Briefe an daheim

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Gast

Briefe an daheim

Beitrag von Gast »

Möge der Stern dich leiten, hoher Vater.

Heute ist der 28. Goldblatt 257. Vor drei Tagen hatten wir Hochzeitstag. Unseren sechsten. Ich muss ehrlich zu geben, ich habe an dem Tag selber nicht einmal daran gedacht und mein Gri-Gri schien es auch vergessen zu haben. Mir fällt es erst jetzt auf, jetzt, wo ich dir schreibe. Es ist aber trotzdem ein seltsames Gefühl.

Wir haben uns getrennt vor einigen Wochen. Ich wohne seit der Zeit in einem kleinen Dorf am Meer, bei einem sehr rauen aber auch herzlichen Völkchen. Das Haus ist mehr eine Kammer, die ich mir darüber hinaus noch mit einem Mädchen teile, das - wie mir da so oft passiert - regelrecht zugelaufen ist. Ich kann das kleine Ding ja nicht auf der Straße sitzen lassen, wenn es sich schon dazu entschließt ein Dach über dem Kopf zu wollen.
Vor drei Tagen bin ich dann trotzdem zu ihr gegangen. Das mache ich an sich ja regelmäßig, auch wegen des Jungen. Dir hätte er gefallen, da bin ich mir sicher. Wenn der irgendwann groß ist, überflügelt er uns alle beide, schätze ich.
Nun wie gesagt, ich ging mein Gri-Gri besuchen. Dieses Mal, um ihr Kräuter zu bringen, die ich noch herum liegen hatte. Ich kann damit ohnehin nichts anfangen und sie als Heilerin ist auf das Zeug angewiesen. Manches davon kann sie selbst nicht einmal besorgen. Obschon wir zwei es uns unsagbar schwer machen, kann und möchte ich gar nicht aufhören sie zu unterstützen.
Ich habe sie an dem Tag übrigens mitgenommen hierher. Es war an sich mehr aus der Not heraus, da in unserem gemeinsamen Haus kein Salz mehr zu finden war. Also sind wir hierher gekommen und ich habe für uns gekocht. An sich ist das eine spärliche Anerkennung für die Zeit und die Liebe, die sie über die Jahre geschenkt hat. Ich glaube aber, das größte Geschenk haben wir uns trotzdem beide selbst gemacht, ganz unbewusst gerade an diesem Tag. Sie ist geblieben.

Ich habe hier sehr viel Zeit zum Nachdenken, um zur Ruhe zu kommen. Wenn mir die Zeit dann doch mal zu lang wird packe ich einfach mit an, wenn die Großen mal helfende Hände brauchen. Die körperliche Arbeit tut gut, und da ich weiß, dass sie die Baumgeister nicht gerne verärgern, sich stets nur alles, was sie brauchen erbitten, bin ich oftmals damit beschäftigt über die Grenzen der Region hinaus einige Dinge für sie zu besorgen.
Oder das Mädchen lenkt mich ab, sei es mit Ballspielen, mit Gesprächen, mit gemeinsamem Kochen, mit Streichen und was uns nicht alles noch so einfällt.
Ich kann wohl sagen, dass die Zeit mir gut tut. Vielleicht war es auch das, was nötig war, um wieder nach Hause zurück zu finden. Vielleicht auch, um zu erkennen, was mir dort fehlt, was ich an mir selbst verloren habe.

