Von Männern und Männlein

Geschichten eurer Charaktere
Antworten
Benutzeravatar
Dietbald Freymuth
Beiträge: 73
Registriert: Samstag 22. März 2014, 04:46

Von Männern und Männlein

Beitrag von Dietbald Freymuth »

"Diego de Campillo? Ich kenn' keinen Diego de Campillo. Klingt nach 'nem Edelmann oder 'nem Piraten. Beide gibts hier nich', dem Alleinen sei's gedankt." Knurrte der Alte und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Becher Branntwein, der über den halben Tisch stank. Plötzlich lachte er heiser auf. "He, Moment! Du meinst den Bengel von den Freymuths. Dietbald! Ja, Dietbald – den kenn' ich!" Mit einem leisen, hohlen Klacken stellte er den groben Becher wieder ab, fuhr sich durch das lichte Haar.
"Ein Taugenichts ist das, sage ich dir – ein elender Taugenichts! Die Freymuths züchten die besten Schweine weit und breit, die leiden keinen Hunger! Das sind alle samt fleißige, starke Leute die Freymuths, dem Alleinen gefällig un' so... nur Dietbald..." Der Alte schüttelte den Kopf schwer und zog die Nase kraus bis er die verbliebenen gelben Zähne damit entblößte.

"Manchmal glaube ich der wurde denen unter geschmuggelt wie so'n Kuckucksei. Von Anfang an war der zu faul zum arbeiten. Is' wirklich so. Für die einfachsten Arbeiten zu blöd. Nich'mal zum Schweine hüten konnte man den schicken, hat viel lieber in der Sonne gelegen und gedöst. An den Abenden hat man Reinholdt, seinen Vater, durchs ganze Dorf schreien hören." Der Alte lachte wieder dreckig auf und verschluckte sich wie zur Strafe an seinem Gelächter. Er klopfte sich dumpf auf die Brust, als wollte er den alten Körper damit zum Arbeiten anregen.
"Na jedenfalls... das wurde auch nich' besser als der Kerl älter geworden is'. Dietbald war das einzige seiner sechs Kinder das er nich' hinbekommen hat, der Reinholdt. Ne, im Gegenteil. Der Schwächling hat sich nur dazu berufen gefühlt von wilden Abenteuern und der großen Freiheit zu träumen. Es is' nur schlimmer geworden als der Nichtsnutz entdeckt hat was der Unterschied zwischen Männern und Frauen is'."
Nachdenklich blickte er nun auf den schartigen Tisch, rieb sich über die stoppeligen, eingefallenen Wangen die vom starken Alkohol gerötet waren.

Als er die kratzige Stimme wieder hob klang sie ein Stück weit bedachter als zuvor. "Na dumm isser ja nich' gewesen. Hat's immer wieder auf die Reihe gekriegt sich aus allem raus zu reden. Hat sich sogar das Lesen ein bisschen selbst beigebracht. Jaah, ungeschickt war er ja auch nich'. Möchte auch so sein wenn man so lächerlich schmale Schultern und Ärmchen hat und nichts auf den Rippen." Demonstrativ beschrieb der angetrunkene Bauer die Form eines schmächtigen Menschen mit seinen rauen, gichtigen Arbeiterhänden, ehe sie wieder den Schnapsbecher wie einen Schatz umklammerten, den es zu schützen galt.
"So oder so, irgendwie hat er's geschafft 'ne Lehre bei nem bekannten Feinschmied in Rahal anzufangen. Glaube das war's einzige Mal das ich seinen Alten gut von ihm reden hören habe. Da hat er 'ne Zeit lang sogar vergessen das sein Sohn aussieht wie'n Mädchen!" Wieder polterte er drauf los, sehr zum Leidwesen seiner Zuhörer die sich nun mit seinem übelriechenden Atem und seinem Speichel beschäftigen durften, die er großzügig über sie verteilte.

