Ich erinnerte mich an die Nacht zuvor, in welcher ich mich durch die Sande kämpfte, versuchte das Geschenk für den Emir in Phiolen abzufüllen und ich mich bei jedem Schritt fragte, was ich mir dabei denken würde. Kurz danach überfiel mich zwar immer wieder dieser unbeschreibliche Rausch, der jeglichen Zweifel fort trieb, aber jetzt, wo ich hier so in der Kälte stand, dachte ich wieder darüber nach. Die Worte meiner Cousine, welche vermutlich gar nicht so schwerwiegend sein sollten, hämmerten sich dabei zusätzlich in meine Gedankenstränge. Ich schenke ihm was, was bei ihm nicht auf dem Bankfach verrottet. Ich musste schmunzeln, ihre direkte Art erheiterte mich, auch wenn sie im Zusammenhang mit der Thematik ein kurzes Senken meiner Mundwinkel einforderte.
Ich richtete den Blick in den klaren Himmel, streckte meine Hand in die Höhe und betrachtete zwischen den Abständen die Sterne, die mir entgegen blickten, so hell leuchtend, wie sie es immer waren, wenn die Kälte besonders aufdringlich schien.
- Lieber Amar,
ich habe mich wunderbar in der neuen Heimat eingelebt. Heimat ist, wo das Herz wohnt, nicht wahr? Ich denke das Meine hat bereits seinen Platz gefunden. ich fühlte mich lange nicht mehr so willkommen. Es schmerzt nur ein wenig, dass ich dich so selten zu Gesicht bekomme. Du fehlst mir, mein liebster Bruder, aber sei dir gewiss, ich werde dich nicht enttäuschen.
Auch wenn ich die Traditionen wertschätze, mir die Aufgaben und Talente angeeignet habe, welche man von einer Frau erwartet, schlägt in meinem Herzen auch ein anderer Weg. Ich gehe langsam, mit feinen Schritten und hoffe wirklich, mein liebster Bruder, dass du das akzeptieren wirst und weiterhin stolz auf mich herab blicken kannst. Auch wenn ich im Krieg neben dir stehe und nicht in der Heimat sehnsüchtig warte.
Und ich wünschte ich wäre nicht zu feige dir diese Zeilen zu reichen. Aber irgendwann, das nehme ich mir jeden Abend vor wenn ich das Papier beschreibe und es danach über einer Kerze verbrenne. Dann werde ich dir sagen, dass ich all das sein kann, was die alten Traditionen von mir erwarten und dann werde ich dir mitteilen, dass ich all das sein kann, dass ich all das bin und noch so viel mehr.
Dann kann ich dir sagen, dass ich am heutigen Tage der Armee beigetreten bin und das ein weißhaariges Mädchen gefunden hab. Ich habe noch nie so ein wunderbares und niedliches Geschöpf gesehen, wie sie. Sie sieht aus wie eine kleine Elfe und ist zerbrechlich wie Porzellan. Ich will sie so gerne behalten, sie weiß nicht wo sie hin soll. Die Frage ist, ob sie Sahid länger akzeptiert als nötig. Du hättest ihre Augen sehen sollen, als sie erfuhr, das sie bleiben durfte. Ich habe lange nicht mehr so ein aufrichtiges, glückliches Gesicht gesehen.
Und weißt du, was ich dir noch erzählen würde, Amar? Das ich so unglaublich verwirrt bin...
Ich zog mit der rechten Hand das Pergament aus der Tasche und warf einen flüchtigen Blick hinauf. Mit einem Schmunzeln warf ich es in die Feuerschale und richtete meine Augen einmal erneut über die Straßen und rannte los. Noch ein paar Runden, bis der Himmel sich schon wieder heller färbte und die Sonne sich ankündigte. Nur noch ein paar Runden, bevor ich vollkommen erschöpft von den letzten 24 Stunden in das Bett fiel, meine Arme um die zerbrechliche Fee schlang und sie hütete wie eine kleine Schwester und sie mir die Nähe gab, die ich zum Einschlafen brauchte.
Morgen würde ich es der Welt und dem Leben erneut zeigen. Denn die Zeit würde mir sicher beistehen, um mich - auch als Frau - zu beweisen. Du wirst schon sehen!
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