„Einen Splitter meiner selbst“
]Immer und immer wieder lies er den vergangenen Abend in Nimmerruh Revue passieren. Es fiel ihm schwer die Antwort auf diese Aufgabe zu finden. Die vergangenen beiden Abende verbrachte er damit in seinem Haus zu sitzen, vor sich auf dem Tisch einige Pfeile aufgereiht deren scharfen Spitze er nun zum hundertste mal mustern würde.
Die Träume die ihn des Nachts immer wieder heimsuchten raubten ihm den Schlaf, er fühlte sich müde, schlaff und kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Er spürte den Ruf, das Mal, dass ihm, ohne sein Zutun, irgendwo in seinem Inneren eingebrannt wurde. Noch immer fand er keine Antwort darauf, warum gerade er.
„Warum gerade ich?“
Bis dato hatte er ein relativ ruhiges und koordiniertes Leben als Gardist und Soldat des heiligen Reiches, dazu einen neuen Lebensabschnitt mit seiner Gefährtin. Was hatte ihn so interessant gemacht?
„Warum gerade ich?“
So oder so, er hatte keine Wahl. Er würde sich seiner Aufgabe stellen. Er kam nicht umhin, neben dieser seltsamen Magie, die diese… Rabendiener… beherrschten, etwas faszinierendes daran zu finden. Er war im Glauben an Alatar erzogen worden, sein Bruder hatte ihn alles gelernt, nicht nur den Kampf, sondern auch Richtlinien, Gebote, Gebete, die Facetten des alatarischen Reiches und was noch alles dazu gehörte um ein guter Streiter des All-Einen zu sein. Er war stets bemüht, auch wenn er für gewöhnlich kein Interesse am Kontakt zu Fremden hatte, ein Teil der alatarischen Gemeinde zu sein. Nun hatte er an seiner Seite eine Streiterin die im Glauben strenger und klarer hätte nicht sein können. Dennoch, was hatte er durch den Glauben? Nichts.
Alatar war ihm so fern gewesen. Ehe Alatar ihn in irgendeiner Form erwählt hätte, hätten vermutlich die Zwergen schon eher ihre Bärte verloren. Nun aber war es anders. Es war spürbar, die Macht der Rabendiener sichtbar, sie standen ihrem Gott so nahe. Eine Hand voll von Menschen, die von einer göttlichen Kreatur erwählt wurden zu dienen, dafür bekamen sie Macht, eine Gemeinschaft… zugegeben, würden sie es nicht tun, würden sie vermutlich elendig verrecken, aber so ging es wie oft im Leben- ein Geben und ein Nehmen.
„Einen Splitter meiner selbst“
Was hatte es zu bedeuten? Etwas von ihm selbst zu offenbaren? Etwas von ihm selbst zu opfern? Er wusste nicht, wohin diese Reise gehen würde, ebenso wenig wie er wusste, was passieren würde. Würde er versagen, würde vermutlich nicht viel von ihm übrig bleiben. Es gab in diesem Fall nur die beiden Extremen. Tod oder Lebendig.
„Einen Splitter meiner selbst“
Und die müden Augen wanderten durch den Raum. Jeder fahle, flackernde Schein der züngelnden Flammen wurde erfasst, nachdenklich betrachtet, nur um dann ein weiteres, unbestimmtes Objekt mit den Augen zu verzehren. Die Arme, gerade noch in der Verschränkung vor seiner Brust, lösten sich. Offen wurden die Hände vor die Augen gehalten. Jede einzelne Lebenslinie, jede einzelne Faser, oder Erhebung wurde betrachtet, als würde sich irgendwo in der natürlichen Zeichnung seiner Haut die Antwort auf die Frage finden.
„Dir zu dienen heisst sich völlig aufzugeben. Dir zu dienen heisst…“
Nicht mehr als eine flüsternde Vibration aus seiner Kehle. Wieder und wieder wiederholte er die Worte. Die Augen versunken in einem seltsam apathischen Blick, während er die Worte immer und immer wieder in einem bassigen SingSang wiederholte.
„Dir zu dienen heisst ihn völlig aufzugeben.“
Wenn die Schwingen sich ausbreiten...
- Dion Shasul
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Wenn die Schwingen sich ausbreiten...
Zuletzt geändert von Dion Shasul am Sonntag 31. Januar 2016, 16:51, insgesamt 2-mal geändert.