"Na jedenfalls... dein 'Diego' hat's freilich nich' geschafft Schmied zu werden. 'N fauler Hund bleibt'n fauler Hund, egal wie schön er kläfft. Als er dann noch angefangen hat mit der Tochter vom Schmied zu bandeln, da konnt' er sich schon überlegen wie er es seinem Alten beibringt! Er is' wieder gekommen der Bube, aber nur für ne Woche – dann isser stiften gegangen. Is' wahrscheinlich auch besser so, einen Nichtsnutz wie Dietbald Freymuth kann niemand gebrauchen!"
Benutzeravatar
Dietbald Freymuth
Beiträge: 73
Registriert: Samstag 22. März 2014, 04:46

Beitrag von Dietbald Freymuth »

Acht der Scheiben
"Du bist nichts...du kannst nichts... du hast nur ne grosse Klappe... Willst du Miriam so beschuetz'n?" Die Worte der Heilerin hallten Dumpf in seinem Kopf nach und es brauchte eine ganze Weile bis sie ihren Bestimmungsort erreichten. Nun aber, als er sie schmerzhaft langsam durchdachte, bereiteten sie ihm Übelkeit, mehr noch als der verdammte Rum, der ihn so heimtückisch überwältigt hatte als er an die frische Luft getreten war, oder Toorus Schlag vor seine Brust, der ihm die Luft aus den Lungen gedrückt hatte. Ja, ihre Worte waren so schmerzhaft weil er wusste, dass sie wahr waren...

"Passiert hier gerade was oder warten alle nur auf irgendwas?" Das war das Erste gewesen das sie zu ihm gesagt hatte, als der Alka praktisch schon samt Aufmarsch hinter der nächsten Baumreihe erschien, noch vor der Zeremonie in der Arena in der man so erpicht darauf gewesen war, ihnen die Kehle durch zu schneiden. Irgendwann hatten sie sich aus den Reihen der Zuschauer gestohlen und bis spät in die Nacht am Brunnen auf dem Marktplatz Rahals gesessen. Das alles, den ganzen Tag, hatte er klar vor Augen, alles danach war nur noch ein einziger, verwaschener Haufen Erinnerungen die kreuz und quer in seinem Kopf lagen, darauf warteten mühsam entwirrt zu werden.

"Du bist'n Verlierer, sieh's ein! Du verlierst gegn'n -" Er hörte sie reden und beißend spotten, doch es drang nicht zu ihm durch. Er wusste, dass sie recht hatte. Es war ihm schmerzhaft klar geworden, dass er seiner Miriam niemals ein Dach über dem Kopf bieten könnte, wenn er so weiter lebte wie zuvor. Tooru erzählte ihm nichts neues, nein, die ganze Nacht hatten sich seine Gedanken darum gedreht, als er seiner frischen Freundin beim Schlafen zugesehen hatte, unfähig selbst ein Auge zu zumachen. Was war aus den Vorsätzen geworden etwas aus sich zu machen? Warum hatte er den ganzen Tag nichts dafür gemacht? Hatte er es etwa tatsächlich nicht einmal einen Tag lang geschafft? War er wirklich so nutzlos?
Er rappelte sich auf, trat mit einem großen Schritt zu ihr. Halbherzig brüllend täuschte er einen Schlag der Linken an, nur um ihr dann mit einer Drehung des schmalen Körpers den rechten Ellenbogen von unten gegen das Kinn zu ziehen. Er spürte, wie der Knochen auf den ihres Kinns traf. Es bereitete ihm Genugtuung zu sehen, wie es ihren Kopf zurück warf.

"Du schlägst wie meine Tochter du Verlierer. Wieso lässt du Miriam nich einfach geh'n und besorgst dir'n Hundewelp'n eh?" Er wusste ganz genau was Möwe da tat, sie erzog ihn – doch traf sie mit ihren Worten genau ins Schwarze.
"Erzähl nur aber wehr dich wenigstens, sonst komm ich mir verarscht vor!" Bellte der Jüngling ihr entgegen, doch ihre Antwort kam wie erwartet prompt und präzise, bot er ihr doch mehr als genug Angriffsfläche. "Du kommst dir verarscht vor? Liegt daran das du'n Witz bist."
Ungestüm schloss er wieder zu ihr auf, führte mit der Linken gen Kinn, um dann mit der Rechten zuzuschlagen. Er hatte das dutzende Male an Puppen geübt – doch seine Schläge gingen ins Leere. Noch bevor sein Verstand mit der Situation aufholen konnte, traf ihn ein Tritt in den Magen.
Dietbald knickte in sich zusammen wie ein Klappmesser, auf den Tritt war er nicht vorbereitet gewesen. Er spürte wie sich seine Wangen füllten, schmeckte den vertrauten, sauren Geschmack seines Mageninhalts, die Fischsuppe und den Rum vom Abendbrot. Als ihr Ellenbogen gnadenlos auf seinen Hinterkopf herab fuhr, bahnte sich das üble Gemisch in seinem Mund explosionsartig den Weg nach draußen, bevor ihm kurz schwarz vor Augen wurde.
Er fühlte sich wie von einem gewaltigen Schlachtross getreten und niedergetrampelt.Das kalte, feuchte Gras kitzelte an seiner Wange und der abstoßende Geruch seiner eigenen Kotze, die nur wenige Zentimeter vor ihm das Gras bedeckte, brannte in der Nase.

