Auf dem Stuhl sitzt ein Mann, vornüber gebeugt, und macht sich daran, zu schreiben.
Die Handschrift ist schlicht, sauber, ohne besondere Verzierung, wohlmöglich genau wie der Schreiber selbst. Und doch liegt Sorgfalt in dem, was er tut, wie er es tut. Überlegung in den Zeilen, die in ruhiger Weise zu Papier gebracht werden.
Es ist ein Brief, die Kopfzeile klar, die Adresse deutlich.
Dann ist das Werk beinahe vollbracht. Die Feder kommt zur Ruhe. Sand , auf dem Papier, hilft dabei, die Tinte zu trocknen. Dann wird das Blatt zusammen gelegt, erst einmal , dann zweimal, sauber und korrekt.Nordwindhof, Eindorf, nördliche Provinzen,
Ehrenwerter Vater,
Es ist lange her, dass ich euch geschrieben habe. Verzeih mir. Meine Pflichten erlauben mir nicht immer, dann zu schreiben, wenn mir wohlmöglich der Sinn danach steht. Ohnehin gibt es wohl nicht vieles zu sagen, was dir und Mutter noch nicht zu Ohren gekommen ist.
Rahalische Truppen haben Schwingenstein belagert. Seeräuber, Seelenernter und sonstiges Gesindel haben ihnen dabei geholfen. Die Zeiten sind scheints vergangen, in denen die glorreiche, rahalische Armee auf eigenen Füßen einen Krieg zu führen vermochte.
Lichtenthal hat gewonnen, wir haben gewonnen, und doch kann ich darin nicht gänzlich Befriedigung finden.
Das Licht ist erstarkt und damit auch die Bedrohung für die dunklen Lande. Alles, was zu erreichen ich mir damals vorgenommen habe, ist eingetreten. Und nunmehr frage ich mich, was sonst noch zu tun bleibt, als den Stand zu wahren und für das einzutreten, was bislang erreicht wurde.
Ich bin ziellos, und ich vermisse die Worte meiner Mutter. Ich vermisse die Geschichten meines ehrenwerten Vaters und die Zeit, in der alles soviel einfacher war.
Und auch wenn ich weiß, dass ich niemals wieder durch die Tür unseres Hofes treten werde und niemals mehr spüren werde, wie Wärme und Licht aus unserer Feuerstelle dring, denke ich noch immer daran.
Bitte entrichte meiner Mutter meine Grüße. Sag ihr, dass ich an sie denke und dass es mir wohl ergeht. Sag ihr, dass ihr Sohn noch immer fest an das glaubt, was er sich vor genommen hat, auch wenn wohlmöglich andere Geschichten an ihre Ohren dringen.
Sag ihr, dass ich sie vermisse. Und dich, werter Vater.
In Liebe und Dankbarkeit
euer Sohn
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Ein Tropfen Wachs, das Siegel darin, kündet von adeligem Stamm.
Zuletzt betrachtet der Schreiber den Brief, still, die Mimik in Gedanken gefangen. Erst nach einer Weile bewegt er sich wieder, greift den Brief und erhebt sich.
Eine Schublade wird geöffnet. Der Brief hinein geschoben, oben auf, auf einem Stapel von Verwandten.
Die Schublade wieder zugeschoben.
Die Kerze wird noch gelöscht, der Schreiber verlässt den Raum.
Gleichmässig knistert das Feuer im Kamin, wie eh und jeh. Behagliche Wärme in einem Bau aus Stein und ein Quentchen Licht, das nunmehr nicht mehr von einer Kerze untermauert wird...