beginn und Stammplatz, zu welchem ich immer wieder zurückkehren kann, wenn ich mich jener Zeit besinnen möchte und ein klein wenig Nestwärme nötig habe. Ich freue mich jedes Mal, wenn die Zeit es zulässt die Reise in jene ur-idyllische, heimatliche Gefilde zu machen. Ein Stadtmädchen werde ich wohl nie werden, denn obwohl ich mich auf Gerimor bestimmt nicht unwohl fühle, so schafft es Fuchenlohe mit seiner bäuerlichen und braven Ruhe dennoch nicht, mich auch nach all der aufregenden Zeit zu langweilen. Schön also, wenn man ab und an dort in den Wegeswurzeln ein wenig unbekümmert die große Welt auch einfach Welt sein lassen kann.
Wenn ich nicht dort verweile ist der breite und auch noch sehr weite Weg, dem ich folge, jener der Schwesternschaft und gerade weil er mir Vieles zeigt und nicht immer bequem erscheint, manchmal gar von Nebelschleiern durchzogen wird, die einem die Sicht rauben und von wartenden Ungewissheiten zart flüstern, bin ich froh, dass es dort auch feste Beständigkeiten gibt, die von einer ähnlichen Wärme und Liebe gekennzeichnet sind, wie meiner Familie im Blute: jene im Geiste und Herzen, die Schwestern selbst. Wann immer ich den Nebel fürchte oder auf einem steinigeren Wegstück langsam vorankomme, vielleicht gar stürze, werden mit mehrere Hände gereicht und ich komme schnell wieder auf die Beine. Wenn ich wanke, dann werde ich gestützt und bei Müdigkeit bietet man mir die Möglichkeit zur Rast. Ich bin einfach nie vollkommen einsam und alleine auf jenem Pfad und das ist ein wunderbares Gefühl, denn ich bevorzuge die Gesellschaft, vor allem eben jenen besonderen Bund.
Aus meiner oftmals verklärten aber unbeirrbar positiven Sicht ist jener auch nach wie vor eng mit dem der Brüder verbunden, als wären wir alle irgendwie Geschwister, die sich gerade deshalb so prächtig streiten können aber auch im Grunde einander verstehen sollten. Ich bin so glücklich, wenn ich mit jenen, die sich dem Urklang des Liedes verbunden fühlen und die Geister, Feen und Zauber der Natur nicht übersehen können, beisammen bin. Es ist ein Segen, mit den Thyren, Elfen, Brüdern und offenbar auch einigen letzten Waldläufern jene Magie vernehmen zu können, denn dieses Verständnis eint uns und wieder ist niemand alleine auf einem großen, wundersamen Weg.
Doch habe ich mir auch weitere, zarte Astpfade, die dabei parallel begehbar sind, auch wegen den Mitwanderern ausgesucht. Ein Ring ziert meine Hand und auch wenn es nicht jener ist, den ich irgendwann mit zarter Liebe und klopfendem Herzen berühren werde, so spricht er dennoch von einem weiteren Band zu diesen... nunja... Sternenwanderern auf einem Firmamentpfad, dem Nachtvolk, welchem ich beigetreten bin, weil mich die Geschichten und Sagen jener faszinieren und eben weil ich die einzelnen Personen, die diese bunte, schimmernde Truppe bilden, sehr liebgewonnen habe. Zwar graut mit vor dem ersten Auftritt, an welchem ich dann das zeigen soll, was ich vorgebe zu sein – ein Kind der Illusionen und Jahrmarkts-Budenzauberei, doch auch das werde ich überstehen, denn ich bin nicht einmal auf der Bühne alleine.
