Und leise spricht der Wind zu mir,
erzählt von Menschen im Gestern.
Säuselt in mein Ohr und erinnert mich an das,
was einst war...
Der Wind strich an diesem Abend sanft durch die Lande und ließ einen vergessen, wie zäh und hart dieser Winter gewesen war. Fast hatte man bereits verdrängt, wie lange das Zittern vonstatten gegangen war, hatte beiseite geschoben, wie sehr man sich über die eisigen Winde geärgert hatte. Nein, bei diesem Wind konnte man doch nicht daran denken, was einst vergangen war...
Wenn es doch nur so einfach wäre...
Der Blick des blauen Augenpaares strich rastlos über die Küste, suchte nach Geheimnissen in den Wellen, die selbst in hunderten von Metern nicht auffindbar wären. Doch wo anders als in den Untiefen des Meeres konnte es Antworten geben? Ruhelos suchte die Rothaarige und fand doch keine Lösung. Rastlos wie das Meer stoben die Gedanken durch ihren Kopf und ließen sie nicht los.
Was war es nur, was sie so sein ließ wie sie war? War sie wirklich so unnahbar, so ein unlesbares Buch für Jedermann? War nicht jeder Mensch auf seine Weise eigen und egozentrisch? Wieso sollte sie sich ändern, wenn die Welt es auch nicht tat? Warum, bei allen Göttern, war sie diejenige, die angeblich immer alle wegstoßen würde?
Schnaufend warf sie den Kopf zurück und zog das Knie etwas näher an den Körper heran, während sie den Arm darumschlang. Wie lange saß sie bereits auf dem Geländer und betrachtete das Meer? Es mochte bereits eine Weile sein; lange genug zumindest, um den Alkohol wieder in klare Bahnen zu führen. Die Fußspitze des anderen Beines fand Halt am Boden des Steges, der Pfosten des kleinen Häuschens hinter ihr gab ihr den nötigen Widerstand im Rücken. Zurückgezogen im Nirgendwo und doch in einem sicheren Hort...sie musste nicht um Schatten in der Nacht fürchten oder ungebetene Stimmen, die sie stören würden. Weit weg genug, um nicht gestört zu werden und doch greifbar für Menschen, die ihr wichtig waren.
Wichtig... Sie atmete tief durch und schloss die Augen, während weitere Gedanken durch den Kopf schossen und ihr für einen Moment das Herz schneller schlagen ließ. Der Magen verkrampfte sich mit dem Rest des Körpers. Sie kannte wenige Menschen, die ihr wichtig genug waren, wusste um wenige, für die sie sich in Gefahr begeben würde. Natürlich, da war ihre Schwester, Ira. Die Kleine, die seit Tagen...oder waren es Wochen, schon wieder ständig unterwegs war. Sie wollte sie nicht kontrollieren, doch ein schaler Geschmack im Mund ließ sich nicht verleugnen. Vielleicht musste sie doch einmal wieder herumfragen und sich erkundigen. Vielleicht...
Was sie wusste, war jenes: Sie wurde nicht von Ira in Frage gestellt. Die Kleine wusste um ihre Macken und Eigenheiten, wusste, wie sich die große Schwester benahm. Selbst nach Jahren des Nicht-Sehens war es wie ein schweigsames Einkommen, dass man jenes nicht groß offenlegte und die Familienwurzeln als das gemeinsame ansah. Man hielt zusammen, weil man aufgewachsen war im gleichen Haus. Weil man zueinander gehörte...und weil man sich brauchte.
Warum war es dort so einfach und bei anderen nicht? Musste man auf dieser verdammten Insel wirklich alle in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass sie einem das Liebste auf Erden sind?! Konnte man nicht einfach mal annehmen, dass man Selbst keinen Mist bauen würde?
Seufzend änderte sie ihre Sitzposition und verschränkte die Arme vor der Brust. Irgendwo erschallte der Ruf eines Uhus, der wohl auf der Suche nach Nahrung war, während die Wellen unablässig ihr eigenes Lied komponierten. Sie verstand diese Welt um sich herum nicht. Einzig die Natur war zu verstehen, in all ihren Facetten. Es gab Bücher mit Wissen darüber, es gab die Beobachtung und das Zuhören in jener. Doch den Menschen verstand sie nicht. Vor allem wohl sich Selbst nicht.
Es gab nur eines, was sie wusste. Dass der Wind ihren Namen flüsterte in mancher Nacht. Und in jenen Nächten hatte sie besonders Angst. Angst, sich selbst zu entdecken und all ihre Fehler. Und, im schlimmsten Fall, sie nicht ändern zu können...
Auf der Suche nach sich Selbst
-
Liska Erlengrund
Licht und Schatten
"Liska, das geschriebene Wort unterliegt einer Faszination, der der Mensch seit langem unterlegen ist. Es ist ein Privileg, diese Geheimnisse entziffern. Nicht jeder ist damit gesegnet worden, aus so einem Haushalt zu stammen..."
"Und dann aber mir verbieten wollen, was ich lesen darf und was nich'? Bissel fadenscheinig..."
"Es gibt Worte, die Gift für die Seele und den Geist sind, Liska. Das Gedankengut schleicht sich in dich hinein, setzt sich tief in dein Herz und breitet sich wie ein Dornengestrüpp aus. Ein unstetes Wesen wie du ist nicht soweit, sich gegen solch Gut wehren zu können..."
~ ~ ~
Die Regentropfen schlugen prasselnd gegen die Fensterscheibe, während sie selbst unstet mit den Fingern auf dem kleinen ledernen Einband trommelte. Die Gedanken an die Tage im Kloster, die Worte des Paters und ihre Jahresläufe, die sie dort verbracht hatte schoben sich wieder so klar in ihren Schopf wie seit langem nicht mehr. Damals hatte sie an weltliche Literatur gedacht, an Liebesschmonzetten und derbere Lyrik. Die verbotenen Schriften waren ihr nie in den Sinn gekommen. Wie auch? Sie hatte sich nicht damit auseinandersetzen müssen. Alles, was sie gelernt hatte im Kloster schien gut und richtig und man konnte mit allerlei Floskeln gut das alltägliche Leben weiter voranbringen. Das, was sie damals mitgenommen und gelesen hatte reichte für die wenigen Gespräche, die sich auf das Thema Glauben und Temora beschränkten....
