La liberté du fou - Narrenfreiheit!

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Gast

La liberté du fou - Narrenfreiheit!

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« La vie est ton navire et non pas ta demeure. »
Alphonse de Lamartine

Keine ganze Woche an Land und schon wieder stand sie an Deck eines Schiffs. Noch keine sieben Tage kühlen Stein unter den bloßen Sohlen, sondern erneut feuchte Holzplanken. Zu schnell wieder abgeschieden von Flora und Fauna, dafür umgeben von allumfassender, wechsellauniger See und einem scheinbar endlosen Horizont.
All diese Umstände hatten vor knapp zwei Wochen noch dafür gesorgt, dass sie bleich und zusammengekauert, mit dem Rücken zur Wand, unter Deck saß und trotz Übermüdung nicht wirklich wagte die Augen zu schließen.

Jetzt allerdings hatte sich der Wind um 180 Grad gedreht und die Dinge sahen vollkommen anders aus!

Genau dieser Wind spielte neckend mit den störrischen Struppelhaar-Locken und malte ihr ein weites Grinsen aufs Mondgesicht. Grünblaue Augen betrachteten den weiten Ozean, welcher in beinahe gleicher Farbe zurückglitzerte und die Flügel der Narbennasenspitze bebten, als sie die frische Brise Salz und Kühle erfassten.
Platafina, die Leibeigene eines Ungeheuers war verschwunden.
Quinith, jüngste „Errungenschaft“ einer kunterbunten Truppe unter dunkler Flagge... Quin, deren Herz recht rasch für eine verwunschene, dreckige Insel voller verquerer Romantik zu schlagen begann, war zum Vorschein gekommen. Nun und ohne allzu lange zu Zögern hatte sie sich der Empfehlung des kuriosen Kerls namens „Schmutzjockel“ gefügt und stand nun, vollkommen in der Farbe von braungeschwärztem Holz gekleidet, an der Rehling eines wenigen Zweimasters, um sich bei all jenen zu melden, mit welchen sie über kurz oder lang das Leben auf La Cabeza teilen würde.

Oui, es ging ab zur Front und obwohl dort die endgültigste aller Gefahren lauern würde, hatte sie sich schon lange nicht mehr derart frei gefühlt.

Auch Stunden später half die eher kleine, pummelige, junge Frau mit heller Begeisterung an Deck überall, wo man ihre Hilfe auch nur halbwegs gebrauchen konnte, denn es tat einfach zu gut dort oben die neue Freiheit selbst auf der See, wo sie allgegenwärtig spürbar war, zu kosten.
Diese närrische, gefährliche, geliebte Freiheit:
Narrenfreiheit!
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 24. Juli 2014, 18:02, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

« Le désir fleurit, la possession flétrit toutes choses. »
Marcel Proust

Lass dich fallen, Körper, herab in die Decken, die weichen,
welche deine müden Glieder sanft umschmeicheln.
Bette dein Haupt auf Daunen, weiche Seide
und ins Reich der Träume gleite...

Ruh... dich... aus.


Einfach in das neue, eigene Bett fallen lassen...
so verführerisch, nach einem weiteren Tag voller Ereignisse, die beinahe schneller herabprasselten, als dieser verdammte nimmermüde Nieselregen, der die Insel heimsuchte. Aber was sollte das Jammern, sie hatte ihn in all den Stunden, welche sie nun wieder an Land verbrachte, doch eh kaum bemerkt?! Ursache dafür waren die mal mehr, mal weniger erträglichen oder in wenigen Ausnahmen sogar netten Irren, welche dem bizarren Stück Eiland das Leben einhauchten und es zu „La Cabeza“ eben machten. Gestalten wie der undurchsichtige Flint, wenn das denn überhaupt sein Name war, welcher ihr in aller Eile nicht nur eine Bleibe, sondern auch gleich noch ein etwas trotteliges, älteres Pferd vermacht hatte und es offensichtlich sehr eilig hatte auf das nächstbeste Schiff zu kommen. Den Grund dafür hatte er genannt: persönliche Angelegenheiten klären – und jene schienen alles Andere als risikoarm und „gesund“ klärbar, denn er klang nicht so, als erwarte er seine Rückkehr in wenigen Wochen. Quin kannte ihn nicht wirklich und doch wünschte sie dem vermeintlichen Gönner nichts Schlechtes, hatte er ihr doch immerhin mehr innerhalb von wenigen Stunden überschrieben, als sie je zuvor besessen hatte. Tja und beinahe hätte diese aggressive Rothaarige mitsamt Nel im Schlepptau (oder andersrum?) das Geschäft noch platzen lassen. Was war eigentlich deren verdammtes Problem?!

In just diesem Moment meldete sich eine nüchterne Stimme aus den Tiefen des kühlen, berechnenden Verstandes und brauchte nicht einmal höhnend zu klingen, um den verbalen Finger auf die Wunde zu drücken.
„Das fragst du noch? Faszinierend. Du trödelst naiv und vergnügt über eine Insel voller verdammter Halsabschneider, Mörder und sonstiger Gauner. Mich wundert eher, warum sie dir nach der Aktion nicht gleich eine Kugel zwischen die Augen verpasst hat. Vermutlich um Munition zu sparen...“
„Schnauze, Zynismus steht dir nicht!“
„Nun ist dir aber schon klar, dass du grad mit dir selbst redest und in einem inneren Monolog hängst, ja?“
„Allerdings.“
„Gut, wäre ja noch schlimmer, wenn der Wahnsinn auch in dem Bereich Einzug hält...“
Sie beschloss die herablassende, innere Stimme erst einmal zu ignorieren und versuchte weiterhin das Tagesgeschehen Revue passieren zu lassen. Da war die Sache mit der Kleinen, Wiola, welche nun auch einen Schlüssel zu dieser ominösen Bleibe hatte und augenscheinlich einen Vater oder sowas auf der Pirateninsel suchte... armes Ding.
„Ist die das? Ich erinnere an ein anderes, 'armes Ding', welches vor etwa drei Jahren der Meinung war, sie könne die Verbundenheit zum Seemannspapa in illegalen Glücksspielen finden und sieh mal an, wo sie nun gestrandet ist. Na? Genau: Pirateninsel!“
„Ja, mit dem Unterschied, dass ich hier nicht meinen Vater suche, sondern genau genommen gar nichts gesucht habe und stattdessen fündig geworden bin. Hier sind Menschen wie Yvette, die mir ein ganzes Paket voller Köstlichkeiten geschenkt hat, hah!“
„Ich bin beeindruckt. Vielleicht packst du die für später weg und gedenkst deiner ach-so-heiligen Freiheit, wenn du in einer Woche den Tag hast, an dem rauskommt, dass du vermisst wirst. Du weißt doch noch von wem, oder...?“
Das Ausblenden war nach wie vor lästig, doch noch möglich und sie zwang sich an die Gegenwart, bloß nicht diese dreckige Zukunft in einer Woche zu denken. Hier und jetzt regenete es und in der „Höhle des Löwen“ quasi nebenan, hatte sie tatsächlich mal recht aufmerksam Nel, Bartos und Dieto zum Thema „Dauerregen und Mahus Verschwinden“ gelauscht. Man war sich einig, dass das Verschwinden der Inselhexe und der ewige Schauer ziemlich wahrscheinlich in Verbindung miteinander standen und entweder würde der Besuch Althans etwas Licht in die Angelegenheit bringen oder aber es wartete ein weiterer Vulkanausflug. Der Gedanke an diesen sorgte dafür, dass Quins Mundwinkel herabsanken und die Brauen düster tiefer gezogen wurden. Ja, diese vielleicht bevorstehende, gefährliche Exkursion, zu welcher man sie (angekündigt!) nicht mitnehmen würde. Merde... zut alors!
„Ah und auch das wundert dich? Es wird immer amüsanter.“
„Hörst du mich lachen?!“
„Hmja, denn ICH lache innerlich. Du trägst nun seit über drei Jahren dieses Dummchengehabe mit dir herum und von dem bescheuerten Akzent will ich grad mal gar nicht reden. Du hast gehört, was gesagt wurde: niedlich. Da hast du den Stempel, den wolltest du doch, oder? War doch der Plan, damals...“
„Damals...“
Ratio und Emotio schwiegen ausnahmsweise mal beide und der dazugehörige Körper meldete erneut Müdigkeit.