Zudem soll ein weiterer Pfad mir helfen Verständnis für das Reich der Illusionen, der Täuschungen, Vorspiegelungen und Wunschträume zu erlangen. Dafür liegt bereits ein Brief, adressiert an die hohe Matriarchin der Academia Arcana, Angelica Mondstein, auf der Kommode in der Diele. Wohl überlegt sind die Worte, denn wenn ich einen solchen Schritt in die Welt der Täuschungen mit einer eben solchen Halbwahrheit beginne, die die Grenzen zwischen Schein und Sein verwischen soll, muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in die Ecke der haarsträubenden Lügen verirre, denn das wäre weder der Akademieleitung, noch den vielleicht zukünftigen Mitschülern und auch nicht meiner Selbst gerecht. Wieder irgendwo von vorne beginnen wird nicht einfach sein, doch übte just jene Person und die Selbstverständlichkeit, mit welcher sie alles an Magie und Wissen willkommen hieß, eine gewisse, unbestreitbare Faszination auf mich aus. Hoffnung war auch mit im Spiel, die keimende Hoffnung dass das Begreifen eine feine, frische Brücke zwischen unsere verschiedenen Traditionen schlagen könnte. Vielleicht haben die Mahnstimmen recht und ich werde am Ende Enttäuschung ernten, doch lernt man mit Kopf, Herz und Hand und nicht über reine Mutmaßungen. Also werde ich dieses Wagnis eingehen und den Brief alsbald zum Boten bringen.
Es mag wohl auch an dem Vertrauen und der hohen Achtung vor jener Frau liegen, die meine bessere Hälfte äußert.
Mikael...
Schon seltsam, doch als wir damals in Bajard quasi beide an Land gespühlt worden und gestrandet gewesen sind, hab ich mir fest vorgenommen den blonden Wirrkopf nicht leiden möchte, schon gar nicht so. Er sollte am besten zu einem weiteren abschreckenden Beispiel dessen werden, woran ich mir die Pfoten zuletzt heiß verbrannt habe, doch wenn ich sehe, wo wir nun gelandet sind, dann ist es keine Floskel, wenn ich äußere, dass ich das Glück nicht fassen und begreifen kann. Vertrauen, ja, mein Leben würde und habe ich in seine Hände gelegt und wusste doch zuvor ohne auch nur den Hauch von Furcht, dass er mich nicht enttäuschen würde. Er wusste, dass meine Sinne das Lied vernehmen, dass ich wirke und doch kam nie die Nachfrage über seine Lippen. Nein, er wartete, bis ich bereit war ihm doch wieder nur knappe und vage Auskünfte zu geben. Dann nahm er jene dankend an und schloss mich in seine Arme. Hier bin ich Zuhause, hier zündet der Funke das Flämmchen, denn er ist der Wind, der meinem Feuer den Atem schenkt.
Anders als in Bilder ist es nicht zu fassen, was wir für einander sind und bedeuten, alles Weitere entzieht sich der Welt der Worte...
Das gemeinsame Heim ist nun auch hier in Schwingenstein gefunden und endlich baulich vollendet.
Achja, Schwingenstein. Da sind wir doch schon wieder an einem weiteren Pfad und da möchte ich mich fast noch viel schnulziger ausdrücken, als zuvor schon aber dann wird mir der Schmalz aus Ohren, Nase und Mund kommen und ich sehe am Ende aus wie ein glänzendes Fettgebäck, also muss ich nun aufpassen wie ich meine Gedanken formuliere! Ich bin froh, dass wir hier gelandet sind, denn der Weggang aus Bajard war schwer und der Abschied von Lilja noch schwerer aber hier ist nicht nur die Nachbarschaft, sondern einfach das Leben gut. Zu weit entfernt von der Stadt, um im Trubel zu versinken, doch aufgrund der Nähe zum Niemandsland und dem Herz der Temorakirche, dem Kloster, braucht es auch eine gewisse Grundverbundenheit untereinander. Die ist reichlich gegeben und ich verdanke es meinen Lieblingsnachbarn, genauer gesagt dem guten Lucien, der treuen Seele, dass ich nun bald auch etwas an jene Verbundenheit zurückgeben kann und als Hilfe in der Klosterheilstube meine Arbeit anbieten. Da fällt mein Auge unweigerlich wieder auf das Büchlein vor meiner Nase.