Doch das hier war Gerimor. Und sie nicht mehr das Mädchen für Alles eines Klosters in Albertal. Nein. Stattdessen lebte sie jetzt in einer Gemeinde, die offen war für das, was dort draussen wandelte. Alles hatte seinen Sinn. Alles hatte seine Aufgabe.
Ausraunend schob sie sich etwas auf der Fensterbank hoch, ein Bein weiter baumeln lassend. Der Regen an der Scheibe, die Kühle des nächtlichen Windes und das Prasseln des Feuers im Zimmer gaben ihr die nötige Ruhe, nachzudenken. Den Kohlestift aus dem Kapital des Büchleins schiebend, klappte sie jenes auf an der nächsten freien Stelle und schrieb rasch, aber ordentlich auf:
Tapferkeit
Geistlichkeit
Demut
Opferbereitschaft
Ehre
Mitgefühl
Gerechtigkeit
(die sieben Tugenden)
Sie rahmte die Wörter ein, als eine Spalte deutlich machend. So wenige es auch waren, so sehr schlugen diese Worte auf sie ein. Hatte sie jemals diese Tugenden geachtet oder gar gelebt? Sie konnte sich nicht daran erinnern, je der Lichtbringerin eine genehme Dienerin gewesen zu sein. Nein, bei allem Mitgefühl...ganz sicher nicht. Konnte sie sich also anmaßen, diese Lehren als die ihrige zu verteidigen? War sie nicht viel eher verbunden mit deren Mutter, Eluive? Jene Göttin, die sie wirklich gespürt und gehört hatte? Die sie als wahrhaft empfunden hatte? Sie raunte die Luft aus, setzte über der Spalte den Namen Temoras, sowie darüber deren Eluives. Mit derem Namen teilte sie zwei Pfeile ein, in der rechten Spalte nun den Namen Alatars hinschreibend. Es kostete sie Überwindung, ihn geschrieben vor sich zu sehen.
Wieviel Leid hatte dieser Gott auf die Erde gebracht, nur um seines Nutzen willens? Grob und egoistisch hatte er sich Dinge zueigen gemacht, die ihm nicht gehört hatten. Selbst den Tod seines Gottesbruders hatte er hingenommen und als wichtig erachtet. Es steckte so viel Hass und Zorn in diesem Namen. So viel aber auch, von dem sie nichts wusste...
Es gibt Worte, die Gift für die Seele und den Geist sind...
Es fühlte sich verboten an, allein den Namen vor sich zu lesen. Denn sie wusste, was sie darunterschreiben würde, war verbotenes Gedankengut. Es war Wissen, das als gefährlich galt in Albertal. Aber sie wusste auch, dass es Menschen um sie herum gab, die ihr den Horizont öffnen wollten. Wo Licht ist, da ist auch Schatten... Sie verstand die Worte, doch noch berührten sie nicht ihren Geist, setzten sich nicht in ihr fest. Zu groß war das Misstrauen gegenüber dem Neuen, zu fest die alten Auswüchse der Lehren in ihr verankert. Ohne es zu ahnen trug sie bereits ein Rankennetz in sich, ein Gestrüpp aus Jahren des Klosterlebens.
Lange blieb die Spalte unter dem Gottesnamen leer. Das weiße Papier an diesem Fleck schien danach zu flehen beschrieben zu werden und gleichzeitig auch nicht. Wie Recht hatte der Pater doch gehabt, ohne es zu wissen. Worte hatten ihre Macht und erst im Geschriebenen wurde es deutlich. Sie holte sich die Sätze in Erinnerung, die ihr an dem Abend in Bajard in die Ohren gedrungen waren und zwang sich regelrecht, jene dann aufzuschreiben...
Eluive
Temora
Tapferkeit
Geistlichkeit
Demut
Opferbereitschaft
Ehre
Mitgefühl
Gerechtigkeit
(die sieben Tugenden)
Alatar / (Dir zu dienen heißt...)
Treue lernen
von den Älteren lernen
keine Geschenke und Almosen annehmen
die Jüngeren lehren
Gehorsam lernen
Ehrfurcht lernen
Für Momente schob sich der Regen prasselnd in den Vordergrund, während das helle Augenpaar über die Worte glitt, die sie aufgeschrieben hatte. Sie hatte sie nicht geordnet, schlichtweg aufgeschrieben, wie sie ihr gekommen waren. Und doch offenbarte sich mit dem Vergleich der Lehren ihr eine völlig neue Dimension. Konnten das wirklich Lehren sein eines Gottes, der seinen Bruder getötet hatte und das Böse in den Menschen hervorgebracht hatte? Oder unterlag sie nur den Lügen eines Pantherdieners? Aber was...wenn diese Lehren wirklich so waren, wie sie vor ihr auf dem Papier nun standen? Wie könnte sie diese Lehren verurteilen, wenn sie so nahe an die Tugenden herankamen? Die Offensichtlichkeit dieses Gedankens erschreckte sie und ließ sie das Buch zuklappen...
Der erste Samen war gesät.
"Liska, das geschriebene Wort unterliegt einer Faszination, der der Mensch seit langem unterlegen ist. Es ist ein Privileg, diese Geheimnisse entziffern. Nicht jeder ist damit gesegnet worden, aus so einem Haushalt zu stammen..."
"Und dann aber mir verbieten wollen, was ich lesen darf und was nich'? Bissel fadenscheinig..."
"Es gibt Worte, die Gift für die Seele und den Geist sind, Liska. Das Gedankengut schleicht sich in dich hinein, setzt sich tief in dein Herz und breitet sich wie ein Dornengestrüpp aus. Ein unstetes Wesen wie du ist nicht soweit, sich gegen solch Gut wehren zu können..."