Du liest sicher schon heraus, ich bin bei weitem nicht mehr derselbe, der nach deinem Tod ins Loch geworfen wurde. Seither hat sich vieles verändert - insbesondere ich mich selbst. Ich habe mich in den vergangenen Jahren ausprobiert, bin sogar kurzzeitig in deine Fußstapfen getreten, zumindest einmal im Ansatz. Mittlerweile fehlt mir dieser Nervenkitzel etwas, denn ich bin im Augenblick nicht mehr als nur ein Schatten meiner selbst.
Liebe macht blind, Vater. Sehr blind sogar, auch für Dinge, die einem selbst am Herzen liegen, weil man es dem, den man liebt Recht machen möchte. Ich habe nie mehr und nie weniger gewollt, als dass sie glücklich ist, aber egal, wie ich es angepackt habe, es ging schief. Heute weiß ich nicht mehr, wie oder was ich noch tun soll, also besinne ich mich auf mich selbst zurück. Vielleicht liegt die Lösung ja dort.
Zudem muss ich wohl zugeben, dass ich selbst kaum zufrieden bin, weder mit mir, noch damit wie die Dinge so stehen. Ich vermisse sie schrecklich. Sowohl sie, als auch den Jungen. Es gibt Nächte, in denen liege ich wach und bekomme kein Auge zu deshalb. Arla, ich nenne sie nun mal so, ist ein gutes Mädchen, aber sie allein vermag kaum die Familie zu ersetzen, die ich hier gefunden und gegründet habe. Sie sind eben tatsächlich alles, was ich noch habe. An und für sich ist es töricht genau das von mir zu weisen und dem den Rücken zu kehren.

Natürlich wäre es nun leicht gesagt, dass ich mich Neuem zuwenden kann, dass ich andere Leute kennenlerne und neue Wege beschreiten werde. Andererseits habe ich es in meinem Leben nie leicht gehabt und es mir auch nie leicht gemacht. Ich neige einfach nicht dazu. Zu all dem gäbe es einen sehr leichten Weg: Was kümmert es den Toten, was nach seinem Ableben geschieht? Aber ich bin nicht so. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich noch einmal aus dem Loch herauskäme. Das war ehrlich gemeint, als ich es meinem Gri-Gri sagte, und ich glaube, sie wirkte ein Stück weit erschrocken darüber.
Allerdings habe ich in den letzten Wochen viele Dinge gesagt, die nicht zum Lächeln geführt hatten. Natürlich war es leichter anderen Menschen Vorwürfe zu machen, wenn man selbst mit nichts zufrieden und glücklich war. Es war stets leichter bei anderen zu schauen, als bei sich selbst. Nun hatte ich Zeit, Zeit und Ruhe, um über sehr vieles Nachzudenken.
Ich hatte ihr gesagt, dass ich noch hier bleiben würde. Allerdings habe ich inzwischen auch festgestellt, dass ich irgendwann wieder nach Hause zurückkehren möchte. Und damit meine ich nicht unsere Stadt, Vater, sondern unser gemeinsames Haus, das von meinem Gri-Gri und mir. Das ist wirklich das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas Ähnliches wie Heimweh empfinde.

Das Einzige, was ich in unserer Stadt gelegentlich vermisse, sind die Gespräche mit meinem damaligen besten Freund und die Zänkereien mit meiner ehemaligen Anverlobten. Dorthin zurückkehren würde ich nur, um meine verfluchte Mutter und meine verdammte Schwester zu beseitigen. Vielleicht werde ich das sogar irgendwann tun, nur um mein Gewissen damit zu beruhigen und das dauerhafte Gefühl Rache üben zu müssen zu ersticken. Tatsächlich überlege ich dafür die Zeit des Abstands zu nutzen, den mein Gri-Gri und ich uns gerade gönnen.
Wenn danach mein Kopf nicht frei sein sollte, ich nicht endlich weiß, was ich will, dann ist mir ohnehin nicht mehr zu helfen. Ja, ich denke, ich werde diesen Plan wohl in Angriff nehmen und einmal mit ihr besprechen. Und ja, ich habe vor wieder herzukommen danach. Die Briefe an dich werde ich aber nicht mitnehmen, dort aber gewiss noch den ein oder anderen schreiben.
Es dürfte bestimmt höchst interessant werden zu sehen, wie die Dinge sich dort entwickelt haben. Verzeih, ich höre nun auf zu schreiben. Die Idee gefällt mir immer besser, ich will mich vorbereiten.


Räven
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