„Die Minze – ein Heilkraut“, simpler Titel und ein Einzelwerk. Ich glaube es dürfen weitere folgen und jedes widme ich gedanklich einem anderen Kraut... äh Mitwanderer auf den verzweigten Lebenspfaden.
Da sitze ich nun, ich armer Tor und mein erstes Werk das liegt davor.
Na gut, zum rhetorischen Reimwunder wird es wahrscheinlich nicht langen aber immerhin blicken meine Augen mit einem gewissen Stolz auf einige emsig beschriebene Seiten, die tatsächlich meinen ersten kleinen Opus über die Minzgewächse allgemein darstellen. Nichts weiter Großartiges aber doch eine Hausaufgabe, die ich nicht nur gerne, sondern gar mit Feuereifer bestritten habe. In Fuchsenlohe war ich deshalb vermutlich eine rechte Plage, denn kein Buch und kein Gläschen in der Kräuterstube meiner Großmutter war vor mir sicher – na und sie erst recht nicht! Zuletzt dachte ich, dass man die Löcher, die ich ihr in den Bauch gefragt habe, schon beinahe sehen müsste. Eigentlich ist man das Gequassel meinerseits wahrscheinlich schon gewohnt, doch mit einer neuen Selbstsicherheit gehe ich seit geraumer Zeit an meine Forschungsgebiete heran, hinterfrage zwar, doch zweifle ich lange nicht mehr mich und jede meiner Handlungen an. Vielleicht hatten Cara und Liska das damals gemeint, als sie von einer stetigen Wandlung der Einstellung zu so ziemlich allem Möglichen sprachen. Licht und Schatten werden facettenreicher und wachsen, ich wachse mit ihnen, betreibe meine Selbstreflexion und sehe, dass ich sogar „erwachsen“ werde. Nicht hinsichtlich meines Körpers, der war auch schon zu Beginn meiner Zeit im Kreise der Schwestern so wie jetzt, mehr oder minder ausgereift und für meinen Geschmack hier und da zu rund und das dann an den falschen Stellen... auch nicht im Bezug auf mein inneres Kind, denn ich fürchte das verliert man nicht wirklich, wenn man es nicht ständig unterdrückt und maßregelt, sondern eher in jener bizarren, weltoffenen Art die durch die vielen, neuen Eindrücke, Erlebnisse und Verknüpfungen schleichend einen Hauch Weisheit mit sich bringt. Ich bin, wissen die Götter, nicht altwürdig weise und ausgefeilt klug, doch auch nicht mehr ganz das blauäugige Träumerchen aus dem verschlafenen Hinterland, das die Heimat Fuchsenlohe damals verließ.
Woran das nun konkret liegt kann ich nur mutmaßen, denn die Erfahrungen tragen nicht immer Gesichter aber es hat natürlich viel mit der ganzen Abzweigungen auf den Pfaden meines Lebens zu tun und nicht zuletzt mit der Entdeckung, dass man manche davon sehr wohl auch parallel gut verfolgen und bestreiten kann. Nicht immer bedeutet die Wahl eines Weges, dass man einen anderen dafür sicher verspielt hat und ich genieße es, die Wegverästelungen zu begehen und erfreue mich auch an den werten Mitwanderern, die ich hier und da auf den Pfaden finde.
In den Wurzeln meiner Wege finde ich meine Familie, mein Beginn und Stammplatz, zu welchem ich immer wieder zurückkehren kann, wenn ich mich jener Zeit besinnen möchte und ein klein wenig Nestwärme nötig habe. Ich freue mich jedes Mal, wenn die Zeit es zulässt die Reise in jene ur-idyllische, heimatliche Gefilde zu machen. Ein Stadtmädchen werde ich wohl nie werden, denn obwohl ich mich auf Gerimor bestimmt nicht unwohl fühle, so schafft es Fuchenlohe mit seiner bäuerlichen und braven Ruhe dennoch nicht, mich auch nach all der aufregenden Zeit zu langweilen. Schön also, wenn man ab und an dort in den Wegeswurzeln ein wenig unbekümmert die große Welt auch einfach Welt sein lassen kann.