~ ~ ~
Die Regentropfen schlugen prasselnd gegen die Fensterscheibe, während sie selbst unstet mit den Fingern auf dem kleinen ledernen Einband trommelte. Die Gedanken an die Tage im Kloster, die Worte des Paters und ihre Jahresläufe, die sie dort verbracht hatte schoben sich wieder so klar in ihren Schopf wie seit langem nicht mehr. Damals hatte sie an weltliche Literatur gedacht, an Liebesschmonzetten und derbere Lyrik. Die verbotenen Schriften waren ihr nie in den Sinn gekommen. Wie auch? Sie hatte sich nicht damit auseinandersetzen müssen. Alles, was sie gelernt hatte im Kloster schien gut und richtig und man konnte mit allerlei Floskeln gut das alltägliche Leben weiter voranbringen. Das, was sie damals mitgenommen und gelesen hatte reichte für die wenigen Gespräche, die sich auf das Thema Glauben und Temora beschränkten....
Doch das hier war Gerimor. Und sie nicht mehr das Mädchen für Alles eines Klosters in Albertal. Nein. Stattdessen lebte sie jetzt in einer Gemeinde, die offen war für das, was dort draussen wandelte. Alles hatte seinen Sinn. Alles hatte seine Aufgabe.
Ausraunend schob sie sich etwas auf der Fensterbank hoch, ein Bein weiter baumeln lassend. Der Regen an der Scheibe, die Kühle des nächtlichen Windes und das Prasseln des Feuers im Zimmer gaben ihr die nötige Ruhe, nachzudenken. Den Kohlestift aus dem Kapital des Büchleins schiebend, klappte sie jenes auf an der nächsten freien Stelle und schrieb rasch, aber ordentlich auf:
Tapferkeit
Geistlichkeit
Demut
Opferbereitschaft
Ehre
Mitgefühl
Gerechtigkeit
(die sieben Tugenden)
Sie rahmte die Wörter ein, als eine Spalte deutlich machend. So wenige es auch waren, so sehr schlugen diese Worte auf sie ein. Hatte sie jemals diese Tugenden geachtet oder gar gelebt? Sie konnte sich nicht daran erinnern, je der Lichtbringerin eine genehme Dienerin gewesen zu sein. Nein, bei allem Mitgefühl...ganz sicher nicht. Konnte sie sich also anmaßen, diese Lehren als die ihrige zu verteidigen? War sie nicht viel eher verbunden mit deren Mutter, Eluive? Jene Göttin, die sie wirklich gespürt und gehört hatte? Die sie als wahrhaft empfunden hatte? Sie raunte die Luft aus, setzte über der Spalte den Namen Temoras, sowie darüber deren Eluives. Mit derem Namen teilte sie zwei Pfeile ein, in der rechten Spalte nun den Namen Alatars hinschreibend. Es kostete sie Überwindung, ihn geschrieben vor sich zu sehen.
Wieviel Leid hatte dieser Gott auf die Erde gebracht, nur um seines Nutzen willens? Grob und egoistisch hatte er sich Dinge zueigen gemacht, die ihm nicht gehört hatten. Selbst den Tod seines Gottesbruders hatte er hingenommen und als wichtig erachtet. Es steckte so viel Hass und Zorn in diesem Namen. So viel aber auch, von dem sie nichts wusste...
Es gibt Worte, die Gift für die Seele und den Geist sind...
Es fühlte sich verboten an, allein den Namen vor sich zu lesen. Denn sie wusste, was sie darunterschreiben würde, war verbotenes Gedankengut. Es war Wissen, das als gefährlich galt in Albertal. Aber sie wusste auch, dass es Menschen um sie herum gab, die ihr den Horizont öffnen wollten. Wo Licht ist, da ist auch Schatten... Sie verstand die Worte, doch noch berührten sie nicht ihren Geist, setzten sich nicht in ihr fest. Zu groß war das Misstrauen gegenüber dem Neuen, zu fest die alten Auswüchse der Lehren in ihr verankert. Ohne es zu ahnen trug sie bereits ein Rankennetz in sich, ein Gestrüpp aus Jahren des Klosterlebens.
Lange blieb die Spalte unter dem Gottesnamen leer. Das weiße Papier an diesem Fleck schien danach zu flehen beschrieben zu werden und gleichzeitig auch nicht. Wie Recht hatte der Pater doch gehabt, ohne es zu wissen. Worte hatten ihre Macht und erst im Geschriebenen wurde es deutlich. Sie holte sich die Sätze in Erinnerung, die ihr an dem Abend in Bajard in die Ohren gedrungen waren und zwang sich regelrecht, jene dann aufzuschreiben...
Eluive
Temora
Tapferkeit
Geistlichkeit
Demut
Opferbereitschaft
Ehre
Mitgefühl
Gerechtigkeit
(die sieben Tugenden)
Alatar / (Dir zu dienen heißt...)
Treue lernen
von den Älteren lernen
keine Geschenke und Almosen annehmen
die Jüngeren lehren
Gehorsam lernen
Ehrfurcht lernen
Für Momente schob sich der Regen prasselnd in den Vordergrund, während das helle Augenpaar über die Worte glitt, die sie aufgeschrieben hatte. Sie hatte sie nicht geordnet, schlichtweg aufgeschrieben, wie sie ihr gekommen waren. Und doch offenbarte sich mit dem Vergleich der Lehren ihr eine völlig neue Dimension. Konnten das wirklich Lehren sein eines Gottes, der seinen Bruder getötet hatte und das Böse in den Menschen hervorgebracht hatte? Oder unterlag sie nur den Lügen eines Pantherdieners? Aber was...wenn diese Lehren wirklich so waren, wie sie vor ihr auf dem Papier nun standen? Wie könnte sie diese Lehren verurteilen, wenn sie so nahe an die Tugenden herankamen? Die Offensichtlichkeit dieses Gedankens erschreckte sie und ließ sie das Buch zuklappen...
Der erste Samen war gesät.
