Ohne Fantasie ist das Leben wie ein Bild ohne Farbe

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Gast

Ohne Fantasie ist das Leben wie ein Bild ohne Farbe

Beitrag von Gast »

„Wenn es so ein Bild sein soll, dann wirst du es schon merken.“ - Da hast du den Mund aber mächtig voll genommen, Eli.

Ich hatte so einige Stunden an dem Bild gesessen. Vor der Leinwand, bunt bekleckst mit Farbe, die nicht nur an den Fingern klebte oder an der Leinwand, sondern auch in Hose, Hemd und Gesicht. Immer dann, wenn das Licht noch gut war, zog ich mit Farbe, Leinwand und Staffelei los, immer an den gleichen Platz in der freien Natur. Ein Stück Wald war das Ziel.

Erst der Hintergrund, ein dunkles Blaugrün. Ich verteilte es großzügig mit einem kleinen Spachtel auf der ganzen Leinwand. Danach nahm ich einen großen breiten Pinsel zur Hand und verteilte es etwas gleichmäßiger, nahm überflüssige Ölfarbe wieder ab. Ich reinigte den Pinsel direkt wieder von der Farbe. Schließlich nahm ich einen anderen Pinsel zur Hand, mischte weiße, gelbe und blaue Farbe, wobei gelb und blau sich in verschwindend geringer Menge dazu gesellten und machte mich daran, den Himmel aufzuhellen zu einem freundlichen blaugrau. Nach einigen helleren Klecksen, bekam das Farbgemisch noch ein tiefes rot und schwarz hinzu, und die Wolken bekamen einen hübschen Anstrich und ließen sie echter wirken.

Braun, schwarz, rot, etwas grün, ein Stich gelb und nach und nach entstanden hinteren die Bäume. Erst die Stämme, dann die Zweige, danach das Blattgrün. Sträucher, die das Unterholz dichter werden ließen. Ein schwarzer Schatten auf vier samtenen Pfoten, den Blick zum Zuschauer gerichtet. Leuchtend gelbe Augen, auf einem schweren Ast liegend, sah er mich schon in seiner Entstehung an.
Etwas Grün noch in den Vordergrund und fertig war es letztlich. Zumindest die Leinwand, das Bild an und für sich.

Aber auch der Rahmen machte ein Bild aus. Selbiges stellte ich oben in mein Schlafzimmer zum Trocknen auf. Die Arbeit war sicher nicht getan. Mein Weg führte mich hinunter in die Werkstatt, wo ich das passende Holz für den Rahmen wählte. Es sollte etwas Besonderes werden, dem Wetter standhalten können, es sollte etwas her machen ohne dabei protzig zu wirken. Eine Herausforderung. Also entschied ich mich für solide Eiche. Richtig behandelt würde der Rahmen eine Ewigkeit halten.
Ich brachte feine Gravuren an, feine Zeichnungen, nahm das Laub des Waldes und das Astwerk mit auf, verzierte es mit dem Schriftzug „Dir zu dienen, heißt Treue lernen“ und setzte zu guter Letzt meinen Namen dazu. Mein Meisterstück.

Als das Öl getrocknet war, machte ich mich daran auch hier die Oberfläche vor wetterbedingten Einflüssen zu schützen und brachte zwei Anstriche einer klaren Lasur auf, die diesen Zweck erfüllte. Sie biss fürchterlich in die Nase, aber die Fenster blieben die Nacht ohnehin offen und ich würde mich vermutlich eher in die Werkstatt verziehen zum Schlafen.

