nur der Gardist steht brav vor dem Haus und hält weiter Wache,
der Ausdruck stets distanziert und ruhig, wird er auf Anfragen jedoch auch keine Antwort wissen.
Tage, Wochen vergehen und niemand wird wissen, wieso das Handelshaus so lange abgesperrt ist.
Diverse Gerüchte streifen durchs Land, Gerede über Intrigen und Meuterei,
Mord und Totschlag, oder Schlichtweg der Glaube, die Lust sei vergangen
und man habe sich frei genommen.
Doch eines Tages wird eine Botschaft all jenes erläutern und aufklären.
Es begann bereits vor einem halben Jahr, stillschweigend nahm sie es hin,
gönnte sich dann zwar die ein oder andere ruhige Minute,
aber gab dem ganzen keinen hohen Stellenwert.
Sie lebte ihr Leben, wissend, dass es einigen gegen den Strich gehen wird.
Dennoch war sie mit dem was sie hatte zufrieden und zu gewissem Maße auch stolz auf das,
was sie sich aufgebaut hatte. Einen herausragenden Mann hatte sie an ihrer Seite,
der sie blind verstand, ihre Ansichten teilte und mit ihr eine unumstößliche Einheit bildete,
die sich andere nur erträumen könnten.
Ein Zusammenhalt wie man ihn nur unter Menschen findet, die ohne zu zögern bereit wären,
das Leben füreinander zu lassen.
Und selbst wenn man glaubte, der Rest der Welt habe sich gegen einen verschworen,
war es nicht schlimm, denn man wusste, dass der Mensch, der einem am Wichtigsten ist,
immer hinter einem steht. Man ist nie alleine.
Dann das Auktionshaus. Begonnen in einem kleinen Haus unweit der südlichen Mine Rahals,
nun das größte Handelshaus in Rahal und Umland, gut besucht und überaus erfolgreich.
Es wurde schlimmer. Sie schob es auf den Stress, die Unmengen an Arbeit die im Auktionshaus täglich auf sie warteten.
Die Auszeiten, die Len ihr verschaffte um wieder etwas zur Ruhe zu kommen,
genoss sie und halfen ihr den Schmerz zu verdrängen;
denn er war nichts wert. Nichts im Vergleich zu den einzigartigen Momenten
mit ihrem nun frisch gebackenen Ehemann.
Dennoch kehre der stechende Schmerz in der Brustgegend zurück.
Stärker, in kürzeren Abständen, bis sie begriff was ihr bevor stand.
Sie fühlte, dass am Höhepunkt ihres Lebens, Alatar beschlossen hatte,
dass sie genug getan hatte.
Sie lief durch das Auktionshaus, betrachtete sich eingehend die Zimmer und hing ihren Gedanken nach.
Die Zeit des Aufbaus, das Kommen und Gehen von Mitgliedern, die Streitereien und die erholsamen Momente.
Sie musste überlegen wie es weitergeht, und die Zeit wird sie sich nehmen.
So verließ sie das Auktionshaus, verriegelte es von Außen mit schweren Schlössern und Ketten,
sodass ein Niemand, nicht einmal die Mitglieder des Hauses,
Eintritt erhalten werden. Die Füße trugen sie bis in ihr Haus,
schweigend nahm sie ihren Gatten in den Arm, legte seine Hand auf die schmerzende Brust und schloss die Augen.
Das Stechen wurde stärker, als hätte Len ein Messer in der Hand die noch auf der schmerzenden Stelle verweilte,
ein unregelmäßiger Herzschlag, mal zu schnell, mal setzte es gar aus.
Augenblicke verstrichen bis sie wehmütig zu ihm aufsah. „Bis in den Tod und darüber hinaus. Ich werde dich immer lieben.“
Nur bei Lenarius öffnete sie ihr Herz, war auch einmal verletzlich, liebevoll, frei.
Sie hatte keine Angst vor dem Tod, denn sie wusste, was sie erreicht hat,
was sie für das Reich und den All-Einen opferte und aufbrachte.