Es war angenehm warm für diese Uhrzeit. Der See, nachdem die kleine Stadt an seinem Ufer treffend "Düstersee" getauft worden war, lag glatt wie ein Spiegel bis Miriam einen der nackten Füße gen Wasser ausstreckte und die Oberfläche nach und nach das Muster seichter, gleichmäßiger Wellen annahm. Vor seinem Umhang, auf welchem sie zusammen saßen, waren mehrere Karten in einem 'V' ausgebreitet. Gut die Hälfte von ihnen war noch verdeckt, doch gerade war die zarte Hand seiner Angebeteten dabei die nächste Karte umzudrehen. "Ah, Acht der Scheiben." Hörte er sie sagen noch ehe er die Karte bis ins Detail studieren konnte. Sie zeigte einen Mann vor einem kräftigen, blühenden Baum, an dem sieben Münzen aufgehangen waren. Eine Achte hielt er in der Hand, bearbeitete sie Sorgsam mit Hammer und Meißel.
"Ah, Acht der Scheiben. Na das klingt doch gut. Die steht für Zuversicht, Ausdauer, Lernen und Neuanfang" Erklärte Miriam ihm geduldig. Der Schönling schaute sie grüblerisch an, die Augen ruhten still auf ihrem schönen Gesicht, welches er ständig besingen wollte, so hübsch fand er es. Für den Moment hatte er aber kein Auge dafür.
Miriam hatte die Karten nicht für ihn gelegt, sie sollten die Antwort auf ihre Frage sein, und doch schienen sie wie die offensichtliche Antwort auf alles das er sich nun wünschte. Lag es daran, dass Miriam und er eine gemeinsame Zukunft hatten, die gleichen Probleme teilten? Vielleicht. Vielleicht hatte er sich aber auch nur zu lange vor dem Offensichtlichen verschlossen.


Seine Glieder gehorchten ihm nicht und er war sich beinahe sicher, dass er sich in seine eigene Kotze gestemmt hatte, aber das war egal. Er hatte etwas zu beweisen, wenn nicht Tooru, dann sich selbst. "Das war alles? Ich hab den Scheiß nichmal gelernt und ich mach dich fertig..." Tönte ihre Stimme wieder penetrant in seinem hämmernden Kopf. Die seidigen Haare hingen ihm an der schweißnassen Stirn.
Entschlossen taumelte er ihr näher, holte zu einem rohen, geraden Schlag ins Zentrum ihres Gesichts an. Er wurde jäh von ihrer Hand geblockt, doch die Wucht, über die Dietbald selbst überrascht war, schlug ihr die Rückseite der eigenen Hand ins Gesicht. Wie von alleine schnellte seine Linke nun nach vorne, suchte ihren Weg in Möwes Magengrube. Er sah sie husten und keuchen, geknickt vor ihm stehen. Obwohl seine schlanken Hände kläglich zitterten wusste er genau was zu tun war. Wütend, viel mehr auf sich als auf die Heilerin, krallte er sich in ihre Schulter und zog sich heran. Zwei mal hämmerte er ihr das Knie ungehalten und völlig ungelenkt von unten gegen den Körper, absolut gleich ob er nun Magen, Brust oder Gesicht treffen würde. Er stöhnte und schrie die Verzweiflung heraus, ehe er sich neben ihr auf den Boden fallen ließ.
Er fühlte sich hundeelend, die kalte Abendluft brannte in den Lungen, der Geruch seiner Kotze war überwältigend und sein ganzer Körper schmerzte, allen voran der pochende Schädel, der nun durch einen hinterlistigen Schlag erneut in den Nacken geworfen wurde, begleitet von dumpfem Schmerz.
"Pah, leck mich Tooru!" Spuckte er ihr entgegen und beobachtete sie, wie sie auf alle Vier ging, ihn selbst jetzt noch inbrünstig weiter anstachelte. "Letzte Antwort? Los...sei'n Mann."
Dietbald konnte es nicht fassen. Ächzend rappelte er sich auf, hatte selbst seine liebe Mühe gerade zu stehen. Der schmalbrüstige Mann griff nach ihrer blutigen Hand, die sie ihm entgegen streckte. Er sah sie feste an, zog sie ein Stück weit herauf. Er wusste genau, was nun zu tun war. Mit einem Ruck zog er die Frau zu sich, geradewegs gegen seine Faust, die aus der Drehung heraus schwungvoll auf ihre Schläfe zu raste. Dumpfe Schmerzen durchzogen die zarte Hand, als sie klatschend gegen Toorus Stirn traf und die Frau wie einen nassen Sack in sich zusammen fallen ließ.
Er schloss die Augen, schüttelte still den Kopf, dann ließ er sich selbst neben ihr ins Gras sinken, rollte sie mühsam auf die Seite. Ein feiner Blutfaden quoll aus ihrem Mund.
Sein Kopf schien mehrere Zentner zu wiegen, nur schwer konnte er ihn halten, doch als sich die blutige Zunge der Frau mit einem Blinzeln und anschließenden Grinsen aus dem Mund schob, zauberte es auch ihm ein dümmliches, ausgelaugtes Grinsen auf die Lippen.
"Hast endlich mal gezeigt was'de kannst Kleiner..."

