Leise hallte das Schnarchen vereinzelter Genossen durch das Kirchenschiff des Klosters und von draußen waren noch murmelnde Stimmen zu vernehmen, wie sie am Vorplatz redeten und umher gingen. Aus einem der großen Fenster schauend, hätte man auch noch den Lichtschein des Lagerfeuers an der Nordpallisade erahnen können, wo sicherlich auch noch einige saßen und sich die Zeit vertrieben. Balian selbst saß auf seinem provisorischen Schlafplatz, eingehüllt in Felle und Decken und hatte sein Tagebuch auf dem Schoß legen. Diesmal nicht mit Feder und Tinte, sondern wie der erste Eintrag mit einem Kohlestift, verfasste er einen weiteren Text und ließ dabei die vergangene Woche vor seinem inneren Auge noch einmal an sich vorbei ziehen.
Der Winter ist bereits eingekehrt. Wenn mich mein Zeitgefühl noch nicht gänzlich verlassen hat, schreiben wir heute den 28. Rabenmond im Jahre 258. Seit ziemlich genau einem Wochenlauf befinden wir uns nun in einem Belagerungskrieg. Wir sind in der Rolle der Verteidiger, doch freuen tut sich keiner darüber. Denn Schutz bietet einzig eine provisorisch errichtete Pallisade. Wir besitzen so etwas wie Steinmauern, Reiterbalken und große Wehranlagen nicht. Und somit ist der militärische Vorteil auch nicht zwingend auf unserer Seite. Aber fangen wir von vorne an:
Am 21. Rabenmond begann alles mit der angekündigten Heerschau auf dem Adoraner Marktplatz. Es war überwältigend zu sehen, wie viele Menschen gekommen waren. Selbst Thyren, Menekaner, Kaluren und Edhil waren gekommen. Ohne die Truppen genau gezählt zu haben, waren wir an jenem Abend gut und gerne 3 bis 4 Dutzend. Alle erwarteten die Fortführung des Krieges und nahe Varuna kam es schließlich auch dazu. Eine Schlacht gegen das deutlich unterlegene Heer des Feindes. Doch sie waren stark genug, um sich nicht gleich wieder vertreiben zu lassen. Stattdessen errichteten sie genau an Varuna, einer von Untoten beherrschten Stadt, ihr Lager. An den folgenden Tagen wurden die Kämpfe um Recht und Boden immer weiter geführt. Der Feind hatte sich offenkundig gesammelt und war nun wesentlich stärker. So schien es, als hätten sie den Wald von Tirell mit einem Fluch belegt. Die Untoten aus Varuna zogen aus der Stadt heraus und gefährdeten jegliche Spähunternehmungen.
Am 23. Rabenmond spätestens wurde auch uns nicht Liedkundigen deutlich, dass irgend etwas nicht stimmte. Wir hatten erst nur Rauchschwaden nahe unserer Nordpallisade gesehen und plötzlich stand ein ausgewachsener Balron gegenüber. Das wohl mächtigste Wesen, das Kra'thors Schlund je entsprungen war. Ich würde lügen, behauptete ich jetzt, mir wäre für einen Moment an diesem Abend nicht das Herz stehengeblieben. Der Anblick von riesigen Schwingen aus tiefschwarzem Leder, einem wuchtigen Schwanz und dem wuchtigen Zweihandschwert, welches er mit Krallen besetzten Pranken führte, war unumstritten imposant. Nicht einmal in unseren kühnsten Träumen stellten wir uns dieses Wesen so vor. Man muss es wahrlich gesehen haben, um die Mythen zu glauben. Aber wir waren siegreich, dank der motivierenden Worte der Frau Oberstleutnant von Senheit und jedem einzelnen Funken Mut, den man sich gegenseitig zuwarf. Freilich, mir tat das in der ersten Schlacht verwundet wordene Bein danach mehr weh, als ich mich an irgend einen vergangenen Schmerz noch erinnern könnte. Doch der Krieg wartete nicht, bis sich alle wieder ausgeruht hatten und so drängte ich solcherlei Gedanken von Tag 1 an aus.
Die folgenden beiden Tage zeigten auch unmissverständlich, dass dieser Ehrgeiz bitter nötig war. Das Gebäude des Orden der Temora wurde gestürmt und es dauerte bald zwei Tage, bis auch die Letzten aus der Ordensschaft ihren Weg in das Schwingensteiner Lager gefunden hatten. Sie hatten Verluste zu beklagen und wirkten desorientiert. Der vom Kloster abgehaltene Gedenkgottesdienst einte uns zwar, aber er allein konnte die Motivation nicht zurück in die Herzen der Streiter bringen. Zu tief saß bei einem Großteil der Schock über diese Niederlage. Der Feind war nun noch näher an uns heran gerückt und belagerte eines der wichtigsten Gebäude des Reiches. Es lag an uns wenigen, die sich nicht davon unterbekommen ließen, die Anderen wieder aufzubauen. Also wurden eigene Wunden ignoriert, die Wunden der Mitstreiter von den Heilkundigen im Gästehaus versorgt und tiefgehende Gespräche geführt.