Wenn ich nicht dort verweile ist der breite und auch noch sehr weite Weg, dem ich folge, jener der Schwesternschaft und gerade weil er mir Vieles zeigt und nicht immer bequem erscheint, manchmal gar von Nebelschleiern durchzogen wird, die einem die Sicht rauben und von wartenden Ungewissheiten zart flüstern, bin ich froh, dass es dort auch feste Beständigkeiten gibt, die von einer ähnlichen Wärme und Liebe gekennzeichnet sind, wie meiner Familie im Blute: jene im Geiste und Herzen, die Schwestern selbst. Wann immer ich den Nebel fürchte oder auf einem steinigeren Wegstück langsam vorankomme, vielleicht gar stürze, werden mit mehrere Hände gereicht und ich komme schnell wieder auf die Beine. Wenn ich wanke, dann werde ich gestützt und bei Müdigkeit bietet man mir die Möglichkeit zur Rast. Ich bin einfach nie vollkommen einsam und alleine auf jenem Pfad und das ist ein wunderbares Gefühl, denn ich bevorzuge die Gesellschaft, vor allem eben jenen besonderen Bund.
Aus meiner oftmals verklärten aber unbeirrbar positiven Sicht ist jener auch nach wie vor eng mit dem der Brüder verbunden, als wären wir alle irgendwie Geschwister, die sich gerade deshalb so prächtig streiten können aber auch im Grunde einander verstehen sollten. Ich bin so glücklich, wenn ich mit jenen, die sich dem Urklang des Liedes verbunden fühlen und die Geister, Feen und Zauber der Natur nicht übersehen können, beisammen bin. Es ist ein Segen, mit den Thyren, Elfen, Brüdern und offenbar auch einigen letzten Waldläufern jene Magie vernehmen zu können, denn dieses Verständnis eint uns und wieder ist niemand alleine auf einem großen, wundersamen Weg.
Doch habe ich mir auch weitere, zarte Astpfade, die dabei parallel begehbar sind, auch wegen den Mitwanderern ausgesucht. Ein Ring ziert meine Hand und auch wenn es nicht jener ist, den ich irgendwann mit zarter Liebe und klopfendem Herzen berühren werde, so spricht er dennoch von einem weiteren Band zu diesen... nunja... Sternenwanderern auf einem Firmamentpfad, dem Nachtvolk, welchem ich beigetreten bin, weil mich die Geschichten und Sagen jener faszinieren und eben weil ich die einzelnen Personen, die diese bunte, schimmernde Truppe bilden, sehr liebgewonnen habe. Zwar graut mit vor dem ersten Auftritt, an welchem ich dann das zeigen soll, was ich vorgebe zu sein – ein Kind der Illusionen und Jahrmarkts-Budenzauberei, doch auch das werde ich überstehen, denn ich bin nicht einmal auf der Bühne alleine.
