Es klopfte an der Tür. Julie und Hailey sahen erschrocken auf, ihre Schwester ging an die Türe. Hailey stellte sich in den Türrahmen, sah neugierig zu der weiblichen Gestalt, die nun vor der Haustüre stand. Musternd betrachtete sie beide Mädchen, gleichzeitig erschrocken und doch erleichtert, steckte einige Papiere wieder ein. Sie wirkte ernst, vorallem hatte sie eine düstere Art an den Tag gelegt.
"Guten Morgen. Ich nehme an, Julie und Hailey?"
"Unsere Eltern sind gerade nicht da, ich darf keine Fremden hineinlassen." erklärte Julie ruhig.
"Dürfte ich um ein kurzes Gespräch hier draußen bitten?"
Julie ging mit ihr vor die Haustüre, Hailey musste im Haus bleiben, ging wieder in die Küche wo sie eben noch gefrühstückt haben.
Nach wenigen Minuten kam sie wieder in das Haus.
"Hailey, wir müssen jetzt stark sein." Ihre Schwester hatte Tränen in den Augen als sie diese Worte zu der kleinen Hailey sprach.
"Warum? Warum weinst du?"
Wortlos schloss sie Hailey in ihre Arme, drückte sie. Das kleine Mädchen spürte die nassen Tränen ihrer Schwester an der Schulter. Sie hatte nicht verstanden weshalb sie trauerte, sie hatte keinen logischen Zusammenhang gefunden. Julie wusste etwas. Etwas füchterliches. Und es musste etwas damit zu tun haben, das ihre Eltern am gestrigen Abend nicht wiedergekommen sind.
"Bitte packt eure Sachen." Die Dame von eben betrat den Raum.
Ihre Schwester nickte drastisch, verpackte einige Sachen in kleine Taschen, verstaute wichtige Papiere.
Sie nahm Hailey bei der Hand und führte sie aus dem Haus, wo bereits eine Kutsche auf sie beide wartete.
"Julie, wohin gehen wir?"
"Wir alle reißen von hier fort. Das ist notwendig."
Ohne Widerworte ging sie mit.
Die Kutschfahrt dauerte mehrere Stunden. Hailey schlief währenddessen ermüdet ein.
Sie spürte wie jemand sie rüttelte und dann sie wachte wieder auf.
"Hailey, sieh. Das ist unser neues Zuhause."
Noch ganz verschlafen öffnete sie ihre Augen, sah aus dem kleinen Fenster der Kutsche hinaus.
"Wo sind wir Julie?"
"In Ermansberg."
Die edle Kutsche hielt auf einem großen Platz in der Dorfmitte an. Mehrere Kutschen hatten sich hier mittlerweile versammelt.
Julie nahm sie wieder an der Hand und führte sie an all der Menge vorbei, um ihr den Anblick der traurigen, verzweifelten Gesichter der Menschen zu ersparen, bis sie wieder bei der Dame von vorhin ankamen. Diese hielt ein großes Buch in den Händen, rief immer wieder Namen laut heraus, andere meldeten sich, dann strich sie diese Personen aus dem Buch.
"Hailey Lynn van Hohenthal?" ertönte die laute Stimme der Frau. Julie meldete sich für Hailey, ihr Name wurde gestrichen.
"Julie van Hohenthal?" Ihre Schwester streckte sich, hob die Hand in die Höhe um sich erkenntlich zu machen, dann gingen sie schnellen Schrittes weiter.
Unter der Führung ihrer großen Schwester betrachtete sie beim Laufen das Dorf in dem sie sich nun befanden. Es sah alles so anders aus. Wo sind all die schönen Häuser geblieben?
"So, da sind wir." Ein prüfender Blick auf die Karte, ein kurzes Nicken ihrerseits.
Hailey's Blick hob sich zu dem großen Haus an, vor dem sie nun mit Julie stand. Sie konnte es kaum richtig betrachten, wurde von ihrer Schwester eilig hinengezerrt. Ein wunderschönes Haus.
Einige junge Frauen erwarteten sie bereits im Vorderraum, befragten sie wieder nach ihren Namen, um sie zuteilen zu können. Daraufhin wurde beiden Schwestern ein einzelnes Zimmer zugewiesen.