„Lass dich fallen, Körper, genieß der süßen Träume Land,
an dem Ort, wo alle Bilder in deinen Geist gebannt.“


***
Wasser....über mir, um mich herum. Ertrinken, versinken.
Das Wasser langt nicht, hat sie gesagt, was? Und du musstest noch fragen, für was es nicht langt. Löschen, es langt nicht, um alles zu löschen.
Feuer... eingeölte Eisen. Glut, Glimmen, Zischen.
Tränen, Kummer, Schmerz brennen nicht so, wie die Tat dahinter. Kein Feuer entfacht hat diese Kraft, denn Feuer kennt keinen menschlichen Abgrund.
Narben. Hier, da, Erinnerungen, Mahnungen.
Du hast überlebt. Wag es nicht einmal zu jammern und wag es nicht den gleichen Fehler ein zweites Mal zu machen! Vertrauen existiert nur, um Menschen zu brechen.

Ricura...
***

Der Körper fiel tatsächlich... mit dumpfem Geräusch auf den Boden. Sie rangelte noch eine kurze Weile mit den Laken und Decken, in welchen sie sich verheddert hatte. Dann erst realisierte sie wo sie war, ließ das Gefühlsgemisch über den Verstand schwappen, wartete bis dieser den Sieg davongetragen hatte und hielt sich an ihr Versprechen gegenüber Bartos: Kein Jammern, kein Wimmern – Schweigen.

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[You no longer rule your body
You no longer own those rights
You will wake up when we say so
You will sleep when we shut out the lights

Enjoy your stay...
Cause you can't run away...]

Emilie Autumn - Take the pill
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 2. August 2014, 19:18, insgesamt 3-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

« Se retirer n'est pas fuir. »
Miguel de Cervantès

Schließe die Hand und lausche dem leisen, doch so verheißungsvollen Klappern. Klickend schlagen die Ecken aneinander, alles ist in Bewegung, alles is möglich und erst, wenn die Finger sich öffnen und den Blick freigeben, zeigen die Augen, schwarz auf knochig bleichem Weiß, das wahre Ergebnis. Wenn das leise Rasseln verstummt, der Schwung auf dem Handteller auspendelt und die Fingerspitzen zittern, dann ist der Höhepunkt der Spannung erreicht – ein Hoch dem Würfelspiel!

Stirnrunzelnd saß sie im Schneidersitz auf dem dreckig-speckigen Kissen, drückte den Rücken gegen die Bambuswand und traktierte den Nieselregen vor dem weiten Eingang mit düsteren Blicken. Dieses nicht-endend-wollende Bindfadengeplätscher spühlte langsam aber sicher die Nerven blank, drang durch schützende Wände und schlich sich bis in die Träume hinein. Selbst die Totenkopfflagge draußen hing nun laff, tropfend und kein bisschen verwegen herab und gab das Rätsel auf, wie das Pack diesen Zustand nur so lange ausgehalten haben konnte ohne wahnsinnig... naja noch wahnsinniger zu werden.
Ja, der Regen trug zu ihrer Stimmung bei und Sileas warnende Anmerkung zu Träumen an sich, machte es kein Stück besser. Die Nervosität wuchs wie ein Geschwür im Magen und sorgte dafür, dass sie es jetzt schon keine Stunde mehr in ihrem erst so jung erstandenem „Dach über dem Kopf“ aushielt. Die Verdrängung funktionierte nicht mehr besonders seit sie auf Joels unschuldige Frage genau das geantwortet hatte, was sie bis aufs Mark verschreckte.

„Und aehm, scho' lang auf'er Ins'l?“
„'mm, bin seit szwei Wochen etwa 'ier.“

Zwei Wochen!
Eine und noch eine weitere.

„Mia platafina, wir sehen uns in einer Woche. Mach deinem Tío Abbatista keine Schwierigkeiten, claro?“

Seit einer Woche wusste er, dass sie verschwunden war. Wenn er Abbatistas Lüge glaubte, dann war sie für ihn bereits gestorben und konnte das Sonnen... Regenwetter auf der Insel als Totgeglaubte weiterleben. Doch wenn nicht, wenn er auch nur einen Funken Grund fand, um an der Geschichte zu zweifeln, dann brauchte er eine weitere Woche um hier aufzutauchen. Zwei Wochen insgesamt.
Undenkbar nach einer solchen Offenbarung untätig herumzusitzen, also wurde der Hafen abgeklappert und nach und nach mit Vorsicht dort und am Zollamt erfragt wann welches Schiff Anker anlegen würde. Dabei kam sie mühsam und recht zäh voran, denn oberste Priorität blieb weiterhin keine Aufmerksamkeit auf das neugierige Ding mit den seltsamen Nachforschungen zu ziehen. Als dieses Kunststück recht gut gelungen schien, hatte sie irgendwann auch genügend Wissen erlangt, um sicher zu sein, dass das erste, gefährliche Schiff die „Tempestad“ sein würde und jene erwartete man am fünften Wochentag zur Mittagsstunde. Wieder ein kleiner Punkt Gewissheit, der ihr aber noch lange keine Lösung einbrachte.

Die Würfel klapperten mit dem Regengeplätscher um die Wette und schienen im Rhythmus ratternd zu raunen:

bleiben – gehen
bleiben – gehen
bleiben – gehen ….

Und da sie es einfach nicht anders kannte oder besser wusste, ließ sie zu, dass das Klicken verstummte, zum stoisch monotonen Regenprasseln öffnete sie die Hand und starrte den schwarzen Augen entgegen.

Die Würfel waren gefallen.
Das Ergebnis bekannt.


Sie rappelte sich auf und funkelte dem Unwetter wieder drohend entgegen. Der alte Funke Überlebenswille gab der jungen Frau einen Zug, welcher ganz und gar nicht zur sonst gewählten Maskerade passte, doch war es an der Zeit zu packen und dann, möglichst bald, einen Ort zu finden, an welchem man der Dinge harren konnte, so lange die Tempestad vor der Insel lag.
So einfach gab sie die Freiheit, ihre Narrenfreiheit, sicherlich nicht auf!

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[No one's gonna take me alive
Time has come to make things right
You and I must fight for our rights
You and I must fight to survive...]

Muse - Knights of Cydonia
Zuletzt geändert von Gast am Mittwoch 6. August 2014, 12:27, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

„Schon wieder diese Göre!“
„Lass sie doch, mir hat sie gestern sogar n Bier geholt.“
„Ach, zu wem gehört n' die denn?“
„Weiss ich nich.“

Diese Göre erzählte gerade einer Verkäuferin, wie satt sie es hatte als Kind behandelt zu werden, und erzählte von der Leiche, die Andere wohl im Dschungel gefunden hatten. Die Verkäuferin lauschte neugierig und das Mädchen nickte immer wieder und gestikulierte dabei wild herum.
Wiola erzählte die Geschichte schon recht gut, denn sie hatte sie seid Gestern schon sicher ein dutzend mal erzählt, bald würde sie sie selbst glauben.
Das Mädchen lungerte schon den ganzen Morgen am Hafen herum, und am Vortag auch.

Eigentlich lungerte Wiola gar nicht, denn sie wartete, wartete auf ihren Auftritt. Immer wieder ging sie mögliche Fragen im Kopf durch, die ihr der Pirat stellen könnte und welche Antworten darauf Möglich wären und welches wohl die Beste sei.
Denn dies war keine der Geschichten, die sie sich mit ihrer Mutter ausdachte, dies war keine Probe, dieses mal war es die Hauptaufführung. Wenn sie versagte, würde sie wohl so enden wie viele junge Frauen, als Dirne oder Schlimmeres.

Konzentration! Da kamen Beiboote in Richtung des Hafens, da könnte er dabei sein, doch noch waren sie zu weit weg um etwas zu erkennen. Bei den Ratten, weiter vorne konnte sie besser sehen, also machte sich die Kleine auf und versuchte die Ratten zu füttern mit etwas von ihrem Brot. Dabei lag ihr Augenmerk nicht immer auf den Viechern, sondern gleitete immer wieder zu den sich nähernden Beibooten.
Dunkle Haare, kinnlang und ein geschmeidiger Gang, und sie hatte ihr noch mehr Ratschläge gegeben, die sich das Mädchen gerade in Erinnerung rief.

Die Beiboote legten an, doch keiner sah auch nur annähernd so aus wie er ihr beschrieben wurde. Falscher Alarm! Der Morgen wurde langsam zum Mittag, die Zeit verging nur zähflüssig, wenn man auf etwas wartete.

Die Stunden schlichen so langsam da hin, wie eine Schnecke auf dem heissen Steinboden. Die Kleine verdiente sich ein paar Münzen in dem sie Bier für die Hafenarbeiter holte. Sie kam gerade mit zwei Flaschen in den Händen zurück, als sie diese Stimme hörte:

„Heh, meine Kleine, komm doch mal her!“
Wären die Worte von jemand anderem gekommen, wäre es eine Aufforderung gewesen, doch bei der Stimme klang es wie ein lockender Befehl. Oh ja er hatte sie gefunden! Quin hatte sie noch gewarnt; „Er wird dich finden, wenn du dich dort herumtreibst.“.