Zudem soll ein weiterer Pfad mir helfen Verständnis für das Reich der Illusionen, der Täuschungen, Vorspiegelungen und Wunschträume zu erlangen. Dafür liegt bereits ein Brief, adressiert an die hohe Matriarchin der Academia Arcana, Angelica Mondstein, auf der Kommode in der Diele. Wohl überlegt sind die Worte, denn wenn ich einen solchen Schritt in die Welt der Täuschungen mit einer eben solchen Halbwahrheit beginne, die die Grenzen zwischen Schein und Sein verwischen soll, muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in die Ecke der haarsträubenden Lügen verirre, denn das wäre weder der Akademieleitung, noch den vielleicht zukünftigen Mitschülern und auch nicht meiner Selbst gerecht. Wieder irgendwo von vorne beginnen wird nicht einfach sein, doch übte just jene Person und die Selbstverständlichkeit, mit welcher sie alles an Magie und Wissen willkommen hieß, eine gewisse, unbestreitbare Faszination auf mich aus. Hoffnung war auch mit im Spiel, die keimende Hoffnung dass das Begreifen eine feine, frische Brücke zwischen unsere verschiedenen Traditionen schlagen könnte. Vielleicht haben die Mahnstimmen recht und ich werde am Ende Enttäuschung ernten, doch lernt man mit Kopf, Herz und Hand und nicht über reine Mutmaßungen. Also werde ich dieses Wagnis eingehen und den Brief alsbald zum Boten bringen.
Es mag wohl auch an dem Vertrauen und der hohen Achtung vor jener Frau liegen, die meine bessere Hälfte äußert.
Mikael...
Schon seltsam, doch als wir damals in Bajard quasi beide an Land gespühlt worden und gestrandet gewesen sind, hab ich mir fest vorgenommen den blonden Wirrkopf nicht leiden möchte, schon gar nicht so. Er sollte am besten zu einem weiteren abschreckenden Beispiel dessen werden, woran ich mir die Pfoten zuletzt heiß verbrannt habe, doch wenn ich sehe, wo wir nun gelandet sind, dann ist es keine Floskel, wenn ich äußere, dass ich das Glück nicht fassen und begreifen kann. Vertrauen, ja, mein Leben würde und habe ich in seine Hände gelegt und wusste doch zuvor ohne auch nur den Hauch von Furcht, dass er mich nicht enttäuschen würde. Er wusste, dass meine Sinne das Lied vernehmen, dass ich wirke und doch kam nie die Nachfrage über seine Lippen. Nein, er wartete, bis ich bereit war ihm doch wieder nur knappe und vage Auskünfte zu geben. Dann nahm er jene dankend an und schloss mich in seine Arme. Hier bin ich Zuhause, hier zündet der Funke das Flämmchen, denn er ist der Wind, der meinem Feuer den Atem schenkt.
Anders als in Bilder ist es nicht zu fassen, was wir für einander sind und bedeuten, alles Weitere entzieht sich der Welt der Worte...
Das gemeinsame Heim ist nun auch hier in Schwingenstein gefunden und endlich baulich vollendet.
Achja, Schwingenstein. Da sind wir doch schon wieder an einem weiteren Pfad und da möchte ich mich fast noch viel schnulziger ausdrücken, als zuvor schon aber dann wird mir der Schmalz aus Ohren, Nase und Mund kommen und ich sehe am Ende aus wie ein glänzendes Fettgebäck, also muss ich nun aufpassen wie ich meine Gedanken formuliere! Ich bin froh, dass wir hier gelandet sind, denn der Weggang aus Bajard war schwer und der Abschied von Lilja noch schwerer aber hier ist nicht nur die Nachbarschaft, sondern einfach das Leben gut. Zu weit entfernt von der Stadt, um im Trubel zu versinken, doch aufgrund der Nähe zum Niemandsland und dem Herz der Temorakirche, dem Kloster, braucht es auch eine gewisse Grundverbundenheit untereinander. Die ist reichlich gegeben und ich verdanke es meinen Lieblingsnachbarn, genauer gesagt dem guten Lucien, der treuen Seele, dass ich nun bald auch etwas an jene Verbundenheit zurückgeben kann und als Hilfe in der Klosterheilstube meine Arbeit anbieten. Da fällt mein Auge unweigerlich wieder auf das Büchlein vor meiner Nase.
„Die Minze – ein Heilkraut“, simpler Titel und ein Einzelwerk. Ich glaube es dürfen weitere folgen und jedes widme ich gedanklich einem anderen Kraut... äh Mitwanderer auf den verzweigten Lebenspfaden.