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Liska Erlengrund
Das leichte Brennen in der Haut war fast verloschen. Wie gut hatte es getan, endlich mal etwas zu spüren und sei es nur diese Ohrfeige gewesen. Als sie dieses pure Brennen gespürt hatte, waren ihre Sinne geschärft gewesen, der ganze Körper einen Moment in einem inneren Begreifen gefangen. Wie oft hatte es die letzten Tage einfach so geschmerzt, in ihr gezogen und sie in die Unsicherheit getrieben? Es waren nur Worte gewesen, die sie aus der Bahn geworfen hatten... Nur Worte. Und doch hatte sie den Schmerz nicht vergessen können. Sie hatte es mit Alkohol versucht, mit dem sinnlosen Ertränken ihrer Sinne, bis sie nicht mehr stehen konnte. Sie hatte es mit Distanz versucht und letztlich mit Frustration und Resignation.
Nichts hat mich gehalten, an keinem Ort
Die Füße, sie tragen mich noch weiter fort
Bin ruhelos, muss noch die ganze Welt sehen
Der Wind wird mit mir gehen
Es waren viel mehr als Worte gewesen. Man hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie hatte gehofft, eine neue Heimat finden zu können. Sich einzuleben in etwas, was sie als "ihre Gemeinschaft" bezeichnen könnte. Und von einem Moment auf den anderen war ihr Fundament herausgerissen worden, um sie hilflos an der Klippe ins Ungewisse hängen zu lassen. Hatte sie überhaupt verdient, länger an einem Ort bleiben zu dürfen? Waren die Jahre im Kloster nicht Geschenk genug an sie gewesen? Wie hatte sie sich einbilden können, dass man sie so akzeptierte, wie sie war? Warum war sie so blöd gewesen...so immens blind dafür?
Sie hatte den immensen Drang, einfach wieder wegzugehen, irgendwohin, wo niemand sie kannte, wo niemand ihr Fragen stellen würde. Weit fort, wo es keine Erwartungen gab und keine Kämpfe. Die Unsicherheit in ihrem Inneren brodelte, riss sie hin und her... der Wind wehte stürmisch in ihr, zog reissend an jedwedem Strang in ihr. So sehr war sie bereits eins mit ihrem Element, dass sie sich wie fortgetragen fühlte. Wie gerne wollte sie einfach losfliegen. Es bräuchte nur einer einzigen Umwandlung... sie müsste einfach vergessen, dass sie ein Mensch ist und auf ewig in diesem Körper bleiben... die Idee war töricht und kindisch zu gleich und lockte sie doch.
Ich bin der Wind
bin der Vogel, der schwebt und die Luft,
die ihn trägt
Für alle Zeit
bleib ich frei wie ich bin
und ich ziehe mit dem Wind
(Capud Draconis ~ Ausschnitte aus "Vagabund")
War alles geklärt? Ja und Nein. Die Wut in ihr brodelte noch immer. Und irgendwoher tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es eigentlich um sie ging. Dass sie von sich selbst enttäuscht war und dem, was aus ihr geworden war. Dass sie kaum einen Tag ohne das Hochprozentige auskam. Dass sie verlernt hatte, zu vertrauen. Sie war sturer geworden, engstirniger in ihrer Betrachtung. Und dass, wo sie nun mehrer Seiten kannte, wo ihr die Perspektive so weit geöffnet worden war. Es war zum Lachen, wo ihr doch so zum Heulen zumute war. Eine weitere Ohrfeige würde so gut tun...
Sie wollte weglaufen und konnte nicht. Denn eines würde sie immer wieder verfolgen: Sie Selbst.
Und wie konnte man vor sich nur wegrennen...?
Nichts hat mich gehalten, an keinem Ort
Die Füße, sie tragen mich noch weiter fort
Bin ruhelos, muss noch die ganze Welt sehen
Der Wind wird mit mir gehen
Es waren viel mehr als Worte gewesen. Man hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie hatte gehofft, eine neue Heimat finden zu können. Sich einzuleben in etwas, was sie als "ihre Gemeinschaft" bezeichnen könnte. Und von einem Moment auf den anderen war ihr Fundament herausgerissen worden, um sie hilflos an der Klippe ins Ungewisse hängen zu lassen. Hatte sie überhaupt verdient, länger an einem Ort bleiben zu dürfen? Waren die Jahre im Kloster nicht Geschenk genug an sie gewesen? Wie hatte sie sich einbilden können, dass man sie so akzeptierte, wie sie war? Warum war sie so blöd gewesen...so immens blind dafür?
Sie hatte den immensen Drang, einfach wieder wegzugehen, irgendwohin, wo niemand sie kannte, wo niemand ihr Fragen stellen würde. Weit fort, wo es keine Erwartungen gab und keine Kämpfe. Die Unsicherheit in ihrem Inneren brodelte, riss sie hin und her... der Wind wehte stürmisch in ihr, zog reissend an jedwedem Strang in ihr. So sehr war sie bereits eins mit ihrem Element, dass sie sich wie fortgetragen fühlte. Wie gerne wollte sie einfach losfliegen. Es bräuchte nur einer einzigen Umwandlung... sie müsste einfach vergessen, dass sie ein Mensch ist und auf ewig in diesem Körper bleiben... die Idee war töricht und kindisch zu gleich und lockte sie doch.
Ich bin der Wind
bin der Vogel, der schwebt und die Luft,
die ihn trägt
Für alle Zeit
bleib ich frei wie ich bin
und ich ziehe mit dem Wind
(Capud Draconis ~ Ausschnitte aus "Vagabund")
War alles geklärt? Ja und Nein. Die Wut in ihr brodelte noch immer. Und irgendwoher tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es eigentlich um sie ging. Dass sie von sich selbst enttäuscht war und dem, was aus ihr geworden war. Dass sie kaum einen Tag ohne das Hochprozentige auskam. Dass sie verlernt hatte, zu vertrauen. Sie war sturer geworden, engstirniger in ihrer Betrachtung. Und dass, wo sie nun mehrer Seiten kannte, wo ihr die Perspektive so weit geöffnet worden war. Es war zum Lachen, wo ihr doch so zum Heulen zumute war. Eine weitere Ohrfeige würde so gut tun...
Sie wollte weglaufen und konnte nicht. Denn eines würde sie immer wieder verfolgen: Sie Selbst.
Und wie konnte man vor sich nur wegrennen...?