Wiola stockte kurz, und ihr schoss es durch den Kopf; „Wiola dein Auftritt, bitte!“.
Noch bevor sie sich zu dem Kerl umdrehte setzte sie ein kindliches Lächeln auf und vermied es von Anfang an ihm in die Augen zu sehen.

„Sag einmal, Kindchen, was machst du denn hier, hm?
„Ich hohle Bier für die Hafenarbeiter und verdiene mir ein paar Münzen.“

Seine Stimme hatte etwas von lauernden Raubtierschnurren, ihre Antwort war sogar ehrlich, doch das würde sich bald ändern.

„Miapequeña belleza, wie lange lebst du denn schon hier auf der Insel?“
„Lange genug, um zu wissen wie man sich sein Taschengold aufbessert.“

Hatte er bei ihrer Antwort gerade die Brauen zusammen gezogen? Wiola wusste es nicht, denn sie sah überall hin, nur nicht in seine Augen.

„Bueno, dann kannst du mir bestimmt helfen! Ich suche nach einer jungen Frau, sie müsste vor etwa 2 Wochenläufen auf die Insel gekommen sein.“


Wiola machte ein grübelndes Gesicht, nicht weil sie darüber nachdachte wer es sein könnte, sondern welche Antwort wohl nun am besten sein würde. Sie entschied sich dafür weiterhin noch etwas wage zu bleiben:

„Hier kommen und gehen so viele, da ist es schwer den Überblick zu behalten.“
„Sie ist etwas so gross, etwas pummelig um die Hüften,hat helle hübsche Augen und sie trug ein silbernes Medaillon, als sie hier ankam. Sie ist mir... äußerst wichtig, weißt du, belleza?“


„Höhepunkt der Szene! Hauptrolle Fräulein Distelbach!“, schallte es in ihrem Kopf und nun legte sie all ihr schauspielerisches Talent in ihren Gesichtsausdruck.
Die Augen weiteten sich, wurden gross und grösser, sie erlaubte sich sogar einen kurzen Blick in seine dunklen Augen, ehe sie einen Ausdruck tiefsten Bedauerns auf ihr Gesicht legte und den Blick auf den Boden senkte.

„Oh.“
„Was 'oh'?“

Der Pirat und Sklavenhändler klang angespannt und plötzlich unwirsch, seine kleine Frage verlangte nach einer sofortigen Antwort.
Die würde sie ihm auch gleich geben, Trauer? - nein denn sie kannte die Tote ja nicht näher. Unschuld? - nein es ging ja dann doch um eine Tote. Trotz? - Ja das war gut, und passte zur Geschichte die sie gleich erzählen würde. Und so wechselte der betroffene Gesichtsausdruck einem leicht kindlich-trotzigen.

„Na ich durfte ja nicht hin! Die haben aber etwas von einem Medaillon gesagt, aber die Leiche hab ich nicht gesehen, weil die behandeln mich ja immer noch wie ein kleines Kind! Verbrannt haben sie die Überreste, sie sagten die würde sonst nur Krankheiten verbreiten. Das Schmuckstück hat sich einer von den Rüpeln geschnappt, das ist jetzt bestimmt schon eine Silberkugel für eine Pistole.“

Sollte sie noch etwas hinzufügen? Besser nicht. Würde er dem Bericht glauben? Wiola hoffte es. Sie schob noch etwas schmollend ihre Unterlippe nach vorn um zu betonen, wie ungerecht sie das alles fand. Und riskierte einen kurzen Blick in sein Gesicht. Sah sie da wirklich so etwas wie Betroffenheit? Nein, das musste sie sich einbilden.

„Minfay betreibt ihren Laden schon immernoch an der gleichen Stelle?“

Er wirkte plötzlich eiskalt und Wiola musste die Ängstliche nicht spielen, dieser Mann war wirklich gefährlich und sie hatte die ganze Zeit über Angst, auch wenn sie sich das erst jetzt eingestand Und so deutete sie nur mit einer der Bierflaschen in der Hand Richtung Westen. Seine Antwort war nur ein Nicken, und er ging davon.

Im Bordell war sie schon gestern gewesen, mit ihrer Geschichte. Die würden ihm hoffentlich Bestätigen, dass sie davon gehört hatten.
Zollamt, Taverne und das Bordell, da hatte sie das Gerücht als erstes gestreut. Den Rüpel konnte er lange suchen, davon gab es viele.
Hatte sie irgendetwas vergessen? Das Mädchen hoffte nicht.

Sie brachte erst einmal die Bierflaschen zu ihren Besitzern und strich dafür ein paar Münzen ein.
Noch war es nicht überstanden, doch es schien ganz gut zu laufen.
Gast

Beitrag von Gast »

« La confiance est bonne, mais la défiance est plus sûre. »
Proverbe italien

Das Licht im vollgepackten, kleinen Bettenzimmer wurde langsam grau, als die ersten schwachen Tagesanzeichen mit dünnen Fingern nach der Dunkelheit griffen, um diese zu verdrängen. Mit dem Zwielicht kam nicht nur der morgenliche Küstennebel, sondern vor allem die Schatten, welche stets in der Lage waren, den wachen Augen geheime Bewegungen und versteckte Albträume vorzugaukeln. Die meisten Menschen des Städtchens Bajards begeneten diesem Sinnestrug schlichtweg mit Schlaf und gaben sich lieber echten Träumen mit Erholung statt vorgetäuschten Nachtmaren im Diesseits hin. Daher war die kostenfreie Schlafstube für Tagelöhner und Reisende selig leise, die Stille nur dann und wann von oligatorischen Schnarchgeräusch unterbrochen. Die Gesten der dreisten, unechten Schattenwesen zündeten nur in einem Herzen Panik – oder trugen vielmehr ihren Teil noch zusätzlich bei.

Seit dem ersten Sternenlicht lag sie in Wiolas Bett und hatte versucht Schlaf zu finden, dabei hätte sie wissen müssen, dass dieser sie unmöglich in jener Nacht hätte finden können. Nun erst, so kurz vor dem Morgen, war ihr diese Erkenntnis auch gekommen. Der Körper verriet die enorme Anspannung und das Toben in der Brust. Wenn alles gut war und sie sich ihrer Selbst sicher, dann saß sie gerne locker im Schneidersitz doch wenn auch nur der Hauch Unsicherheit dazu kam, zog sie die Knie an den Körper, igelte sich äußerlich ein. Auch jetzt hatte sie unbewusst die zweite Haltung gewählt, kauerte zusätzlich mit dem Rücken zur Wand und starrte immer wieder vom oberen Bett aus zwischen Tür und Fenster hin und her. Letzteres stand offen und sie hatte längst jede Bewegung und die Zeit berechnet, welche sie bräuchte, um vom Bett zu springen und hinaus zu klettern, wenn die Tür aufgehen und ihre pochende Furcht plötzlich wahr werden würde.
Noch war alles still, noch gab es genug Hoffnung und doch konnten die Gedanken nicht anders, als immer wieder um diese mögliche Situation zu kreisen. Mühsam und vollkommen sinnfrei sich deshalb schon vorher zum irren Affen zu machen, statt abzuwarten, Kraft zu sparen und dann gewappnet zu sein, doch manchmal schwieg ihre zynische, geistesschärfere Ratio und ließ die wild fühlende, mädchenhafte Emotio alleine. Jene wütete nun im Inneren, taumelte panisch gegen die schlimmsten Gedanken und stieß dabei klackernde Dominosteine voller Ängste um.

Die Tür blieb zu, es war bald Tag und noch immer kein bekannter, verhasster Schatten im Rahmen. Würden die Beine ihren Dienst denn überhaupt tun, wenn es soweit war? Selbst wenn, konnte sie schneller herabspringen und hinausklettern als er den kleinen Gang durchschreiten und sie einfach packen? Die Leute hier könnten und würden nicht helfen. Er hatte den ersten Beweis für seine rechtschaffenen Handlungen dann ja direkt an ihrem Körper, der Zweite hing um ihren Hals und befand sich gerade in den eiskalten, zitternden Händen. Warum sie sich nicht längst davon getrennt hatte, wussten vermutlich nicht einmal die Götter...

