Er hatte mit dem letzten verbliebenen Gold seines Vaters eine neue Rüstung und eine neue Waffe bei einem Meisterschmied erstanden. Meister Gorbas war sehr zuvorkommend und freundlich gewesen und er würde ihn mit Sicherheit wieder aufsuchen, wenn er etwas benötigte.
Kaum hatte er das Haus des Schmieds verlassen, trat eine junge Frau mit schwarzen Linien im Gesicht und auf den Armen an ihn heran.
Die Worte, die sie sprach, waren sanft aber leise, so als befürchte sie jemand könnte sie belauschen. Sie erkundigte sich ob er ihr den Weg aus der Stadt weisen könne, da diese einem Labyrinth glich und sie sich verlaufen hätte.
Wie es seine Erziehung ihn gelehrt hatte, stets freundlich und zuvorkommend allen gegenüber zu sein, bejahte er ihre Frage. Bevor er jedoch Gelegenheit bekam die Worte in die Tat umzusetzen, sprach sie erneut zögerlich und fragte ob er ein Geistlicher wäre.
Ein wenig überrascht ob der plötzlichen Wendung des Gespräches nickte er. Er stellte sich ihr vor, wies sich als Akoluth des Templerordens aus und fragte nach ihrem Begehr und wie er ihr behilflich sein konnte. Da er erst seit einigen Tagen dem Orden angehörte, bot er an ein Treffen mit einem höhergestellten Templer zu arrangieren, da seine Mittel doch recht begrenzt waren.
Sie lehnte jedoch höflich ab. Er ließ es damit auf sich beruhen und bot ihr an das Gespräch außerhalb der Stadtmauern fortzuführen, ihm war nicht entgangen das sie den Gardisten, der in der Nähe patrouillierte und gelegentlich zu ihnen hinüber sah, misstrauisch beäugte.
Gemeinsam verließen sie die Stadt aus dem Südtor. Sie entfernten sich bis Lucius sicher war, dass sie niemand mehr belauschen konnte.
Deutlich sah man wie die Anspannung von ihr abfiel, doch er entschied sie vorerst nicht darauf anzusprechen.
Die junge Frau mit den so seltsamen Zeichen stellte sich ihm als Livial N’antes vor, als Söldnerin der Sturmkrähen. Natürlich waren ihm diese ein Begriff und er nickt auf ihre Frage hin, ob sie ihm bekannt seien.
Sie begann ihre Geschichte zu erzählen…wie sie am Tag zuvor erwacht war im Wald, ohne Wissen wer sie war oder in welchem Wald sie sich befand. Eine Freundin hätte sie gefunden und in ihr Lager gebracht, sich um sie gekümmert.
Livials größte Sorge jedoch war was ihre Freundin ihr offenbarte. Sie war in den Wald gegangen um den Tod zu suchen. Der Gedächtnisverlust hatte verhindert, dass ihr dieses Vorhaben geglückt war, doch befürchtete sie ihren Lebenswillen erneut zu verlieren, sollte sie ihr Gedächtnis wieder erlangen.
Lucius verstand nicht viel von solchen Dingen. Er war wohlbehütet auf der Burg seines Vaters aufgewachsen und doch konnte er sie zum Teil verstehen. Wie hätte sein Leben ausgesehen, wäre er nicht dem Ruf Temoras gefolgt.
Er sicherte ihr zu, der Templerorden würde alles in seiner Macht stehende tun um ihr Gedächtnis wieder zu erlangen und man würde sich auch danach um sie kümmern, ihr helfen ihren Lebenswillen wieder zu finden, sollte die Todessehnsucht sie erneut packen.
Die junge Frau mit den so intensiven grünen Augen dankte ihm höflich und die Verabschiedung war kurz aber herzlich.
Die Torwache würde sie nicht abweisen, dafür würde er sorgen und so macht er sich auf den Weg zu der Frau, der er davon berichten wollte.
Im Kloster angekommen erkundigte er sich ob die Templerin Sanjana Valeht anwesend sei. Da sie derzeit auf einer kurzen Mission war, entschied er erst eine Nacht drüber zu schlafen und sich ihr morgen anzuvertrauen.
Ein warmer Luftschwall schob sich durch das schmale Fenster des Zimmers, dass der junge Akoluth des Temoraordens seit einigen Tagen bewohnte. Lucius schloss für einen kurzen Moment die Augen, ließ die Ereignisse in seinem Geist Revue noch einmal Revue passieren und verließ dann seine Kammer um seine Mentorin aufzusuchen.