Er lauschte Miriams leisen, gleichmäßigen Atem, als er in das enge Zimmer trat. Der Kopf drehte und schmerzte noch immer vom Alkohol und den Schlägen. Das spärliche Mondlicht das durch das kleine Fenster fiel offenbarte kaum etwas von ihren Zügen, warf lange Schatten auf ihnen, und doch schickte ihr Anblick ihm ein seeliges Lächeln auf seine zarten Lippen.
Er fühlte sich gut und auch wenn seine Zukunft ähnlich im Dunkel verborgen war wie das friedliche Gesicht seiner Geliebten, so war er doch zufrieden wie lange nicht. Er hatte alles was er brauchte und er wusste genau was zu tun war – die Acht der Scheiben.
Zuletzt geändert von Dietbald Freymuth am Dienstag 8. April 2014, 13:42, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Dietbald Freymuth
Beiträge: 73
Registriert: Samstag 22. März 2014, 04:46

Beitrag von Dietbald Freymuth »

Geister der Vergangenheit

Zitternd hielt der Junge, kaum älter als 15 Jahre, den Griff des langen Messers. Seine zarten Finger verkrampften sich schmerzhaft um die Waffe. Sie schien zu beben, ob nun von seinem eigenen Zittern oder den ersterbenden Bewegungen des Mannes, das wusste er nicht.
Ungläubig starrte der bärtige, alte Mann auf die Stelle an seiner Brust, aus welcher der Dolch ragte, dann zu dem Jüngling herab. Dietbald konnte die starke Schnapsfahne riechen, die dem stoßweisen Atem des alten Säufers entsprang, konnte sehen wie sich jedes Detail auf dem ungepflegten Gesicht krampfig hervor tat. Erst als sich eine schaurige Wärme an seinem dünnen Arm breit machte, als das herab rinnende Blut beinahe wohlig die Kälte der Nacht vertrieb, wich er japsend vom Sterbenden zurück.
Erst jetzt holte ihn die Situation ein. Dort vor ihm lag Tristan, der alte Säufer des Dorfes, völlig betrunken wie jeden Tag - und er hatte sein Messer im Herzen stecken.
Dietbald hatte den Alten am Fluss getroffen, nahe dem Dorf, weinend. Erst hatte er ihn gar nicht erkannt, so sehr war er in sich zusammen gesackt gewesen. Er hatte sich ihm genähert, nach seinem Wohlbefinden gefragt – da war der Alte geradezu explodiert. Der Junge erinnerte sich nicht mehr an die Worte des Säufers, nur noch daran wie er die Hand erhoben hatte, nach ihm geschlagen hatte, wie er ihn für sein Messer ausgelacht hatte und wie sich dieses dann in seine Brust gebohrt hatte. Das alles schien in kaum mehr als ein paar Sekunden geschehen zu sein.
Vorsichtig tauchte der rüstige Alte seine rauen, gichtigen Hände in sein Blut. Sie zeugten von einem Leben voller Arbeit, doch nun waren sie kraftlos und zittrig. Völlig wort- und gedankenlos sah er dabei zu, wie Tristan die letzten Atemzüge aushauchte.