Wiola, sowohl Vernunft als auch das Herz hatten beschlossen dem Mädchen mit dem gewitzten Funken in saphirblauen Augen und einem liebevollen Zug um die Mundwinkel zu vertrauen. Es war ungerecht nun an ihrer Rolle im großen Theaterstück zu zweifeln. Doch Vertrauen war dank dem heilsamen Schock damals so ein Problem und besagte Theaterrollen alles, was noch blieb, um sich zu verstecken. Nun aber hatte sie Wiola das Gesicht hinter der Maske gezeigt und ihr einen eigenen Part im großen Ganzen vermacht – wenn sie versagte, der Antagonist seine Dramenfigur besser darstellte und sie ihm auf den Leim ging, dann war das Stück mit einem Schlag vorbei und sie beide müssten den teuren Preis zahlen...
Ein Schaudern huschte die Wirbelsäule vom Nacken entlang herab, als würde er dem Brandmal am Haaransatz selbst entspringen, und schüttelte sie leicht. Wenn das passieren würde, müsste sie einen Weg finden, um Wiola, welche ihr Freundschaft zugesichert hat, da raus zu holen. Irgendeinen. Keine Ahnung wie und was aber vielleicht ließ sich ja mit ihm verhandeln. Alles reine Hypothesen. Sehr unwarscheinlich obendrein. Ja und danach war dieser kleine Brocken Stolz und Selbstachtung, die sie noch hatte auch kaputt. Wäre es das denn wert?
Die Antwort wusste sie bereits: Ja, Wiola war es wert. Eine Freundin, eine die sich für sie in Lebensgefahr brachte und dies wissentlich, denn die Heranwachsende war längst nicht mehr so klein und naiv, wie Andere wohl vermuteten. Wiola war es wert. Wiola war eine von denen, welche sie schützen wollte. Sie und Lu und...
Ja, Lu, von der sie nun mehr als zuvor glaubte, es müsse sich um eine junge Frau handeln. Lu, deren Augen Bände sprechen konnten, wenn sie es zuließ. Lu, die auch eine Rolle spielte und so viel wusste, ohne darüber zu reden. Dieser eine kleine Blick am Strand hatte sie bis aufs Mark erschüttert, weil sie selbst nun Angst hatte diesen zu deuten. Entweder es war eine Art heftige Zustimmung bezüglich ihrer gewisperten Aussage, oder aber es war mehr. Was, wenn sie sich tief im Inneren glichen? Ein Blick nur, ein Lidschlag und doch...

Ich 'ab nich Angst immer aber ich 'asse es, wenn man mich anfasst...

Da erwachte die Ratio endlich und leise, zischelnd begann sie mit frostiger Manier anzuklagen:
„Dabei waren es deine Hände nur wenige Momente danach. Du hast angefasst. Du hast berührt. Heuchlerin!“
Der Blick hielt in der Tür-Gang-Fenster-Gang-Tür-Pendelbewegung inne, die Hände lösten sich vom Medaillon und öffneten sich marionettenhaft gelenkt. Das Augenmerk ruhte auf den Fingerspitzen der rechten Hand und kurz herrschte Schwerelosigkeit in der Magengegend. KLACK! Ein Dominostein in einer ganz anderen Gedankenecke fiel und riss einen vergessenen Strom an Fragen, Überlegungen und Gefühlen scheppernd um. Die stürzende Flut ließ sie nach Luft schnappen und ehe sie darüber grübeln konnte, verließen fünf Wörter gehaucht die Lippen.
„Was machst du mit mir?“

Diesmal tobte und schrie die Ratio.
„WAS MACHT ER...?! NICHTS, DU DÄMLICHE KUH. GAR NICHTS! DU BIST DAS GANZ ALLEINE... WAS MACHST DU MIT MIR...UNS...DIR?!“
Nach dem Ausbruch war längst nicht Stille, fauchend ging das „sich selbst schelten“ in die zweite Runde.
„Ich nehm alles zurück, was ich bezüglich der aufgesetzten Schwärmerei gesagt habe. Wenn die zur Maskerade gehört, dann mach ruhig. Du musst damit leben, wenn du dann belächelt wirst und darfst dir meinen Hohn eben anhören. Aber das... DAS... geht in eine Richtung, die Verderben bedeutet. Hörst du? Weißt du noch, warum du eigentlich schlotternd hier sitzt? Genau, Vertrauen und DAS. Wag es bloß nicht. Dein Credo: Vertrau keinem, überlebe! Nun gibst du so eine erbärmliche Figur ab, dass Andere deine Gedanken lesen können müssten und stürzt dich kopfüber ins Wasser. Du wirst ersaufen, du kannst nur verlieren. HÖRST DU MIR ZU?!“

Es war an der Emotio zu schweigen und entgeistert zu betrachten, was sich da auftat. Das Brüllen der Ratio wurde kaum gehört und so zog es jene vor verzweifelt zu betteln und zu beschwören.

„Es gefällt dir doch dort so sehr. Das würdest du vielleicht gleich mit kaputt machen. Sieh mal, wenn Wiola heute Abend erfolgreich zurückkommt, dann kannst du mit ihr zurück. Hast eine Heimat. Was will man mehr...?“

Der Blick haftete noch immer an den Fingerspitzen und löste sich nicht. Stattdessen glitt die linke Hand langsam zur rechten Schulter und berührte sie kaum merklich.

„Tu dir das nicht an. Bitte. Es gibt im Moment doch auch so viel Wichtigeres. Denk an Wiola und euren Plan!“

Das zog. Mit einer raschen Geste schlossen sich die Finger wieder um das Medaillon, der Blick begann erneut gehetzt zwischen Tür und Fenster zu pendeln.

„Brav, sehr gut. Denk daran. Vergiß die andere Sache, begrabe sie wieder.“

„.. Kann ich dir nich versprechen...“


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[Little one, how can it be
You hurt yourself but do not see
And everything you're breathing for
Will let you down and leave you sore]

The Parlor Mob - Everything you're breathing for
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 9. August 2014, 12:33, insgesamt 2-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

«Ne te laisse pas influencer par tes problèmes, laisse-toi guider par tes rêves»
Source inconnue

Aufwachen ist so eine ganz spezielle Sache. Ist man von Albträumen geplagt, so fällt es einem oftmals besonders schwer, sich aus dieser Welt zu lösen und den Geist wieder ins Diesseits zu befördern – doch wenn man selig schlummert und innerlich Fausts Fehler macht, den Moment um eine längere Weile zu bitten, dann kann man sich sehr rasch wach und wirr blinzelnd, fernab von Traum und Seelenbalsam, wiederfinden.
Auch im Falle der ungewöhnlich-gewöhnlichen Protagonistin namens Quinith war es letzteres Ereignis und mit einem Ruck öffneten sich die Lider, der Blick glitt suchend und verwirrt, schließlich sogar kurz panisch umher. Es fehlte eine Menge Zeit und jene hatte der Kopf bisher wunderbar mit, bis dato äußerst sinnvollen (im Wachzustand betrachtet: vollkommen sinnfreien!), Traumsequenzen gefüllt. Nun aber war sie wach und rappelte sich entsetzt auf, erst zwei Kontrollen konnten das Gewissen ein klein wenig beruhigen:
1. Es war das eigene Bett, in der eigenen Behausung
2. Sie trug noch alle Röcke samt den gut versteckten Hosen drunter

Folglich hatte eine nette, fürsorgliche Seele sie vom Schlafplatz am Feuer in Bajard bis hierher geschleift und obendrein sanft ins Bett, statt vor die Türe, verfrachtet. Jemand, der sich um so etwas Gedanken machte und auch noch den Anstand hatte, ihren Strohhut sauber an die Stuhllehne zu hängen. Irgendwo im Kopf wallte ein Bild von feuerroten Haaren auf, in welche sie einen Moment lang im Halbschlaf geglotzt hatte und sich aufgrund der wippenden, wiegenden Bewegung fragte, ob sie auf einem Meer aus Haarsträhnen gelandendet war. Yvette! Wieder mal hatte sie ihr quasi wortwörtlich den Hintern nachgetragen, während Quin selbst sich zu rasch hatte fallen lassen. Schuld waren noch nicht einmal wirklich die ominösen, rauchbaren Yabas, welche sie dem nicht minder mysteriösen Yako abgeschnorrt hatte, sondern... achja: alles zusammen.
Das fing mit dem berauschenden Gefühl der frischen Brise Freiheit, nun dank Wiolas klugen, geistesscharfen Kopf gewonnen, an und rauschte dann aber gewaltig weiter. Es rauschte zum Glücksgefühl, als sie beide die Hände ins goldene Sonnenlicht La Cabezas streckten, und die kleinen Ringe um die Wette glitzerten. Der wilde Rausch wurde nur noch vom guten Wein, den Jaron da irgendwo ausgegraben hatte, angefacht und kochte sprudelnd über, als Jean sie erneut auf den Schoß zog. Nicht einmal die Ratio argumentierte da noch mit ihr und ließ ihr das Stück Mädchenzeit, das sie nie hatte. Ein wenig schmachten, ein wenig erröten und sich ein klein wenig im Charme des gewitzten Kerls baden. Irgendwann würde sie die eigene Position im Bezug auf Jean mit sich selbst klären müssen aber bis dahin durfte gern noch mehr Zeit ins Land streichen. Geklärt hatte gestern nur Nel etwas und den Rauschflug mit wenigen Worten beendet. Als ihre Emotionen blank langen, war es nur billig und recht, dass die Vernunft vollkommen übernahm und ihm mit ruhiger, erwachsener Manier das auszureden versuchte, was versteckt bleiben musste.
„Dreh den Kopf ruhig den Männern nach, lache und scherze aber.... tu peux flirter mais jamais être aux anges!“