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Liska Erlengrund
Kriege wurden bereits mit Briefen verhindert, aber leider nur selten, sodass öfters das Schwert entscheiden musste. Kriege werden nicht mit Worten gefochten. Jedes Wort kann eine Phrase sein, muss es aber nicht. In Taten sieht man meistens mehr Wahrheit, als man es sich eingestehen will...
Das kleine schwarze Büchlein wurde zusammengeklappt, als sie den Blick hob und den Blick vom Steg über das Meer wandern ließ. Die Wellen klangen halsbrecherisch an diesem Abend und dunkle Wolken kündigten das baldige Ankommen eines Unwetters an. Sie roch geradezu die aufgeladene Luft, die sich danach sehnte, entladen zu werden in unzähligen Blitzen, die herunterprasseln würden in dieser Nacht. Den salzigen Geschmack auf der Zunge, die schwüle Luft auf ihrer Haut... all ihre Sinne nahmen die Umgebung wahr und deren Elemente. Sie spürte das Lied und fühlte sich ruhig... und sicher.
Es war einer der seltenen Momente, in denen sie die Ruhe genießen konnte. Sie breitete sich in ihr aus wie ein schützendes Dach, einen Rückzugsort, in den sie flüchten konnte. Alles was sie suchte, war die Klarheit und Gewissheit, dass es vorangehen würde. Hatte sie nun den richtigen Schritt getan? War es das, was Cara ihr eigentlich sagen wollte...?
"Vielleicht legst du dir dann einmal die Karten... ich glaube die Karten liegen dir..."
Sie hatte es nicht übers Herz bringen können, sich nicht getraut. Sie wusste, vor was sie sich fürchtete: Vor einer trostlosen Zukunft, einem wahren Abbild ihres derzeitigen Zustandes. Wo war sie schließlich angekommen derzeit? Es gab Tage, an denen sie nicht einmal daran dachte, etwas zu trinken... bis das Zittern in ihren Händen wieder begann und sie nicht anders konnte und zumindest einen Schluck Bier nehmen musste. Sie hasste sich dafür, verabscheute ihr ganzes Wesen für diese Schwäche, die sich so tief in sie eingebrannt hatte. Noch immer hallten ihr Luciens Worte im Kopf herum, der sie dafür verurteilen und ihr einen Tod im Suff prophezeien würde. Tief im Innersten wusste sie, dass er Recht hatte. Sie würde Hilfe brauchen damit, doch das Wie und von Wem war die große Frage, die sie nicht zu beantworten wusste. Einzig dass sie von dem Laster nicht loskam, war ihr so bewusst wie lange nicht mehr. Und das, wo sich auf einmal eine neue Möglichkeit ergab.
Nein, sie vertraute ihm ganz und gar nicht. Sie hatte seine Spielregeln alles andere als durchschaut. Fast schien es ihr, als würde sie solcher Art Mann auf Gerimor geradezu herausfordern, sich mit ihr zu messen und dann Gefallen daran zu finden, mit ihr ein ganz eigenes Spiel zu spielen. Auf dem Festland hatte sich jenes einfacher gestaltet; dort war sie es, die die Regeln aufstellen konnte, hatte sie doch den Brief des Abtes als Machtsymbol stets in ihren Taschen. Doch hier war sie auf sich und ihre Fähigkeiten gestellt. Sie musste sich nun an Regeln orientieren, die unausgesprochen im Raum standen. Es fiel ihr schwer, sich auf dieses Spiel einzulassen; wissend zu scheinen ohne einen Hauch einer Ahnung zu haben, was nun der nächste Schachzug sein würde. Und doch gab sie vor, all diese Regeln zu kennen und sie zu durchschauen. Sie spielte die große Kennerin und Furchtlose, während sie in ihrem Inneren keinerlei Ahnung davon hatte, wie es hier lief. Und doch gab sie es vor und hoffte, er würde es ihr abkaufen. Zumindest hatte sie eine Basis gewonnen, eine neue Aufgabe auf dieser Insel, neben der Schwesternschaft. Sie liebte jede Schwester auf ihre verschrobene und mürrische Art und Weise, sicher. Doch sie brauchte endlich etwas, in dem sie sich Selbst finden und wieder zu der werden konnte, die sie sein wollte. Sie brauchte Sicherheit, nicht nur auf der Sumpfinsel, sondern auch auf dem restlichen Stück Land. Sie wollte wieder sie sein; mit ihrer Händlernatur, mit ihrem Hang zum Schreiben und Lesen. Sie sehnte sich nach einer eigenen Bibliothek, nach dem Duft von Buchdeckeln und alten Pergamentpapier. Sie wollte wieder das Geräusch des knisternden Papieres hören und die alten Druckstellen vergangener Finger abtasten. In ihrem Inneren wusste sie, dass es ein Teil ihres Seins war, das fehlte...
Sicher, sie war nun anders, hatte sich verändert. Sie wusste mehr als mancher Mensch da draussen, konnte die Welt ganz anders begreifen als zu jener Zeit, in dem sie im Kloster war. Sie hatte Freunde um sich, die sie beschützen würden, wenn jemand ihr was wollen würde. Sie hatte die Macht, etwas zu bewirken, wenn sie das Vertrauen in sich stärken könnte. Tief in ihrem Inneren spürte sie diese brodelnde Energie, die sich in ihr ausbreitete und darauf wartete, vollends ernst genommen zu werden. Ihre Kräfte waren gewachsen, das Verständnis hatte sich besser ausgeformt, doch sie traute es sich nicht zu. Noch nicht... Vielleicht war das der Grund, dass sie sich nach Altem sehnte und nun froh war über diese Schreibertätigkeiten. Endlich wieder die Zeit mit Schriften und Büchern verbringen zu können. Eine Weile der Ablenkung, bis die Nerven wieder nach etwas zu Trinken verlangen würden.
Vielleicht würde sie doch noch das Kartendeck für sich legen. Vielleicht war ein erstes Steinchen umgestoßen, dass ihre Zukunft in eine andere Richtung lenken würde...
Vielleicht.