Am nachfolgenden späten Abend machte ich mich dann auf den Weg zum Hof, das Bild unterm Arm geklemmt. Ich wollte es austauschen gegen das, was bereits dort hing. Es war von ähnlicher Art, aber eben kein Meisterstück und ich hatte mir überlegt, dass dieses Stück es verdient hätte dort zu hängen, wo es jeder, der den Hof aufsuchte, sehen konnte. Und die Hofbesitzerin hatte es verdient.
Und… ja, ich war der irrigen Annahme, sie würde es schon merken. Tat sie nicht. Aber sie freute sich, sehr sogar. Wieder so ein paar Verlegenheitsmomente, durch die ich durchmusste, aber es sah ja sonst keiner, also schaffte ich es sogar einigermaßen damit umzugehen, so irgendwie jedenfalls.

Irgendwann bekam ich es sicher hin eines anzufertigen, bei dem sie es merkte. Oder vielleicht auch etwas anderes als das. Vielleicht…

Ein kleines schlummerndes Kätzchen ist ein Bild von vollkommener Schönheit.
Jules Champfleury


[img]http://i34.photobucket.com/albums/d149/Chantaleya/Leo_zps552c3958.jpg[/img]

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(Zitat aus der Überschrift von M. Strott-Heinrich)
Zuletzt geändert von Gast am Montag 16. Juni 2014, 19:19, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Ich war sauer, nein, richtig wütend. Also, so richtig wütend. Da stand ich mir einmal nicht selbst im Weg, dann taten das andere. Es war zum Mäusemelken. Nein, der Abend war gar nicht so verlaufen, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich stellte darüber hinaus fest, dass Wut auch gar nicht gut fürs Handwerk war. Die Schäfte brachen ständig durch und steigerten den Ärger gleich noch zusätzlich. Und das größte Elend daran war, aller Ärger brachte eh keine Veränderung, Besserung oder auch nur irgendeinen Nutzen.
Erst der Schlachttag, an dem ich mich über mich selbst ärgerte und über einen Troll von Hexer, der seine Kräfte für den blanksten Unsinn nutzte – ob nun angestiftet oder nicht. Jetzt das. Zum allerersten Mal in meinem Leben war mir redlich danach die Werkstatt zu verwüsten, einfach nur um mich auszutoben. Ich hatte übelste Laune und mühte mich trotzdem ab sie nicht zu zeigen, als zu allem Überfluss auch noch in den späten Stunden Besuch reinschneite.
Das Angebot zu reden war nett gemeint, aber mir stand ganz bestimmt nicht der Sinn danach über die Probleme anderer zu sprechen, die zu meinen wurden, weil ich es mir selbst auflud, oder es zu meinem machte. Nein, eigentlich machte ich das nicht mal. Es war einfach eins, dass mich ärgerte, weil es mir im Weg stand. Mehr noch, als ich es selbst hinbekam. Und ich dabei konnte ich mir total gut im Weg stehen. Darin war ich wirklich meisterhaft. Zu schüchtern, zu unsicher, zu feige, zu vieles, was mich ständig behinderte. Das könnte schon als eine Art von Kunst gelten, wenn man sich selbst so oft ein Bein stellte, dass der Weg vor einem nur noch kriechend genommen wurde.