D'accord. Nein, eigentlich ganz und gar nicht d'accord aber für den Moment war es unvorstellbar in diesem Bereich aufzufliegen. Die Freiheit war jung, der Rausch zu lange vergessen und was war, wenn ein tieferer Absturz folgte? Mutter der Porzellankiste, noch nicht verdrängt! Die Szene mit Nel hatte ihr nicht nur ein Spiegelbild vorgehalten, welches sie in diesem Moment nicht wirklich leiden konnte, sie ermahnte sie seither erneut gerade ihn, Nelnelnel mit der großen Klappe, nicht zu unterschätzen. Nichts ist so wie es scheint. Sicher, in manchen Fällen ist man nah dran an der Wahrheit aber oftmals Welten entfernt.
„Wir sind aus verschiedenen Welten und doch ähnlich.“
Was genau hatte sich später abgespielt, als der Rausch am Bajarder Feuer durch die Yaba erneut angefacht wurde? Klare Momente, so deutlich, brennend und strahlend hell wie Feuersterne.
„Étoiles... du... feu.“

Der erste Absturz kam genau in diesem Moment, als sie für sich nicht einordnen konnte, ob ihr Verhalten richtig, vollkommen uninteressant/unauffällig oder einfach nur jämmerlich lächerlich gewesen war. Der Zweite folgte sogleich, denn allein diese Gedanken erinnerten sie an schlechte Theaterstücke, in welchen die dramatischen Heldinnen jammernd, die Hand an die Stirn haltend, von einer Bühnenecke zur nächsten wehten. Übel, übel, Übelkeit. Dramaaaaaaaa!
Wütend riss sie die Kommode auf und tauschte wieder einmal Röcke gegen Hosen, Mieder gegen Hemden und als all das nichts half und sie sich immernoch wie ein dummes Dramagänschen fühlte, fiel ihr die Decke auf den Kopf. Die Türe klapperte und wenige Momente später, stapfte sie dem orangeroten Morgenlicht am Strand trotzig entgegen. Die Zehen bohrten sich bei den Schritten regelrecht in den Sand und als die Wut wieder übers Ziel hinausschoß, trat auch der Fuß voran gen Boden – eine Sandfontäne rieselte weit springend nach vorne. Das Schauspiel beruhigte ein klein wenig und so vollführte sie es noch einige, ungezählte Male, ehe die Ballen schmerzten und sie ihre Lieblingsstelle, versteckt am Felsen, mit dem Rücken zur Wand, aufsuchte. Niemand konnte sie überraschen... sicher vor... ja, vor was eigentlich? Sie war frei und vor sich selbst ist man bekanntlich nie sicher.

Auch diesmal zog sie unbewusst die Knie an den Körper und umschlang sie locker mit den Armen, dann wanderte der Blick wie so oft suchend aufs Meer hinaus. Er suchte nach Antworten auf ungestellte Fragen und verfing sich doch immer wieder an einem Moment, als sie bar jeglicher Scheu oder übervorsichtiger Geistesberechnungen in ein Gesicht gelacht hatte. In der Erinnerung war es eine Ewigkeit, ehe ihre Augen zugefallen waren und (nur um den Kreis zum Beginn dieses Kapitels zu vollenden) ganz wie ein gewisser Doktor einer ihr unbekannten Geschichte, hatte Quinith noch vor dem Einschlafen ihren heimlichen Wunsch an diesen Moment gerichtet.

„Verweile doch, du bist so schön...“

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[Darling
Just don't put down your guns yet
If there really was a God here
He'd have raised a hand by now (...)
It kicks like a sleep twitch]

The Editors - Papillon
Zuletzt geändert von Gast am Mittwoch 13. August 2014, 13:59, insgesamt 2-mal geändert.
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«Il faut jouer pour devenir sérieux...»
Aristote

Der feine Pergamentfilm auf dem dünnen Schöpfpapierplättchen fühlte sich weich und ledrig zwischen dem Zeige- und Mittelfinger an, als die Karte in einer beinahe rituell wirkenden, langsamen Geste gezogen und gedreht wurde. Das schwarze, sauber gezeichnete dreiblättrige Kleeblatt namens Kreuz schien dem angespannten, lauernden Blick des Aquamarinaugenpaars entgegen zu starren und für wenige Lidschläge wurde die Karte ausdruckslos gemustert, ehe ein leises Seufzen der Brust entglitt und eine kleine Drehbewegung aus dem Handgelenk das Blatt in den weiten Raum entließ. Dem flattrigen, kurzen Flug mit all seinen winzigen Schleifen und Pirouetten wurde noch so lange reglos nachgeglotzt, bis ein leises, gehauchtes Klatschgeräusch vom Ende des Wirbeltanzes kündete. Dann lag die Kreuzsieben nur wenige Zoll vom Kreuzvierer entfernt und eine sanfte Stimme meldete sich neckend im Schädelinneren:
„Trèfle...“
„Merci, ich hab's gesehen!“
Nach dem Ende des gestrigen Abends hatte Quinith beschlossen der Ratio noch eine ganze Weile zu zürnen. Selten hatte sie sich von sich selbst so im Stich gelassen und dann auch noch in den Rücken gefallen gefühlt. Wenn man nun vernimmt, wo der Grund für ein derartiges Empfinden und Verhalten liegt, so werden jene, die das Leben anders hat reifen lassen, vermutlich wahlweise schmunzeln und mit dem Rat ankommen, dass doch alles nicht so heiß gegessen wird, wie man es kocht – Andere könnten stirnrunzelnd anmahnen, dass es auf jeden Fall nicht ratsam ist jede Bewegung oder jedes Wort im Nachhinein noch einmal zu analysieren, da man dann nur zur über-Reflexion neigt, aber... jeder muss wohl seine eigenen Erfahrungen machen und wer sich nach einer bitteren Enttäuschung zum ersten Mal wieder auf just denselben Boden begibt, dem kommt jeder Schritt wie ein Sprung auf dünnem Eis vor. Daher bitte ich Sie, werter Leser, dem jungen Ding etwaige Absurditäten und Handlungen bar jeglicher Logik nachzusehen – sie weiß es einfach noch nicht besser. Bien, merci!
Wie kommt nun aber die Ratio ins Spiel und was hat das alles mit dem letzten Abend zu tun? Ah, ein wenig Geduld noch, betrachten wir noch ein wenig das einseitige Kartenspiel, ehe sich der Blick in die Gedankenwelt etwas mehr lohnt...
Wieder zogen die Fingerspitzen über das Pergament, die dickere Schöpfpapierkartonage darunter fühlend und erneut drehte sich das Blatt geschickt gelenkt. Diesmal glomm ihr der warme, blutig rote Farbton eines Karos entgegen. Der angehaltene Atem wurde mit einem ächzenden Stoß entlassen und auch diese Karte fand ihren Flatterweg herab auf die Dielenbretter.
„Carreau...“
„Lass mich in Ruhe – die Farbe war immerhin schon ganz richtig.“
Mit leisem Schabgeräusch zog sie eine weitere Karte vom mittlerweile recht kleinen Stapel und drehte sie argwöhnisch. Dann aber weiteten sich die Augen etwas und nach einem vergewissernden Blinzeln umspielte bald ein triumphierendes Grinsen die Züge. Sie hielt das Herz-Ass ein wenig höher, dem Licht des Fensters entgegen. Doch auch dieser Höhenrausch bekam den verbalen Sturzflug zu spüren.
„Formidable, dafür hast du ja nur... warte mal... hmm, achtundwanzig Züge gebraucht. Ich bin schwer beeindruckt, wirklich. Das sagt sicherlich eine Menge über deine weitere Zukunft aus...“
TATSCH! Das Ass wurde so zügig auf den Tisch geklatscht, dass die Hand einen kurzen, feurigen Brennschmerz meldete. Diesen aber konnte sie ignorieren, nicht so die innere Stimme der vermeintlichen Vernunft, welche sie so kläglich verlassen hatte, als es am Nötigsten war.