Aber es zerriss ihr das Herz, getrennt von dem Einzigen zu sein, der ihr Leben erhellte,
der sie blind verstand, der ihr Ein und Alles war, ist, und sein wird.
Gemeinsam genossen sie die letzten Tage, fern ab von Rahal.
Sie tobten, lachten, tanzten und liebten sich.
Kein Handelshaus das ihr die Nerven raubte, keine Kunden oder Mitarbeiter die sie zur Weißglut brachten.
Nur die Beiden, alleine.
Ihr Zustand verschlechterte sich zusehens, die letzten beiden Tage verbrachte sie nur noch im Bett,
versuchend sich die Stimmung und die letzte Zeit mit Lenarius nicht verhageln zu lassen.
Er war stets bei ihr, zu jeder Tages und Nachtzeit wachte er über sie, lies sie spüren wie sehr er sie liebte,
egal in welcher noch so dramatischen Lebenslage sie sich befand.
„Womit habe ich dich nur verdient?“, stellte sie ihm lautlos mehrfach nachts Fragen,
wenn er neben ihr wachend doch kurzzeitig der Müdigkeit erlegen war.
Jene Zeiten nutzte sie, um ihren letzten Willen zu Papier zu bringen, und einen Brief,
einzig und allein für Lenarius Hände und Augen bestimmt.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht, war sie beim Verfassen des Testaments abgeklärt,
kühl und vollkommen pragmatisch, konnte sie beim Schreiben des letzten Briefes
an ihren Gatten nicht mal mehr richtig durch die verweinten Augen sehen.
Aber sie wollte ihm neben ihrem Erbe noch etwas hinterlassen.
Worte die ihn an sie erinnern, ihm zeigen wie sehr sie ihn liebt,
und weshalb sie es auf ewig tun wird.
Er war bei ihr als es zu Ende ging. Ihre Seele versuchte sich krampfhaft an ihren Körper zu klammern,
jede Sekunde die sie dadurch noch in seiner Anwesenheit bleiben konnte ausnutzen wollend,
bis der Schmerz ihr verdeutlichte, dass nun die Zeit gekommen war.
Letzte, liebevolle Worte an ihren Gatten, ein letztes Lächeln, ein letztes Streichen
mit ihrem Handrücken über seine Wange, alsdann es vorrüber war.
Hinterlassen hatte sie somit einen persönlichen Brief an Lenarius und ein offizielles Dokument das ihren Nachlass regelt…
Nachlassregelung des Erbes von Frau Tarina Belnar
Hiermit setze ich, Tarina Belnar, Fein- und Rüstschmiedmeisterin Rahals
und Leitung des Auktions- und Handelshauses zu Rahal fest,
wie mein Nachlass nach meinem unvermeidlichen Ableben verteilt wird.
Mein gesamtes Vermögen sowie mein Hab und Gut hinterlasse ich meinem Ehemann,
Lenarius Belnar geb. Daran. Jeglicher Besitz wird ausnahmslos an ihn übertragen.
Da wir keine Nachkommen haben, ist er als mein Alleinerbe anzusehen.
Ihm steht nach vollkommener Abwicklung der Erbangelegenheit frei, wie weiter mit den Erbstücken verfahren werden soll.
Er ist zudem berechtigt in meinem Namen sämtliche Entscheidungen zu treffen, die mich oder das Auktionshaus betreffen.
Für das Auktionshaus ist folgendes mein letzter Wille:
Mein Gatte wird meinen dort lagernden Nachlass einholen und den Mitgliedern des Handelshauses ihre dort lagernden Besitztümer aushändigen.
Leider sehe ich in keinem der Mitglieder das Potenzial das Haus mit der nötigen Strenge und Stärke aufrecht zu erhalten, weshalb ich das Handelshaus wie man es kennt, mit ins Grab nehmen werde.
Sobald das Haus geräumt ist, soll es dennoch aus meinem Besitz in die Hände der Stadt Rahal gehen, wo es natürlich erneut für andere Zusammenkünfte genutzt werden kann.