Langsam, vorsichtig und leise versuchte Enrique sich am frühen Morgen schon aus seinem Nachtquartier im Feldlager zu schleichen. Zumindest so leise wie es nur irgendwie ging bei einer aneinander reibenden Schuppenrüstung, Messern die bei jeder Bewegung aneinander oder gegen die Rüstung schlugen und einer Tasche voller Flaschen die vor sich hin klimpernden. Aber wie hieß es noch gleich? Der Wille zählt? Ja, damit konnte er sich abfinden. Ein kurzer Blick zurück, ein kleines Lächeln welches bloß nicht der Rest der Mannschaft bemerken sollte, dann verließ er mit seinem Frühstück – Cigarillo, Rum und ein Stück Brot – das Piratenzelt. Diejenigen, die zu dieser Zeit schon wach waren, grüßte er mit einem knappen Nicken ehe er schließlich auch das Feldlager verließ und sich einen ruhigen Platz ein Stück abseits am Wasser suchte. Nur kurz beschäftigte er sich mit der Nahrungsaufnahme ehe seine Aufmerksamkeit einem Brief galt den er vor ein paar Tagen erhalten hatte.
Ich grüße dich mein Sohn,
lange ist es her, dass wir uns das letzte mal sprachen. Damals schickte ich dich fort, damit du erwachsen werden kannst. Nun brauche ich deine Hilfe.
Ich habe einen Auftrag angenommen den ich getrost als den größten und lukrativsten meiner Karriere bezeichnen kann.
Du weist um die Gefahren einer kostbaren Fracht. Du weist um die Neider hinter solchen Unternehmen und du weist um die Gier der Männer.
Als dein Vater erwarte ich deinen Beistand und eine zügige Antwort. Stell dich auf eine Reise von etwa drei bis vier Wochenläufen ein.
Bis dahin verbleibe ich mit besten Wünschen
Es nervte den jungen Piraten ausgerechnet jetzt, wo er frisch seinen Schwur geleistet und mehr als guten Anschluss gefunden hatte, von seinem Vater zurückgerufen zu werden. Und das auch noch für einen so langen Zeitraum. Ein kräftiger Schluck Rum verschaffte minimale Abhilfe und etwas Ruhe vor seinen Gedanken. Einfach so aufbrechen konnte er auch nicht, er wollte schließlich nicht das el Capitano und seine neuen Kameraden etwas falsches von ihm dachten. So verfasste er noch einen kurzen Brief der mit dem nächsten Boten nach la Cabeza gebracht werden sollte. Er hoffte sehr um das Einverständnis seines neuen Vorgesetzten. Es ging hier schließlich um die Familie und Enrique war sich sicher, dass mehr hinter dem Brief seines Vaters steckte. So genoss er noch einige Momente das Rauschen der See ehe ihn sein Weg zurück ins Feldlager führte.
Gierig durchstöberte der alte Fischer Marcos das Strandgut. Irgendwo nahe der Küste musste wohl mal wieder ein Schiff zu Bruch gegangen sein und Teile der Ladung wie auch der Fracht wurden nach und nach von der See angespült. Es würde sicher nicht lange dauern bis noch weitere neugierige Bewohner des nahen Fischerdorfes auf das potentiell wertvolle Gut aufmerksam wurden und so beschloss der Alte sich zu sputen. Wirklich viel Wertvolles war allerdings noch nicht auffindbar gewesen. Ein paar Stoffe die vielleicht noch zu retten waren, ein kleines noch halb gefülltes Fässchen Rum und das übliche Treibholz, mehr hatte sich noch nicht gelohnt einzusammeln. Wahrscheinlich würde er auch bald schon die ersten unglücklichen Mannschaftsmitglieder finden können die, so hoffte Marcos zumindest, vielleicht ein paar Münzen und brauchbare Stiefel bei sich trugen. Gerade als er enttäuscht eine leere Schatulle hinter sich warf entdeckte er ein von der See gezeichnetes Buch im Sand. Vorsichtig sammelte er es auf, strich behutsam den Sand vom durchnässten Einband und kniff die alten Augen zusammen um die Gravur auf jenem zu lesen. Ein neugieriger Glanz stahl sich in seinen Blick als er feststellte, dass es sich hierbei um das persönliche Tagebuch eines Kapitän Javier Fernandez handelte. Vielleicht ließ sich ja damit herausfinden welche Fracht das Schiff mit sich trug. So klemmte er sich seine Beute unter den Arm und eilte zu seiner Hütte in welcher er mit seiner Lupe auch die kleineren Schriftzeichen im Buch selbst erkennen konnte. So begann der alte Marcos alsbald zu lesen.