„Schweig jetzt! Du hattest gestern deine Chance, als ich mit Apfelmus und Mehl verschmiert vor dem Ofen stand...“
„ Ein wirklich amüsantes Schauspiel...“
„... oder als ich da am Feuer saß, so nah...“
„Oh bitte, du kannst es ja nicht einmal jetzt in Gedanken sagen: Als du auf seinem Schoß gesessen bist, wie eine steinerne Henne auf einer Stange und da habe ich sehr wohl ruhig angemerkt, dass dir seine Berührung tatsächlich nicht zuwider ist. Nach wie vor faszinierend!“
„... oder dann später, ich hätt' ihm das Paket nicht geben sollen, niemals. Wie dämlich hat das denn gewirkt? Wie ein verdrehtes Minnespiel – würdest du mich überhaupt zurückhalten, wenn ich singend vor seinem Fenster stehe?“
„Ehehehe, ich nicht aber vermutlich Nels Stiefel!“
„Dieser hinterlistige, fiese...“
„Also listig stimmt zumindest in diesem Kontext. War ja ein interessanter Schachzug seinerseits, was?“
„... Lenk nicht von dir ab!“
„Du meinst von dir selbst?“
„Egal, wo warst du dann später im Haus?“
„Ich habe beobachtet, Mademoiselle, kam so zu einigen, höchst spannenden Schlüssen.“
„Du hast dich nicht gemeldet, ich war stummer als ein verdammter Goldfisch!“
„Ahaaaa, nicht ganz richtig. Ich habe mich sehr wohl gemeldet...“
Die Erinnerung an die vier Worte, welche dann die Ratio recht ruhig herausgemurmelt hatte, ließ sie jetzt noch überschäumen und wütend stieß sie sich vom Tisch ab, ließ zu, dass der Stuhl krachend umfiel und griff nach der Weste. Vier Wörter, die wieder zu schnell gesagt wurden, als dass sie darüber länger reflextieren konnte.
„Der Brief... war gelogen.“
Dann war sie den Heimweg stumm angetreten, während die Emotio im Inneren die ganze Zeit über ein entsetztes, lautes „AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“ von sich gegeben hatte. Um nicht jetzt gleich eine ähnliche Reaktion hervorzurufen, knöpfte sie die Weste nur knapp und dürftig zu, machte sich dann, wieder einmal undamenhaft stapfend, gen Türe auf und knallte diese donnernd hinter sich ins Schloß. Die Füße suchten sich einen Weg und erst, als der Zornesrausch sich bereits etwas an den schützenden Riffen ums Gemüt brandend zerschlagen hatte, suchte sie das innerliche Zwiegespräch erneut.
„Ganz ehrlich, war das nötig?“
„Hm?“
„Damit hast du ihm doch im Grunde direkt gesagt, dass ich ihn verdammtnochmal sehr gerne habe.“
„Cchhhssttk!“
„Was war das schon wieder? Lachst du mich aus?“
„Ach du verdammtes Gänschen, als hätte er das nicht schon vorher langsam geahnt, hm?“

Die Schritte wurden langsamer und eine ganze Weile schwieg alles, während die Gedanken im Kern um das kurze, kaum merkliche Schmunzeln auf teilweise entstellten Lippen kreisten. Barfuß tappte sie in den altgewohnten, leichten Zickzackbögen dorthin, wo die Beine sie tragen würden und in seelisch weniger schäumender Regung stopfte sie beide Hände wieder einmal in die ausgebeulten Hosentaschen, stockte aber, als die Finger der Rechten etwas zu greifen bekamen.
Weiches, ledrig-glattes Pergament auf Schöpfkartonage. Als sie die Hand wieder aus der Tasche zog lag dort, zwischen Zeige-und Mittelfinger geklemmt, das Herz-Ass und schien ihr vielsagend entgegen zu lugen.
„Warum hast du es denn dann gesagt, wenn er es schon wusste...?“
„Quoi?“
„Weshalb hast du das Offensichtliche noch einmal aufgedeckt? Nicht sehr sinnvoll für die Stimme der Vernunft, oder?
„....“
„Du... magst ihn auch.“
Und jetzt war es doch einmal an besagter Vernunftstimme lange zu schweigen.

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[Open up your mind and let me step inside
Rest your weary head and let your heart decide
It's so easy when you know the rules
It's so easy all you have to do
Is fall in love
Play the game
Ev'rybody play the game of love]

Queen - Play the Game
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 15. August 2014, 22:10, insgesamt 2-mal geändert.
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« Les amis : une famille dont on a choisi les membres. »
Alphonse Karr

Unter dem Augenlicht der morgendlichen Sonne zählen andere Belange als Tugenden oder weltliche Reichtümer. Sie tunkt alles gnadenlos und bar jeglicher Wertung in ihr feuriges Licht und schert sich nicht um Ansehen oder Moral des erstrahlten Stück Landes. Wie kann man denn auch sonst noch rechtfertigen, dass ein Ort wie dieser, der Gaunerherzen höher schlagen lässt, den Mörder und Diebe selig Heimat nennen und dessen Ruf verruchter als jeder noch so schlampigen Dirne ist, dermaßen schön im ersten Sonnenlicht glänzt, dass einem die Seele zu tänzeln beginnt.
Vorausgesetzt man hat seine Seele gerade in greifbarer Nähe...

Es zog noch immer, nun zwar nicht mehr in den Lungen, wohl aber irgendwo tief im Inneren. Sie alle hatten gesagt, dass man den Verlust spüren konnte und ein dermaßen emotionales, feinfühliges Menschenkind, welches die Vernunftstimme personifizieren musste, um sie überhaupt zu realisieren, litt folglich massiv an dem entrissenen Gut. Verpfändet für zehn Jahre, die nun im Dienste des schwarzen Schiffes standen. Natürlich war es so auch besagte Vernunft, die sich recht wohl fühlte und in einer mopsfidelen Art und Weise eine Litanei nach der nächsten herabschwallte. Meist ging es dabei um die Vorzüge des Pakts, allen voran den Austausch der Herren, welchen man nicht vor dem allwissenden, schwarzen Buch geheimhalten konnte – oder auch brauchte.

„Dann sind wir nun fertig, meine Liebe und du darfst eine Frage stellen und dann gehen.“
„Nachdem das Buch da alles weiß, kann ich ja fragen:
Wenn nun jemand Anderes kommt und Ansprüche im Bezug auf mich erhebt, als mein 'Herr'... wem gehöre ich denn dann wirklich?“

„Auf diesem Schiff: mir. Da steht mein Befehl über dem deines Sklaventreibers.“

Ein Herrn wurde gegen einen anderen getauscht und beide waren nicht einmal mit noch so viel Vorsicht genießbar. Doch hasste sie den Piratenkönig nicht und dieses Zünglein an der Waage wog so schwer, dass sie sich freiwillig dem Anheuern gestellt hat. Es ist ein verdammter Unterschied, ob man sich nun aktiv einer Person unterstellt oder ob man passiv unterstellt und degradiert wird. Die Lösung für eine mögliche Konfrontation mit dem alten Ungeheuer war nun simpel: ab auf's Schiff und dort konnte er ihr rein gar nichts! Das „Bedeut“ eines Kinderfangspiels, gefunden in einer rabenschwarzen Fähre – faszinierend. Die Vernunft war stolz und gerade die verunsicherte Gefühlsebene konnte man mit dem eigentlichen Grund hinter der Anheuerei überreden, bis sie wieder genauso zu der Entscheidung stand.

Sie hatte ihre Seele verpfändet, nicht aber das Herz und jenes schlug höher bei dem Gedanken, an die besondere Familie, an welche sie dadurch wieder ein Stückchen näher herangewachsen war:
Das Pack und damit verbunden eben Menschen, die sie heimlich für sich teilweise sogar als eine Art besondere Geschwisterfiguren definiert hatte. Mal sehr innig und glühend verehrt, mal mit all dem Durcheinander und Zwist, welchen echte Brüder und Schwestern auch tagtäglich erlebten. Zu einigen aus den Reihen des Piratenpacks blickte sie mit unverholenem Respekt und Andacht auf, wie ein Kind, welches persönliche Leitfiguren entdeckte und Andere wiederum hatte sie insgeheim beschlossen zu beschützen, obwohl es sich meist nicht gerade um jüngere oder unerfahrenere Personen handelte. Sie flocht sich, wie eine klammernde, unnachgiebige, kleine Efeuranke ihren Platz und ihre Position im Bezug auf die werten Mitfreibeuter zusammen und freute sich diebisch über den Erfolg: Balsam für eine verpfändete Seele, Wärme für ein heftig schlagendes Herz – ihre neue Familie, Freunde.