"Geweckt werdet ihr nacheinander zur 7. Stunde. Frühstück gibt es zur 8. Stunde. Unterricht beginnt zur 9. Stunde in der Früh" erklärte ihr eine der Damen, während sie die Zimmer aufsuchten.
In Haileys Kopf bildete sich immer weiter ein großes Fragezeichen. Was sollten sie hier? Wo waren ihre Eltern? Sind sie nun ohne ihres Wissens weggegangen?
Julie bestätigte die Worte der Frau.
Beide gingen nun in ihre Zimmer, stellten ihre Taschen ab, dann trafen sie sich in Hailey's Zimmer.
"Julie, wo ist Mama, wo ist Papa?"
Julie überlegte lange was sie nun sagen sollte. Hailey anzulügen kam nicht in Frage. Aber für die Wahrheit war sie zu jung. Schließlich war sie erst 4, fast 5. Letztendlich schwieg sie.
Sie hatte sich schnell in den Alltag eingelebt. Früh aufstehen, zusammen essen und dann Unterricht. Je nach Gesellschaftsschicht wurde der Unterricht anders gestaltet. Julie bekam ohne Hailey den normalen Unterricht wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Gefolgt von Manieren, Sitten, Etikette eben. So wie es für ihren Alltag üblich sein sollte. Den Rest des Tages durften die Kinder aller Schichten zusammen verbringen. Hailey versuchte durch andere Kinder zu erfahren, was geschehen ist.
Einige meinten das ihre Eltern im Himmel wären, andere erzählten Dinge die sie gehört haben, von Piratenmärchen bis hin zu übertriebenen Fantasiegeschichten. Nichts von alldem hatte ihr geholfen und nichts davon hatte sie wirklich geglaubt.
Ein Jahr war nun vorbei, kurz vor Hailey's 6. Geburtstag.
Julie stand vor ihr, mit gepackten Sachen, die nacheinander von den Hausdamen weggetragen wurden.
"Hailey ich muss gehen. Ich werde zu einer neuen Familie gebracht. Ich werde so oft kommen wie ich kann und dich besuchen!"
Traurig nahm das kleine Mädchen ihre Schwester noch einmal in die Arme, bis sie dann ging. Sie hatte so viele Fragen. Fragen, die sie sich nie traute ihr zu stellen.
Da stand sie nun alleine. Julie war die einzige Person die sie wirklich kannte und die einzige Familie die sie noch hatte.
So ein großes Haus, voller Menschen die ihr nichts bedeuteten. Alle Freunde die sie dort gewonnen hatte, wurden ebenso an andere Familien übergeben. Immer wieder kamen neue Kinder, viele gingen aber auch wieder oder sind weggelaufen.
Müde und erschöpft wollte Hailey gerade auf ihr Zimmer gehen. Als sie zwei flüsternde Stimmen vernahm, blieb sie stehen, lauschte und ging an die offen Türe, vor den Raum aus der die Stimmen kamen. Es war die Küche. Die Hausdamen erledigten noch den Rest der Arbeit.
"Heute ist wieder eine gegangen. Julie. Sehr schade, so ein tolles Kind."
"Ich kannte sie leider nicht. Warum war sie hier?"
"Du kennst doch sicher die Geschichte von dieser Stadt, wo der Piratenüberfall war?
"Ja, ja ich hörte davon."
"Sie war eine der wenigen Überlebenden. Ihre Schwester ist auch noch hier."
"Was genau passierte dort?"
"Eine ganze Piratenhorde kam mit dem Schiff dort an, an den Hafen. Es muss wohl Abends gewesen sein. Diese Stadt war voller reicher Menschen. Viel Adel, viele Edle wohnten dort. Eigentlich hauptsächlich solche Menschen. Da kannst du dir sicher vorstellen wie es da ausgesehen haben muss. Der Hafen, der Strand, einfach alles, wunderschön, wie im Paradies. Kein Wunder, das dort Piraten aufgetaucht sind, die Beute war sicher groß. Ich hörte das sie sogar Menschen erschossen haben, die sich bloß weigerten ihren teuren Schmuck vom Hals zu ziehen. Einfach schrecklich...
Sie haben sehr viele Menschen enthauptet. Alles was lebendig war, haben sie entfernt.
Die Menschen die überlebt haben kamen dann zu uns in das Dorf. Die elternlosen Kinder kamen alle hier hin. Hier sind sie zumindest sicher, so protzig sind wir ja nicht," sprach sie die letzten Worte lachend. Ihre Genossin begann ebenso zu lachen.