12. Cirmasium 257
Das Schreiben an meinen Sohn Enrique ist unterwegs. Ich hoffe es wird ihn rechtzeitig erreichen, denn ich brauche ihn nun mehr denn je. Die kleine Lüge über die besonders kostbare Fracht sollte ihn von selbst zu mir locken. Meine Mannschaft wird erst über sein Mitwirken informiert wenn wir ihn am Treffpunkt einsammeln. Ich traue den meisten nicht mehr. Das Verschwinden meines ersten Offiziers den ich stets als guten und vertrauenswürdigen Freund schätzte war zu mysteriös. Als wir dann seine Leiche mit der geöffneten Kehle fanden verhärtete sich mein Verdacht. Eine Meuterei formiert sich. Mir bleiben noch drei, vielleicht vier vertrauenswürdige Männer an Deck. Wenn ich nicht aufpasse bin ich der nächste mit einem Messer im Leib. Der Unmut der Mannschaft bleibt mir allerdings unerklärlich. Wir hatten lukrative Aufträge. Die Bezahlung fiel sogar großzügiger aus als gewöhnlich vereinbart. Wir legen regelmäßig wie auch lang genug an den Häfen an. Ich vermute unter den neuen ist ein Unruhestifter dabei, der das Schiff oder das Geschäft ruinieren will, doch mir fehlen Hinweise und Beweise. Ich hoffe Enriques impulsive Art wird helfen die Mannschaft zu beruhigen.
21. Cirmasium 257
Erneut verlor ich einen Vertrauten. Offiziell wird Pierres verschwinden als Unfall behandelt doch ich bin mir sicher, dass auch er durch eine Klinge starb. Mein Verdacht verhärtet sich, dass mir jemand das Geschäft zerstören will. Eine offene Meuterei hätte mich schon mein Leben gekostet. Trotz der Unruhen zwischen den Männern sind wir heute wieder in See gestochen und unterwegs zum Treffpunkt, an welchem wir meinen Sohn Enrique aufsammeln werden. In vier Tagen sollten wir ankommen. Laut seinem Schreiben sollte er pünktlich sein. Ich stehe dem Widersehen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Auf der einen Seite freue ich mich darauf und hoffe auf seine Unterstützung. Auf der anderen Seite schmerzt mein linkes Knie was bisher meist eine Vorwarnung für unangenehme Zwischenfälle war. Trotzdem halte ich an der Hoffnung und Zuversicht fest, dass es eine positive Erfahrung wird.
26. Cirmasium 257
Mein Knie hatte Recht. Am gestrigen Tage haben wir meinen Sohn eingesammelt. Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut doch auf den ersten Blick musste ich feststellen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Was es genau ist kann ich nicht beschreiben doch als sein Vater spüre ich es. Ich habe ihn für die Dauer dieser Reise zu meinem ersten Offizier ernannt um die Mannschaft zu prüfen. Dem ersten der sich darüber beschwert hatte hat Enrique die Nase gebrochen. Seitdem ist es beklemmend ruhig an Deck. Am Abend habe ich ihn dann in die Geschehnisse auf dem Schiff wie auch in meinen Verdacht eingeweiht und er hat mir seine Hilfe zugesagt. Danach habe ich ihn darüber ausgefragt was er die letzten Jahre über getrieben hat. Er erzählte mir von seinen Diensten auf verschiedenen Schiffen, von neuen Kameraden von denen ihn auch einer zum Treffpunkt begleitet hatte, von seinem Kampf gegen den von ihm so betitelten el Diablo und von einem Krieg den er nun vorzeitig verlassen hat. Auf die Fragen nach einer Frau in seinem Leben wich er gekonnt aus doch meine ich in seinem Blick einen zufriedenen Glanz erkannt zu haben, den ich so nicht von ihm kenne. Ich freue mich für ihn doch bleibt natürlich die väterliche Sorge um meinen Sohn und sein Leben. Erfreulicher Weise ist er gut ausgestattet mit diversem Rauchkraut doch die Schmerzen in meinem Knie nehmen trotzdem zu.