Dietbald erinnerte sich noch immer bildlich an jedes Detail dieses Abends, den Mord, die Minuten des Sterbens und wie er die Leiche angstvoll versteckt hatte. Früher hatte es ihm Alpträume bereitet, waren sie alle am Hof doch wie eine Familie gewesen. Nun aber ließ es ihn völlig kalt, selbst die Schuldgefühle waren verschwunden. Nur noch aus Anstand und zwei Wochen zu spät für seinen Todestag, zündete er eine Kerze für den alten Tristan an.




La Cabeza

Dietbald konnte sich selbst nur schwerlich erkennen, als er in den Spiegel blickte. Das lag nicht an den winzigen Unebenheiten auf der glatten Oberfläche, die sein Ebenbild verzerrten, oder der feinen Staubschicht, nein. Viel mehr war es der Mann, den der Spiegel zeigte, der ihm unbekannt schien. Wo er einst kaum mehr als ein Strich in der Landschaft gewesen war, zeichneten sich nun gut sichtbar Muskeln auf seiner Brust ab. Die Monate harter Arbeit hatten seine Schultern geformt, länger schon hatte ihn niemand mehr für ein Mädchen gehalten. Die blauen Flecken, Schnitte und Blutergüsse, welche die letzten Wochen seinen Aussehen geprägt hatten, wurden immer weniger in ihrer Zahl. Der bärtige Pirat vom Strand hatte recht gehabt – die Schmerzen halfen, schnell zu lernen.
Statt unzähliger blauer Flecken prangte mittlerweile das Bild eines großen, starken Baumes auf seiner Brust. Die Wurzeln entsprangen der linken Seite seiner Rippen, sammelten sich in einem dicken, kräftigen Stamm, bis sie in eine weite Baumkrone mündeten, direkt über seinem Herzen. Statt Früchten Trug der Baum 8 riesige, glänzende Münzen. Alle waren sie blank, bis auf die Scheibe ganz oben links, auf der eine stilisierte Taube prangte. Es würde wohl bald Zeit werden die nächste Münze mit einer Prägung zu versehen, das hatte er im Gefühl.
Der Mann warf sich das weite, weiße Hemd über, verbarg so einen guten Teil des Tattoo. Sein Blick wanderte hinauf, bis er sich selbst kreuzte. Dietbald starrte tief in seine eigenen, blaugrauen Augen.
Sein eigener Blick war es, der ihn am fremdesten war. Selbst er merkte, dass er sich verändert hatte, ernster geworden war. Kein Wunder, er hatte geschafft wovon er früher nur geträumt hatte, etwas von der Welt gesehen – mehr, als er es sich jemals gewünscht hatte. Mit einem tiefen Atemzug durchbrach er die gespenstische Stille die im Haus herrschte, nun wo Frau und Hunde schliefen.
Ja, nichts war so wie er es sich als Kind lebhaft ausgemalt hatte, wenn er statt die Schweine zu hüten den Tag in der Sonne verpennt hatte.
La Cabeza, Piraten – das hatte für den kleinen Dietbald immer nach einem Märchen geklungen. Freiheit, das Fehlen jeglicher Verpflichtungen, Ruhm und Ehre, endlos hatte seine kindliche Fantasie sich ein glänzendes Bild zusammen gesponnen, ohne überhaupt einmal das Meer gesehen zu haben. Hätte er damals gewusst wie sehr die Freiheit La Cabezas nach Scheiße stinkt, hätte er wohl den Schweinestall vorgezogen, doch mittlerweile genoss er, wie es war.
Er machte sich nichts vor. Zwischen all den abgebrühten und verkorksten Gestalten die Cabeza anzog, fiel er immer noch auf wie ein Elf auf dem Marktplatz von Rahal, doch das störte ihn nicht. Immerhin war es nicht so, als würde ihm die Aufmerksamkeit nicht gefallen. Kaum jemand traute ihm, kaum jemand traute ihm etwas zu. Würde er noch tiefer in der Nahrungskette Cabezas fallen, würden ihn die Hafenratten fressen, deren Größe er jedes Mal aufs neue bewunderte.
Der größte Teil des Weges lag noch vor ihm, doch zumindest konnte er nun sein Ziel sehen – und das erste Mal in seinem Leben mochte er, wohin es ging.
Antworten