… keilte das Eselchen mächtig aus.
Es war eine Wucht! So erfrischend nach der ganzen Zeit!
In der ganzen Zeit bis zu diesem Moment war viel geschehen. Nichts, was des Erzählens wirklich lohnte und für spannende Geschichten langte, aber dennoch hatte es Veränderungen mit sich gebracht. Ich hatte mich verändert. Sie hatte sich verändert. Es war nicht leicht die Neugier niederzukämpfen, als sie um sich trat und mir einen unerwartet heftigen Stich damit verpasste. Nun, was hatte ich erwartet? Dass sie sich auf nichts und niemanden mehr einließ? Vorwürfe konnte ich kaum machen, also ließ ich es. Auch das Nachfragen ersparte ich mir, nun ja, vor allem mir muss ich da gestehen.
Was mich betraf, so hatte ich eine längere, einengende und zum wahnsinnig werdende Überfahrt hinter mich gebracht, und das nach einer noch längeren Zeit der Wanderschaft durch Wald und Flur auf dem Festland. Ja, der Wind hatte mich davon getragen, das war schon richtig formuliert gewesen von ihr.
Letztlich war die Flucht genauso flüchtig wie der Wind es auch war. Eine Flucht vor etwas, von dem ich sicher war, dass wir beide vielleicht noch nicht so weit gewesen waren. Es war auch mein Verschulden, dass jede Gelegenheit darum zu kämpfen genommen wurde seinerzeit.
Ich war im Grunde Hals über Kopf aufgebrochen, war wie ein unreifer Bengel davongelaufen vor etwas, das ich bald schon vermissen sollte. Eingeständnisse zu machen war indes schwer. Sehr schwer zuweilen. Einsicht zu finden bei eigenen Fehlern dauerte manchmal noch länger. Manche fanden diese nie. Und so verging die Zeit, die Wanderschaft zog sich länger und länger hin.
Ich hielt mich fern von großen Dörfern und Städten, suchte allenfalls mal Gehöfte auf, wenn ich ein wenig Gemüse oder derlei erwerben wollte für eine etwas deftigere Suppe. Ansonsten begnügte ich mich hauptsächlich mit dem, was die Natur zu bieten hatte. Mir war nicht nach übermäßiger Gesellschaft, auch wenn mich der ein oder andere auf etlichen Zwischenstücken begleitete, vor allem in Gefilden, die nicht als sonderlich sicher galten. Da war ein jeder zu zweit sicherer als alleine. Es gab keine nennenswerten Zwischenfälle, wenn ich mal von denen absah, in denen ich von einer Bache mit Frischlingen überrascht wurde. Nie war ich lieber in einen Baum gestiegen, auch wenn ich an solcherlei Abenteuer merkte, dass ich bereits mit ein paar kleinen Zipperleins zu kämpfen hatte.
Das waren auch so Momente, in denen ich feststellte, dass mir jemand fehlte. Diese Erkenntnis traf mich in der Regel derart heftig, dass die Zipperlein direkt vergessen waren und das Fehlen sich bei ganz anderen Umständen viel mehr in den Vordergrund drängte.
So gab es eben die Tage des Sonnenscheins, der guten Laune und des ausgeglichen Gemüts und dann waren da noch die Wochen, in denen alles Trist und Grau wirkt, die Freude Ausgang hatte und nichts wirklich Begeistern konnte. Das Selbstmitleid wuchs in unermessliche, und die Tatsache, dass das alles auch noch selbst verschuldet war, besserte es ganz gewiss nicht.
Irgendwann erschlug mich die Einsicht derart, dass ich einen Bogen einschlug und mir den Weg zurück zur Küste suchte, eine Passage auf einem Schiff mietete und einen Tag später befand ich mich auf hoher See, kotzte mir die Seele aus dem Leib und verfluchte das Wetter, sobald es nur ein wenig auffrischte.
Die Enge auf dem Schiff wurde Tag um Tag schlimmer. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck das Ding schrumpfte, und die Menschen, die hier ihr Werk verrichteten drückten mir zusehend aufs Gemüt. Das war so gar nichts für mich.
Für all das fand ich eine Entschädigung in der ersten Begegnung an Land. Ein roter Feuerschopf mit einem gar wütenden Blick. Ein Eselchen, das auskeilte. Ein Gedicht, das entstand, noch während wir sprachen. Ein meisterlicher Plan der Eroberung.
Ein Funken Hoffnung, dass es gelingen könnte.
Das erste Gedicht wurde bereits am gleichen Abend eingeworfen, nach längerem Suchen und finden. Dass es sie ausgerechnet hierher verschlagen hatte, verschlug mir fast ebenfalls einiges, aber wer wusste schon, ob das eine schlechter oder besser war als das andere und der Austausch dessen nicht auch seinen Sinn hatte. Die Götter allein mochten am Ende richten, wer war ich denn das zu verurteilen oder zu beurteilen – und im Grunde hatte ich auf meiner Reise auch festgestellt, wie unbedeutend das für mich doch war. Ich folgte am liebsten den Sternen, und dabei würde ich bleiben.
Das zweite Gedicht schrieb ich just, es sollte dem ersten folgen, hinein in den Briefkasten, der nur darauf wartete das gute Stück zu verschlingen und aufzubewahren, bis die Adressatin ihn entnahm zum Lesen:
- Die erste Liebe, die mein Herz gewann,
du hält sie noch und mir ist bang,
denn hab ich ob der Taten mein,
verloren aller Zuspruch dein.
So hab ich’s mich erneut gewagt,
erbat dein‘ Gunst, die bleibt versagt,
doch, mein Herz, ich hoff‘, du weißt,
was um der Lieb‘ zu kämpfen heißt.
Genau das werd‘ ich, den hohen Göttern fest versprochen,
und dieser Eid ganz sicher nicht gebrochen!
Nun gut, ich war ein mäßiger Poet. Sei’s drum, der Wille zählt.