Das kleine schwarze Büchlein wurde zusammengeklappt, als sie den Blick hob und den Blick vom Steg über das Meer wandern ließ. Die Wellen klangen halsbrecherisch an diesem Abend und dunkle Wolken kündigten das baldige Ankommen eines Unwetters an. Sie roch geradezu die aufgeladene Luft, die sich danach sehnte, entladen zu werden in unzähligen Blitzen, die herunterprasseln würden in dieser Nacht. Den salzigen Geschmack auf der Zunge, die schwüle Luft auf ihrer Haut... all ihre Sinne nahmen die Umgebung wahr und deren Elemente. Sie spürte das Lied und fühlte sich ruhig... und sicher.
Es war einer der seltenen Momente, in denen sie die Ruhe genießen konnte. Sie breitete sich in ihr aus wie ein schützendes Dach, einen Rückzugsort, in den sie flüchten konnte. Alles was sie suchte, war die Klarheit und Gewissheit, dass es vorangehen würde. Hatte sie nun den richtigen Schritt getan? War es das, was Cara ihr eigentlich sagen wollte...?
"Vielleicht legst du dir dann einmal die Karten... ich glaube die Karten liegen dir..."
Sie hatte es nicht übers Herz bringen können, sich nicht getraut. Sie wusste, vor was sie sich fürchtete: Vor einer trostlosen Zukunft, einem wahren Abbild ihres derzeitigen Zustandes. Wo war sie schließlich angekommen derzeit? Es gab Tage, an denen sie nicht einmal daran dachte, etwas zu trinken... bis das Zittern in ihren Händen wieder begann und sie nicht anders konnte und zumindest einen Schluck Bier nehmen musste. Sie hasste sich dafür, verabscheute ihr ganzes Wesen für diese Schwäche, die sich so tief in sie eingebrannt hatte. Noch immer hallten ihr Luciens Worte im Kopf herum, der sie dafür verurteilen und ihr einen Tod im Suff prophezeien würde. Tief im Innersten wusste sie, dass er Recht hatte. Sie würde Hilfe brauchen damit, doch das Wie und von Wem war die große Frage, die sie nicht zu beantworten wusste. Einzig dass sie von dem Laster nicht loskam, war ihr so bewusst wie lange nicht mehr. Und das, wo sich auf einmal eine neue Möglichkeit ergab.
Nein, sie vertraute ihm ganz und gar nicht. Sie hatte seine Spielregeln alles andere als durchschaut. Fast schien es ihr, als würde sie solcher Art Mann auf Gerimor geradezu herausfordern, sich mit ihr zu messen und dann Gefallen daran zu finden, mit ihr ein ganz eigenes Spiel zu spielen. Auf dem Festland hatte sich jenes einfacher gestaltet; dort war sie es, die die Regeln aufstellen konnte, hatte sie doch den Brief des Abtes als Machtsymbol stets in ihren Taschen. Doch hier war sie auf sich und ihre Fähigkeiten gestellt. Sie musste sich nun an Regeln orientieren, die unausgesprochen im Raum standen. Es fiel ihr schwer, sich auf dieses Spiel einzulassen; wissend zu scheinen ohne einen Hauch einer Ahnung zu haben, was nun der nächste Schachzug sein würde. Und doch gab sie vor, all diese Regeln zu kennen und sie zu durchschauen. Sie spielte die große Kennerin und Furchtlose, während sie in ihrem Inneren keinerlei Ahnung davon hatte, wie es hier lief. Und doch gab sie es vor und hoffte, er würde es ihr abkaufen. Zumindest hatte sie eine Basis gewonnen, eine neue Aufgabe auf dieser Insel, neben der Schwesternschaft. Sie liebte jede Schwester auf ihre verschrobene und mürrische Art und Weise, sicher. Doch sie brauchte endlich etwas, in dem sie sich Selbst finden und wieder zu der werden konnte, die sie sein wollte. Sie brauchte Sicherheit, nicht nur auf der Sumpfinsel, sondern auch auf dem restlichen Stück Land. Sie wollte wieder sie sein; mit ihrer Händlernatur, mit ihrem Hang zum Schreiben und Lesen. Sie sehnte sich nach einer eigenen Bibliothek, nach dem Duft von Buchdeckeln und alten Pergamentpapier. Sie wollte wieder das Geräusch des knisternden Papieres hören und die alten Druckstellen vergangener Finger abtasten. In ihrem Inneren wusste sie, dass es ein Teil ihres Seins war, das fehlte...
Sicher, sie war nun anders, hatte sich verändert. Sie wusste mehr als mancher Mensch da draussen, konnte die Welt ganz anders begreifen als zu jener Zeit, in dem sie im Kloster war. Sie hatte Freunde um sich, die sie beschützen würden, wenn jemand ihr was wollen würde. Sie hatte die Macht, etwas zu bewirken, wenn sie das Vertrauen in sich stärken könnte. Tief in ihrem Inneren spürte sie diese brodelnde Energie, die sich in ihr ausbreitete und darauf wartete, vollends ernst genommen zu werden. Ihre Kräfte waren gewachsen, das Verständnis hatte sich besser ausgeformt, doch sie traute es sich nicht zu. Noch nicht... Vielleicht war das der Grund, dass sie sich nach Altem sehnte und nun froh war über diese Schreibertätigkeiten. Endlich wieder die Zeit mit Schriften und Büchern verbringen zu können. Eine Weile der Ablenkung, bis die Nerven wieder nach etwas zu Trinken verlangen würden.
Vielleicht würde sie doch noch das Kartendeck für sich legen. Vielleicht war ein erstes Steinchen umgestoßen, dass ihre Zukunft in eine andere Richtung lenken würde...
Vielleicht.
Zuletzt geändert von Liska Erlengrund am Donnerstag 7. August 2014, 10:42, insgesamt 2-mal geändert.
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Liska Erlengrund
Die Prüfung in dir
Konzentrier dich auf das, was vor dir liegt...
Sie tigerte unruhig auf und ab in dem kleinen Zimmer, dass sie sich angemietet hatte. Die Nacht war kühl und doch schwitzte sie. Sie hatte vielleicht zwei Stunden schlafen können bis der Durst sie aufgeweckt hatte. Zwei Wasserkrüge mussten bereits dran glauben und noch immer fühlte sich die Kehle rauh an. Die Schritte führten sie hin und her in dem Raum, der kaum vier Schritt messen mochte. Wieso hatte sie sich nicht verdammt nochmal ein größeres Zimmer genommen?! Sie würde noch durchdrehen irgendwann... dessen war sie sich sicher.