Ich war wirklich bemüht ein guter Alatari zu sein, ich wusste aber sehr genau, dass ich es nicht war, zumindest in vielen Dingen nicht. Was ich konnte, das gab ich gern dafür her. Das waren mein Handwerk und ein wenig Unterstützung bei der Ernte. Dann hörte es aber auch schon ziemlich abrupt auf. Mir war ja schon eine Wildjagd zu viel. Ich konnte nicht gerade von mir behaupten, dass ich mich jemals im Kampf geschult hätte. Es lag mir nicht, und um ehrlich zu sein, ich fürchtete mich auch davor. Ich brachte es ja nicht einmal fertig ein Huhn zu schlachten.
Natürlich ärgerte ich mich über meine Unzulänglichkeit und natürlich konnte man auch erwarten, dass ich daran arbeitete, aber selbst der Versuch allein endete schon in einem Debakel. Ich machte mich zum Gespött der anderen. Dafür hätte ich mir genauso gut eine Narrenkappe aufsetzen können. Es war frustrierend, beschämend und nicht nur einmal war mir danach gewesen einfach zu verschwinden. Aber wenigstens diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Außerdem hatte ich ja noch einen anderen Grund nicht einfach zu gehen gehabt. Und nun?
Eigentlich war der Grund noch da, aber ich hatte das Gefühl, dass er unerreichbar weit fortgerückt war. Mir war erneut danach aufzugeben.
Es fehlte mir an Mut, an Zuversicht, an Antrieb und ganz entschieden an Erfahrung damit umzugehen. Ein Schneckenhaus wäre nun was Feines. Aber allein der Gedanke schon machte mich wieder wütend. Auf mich selbst, und auf die, die es verschuldet hatten, dass es überhaupt aufkam. Denn das hatte nicht ich verbockt. Das waren andere gewesen. Diese Wollköpfe mit dem Hirn in der Hose!
Wenigstens dumm war ich nicht. Das war ich wirklich nicht! Die schon! Und dann noch die Frechheit zu besitzen aufzukreuzen, und Hilfe zu erwarten und sie auch noch zu bekommen! Dass dieser Sack nicht in Grund und Boden versank vor Scham. Aber nein! Ganz im Gegenteil. Es schien ihm die reinste Selbstverständlichkeit ihre Gutmütigkeit auszunutzen. Was war der Schlag mit dem Nudelholz eine Wohltat und was würde ich gerne nochmal, und dann aber so, dass sich danach gar nichts mehr rührte! Oh, was war ich wütend! Und nicht nur auf dieses Schaf! Auch auf das davor. Diese.. elenden Böcke!
Gast

Beitrag von Gast »

Eigentlich war es wie immer. Nichts daran überraschte mich wirklich. Ich überlegte sogar mit einer Spur Selbstironie, ob ich den Brief zu den anderen legen sollte, die einen ähnlichen Wortlaut aufwiesen, wie der den ich in den Händen hielt. Im Nachhinein betrachtet war der Verlauf sogar ziemlich ähnlich, wenn nicht gar gleich gewesen.

„Bist ein toller Freund, Eli."

Mhm, aber eben auch nur das. Ich wusste das schon die ganze Zeit, der Brief wäre gar nicht nötig gewesen. Freunde bleiben. Mhm, klar, wie immer. So wenig es überraschte, so enttäuschend war es dennoch. Aber, wie meist, wenn ich es vorher schon wusste, war der versetzte Stich erträglich und eher klein.
Es schwand aber auch die Bereitschaft noch irgendetwas zu investieren und mein Blick haftete schon seit einer guten Stunde auf dem Schlüssel, den ich auf die Werkbank gelegt hatte. Eigentlich hatte ich keinen Grund dazu, trotzdem fühlte ich mich irgendwie ausgenutzt. Blinzelnd wandte ich den Blick ab und stand auf, schlug den Weg nach oben ins Schlafzimmer ein. Ich fing an in der Truhe zu wühlen und legte einige ordentlich gefaltete Sachen zusammen auf dem Bett ab. Vielleicht wirkte es respektlos gegenüber dem eigentlichen Gedanken hinter dieser Gabe, aber im Augenblick empfand ich dabei nichts. Kurz hielt ich inne und ging nochmal in mich, schüttelte dann den Kopf und schnürte alles zu einem soliden ordentlichen Bündel zusammen. Nein, ich fühlte dabei tatsächlich nichts weiter, als eine stille fast schon gleichgültige Leere. Vielleicht einfach nur, weil es sich ständig wiederholte.

So war das wohl. Ich hatte hierin meine Wiederholungen, andere im Sammeln von treulosen Bastarden.

Aus, Eli, nicht so viel Zynismus. Steht dir gar nicht.

Ich setzte mich auf das Bett, schob das Bündel auf Seite und ließ mich dann erst nach hinten fallen. Weder fand ich Elan zu arbeiten, noch den Laden zu öffnen, oder gar mich dem Ganzen zu stellen oder mich noch weiter damit zu beschäftigen. Also wartete ich einfach bis der Schlaf mich einholte und ließ mich davon einlullen und wegtragen.