Bereits am 6. Tag der Belagerung gab es dann den Rückschlag der Lichtenthaler Truppen. Mit eigens für dieses Vorhaben hergestellten Brandsätzen bewaffnet, ging es in kleiner Runde gen Feindeslager. Einfach nur um zu zeigen, dass wir noch da waren, warfen wir die neuen Waffen gegen ihre Pallisaden und ließen sie in Brand aufgehen. Selbstredend wurden sofort die Alarmglocken ausgelöst und unser Trupp zog sich auf Befehl von Korporal Janarey erst einmal wieder ins eigene Lager zurück. Doch dort kam mir schon Alexa, eine Ordensschwester entgegen und machte mich auf das Fehlen von Eliana Dyrion aufmerksam. Sie war mit uns ausgeritten, hatte offenbar aber während des Rückzuges den Anschluss verloren. Mir fiel gerade noch ein, mich bei der Frau Oberstleutnant abzumelden, ehe ich auch schon mein Pferd wieder aus dem Lager hinaus trieb. Nach einem kurzen Galopp traf ich auch schon auf Eliana. Sie war verletzt worden und stützte sich auf ihr Pferd. Kaum hatte ich ein paar Worte mit ihr gewechselt, um mich über ihren Zustand zu informieren, kamen zwei Männer des feindlichen Heeres auf uns zu. Einer von ihnen war einer von dieser Pirateninsel, irgendwo südlich des Fischerdorfes Bajards. Ich konnte es an seiner braunen Kleidung und der Steinschusspistole erkennen. Und sein Nebenmann war eindeutig Nahkämpfer, so wie ich es auch bin. Vermutlich war es teilweise auch dem Hinzukommen der Hochedlen von Belfa zu verdanken, dass ich den Feind wirklich nur mit ein paar Worten ablenken musste und es nicht zu einem mehr als riskaten Kampf kommen konnte. In der folgenden Nacht waren die Kämpfe schließlich wieder weitergegangen, während ich mich etwas länger als eigentlich nötig mit Eliana unterhalten hatte. Im Laufe dessen hatte sie mir auch Farion Lefar, den letzten Paladin Gerimors vorgestellt. Es ist schade zu wissen, dass er diesen Titel mit sich ins Grab nehmen wird. Doch gleichzeitig ist es mir eine große Ehre, ihn kennen zu dürfen. Ich schaue zu diesem Mann auf, ohne ihn groß zu kennen. Diese Ruhe und Zuversicht, die er ausstrahlt, sind ansteckend. Sein Fallen wäre wahrlich ein großer Verlust für viele gewesen. Nun noch mehr, ist es mir ein inniges, fast schon persönliches Anliegen, die Wiedereroberung der Ordensburg mit all meinen Mitteln voran zu treiben.
Aber bisher ergab sich noch keine Gelegenheit. Gestern kümmerten sich die Geweihten, mit Hilfe der Liedkundigen und des Druiden Earon Auchenbacher erst einmal um die Heilung des Wald von Tirells. In einem aufwendigen Ritual haben sie eine riesige Regenwolke aus verdampftem Weihwasser erzeugt und dieses Wasser auf den Waldboden nieder regnen lassen, um die Untoten zu vertreiben. Offenbar erfolgreich und gleichzeitig wieder so Atem beraubend, dass es uns allen neuen Mut gab. Denn wieder war ein Schachzug gelungen. Unsere Freude sollte jedoch nicht all zu lange anhalten. Wachtmeister Salberg hatte zwar schon im Gespür gehabt, das irgend etwas nicht stimmte und wollte Vorkehrungen treffen, doch da sahen wir auch schon, dass um und an der Pallisade ein Brand entstanden war. Zu diesem Zeitpunkt war es schon bald Mitternach, vom Gefühl her und ich kann beim besten Willen nicht mehr rekapitulieren, was alles geschehen ist. Ich weiß nur noch, dass wir den Brand gelöscht, einen weiteren Brand am Küstenhof bei Rittersee entdeckt und ebenso gelöscht haben und irgendwann auch noch in einen kleinen Trupp des Feindes gelaufen waren. Die nächsten Stunden fühlen sich an, als wäre es nur ein Traum gewesen. Ich habe nur Bruchstück hafte Erinnerungen und weiß, dass ich mich viel mit Eliana unterhalten habe, welche durch ihre Verletzung vom 26. zur Bettruhe verdonnert worden war. Die nächsten Tage werden wohl zeigen, was als nächstes zu tun ist. Doch für heute gilt es noch ausruhen, damit ich morgen wieder den Dienst antreten kann. Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Kameraden längerfristig zu verlieren. Die Rekruten Darko, Bergon und Lenjar sind schon genug. Und auch der Rest von uns ist freilich nicht mehr unangeschlagen. An keinem sind die Schlachten spurlos vorbei gegangen.
Temora beschützt ewig!