Die Finger lechzten danach, irgendwas zwischen die Finger zu bekommen. Sie hatte das Zittern satt, sodass sie aus ihren wenigen Habseligkeiten die Karten hervorholte und sie mischte. Diesmal waren es jedoch keine Spielkarten, sondern welche, die zum orakeln genutzt wurden. Sie waren aus einem Laden, der allerlei Sachen angeboten hatte, in einer der Ecken des Hafenviertels. Gassen, in denen der Aberglaube noch vorherrschte und man sich dreimal Salz über die Schulter warf, wenn man einer schwarzen Katze begegnete. Jene Gebiete, in denen man solche Objekte fand und mit ihnen üben konnte. Eine Schrift dazu hatte sie ebenso gefunden, sodass sie beides mitgenommen hatte. Und nun ließ sie die Karten durch die Finger gleiten, spürte die rauhe Oberfläche des Decks, fühlte das Alter in ihnen. Sie wollte an nichts spezielles denken, wollte sich einfach nur ablenken...von dieser inneren Unruhe, dieser Rastlosigkeit. Sie wusste, dass es kein Zurück gab. Sie hatte sich darauf eingelassen, auf dieses Angebot, von dem sie nicht sicher war, ob es aus Freundschaft oder anderen Hintergründen gemacht wurde. Der letzte Wochenlauf striff gedanklich in ihrem Inneren vorbei... Sie hatte tatsächlich ihre Sachen gepackt und sich in der ihr verhassten Stadt ein Zimmer genommen. Sie, die jederzeit sich als Ketzerin entblößen könnte, sofern man sie zur Diskussion anfachen würde. Verborgen unter dem Samt der Schatulle lag wie schützend die Kette mit dem Adlersymbol. Sie redete sich ein, nichts zuzulassen. Nein, man würde sie nicht verdrehen. Sie war lediglich dort, weil ein Jemand ihr endlich helfen wollte. Sie wollte ihren inneren Dämon loswerden, ihn vertrieben haben. Einen Freund hatte sie bereits dadurch vergrault und ihre Furcht, dadurch die Schwestern vielleicht ebenso zu verlieren, nagte an ihr. Und allein, wie Lucien es vorgeschlagen hatte, würde sie es nie schaffen. Sie war schlichtweg nicht so mutig und selbstbewusst, nicht so widerstandsfähig in diesem Punkt. Wenn man zwischen Wein und Wasser wählen konnte... warum sollte man das Wasser nehmen? Das Wunder des Weines und seine Entfaltung im Körper und Geist war um so vieles verlockender. Doch in jedem Genuss sieht man seine Grenze...und man versucht Neues. Vom Wein zum Bier, vom Bier zum Rum, vom Rum zum Schnaps... sie hatte aufgehört damit, die Reihenfolge richtig einzuordnen, doch letztlich hatte sie es dahingebracht, wo sie nicht hatte enden wollen: In der Abhängigkeit zu der Flasche.
"Warum trinkst du?"
"Ich hab eigentlich schon immer getrunken... auf der Strasse als kleines Mädel, damit einem warm im Magen is'... später für Geschäftsgespräche...und hier ist es eher ein abendliches Programm, wenn ich in die Taverne komm, um Karten zu spielen oder bei den Würfelspielen mitmach. Ich sauf aus Frust, aus Wut, aus Lust und Laune, aus Gewohnheit."
"... Ich weiß nicht, ob dir gefallen würde, was ich mit dir täte, damit du aufhörst zu saufen. Es wäre alles andere als ein angenehmer Weg..."
Angenehm war wirklich etwas anderes. Sie konnte noch von Glück reden, dass sie eine Woche Schonzeit hatte, als er auf Reisen gewesen war. Nun würden ihre Vortäuschungen wohl auffallen und nicht mehr durchgehen. Eine Woche, in der sie sich im Hafenviertel nochmal hatte etwas besorgen können, doch auch das nur einmal. Dem Ritter seine Spürhunde waren genauso drauf wie er, manchmal sogar schlimmer. Doch wirklichen Respekt zollte sie nur seinen Worten. Sie wusste nicht genau, warum oder wieso, sie wusste nur, dass irgendetwas an ihm war, dass ihr die Hoffnung machte, sie käme weg davon. Sie konnte nicht einschätzen, ob und was sich ändern würde. Doch das Gefühl, nicht aufgegeben worden zu sein gab ihr Kraft. Irgendwie. Und nun, da die ganze Stadt ihren Namen wusste, würde sie nur noch auf dem Schwarzmarkt etwas besorgen können, den sie aber nicht kannte. Die Zeit, jenen ausfindig zu machen, war nichtmal im Ansatz rauszuschaufeln, so sehr wurde sie in einen Trainings- und Ablenkplan gesteckt. Einzig die Nächte, in denen sie aufwachte, waren die größte Prüfung für sie.
Die Karten glitten durch die Finger, als bei dem Mischvorgang auf einmal eine rausfiel und mit dem Blatt nach oben auf dem Boden landete. Die Rothaarige beugte sich danach und hielt inne, als sie das Motiv erblickte: Der Tod. Endgültigkeit, einschneidende Veränderung. Etwas würde sich in ihrem Leben gewaltig verändern... sie wusste es, noch ehe ihr das Zitat aus dem Buch durch den Schopf schoß: Es handelt sich um Lebenswandel und Situationen, bei denen das Alte vergehen muss damit etwas Neues wiedergeboren werden kann. Opfer müssen gebracht werden...
Zitternd hob sie die Karte auf und steckte sie in das Deck. Es würde sich etwas verändern... und sie konnte nur hoffen, zu ihrem besseren hin.
Konzentrier dich auf das, was vor dir liegt...
