Aber gerade eben ist er schutzlos ausgeliefert. Nie hatte Diego gedacht – nicht einmal wenn man es ihm ausführlichst geschildert hätte – dass ein Dämon gegen einen kleinen Knirps abstinkt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Furcht, Unsicherheit und vollkommene Überforderung sind seine Begleiter und haften ebenso auf ihm wie die Augen von Bella.
Anstatt in einer muffigen, beengten und stockfinsteren Höhle steht er in dem gemütlichen Zimmer von Felian, Tara's Wonneproppen von einem Sohn. Vor ihm steht ein fellbezogener Tisch auf dem er ein Leintuch ausgebreitet hat. Darauf liegt der kleine Dämon höchstpersönlich. Die weichen, kindlich pummeligen Beinchen sind etwas angewinkelt und stehen mit den mickrigen Zehen in die Luft. Die Fußsohlen zeigen direkt in Diego's Gesicht, der weit hinab gebeugt ist und höchst konzentriert seine Aufgabe besieht.
Jetzt reckt Felian auch die Finger in die Höhe, greift nach einem unsichtbaren Gegenstand und reisst dann den Mund auf – perdon, das Maul. Wie gerne hätte Diego auf Knien gefleht dort würde eine Ausgeburt der Hölle vor ihm stehen, Feuer spuckend und Blitze schleudernd. Aber der kleine Mann hat keine Reisszähne oder Hörner, nur einen einzelnen Zahn, an dem Felian keck die Lippe entlang schiebt, da wohl das Zahnfleisch juckt. Die rießigen, strahlenden Augen sehen Diego voller Unschuldigkeit an, während der kleine Mund aus vollem Halse brüllt.
»Bei Alatar, können sie mir nicht helfen, Bella?« knurrt Diego gegen die Gebärden an, aber das Kindermädchen deutet nur wieder zu dem Körbchen und taxiert ihn, als würde er castellano sprechen. Anscheinend hat die alte Dame die Nase voll und findet es höchst unterhaltsam, dass sich mal jemand anderes mit dem Schreihals abplagen muss.
Diego flucht und reisst sich zusammen. Das kann doch nicht so schwer sein. Allen Mut zusammen nehmend rafft er die Ärmel noch etwas höher, die sich bereits an seinen Schultern zusammen kringeln und packt die beiden Füßchen mühelos mit einer Hand. Er hebt das kleine, laut brüllende Geschöpf hoch und zieht die Leinenwindel unter dem Po hervor, die er als Ursache der Unzufriedenheit sieht. Das dreckige Bündel wird beiseite geschoben und ein paar Tücher aus dem Körbchen gepflückt. Er putzt den kleinen Hintern ab, muss aber feststellen, dass Felian die Behandlung nicht zusagt.
Also zieht er erst eine Flasche aus der Halterung, dann die nächste mit einer Präzision, als würde er Wufmesser ziehen, immerhin hängt sein Leben von dieser Situation ab. Die eine Flüssigkeit ist klar, also reisst er den Korken mit den Backenzähnen aus dem Flaschenhals und kippt beherzt etwas auf ein sauberes Leinentuch. Damit, anscheinend Wasser, säubert er nun den Popo, was den Kleinen ein wenig besänftigt.
Diego schickt ein kurzes Dankesgebet ab, jedoch wissend, dass es noch nicht vorbei ist. Dennoch gibt es ihm etwas Mut und er murmelt triumphierend vor sich hin. »Na, ist das gut so, Felian? Wäre ja gelacht!« Griffsicher tastet er nach einer frischen Leinenwindel und sieht dem Jungen in die Augen, wo für einen Moment ein spitzbübischer Ausdruck aufblitzt. Hat er sich das nur eingebildet oder zuckt tatsächlich ein Mundwinkel des Kleinen? Zu allem Überfluss schiebt Felian den Daumen zwischen die Lippen und blickt wie ein kleiner Engel zu Diego auf.
Die Einsicht kommt zu spät.
Verspätet und in einer hilflosen Geste hebt Diego beide Hände, als er die warme Flüssigkeit in den Stoff des Hemdes sickern spürt. Er kneift ein Auge zusammen und wartet bis die Quelle versiegt. Wie man vor einem Kleinkind so 'niedlich' sagt, rinnt Pipi seinen Hals hinab in den gebundenen Ausschnitt des Hemdes. Langsam erübrigt sich für ihn auch die Frage, warum Tara meinte er soll einen zweiten Satz Kleidung mitnehmen. Mühsam verkneift er sich einen Fluch vor dem Jungen und tut das, was ihm in seiner Situation übrig bleibt: Es zuende bringen, auch wenn man schwer getroffen wurde. Flink packt er Felian's Unterleibchen ein, knotet die Stoffwindel an den Seiten zusammen und bereut gleichzeitig, dass er seinen Vorsatz nicht eingehalten hat. Eigentlich wollte er sorgfältig vor gehen, ein Zeichen setzen, aber im Nachhinein wäre das Selbstmord gewesen.