[…]

Irgendwann im Morgengrauen wachte ich auf, zog mir frische Klamotten an und verließ Haus und Laden, schloss gut hinter mir ab und ging in den Wald. Zu Fuß, ohne Tier und ohne Beil. Ich fand noch immer keine Muße weiterzuarbeiten oder mich darin zu vergraben. Für mich war das Schaffen mit Holz eine kreative Sache und dazu fehlte mir das rechte Gefühl gerade völlig.
Um in den Wald zu gelangen wählte ich den Weg aus dem Osttor hinaus. Ich hegte nicht unbedingt den Wunsch irgendwem zu begegnen. Auf Unterhaltungen hatte ich genauso wenig Lust.
Unterwegs sammelte ich ein Stückchen Holz auf. Früher einmal war es bestimmt ein kräftiger Ast gewesen, jetzt nur noch ein Bruchstück dessen, das gerade mal die Hand füllte. Ein gutes Stück für eine kleine Holzfigur vielleicht. Ich steckte es in den Beutel und schlenderte ziellos weiter.

Es gab sogar einen Moment, wo ich überlegte, meiner Schwester zu folgen, verwarf es aber alsbald dann doch wieder. Eigentlich gefiel es mir hier. Und von sowas ließ Mann sich nicht vertreiben. Außerdem lief das Geschäft hier sehr gut.
Allerdings überlegte ich mir durchaus und nach wie vor, ob ich mich dann nicht besser einfach fernhielt. Es gab einfach keinen Grund mehr, warum ich das so ertragen sollte und wollte. Nun ja, nicht ganz richtig - außer Freundschaft. Aber ich war mir nicht sicher, ob das alles für mich ein gutes Fundament für eine Freundschaft war im Augenblick. Ich glaubte schon, dass das Angebot dazu ehrlich gemeint war. Da tickte die Uhr einfach anders als bei mir.

Vielleicht war ich auch in solchen Angelegenheiten einfach ein Hasenfuß. Vielleicht war auch genau das der Grund für die steten Wiederholungen. Dann war es eben so. Zu sehr bedrängt? Vielleicht auch das. Was auch immer, ich stellte fest, mein Interesse es zu ergründen, hielt sich schwer in Grenzen.
Vielmehr fing ich an mich über mich selbst und mein verflixtes Selbstmitleid zu ärgern, das sich nicht abstellen ließ, wie ich es gern gehabt hätte. Irgendwann aber kehrte ich zurück in die Stadt, verschwand in meiner Werkstatt und blieb den Rest des Tages da und arbeitete an dem Stück gefundenen Holzes herum, ohne dass ich vorher ein genaues Bild vor Augen gehabt hätte dafür. In der Zeit war jeder Gedanke nebensächlich und allenfalls so etwas Ähnliches wie vorbeiziehende Nebelschwaden, die sich irgendwann einfach auflösten. Als meine Finger allmählich zu verkrampft waren, um das Holz noch richtig halten zu können, legte ich das Schnitzwerkzeug und das Holzstück auf die Werkbank und rieb mir die Hände. Ein tiefes Durchatmen und ich fühlte mich deutlich leichter, als den Rest des Tages.
Mein Blick fiel auf den Schlüssel, den ich erstmal wieder an dem Bund befestigte bei den übrigen, die ich besaß. Das Bündel oben holte ich aber hinunter und stellte es neben der Tür hin, damit ich es nicht vergaß. Zwar hatte ich nicht vor heute hinzugehen, aber die Tage. Vielleicht ließ ich das Bündel dann absichtlich liegen, das wusste ich noch nicht. Ich wusste nur eines gerade: Jetzt würde ich mir Zeit lassen. Das hatte ich just in dem Moment beschlossen.
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