Sie tigerte unruhig auf und ab in dem kleinen Zimmer, dass sie sich angemietet hatte. Die Nacht war kühl und doch schwitzte sie. Sie hatte vielleicht zwei Stunden schlafen können bis der Durst sie aufgeweckt hatte. Zwei Wasserkrüge mussten bereits dran glauben und noch immer fühlte sich die Kehle rauh an. Die Schritte führten sie hin und her in dem Raum, der kaum vier Schritt messen mochte. Wieso hatte sie sich nicht verdammt nochmal ein größeres Zimmer genommen?! Sie würde noch durchdrehen irgendwann... dessen war sie sich sicher.
Die Finger lechzten danach, irgendwas zwischen die Finger zu bekommen. Sie hatte das Zittern satt, sodass sie aus ihren wenigen Habseligkeiten die Karten hervorholte und sie mischte. Diesmal waren es jedoch keine Spielkarten, sondern welche, die zum orakeln genutzt wurden. Sie waren aus einem Laden, der allerlei Sachen angeboten hatte, in einer der Ecken des Hafenviertels. Gassen, in denen der Aberglaube noch vorherrschte und man sich dreimal Salz über die Schulter warf, wenn man einer schwarzen Katze begegnete. Jene Gebiete, in denen man solche Objekte fand und mit ihnen üben konnte. Eine Schrift dazu hatte sie ebenso gefunden, sodass sie beides mitgenommen hatte. Und nun ließ sie die Karten durch die Finger gleiten, spürte die rauhe Oberfläche des Decks, fühlte das Alter in ihnen. Sie wollte an nichts spezielles denken, wollte sich einfach nur ablenken...von dieser inneren Unruhe, dieser Rastlosigkeit. Sie wusste, dass es kein Zurück gab. Sie hatte sich darauf eingelassen, auf dieses Angebot, von dem sie nicht sicher war, ob es aus Freundschaft oder anderen Hintergründen gemacht wurde. Der letzte Wochenlauf striff gedanklich in ihrem Inneren vorbei... Sie hatte tatsächlich ihre Sachen gepackt und sich in der ihr verhassten Stadt ein Zimmer genommen. Sie, die jederzeit sich als Ketzerin entblößen könnte, sofern man sie zur Diskussion anfachen würde. Verborgen unter dem Samt der Schatulle lag wie schützend die Kette mit dem Adlersymbol. Sie redete sich ein, nichts zuzulassen. Nein, man würde sie nicht verdrehen. Sie war lediglich dort, weil ein Jemand ihr endlich helfen wollte. Sie wollte ihren inneren Dämon loswerden, ihn vertrieben haben. Einen Freund hatte sie bereits dadurch vergrault und ihre Furcht, dadurch die Schwestern vielleicht ebenso zu verlieren, nagte an ihr. Und allein, wie Lucien es vorgeschlagen hatte, würde sie es nie schaffen. Sie war schlichtweg nicht so mutig und selbstbewusst, nicht so widerstandsfähig in diesem Punkt. Wenn man zwischen Wein und Wasser wählen konnte... warum sollte man das Wasser nehmen? Das Wunder des Weines und seine Entfaltung im Körper und Geist war um so vieles verlockender. Doch in jedem Genuss sieht man seine Grenze...und man versucht Neues. Vom Wein zum Bier, vom Bier zum Rum, vom Rum zum Schnaps... sie hatte aufgehört damit, die Reihenfolge richtig einzuordnen, doch letztlich hatte sie es dahingebracht, wo sie nicht hatte enden wollen: In der Abhängigkeit zu der Flasche.
"Warum trinkst du?"
"Ich hab eigentlich schon immer getrunken... auf der Strasse als kleines Mädel, damit einem warm im Magen is'... später für Geschäftsgespräche...und hier ist es eher ein abendliches Programm, wenn ich in die Taverne komm, um Karten zu spielen oder bei den Würfelspielen mitmach. Ich sauf aus Frust, aus Wut, aus Lust und Laune, aus Gewohnheit."
"... Ich weiß nicht, ob dir gefallen würde, was ich mit dir täte, damit du aufhörst zu saufen. Es wäre alles andere als ein angenehmer Weg..."
Angenehm war wirklich etwas anderes. Sie konnte noch von Glück reden, dass sie eine Woche Schonzeit hatte, als er auf Reisen gewesen war. Nun würden ihre Vortäuschungen wohl auffallen und nicht mehr durchgehen. Eine Woche, in der sie sich im Hafenviertel nochmal hatte etwas besorgen können, doch auch das nur einmal. Dem Ritter seine Spürhunde waren genauso drauf wie er, manchmal sogar schlimmer. Doch wirklichen Respekt zollte sie nur seinen Worten. Sie wusste nicht genau, warum oder wieso, sie wusste nur, dass irgendetwas an ihm war, dass ihr die Hoffnung machte, sie käme weg davon. Sie konnte nicht einschätzen, ob und was sich ändern würde. Doch das Gefühl, nicht aufgegeben worden zu sein gab ihr Kraft. Irgendwie. Und nun, da die ganze Stadt ihren Namen wusste, würde sie nur noch auf dem Schwarzmarkt etwas besorgen können, den sie aber nicht kannte. Die Zeit, jenen ausfindig zu machen, war nichtmal im Ansatz rauszuschaufeln, so sehr wurde sie in einen Trainings- und Ablenkplan gesteckt. Einzig die Nächte, in denen sie aufwachte, waren die größte Prüfung für sie.
Die Karten glitten durch die Finger, als bei dem Mischvorgang auf einmal eine rausfiel und mit dem Blatt nach oben auf dem Boden landete. Die Rothaarige beugte sich danach und hielt inne, als sie das Motiv erblickte: Der Tod. Endgültigkeit, einschneidende Veränderung. Etwas würde sich in ihrem Leben gewaltig verändern... sie wusste es, noch ehe ihr das Zitat aus dem Buch durch den Schopf schoß: Es handelt sich um Lebenswandel und Situationen, bei denen das Alte vergehen muss damit etwas Neues wiedergeboren werden kann. Opfer müssen gebracht werden...
Zitternd hob sie die Karte auf und steckte sie in das Deck. Es würde sich etwas verändern... und sie konnte nur hoffen, zu ihrem besseren hin.