Das Freundschaftsband streckte der Efeu aber über die Insel hinaus, bis nach Bajard, wo Menschen lebten, deren Wert man nicht mit Gold aufwiegen konnte und sogar bis in die Stadt des Panthers hinein. Rahal... da war doch etwas. Seufzend riss sie sich aus ihren Tagesanbruchsträumen los und setzte die Rucksackpackerei fort. Die nächsten Tage wollte und musste sie dort verbringen, um nicht nur die Fäden der Rückenwunde loszuwerden, sondern auch um ihren Dank auszusprechen und vielleicht, ganz vielleicht um weitere zarte Bänder zu knüpfen.
Zarte Bänder... sie hatte Lus Brief an Nel mit deren Information, dass sie nun für ihn in Bajard zu sprechen sei, so er sie denn suche, einen Abend zuvor unter der Türe hindurch geschoben – und für einen kurzen Moment zog etwas in ihr leise und hoffend in Erwägung einen weiteren Zettel, diesmal allerdings nicht für Nel und nicht von Lu, sondern von persönlicher Natur, hinterher zu schieben. Es dauerte nur etwa sechs Herzsschläge, dann hatte die Vernunft wieder alle Zügel in der Hand, erinnerte sie mahnend an die jüngsten Fehler und konnte es auch nicht lassen boshaft nüchtern zu bemerken, dass es vielleicht Menschen auf der Insel gab, die sie während der kurzen Rahalreise vermissen würden – es aber auch genügend Insulaner gab, die ihre Abstinenz nicht einmal bemerken würden.

„Nimm dich nicht zu wichtig. Sei glücklich über das, was du hast: Freunde. Ist mehr wert, als alles was du sonst je vorweisen konntest, richtig?“
„Richtig!“

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[Über das Meer, über das Land,
haben wir eines erkannt:
Ein Freund, ein guter Freund,
das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.]

Comedian Harmonists - Ein Freund, ein guter Freund
Gast

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« Qu'importe le flacon, pourvu qu'on ait l'ivresse." »
Alfred de Musset

Es gibt zwei Arten von Panschern:
Jene, die man wohl nicht ohne Grund als Männer oder Frauen ihres Faches erkennt und welche die Fähigkeit haben, mir sicherer Hand und geradezu akribischer Präzision wahlweise ein Getränk oder andere Tinkturen so perfekt zusammen zu brauen, dass der gewünschte Effekt immer eintritt...
und solche, die alles Mögliche chaotisch in einen Pott werfen und das Ganze dann wild rühren oder schütteln bis es ihnen meist um die Ohren fliegt.
Nachdem unsere Probandin schon recht genau ahnte, dass sie zu letzter Sorte gehört, war sie zumindest weise genug, um die muntere Mischerei den fähigen Herrschaften – oder in diesem Fall wohl eher Damenschaften – zu überlassen.

Da war zunächst einmal die Wunschschwester Yvette, welche sich der nicht-ganz-so-heiligen Queste um das noch-weniger-heilige-oder-gar-goldene Gesöff zuerst annehmen musste. Ja, musste! Denn wem konnte sie sonst eine derart verquere Magisterspinnerei anvertrauen? Für zwei Bücher wollte der Herr Althan nun also nicht nur ihren emsig zusammengediebten Zaster, sondern auch noch eine alkoholische Erfrischung mit Fruchtgeschmack und.... einem Schirmchen!
Verrückt aber gut, was tat man nicht alles für den herzallerliebsten Lesestoff, soweit ließ sie ihm sogar derart wilde Sperenzchen gerne durchgehen und bemühte Yvette sowohl damit die Kaltschale, als auch das passende Schirmchen zusammen zu basteln.
Dieser Schritt erfolgte zur vollendet-veredelten Spitzenform, denn es roch nicht nur himmlich und war die optische Augenweide schlechthin, nein, es mundete auch noch ganz vorzüglich, wie sie selbst dann doch einmal kosten durfte.

Soweit, so gut.

Eigentlich wäre nun nur noch der Gang nach Rahal und die triumphale Präsentation des Grals... pardon Getränks angebracht gewesen, doch war es des Magisters dreiste Nachhakerei, die ihren Wunsch auf eine weitere Zutat geweckt hatte.
Sie sollte ihm das Ganze also... servieren? Am besten in Röcklein und Schürzchen? Vielleicht am besten noch mit einem Tanz untermalend, ja?
Na warte, Kätzchen, diesmal tanzt die Maus auf dem Tisch!
Und wann genau war eine simple, graue Maus dazu in der Lage? Richtig, wenn das Kätzchen schlief! Sie kannte nur eine Person, die eine andere Art von Getränken zusammenbrauen konnte und jene war ganz fein über den Weg nach Rahal schon auf Höhe Grenzwarth zu erreichen. Sie würde wissen, wie man das Katzengetier in Magisterrobe dann zum Schlafen bringen konnte.

Gesagt, getan und eine recht bengelhafte, ewig sarkastisch oder amüsiert klingende Stimme murmelte zum ersten Mal seit langem regelrecht anerkennend vor sich her:

„Willkommen zurück, Quinith, wo hast du dich nur all die Jahre versteckt?“

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[It was a trickster, mister
Trickster mister I can resist you]

Kidneythieves - Trickster
Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 9. September 2014, 16:56, insgesamt 2-mal geändert.
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« Ceux qui jouent avec les chats doivent s’attendre à être griffés. »
Miguel de Cervantès

Nimmermüde bewegte sich der Federkiel, untermalt von einem leisen, kratzenden Geräusch, über das beigefarbene, knatterige Pergament. Dann und wann schien die Kielspitze darüber in der Luft zu verweilen oder wurde besonnen in fast rhythmischer Geste mehrfach am Rand des Tintenpotts abgestriffen. Seite um Seite füllte sich mit Lettern, welche zu Sätzen verwoben, nach und nach eine Art „Werkstück“ bildeten. Die herabgebrannten Kerzen in den hinteren Pultecken zeichneten flackernde Licht- und Schattenflecken auf etwas müde, doch stoisch konzentrierte Züge. Prüfend glitt der Blick über das Geschriebene und kontrollierte erneut auch das bereits Verfasste kritisch. Mit dem Voranschreiten der Nachtstunden war es immer öfter vorgekommen, dass ihr die Worte aus dem Kopf schwanden, als habe man sie mit einem Halm herausgeschlürft und wieder war es der Kiel, der dies ausbaden musste, wenn sie an dessen bereits zerkauter Spitze nagte. Irgendwann war das Werk vollbracht und auch die letzte Seite mit Sand soweit zu ihrer Zufriedenheit abgelöscht. Unachtsam wischte sie ihn einfach auf den Boden und klappte das dünne Büchlein mit einer Geste, in welcher eine seltsame Endgültigkeit lag, zu.
Doch statt nun endlich vom Stuhl zu springen und das längst überfällige Bett aufzusuchen, drückte sie den Rücken nur etwas fester gen Lehne, streckte die bloßen Füße langsam aus und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Gedanken begannen nun, nach getaner Arbeit und vollendeter Ablenkung, erneut um die Ereignisse des Tages zu kreisen, wie die Fliegen um den Unrat auf La Cabezas Straßen. Dass es in ihrem Kopf wild arbeitete und sich wieder einmal Vernunft und Gefühl auf eine Diskussion einließen, verrieten die Regungen auf den jungen Zügen und der Blick, welcher zwar starr in die sterbenden Kerzenflammen gerichtet blieb, doch nichts zu sehen schien und stattdessen eine ganze Emotionspalette zur Schau stellte.

Sie debattierte mit sich selbst, indem sie begann ihre unglaublich grässliche Tagesbilanz zu ziehen und sich im gleichen Moment eine vermalledeite Närrin nannte. Die Schelte kam nicht von ungefähr, denn die Ratio, welche noch zu Beginn der Planereien so voll des Lobes für ihren Aktionismus schien, hatte die Fehler in den Plänen schon ein wenig eher erkannt und wurde mit Missachtung belohnt. Wen wundert es da, wenn nun die süßlich-ätzende „Ich-habe-es-doch-gesagt“-Karte gespielt wurde?