Zuletzt geändert von Enrique Fernandez am Dienstag 19. August 2014, 14:45, insgesamt 3-mal geändert.
Ein paar Tage waren verstrichen seit Marcos das Tagebuch gefunden hatte. Seitdem waren auch die ersten Mannschaftsmitglieder des verunglückten Schiffs angespült worden, die meisten davon tot. Gerade mal eine Hand voll der gestrandeten Männer waren am Leben doch bisher hatte man kaum heraus bekommen wer sie waren und woher sie stammen. Es war auch schon wieder spät am Abend als der Fischer sein Tagwerk vollendet hatte und sich daran machte weiter das Tagebuch zu studieren.
2. Ashatar 257
Weitere Männer sind verschwunden. Mittlerweile aber nicht mehr nur jene, die höher in meinem Vertrauen stehen sondern auch ein paar der neuen Matrosen. Das Gemüt an Deck ist äußerst angespannt. Lange werden wir so nicht auf See bestehen können. Trotzdem müssen wir die Reise fortsetzen, die Kunden warten auf ihre Lieferung. Mein Sohn versichert mir die Lage im Griff zu haben doch ich bin mir nicht sicher wie weit ich mich auf seine Worte verlassen kann. 10. Ashatar 257
Heute Nacht wurden wir von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Enrique hat einen Anschlag auf sein Leben verhindert und den Angreifer nach einem kurzen Handgemenge mit einer Pistole erschossen. Ich wusste nichtmals, dass er eine solche Waffe besitzt und damit umzugehen weiß. Er selbst erlitt eine Schnittwunde quer über den Brustkorb doch zu seinem Glück ist die Verletzung nicht tief. Die Sorge um ihn wächst trotzdem von Tag zu Tag, ich erkenne ihn manchmal kaum wieder. Manchmal liegt eine tiefe Melancholie in seinem Blick, doch er verrät mir nichts genaueres dazu. Es wird Zeit, dass wir die Situation auf dem Schiff klären. Einen möglichen Hauptverdächtigen haben wir auch schon. Wir knüpfen ihn uns morgen vor. 17. Ashatar 257
Es hat sich herausgestellt, dass tatsächlich ein Konkurrent versucht hat uns aus dem Weg zu räumen. Man hat ein paar Männer in die Mannschaft eingeschleust, die uns nach und nach ausschalten und das Schiff samt Ladung übernehmen sollten. Die entsprechenden Befragungen liefen sehr gut auch wenn ich das harte Vorgehen meines Sohnes hierbei nur verurteilen kann. In drei Tagen laufen wir im Zielhafen ein wo sich auch unsere Wege wieder trennen werden. Trotzdem ist der Schmerz in meinem Knie gerade an einem nahezu unerträglichen Punkt angelangt. Nach diesem Auftrag mache ich Url…
Stirnrunzelnd wischt der greise Fischer etwas Ruß von der aktuellen Seite und ärgerte sich über den abrupten Abbruch der Aufzeichnung. Gerade da wo sich alles aufklärte. Trotzdem war er nun alarmiert. Einer der Überlebenden trug nämlich tatsächlich eine Pistole bei sich. Eilig rappelte Marcos sich auf und machte sich mit dem Buch unterm Arm auf den Weg zur Unterkunft in welcher die Gestrandeten untergebracht waren. Dort angekommen riss er sogleich die Tür auf und plapperte auch schon los. Seinen Kameraden erzählte er zusammengefasst vom Gelesenen und warnte speziell vor dem Mann mit der Pistole. Um Ärger vorzubeugen hatte man das Hab und Gut der Überlebenden direkt an deren Lager abgelegt, einen Umstand den er nun ändern wollte. Gerade als er am Lager der blonden jungen Mannes angekommen war und nach der Pistole griff öffnete jener die Augen.