Mehr erleichtert als stolz sieht er über die Schulter und muss feststellen, dass Bella sich aus dem Staub gemacht hat. Vor Gebrüll hatte er wohl nicht die Türe ins Schloss fallen hören. Hervorragend. Er packt Felian in eine flauschige Hose mit Füßlingen und zieht ihm das winzige Wollhemdchen über den Kopf. Der Kleine schreit nichtmehr, weswegen Diego ihm vorsichtig über den Haarflaum streicht.
Als der Winzling kurz zufrieden gestellt ist, nutzt der Aushilfsvater die Gunst der Stunde und zieht das angepinkelte Hemd aus. Mit etwas Wasser und einem Tuch beseitigt er die groben Rückstände, als das winzige Bündel schon wieder zu Plärren anfängt.
Innerhalb der nächsten Stunde stellt sich für Diego herraus, dass es der größte Fehler seines Lebens war das Kindermädchen zu mimen während Tara mit ihrer Tochter außer Haus ist. Nie in seinem Leben befand er sich in einer derart aussichtslosen Situation.
Lautstarkes Plärren – liebevolles Wiegen auf den Armen. Ein Husten, dann ein Wimmern und das Anzeichen von Ruhe, dann plötzlich wieder lautes Gebrüll – Hunger kann es nicht sein, Tara hatte ihn erst gefüttert. Das Geschrei wird ohrenbetäubend, doch die Windel ist staubtrocken. Diego wickelt den Kleinen bis zur Nase in ein warmes Fell – ihm ist auch nicht kalt! Auch nicht das Kuscheltier oder das kleine Mobile das klimpert und mit Glöckchen Geräusche macht beruhigt den Schreihals.
Völlig außer Atem, wie nach einem Marathon sinkt Diego vor dem kleinen auf die Knie und gibt sich geschlagen. »Was willst du von mir?« fragt er den Jungen verzweifelt. Die gelbstichigen Augen starren in die klaren Blauen, aber er erhält keine verbale Antwort. Dennoch beobachtet er jede noch so kleine Reaktion, sollte Felian doch mit ihm kommunizieren. Dieser krümmt die winzigen Zehen, dann schoppt er den, von Sabber getränkten Daumen wieder in den Mund und nuckelt daran – nein vielmehr schabt er damit über das Zahnfleisch.
Von einem Einfall getroffen packt sich Diego das Bündel und eilt mit dem Jungen nach unten in die Wohnküche. Er wäscht sich eine Hand und schiebt dem Schreihals den Daumen in den Mund. Der nuckelt erst vorsichtig, dann bestimmter und saugt den Finger in Richtung Zahnfleisch. Und tatsächlich spürt Diego dort eine leichte Verhärtung unter dem sonst so weichen Fleisch. Da verbringen sie ihren ersten Männerabend zusammen und der Bursche hat nichts besseres zu tun als den nächsten Zahn frei zu legen. Etwas schief muss er grinsen, als Felian auf dem Daumen herumkaut, um das Kribbeln im Zahnfleisch zu dämpfen.
Heilfroh, den Grund gefunden zu haben, kocht er einhändig eine engborstige Bürste ab und klemmt sie dem kleinen in den Mund. Dabei ist ihm völlig egal, dass der Bürstenkopf eigentlich zu groß ist, ebenso wie die eigentliche Funktion der Bürste. Er ist einfach nur erleichtert Felian ruhig gestellt zu haben.
Erschöpft müht er sich wieder die Treppe hoch und legt sich zusammen mit dem kleinen, jetzt friedlichen Geschöpf in eines der Kinderbetten. Da es für seinen großen Körper viel zu kurz ist, lehnt er den Rücken an die Wand und wiegt Felian, selbstverständlich in eine Decke gewickelt, auf den nackten Armen. Die blauen Engelsaugen schließen sich langsam, erschöpft vom Schreien und der kleine Bursche entschwindet in die Traumwelt.
Diego folgt dem Beispiel und schert sich nicht über den Speichel, der an seiner Brust hinab läuft. Auch das gelegentliche Kratzen und Knarzen der Bürstenborsten, wenn Felian auf diesen herumkaut wirkt eher beruhigend als störend auf ihn.
Auge in Auge mit einem zahnenden Kind ist nicht zu vergleichen mit einem Dämonen. Denn in diesem Moment ist er wahrlich stolz auf sich, definitiv stolzer, als ihn eine lächerliche Trophäe stimmen kann.
Wann immer auch Helena und Tara von ihrem abendlichen Ausflug zurück kehren, finden sie die beiden Männer in dem winzigen Bett vor. Das rabenschwarze Haar des blasshäutigen Piraten hängt ihm ins dösende Gesicht, während der kleine Felian weiterhin die Bürste im Mund hat. Das Griffende lehnt dabei gegen die nackte Brust des Mannes, der den Jungen in schützender Geste im Arm hält. Die beiden wirken erschöpft und friedlich, von der vorherigen Hilflosigkeit keine Spur und doch ist es eher der Pirat, als das kleine, unschuldige Geschöpf, welcher an diesem Abend gebändigt wurde.