„Schau dir an, wie tief du da hineingesunken bist, Nigaude! C'était trop niaise tout ça! Du hättest es abbrechen und den Orangenrum ohne die verdammte Mischung nehmen sollen, als deutlich war, dass er nicht nur Oberwasser, sondern auch noch Verstärkung hat. Gesetzt dieser Lotos wäre da geblieben, was meinst du hätte Rilytia denn gesagt, wenn beide Herren ganz zufällig vor den Bechern liegen und schnarchen? Da war nichts mehr durchdacht, petite imbécile, gar nichts. Ohne meine Schärfe wärst du als Erste ins Land der Träume gewandelt – ganz ehrlich, du hättest doch selber erst einmal die anderen kosten lassen, wenn du in seiner Lage gewesen wärst. Glücklicherweise haben schon ganz Andere ihren Kopf mit einer Schwangerschaftslüge aus der Schlinge ziehen können aber, chère gourde, dass du dann so lange mit dem Namen gezögert hast...“

„Dass ich überhaupt einen parat hatte, der oder die dabei noch einen Nutzen aus dem Gerücht ziehen kann, ist ein Wunder! Also lass mich damit bloß in Ruhe. Weisst du, was passieren hätte können, wenn ich zum Beispiel... Beispiel...“

„Oui, ich denke es steht außer Frage, dass du ihn da nicht hättest mit hineinziehen können, d'accord? Ansonsten hätte ich schon dafür gesorgt, dass du den Rest deines Lebens in Schande verbringst und niemanden mehr in die Augen sehen kannst – ich hätte dein schlechtes Gewissen zu unsagbarer Größe aufgeschüttet, bis du dahinter umkommst, das glaub mir, entfant! Aber mal ganz davon abgesehen... erkläre mir doch noch einmal, wie genau nun Lu aus der Sache irgendeinen Nutzen schlägt? Sie haben doch deine Lüge von wegen „Braten im Ofen“ schon erkannt, bevor du diese auch noch als solche zugegeben hast, hm?“

„Vergiss es einfach...“

„Non, das werde ich nicht. Das werden wir nicht. Das wirst DU nicht. Vor wenigen Stunden hast du es selbst bemerkt: Geradestehen ist angesagt, um Yvettes und Nels Beistand nicht vollkommen mit Füßen zu treten und schmier dir dein „Maus gegen Katze“-Gehabe an die Backe. Die Katzen gewinnen immer irgendwann, das solltest du eigentlich wissen. Kam dir denn die ganze Sache nicht auch irgendwann unglaublich bekannt vor? Angestachelt vom eigenen Stolz wir ein halbausgegorener, nicht wirklich durchdachter Plan ausgeführt und das obwohl ich mit Mahnungen und Vorsicht um mich werfe...“

„Vielleicht hör' ich einfach nicht mehr zu?“

„Ah, bien. Nun, dann musst du wohl Tiefschläge nicht nur in Kauf nehmen, sondern bewusst einkalkulieren. Tja, wer weiß... vielleicht stehst du heimlich drauf dich erniedrigen zu lassen, hm? Hast du dich nicht vorhin selbst eine Masochistin genannt?“

„DAS war ein vollkommen anderer Kontext und obendrein ein Quäntchen Galgenhumor. Wag es bloß nicht, mir zu unterstellen, ich würde...“

„Dann halte dich jetzt bedeckt. Sei dankbar dafür, dass du noch am Leben bist und alle Knochen sowie Organe am rechten Platz sind. Überleg dir, wie du dich bei Yvette und Nel revanchierst, sieh vor allem zu, dass du, wie versprochen, die Angelegenheit mit dem Magister klärst. Keiner verlangt, dass daraus eine wunderbare Freundschaft entsteht.“

Eine der beiden Kerzenflammen fand ein stilles Ende und es wurde schummriger im Raum. Müde und etwas kraftloser wischte sich die junge Frau übers Mondgesicht und schloß die Augen ergeben.

„Spar dir die Sprüche. Ich werd's schon richten, wie angekündigt. Nels Warnungen in allen Ehren. Stimmt schon, dass ich den Magister nicht kenne aber dann wiederum kennt er mich auch nicht. Nichtmal Nel weiß... nur ihm hab ich's erzählt... und er ist...“

Diesmal klang die scharfe Stimme der Vernunft beinahe sanft, als sie tröstend einen Satz intonierend wiederholte:
„...wenn dann mehr angetan als abgeneigt.“

Sie erlaubte ihnen beiden ein leises, schnaubendes Auflachen. Eine bittersüße Mischung aus heiterer Süffisanz und milder Verzweiflung.

„Hm und wir beide wissen, dass das nur der Aufmunterung diente, nicht wahr?“
„Oui aber – ist das nicht egal? Man wird wohl noch träumen und sich den Illusionen kurz hingeben dürfen.“
„Hah und das von dir!“
Schweigen.

Die zweite Kerze verglühte mit einem rötlichen, matten Flackern und ließ das schwach schmunzelnde Mädchen allein in der Dunkelheit zurück.

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[Maybe I'm a different breed
Maybe I'm not listening
So blame it on my ADD baby
-SAIL!]

AWOLNATION - Sail
Althan Vylen

Beitrag von Althan Vylen »

Die Öffnung des Konventes, für Jeden der nach Wissen suchte, hatte bisher regen Anklang gefunden. Wo ich anfangs dachte, dass die Bewohner des Reiches doch eher die Bibliothek nahe Düstersee aufsuchen würden fanden sich nun doch Einige die unsere kleine Bibliothek im Konvent aufsuchten, durchstöberten und dort verweilten. Schon allein deswegen etwas Besonderes, da es dort Bücher gab, die eben nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, nunja bis auf Einige vielleicht, die ich erwog der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Piraten faszinierten mich, sie waren zwar rau, goldhungrige Schurken und genug bissiges Weibsvolk, doch es gab dann aber auch wieder jene Frauen die mir ab und an ein Schmunzeln entlocken konnten. So wie Yvette, eine Piratin die ich als wahren Schatz während der Belagerung Schwingensteins zu schätzen gelernt hatte.

In letzter Zeit hatte ich weniger zu Schmunzeln, sondern eher die leidige Pflicht zu tun was getan werden musste im Reich. Die Liste der noch zu erledigenden Aufgaben verlängerte sich stetig und ich hatte immer mehr das Gefühl, dass wenn eine Aufgabe abgeschlossen war sofort zwei Neue auftauchten.

Dann kam diese Quin... eine Piratin mit der Mundart einer Gossenratte, aber sie studierte die Bücher, sie konnte lesen und ich fand ihre Art und Weise interessant. Deswegen gab ich ihr die bestellten Bücher nicht sofort mit, sondern machte mit ihr einen Handel aus und sie musste wieder kommen.
Nun sicher konnte jener Handel als Provokation angesehen werden, doch sind wir erhlich... ich hegte kein Interesse an Gold, es war für mich nutzlos.

Einige Tage später...

Natürlich glaubten wir ihr an diesem Abend als sie kam kein Wort und als Lotos ging war ich mit ihr allein. Ich wusste nicht was mich ritt, dass ich mich auf ihr Spiel einliess.

Sie enttäuschte mich und noch ehe sich meine Augen vollständig schlossen und ich dieser Benommenheit nachgab, dachte ich in aufflackernder Panik, was geschehen würde... ich hasste es die Kontrolle zu verlieren und Sie könnte... nun... würde... Schwärze...

Ausgeschlafen...

Nun ich durfte Hannah und Rilytia Rede und Antwort stehen, als ich wieder erwachte und mich fragte wer die Leitung und der ehm gefürchtete, jawohl gefürchtete Magister, des Konventes war. Je mehr sie giggelten und sich ansahen, umso brummiger wurde ich. Mein finsterer Blick brachte sie zum Schweigen, aber sie tuschelten weiter! Ein brachialer Eingriff und ich befreite mich von der Nebenwirkung dieser 'Vergiftung' und ich war ehrlich, ich wollte diesem Weibsbild Quin den Arsch versohlen bis er glühte und sie drei Tage nicht sitzen konnte.

Ich hatte schon lange gelernt, je mächtiger man wird umso besser muss man aufpassen, nicht die Kontrolle über sich zu verlieren. Die Macht auf die ich durch das Wohlwollen Alatars zugreifen konnte war so gewaltig, dass sie alles Andere was ich zuvor kannte in den Schatten stellte.

Yvette empfing uns am Hafen und Nel, als Quin uns sah floh sie und nur Yvette war es zu verdanken, dass jenes Fräulein nicht mit einem glühend rotem Hinterteil ins Bett ging...

Es konnte sich als interessant erweisen, was noch geschehen würde, so langsam wird die Kleine ja begriffen haben, dass Gold mich nicht zufrieden stellen dürfte...
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