„Eh… Amigo… Finger weg…“
Benommen rieb sich Enrique mit der linken Hand über die Augen während die rechte die Pistole anhob und auf den alten Mann zielte, welcher sich gerade daran zu schaffen machen wollte.
„Welcher Tag is heut, eh?“
„D-d-der 19. Ashatar… bitte nicht schießen!“
„Mmh… nich schießen… das kommt drauf an wie du dich jetz schlägst Amigo..“
Ächzend stemmte sich der junge Pirat auf seinem Lager hoch, so dass er aufrecht sitzen konnte. Kurz bewegt er prüfend alle Gliedmaßen ehe er zufrieden feststellen konnte, dass zwar sein ganzer Leib höllisch schmerzte, er aber offensichtlich keine schweren Verletzungen davon trug.
„Wie viele habens geschafft, eh?“
„Mit euch 5… könntet ihr die Waffe wenigstens senken?“
Ein leises Klicken folgte als Enrique als Antwort den Hahn der Pistole spannte. Kurz wanderte sein Blick über die anderen belegten Lager und ein Hauch von Erleichterung machte sich in ihm breit, als er seinen Vater erkannte dessen Brust sich schwach hob und wieder sank.
„Wie ist sein Zustand?“meinte er mit einem dezenten Nicken in Richtung seines Vaters. „Uhm… er… wird es schaffen… die Verletzungen binden ihn aber eine Zeit lang ans Bett…“
Er lauschte den Worten des alten kaum als jener die Verletzungen ausführlicher beschrieb. Das interessierte ihn nicht weiter denn was er wissen wollte wurde bereits genannt. Dafür beschäftigte sich sein Geist mit den Umständen welche ihn hierher geführt hatten. Er erinnerte sich daran wie er gerade den Gefangenen der See übergeben wollte als der Warnruf aus dem Krähennest erklang. Sie segelten gerade an einer Klippe vorbei welche die Sicht auf den anstehenden Hinterhalt verdeckte. Die folgende Seeschlacht verlief kurz und einseitig. Das kleine Schmugglerschiff war auf Geschwindigkeit, nicht auf Kampfstärke ausgelegt und so war klar, dass man nach der zweiten eingehenden Salve das Schiff aufgeben musste. Wie er noch seinen Vater aus dessen Quartier zerrte und wie man sich in die Fluten rettete. Als er feststellte, dass sein älterer Gesprächspartner wieder schwieg löste sich sein Geist von seinen Gedanken und sein Blick erspähte das Buch in dessen Armen.
„Ich glaub nicht, dass das deins ist Amgio, eh?“
„I-ich hab nur drauf aufgepasst! Ihr könnts wieder haben! Ehrlich!“
Erneut erklang ein Klicken nachdem Enrique den Abzug der Pistole zog. Der erhoffte Knall blieb jedoch aus. Brummelnd wiederholte er das Prozedere des Hahn spannens und abdrückens doch erneut gab es nur das Klicken und keinen Knall.
„Qué mierda! Nasses Pulver! Haste nochmal Schwein gehabt Amigo, eh? Wir machen das jetzt so… du legst das Buch schön brav zu meinem padre, si? Dort bleibts auch liegen bis er selbst es nimmt, si? Ich mach mich auf den Weg nach Hause und verschon dein Leben… erstmal, si? Und wenn ich höre, dass ihr meinen padre und seine Amigos gut gepflegt habt komm ich wahrscheinlich nicht wieder zurück, comprende?“
Der kreidebleiche Fischer nickte eifrig. Seine Gedanken kreisten wohl um das fragliche Glück, welches ihm sein Leben bewahrt hatte. Trotzdem wollte er jenes nicht weiter herausfordern und tat wie ihm geheißen. Enrique hingegen sammelte sein Hab und Gut zusammen und machte sich wie angekündigt auf den beschwerlichen Heimweg. Es dauerte einige Tage bis er es schließlich wieder nach la Cabeza schaffte wo er zielsicher ein ganz bestimmtes Haus ansteuerte und die Tür aufstieß.
„Eh! Chica! Ich bin zurück! Haste mich vermisst, eh?“