Hailey musste sich nun wirklich zusammenreißen, hielt sich beide Hände vor den Mund, um keinen Ton zu machen, nicht aufzufallen. Tränen kullerten über ihre Wangen. Eilig rannte sie auf ihr Zimmer, die beiden hatten wohl nun erst bemerkt das jemand vor der Türe stand.
Laut heulend schmiss sie sich in ihr Bett, verschwand unter der Decke, weinte abartig. Das war es also, weshalb sie hier war...
Die nächsten Tage blieb Hailey stumm, schwänzte jeden Unterricht, blieb auf ihrem Zimmer. Die Hausdamen dachten sie wäre krank, ließen sie dann auf dem Zimmer bleiben.
Sie hatte viel nachgedacht. Irgendwann begann sie zu malen. Sie malte Bilder von ihrer alten Stadt, ihren Eltern, Julie, von dem Haus in dem sie lebten, aus Angst sie würde es irgendwann wieder vergessen. Eine ganze Sammlung ist somit erstanden.
Was hielt sie noch auf? Ihre Schwester hatte ihr Versprechen gebrochen, sie alleine gelassen. Niemand hatte sich für die kleine Hailey interessiert. Nur weil die Menschen hier keine Kinder wie "sie" haben wollten? Sie hatte oft mitbekommen, wie Kinder einfach weggelaufen sind. Warum sollte sie das nicht auch tun? Einen Grund gäbe es, nämlich den, keinen zum Dableiben zu haben. Niemand würde eine Suchaktion nach ihr starten.
Innerhalb weniger Minuten hatte sie ihre Sachen in einer tragbaren Tasche verstaut. Noch kurz gewartet bis alles dunkel wurde, dann floh sie eiligen Schrittes aus dem großen Fenster des Unterrichtsraumes. Durch die zahlreichen Ausflüge wusste Hailey wo sich der Hafen befand, begab sich auf den direkten Weg in diese Richtung. Ein großes Schiff schien kurz vor der Abreise zu sein, wurde noch beladen. Hailey schnappte sich einen leeren Kartoffelsack, den sie dann aufgesucht hatte, riss sich zwei Gucklöcher hinein, zog sich diesen über und betrat so unauffällig das Schiff. In der Dunkelheit schien das zumindest machbar. Um nicht aufzufallen, ging sie zu den anderen Kartoffelsäcken, legte sich dort unauffällig schlafen.
Die Reise dauerte fast einen ganzen Wochenlauf. Zwischendurch wurde angehalten, Fischernetze ins Wasser geschmissen, Fische aus dem Wasser geholt. Um nicht zu verhungern kam Hailey nur Nachts aus ihrem Versteck um etwas zum Essen aufzusuchen. Blieb dann Nachts wach, um über den Tag zu schlafen.
Dann kamen sie endlich an. Die Fischer schrien umher, Kisten wurden von einem zum anderen gereicht. Es roch fürchterlich nach Fisch.
Als kaum noch jemand auf dem Schiff war, schnappte sie sich wieder ihren Kartoffelsack und ging von Bord. Einige Männer hatten sie gesehen, doch hat niemand etwas gesagt.
Wo war sie nun?
Ein kleines Dorf, das ziemlich mitgenommen aussah. Viele verschiedene Menschen und Kreaturen gingen hier ein uns aus. Hailey wandte sich an einen der Fischer.
"Entschuldigen Sie bitte... Wo sind wir hier?"
Der Mann blickte erstaunt, war wohl solch eine Redensart nicht gewohnt, fasste sich an die Brust.
"Wie? Du weißt nicht wo du bist? Das ist Bajard, Mäderl!"
Schnell suchte Hailey das Weite als sie Opfer seines Mundgeruches wurde.
"Bajard ist hässlich und stinkt nach Fisch!" Murmelte sie leise beim Weggehen.
Jeder in diesem Dorf war... seltsam in ihren Augen.
Um nicht unnötig aufzufallen, verschwieg Hailey in jeder Hinsicht ihren eigentlichen Nachnamen.
Außerhalb Bajards befand sich nicht viel. Wege die ins Nichts zu führen schienen, direkt vor Bajard riesige Spinnen, vor denen sie Angst hatte. Also musste sie vorerst in Bajard bleiben.
Schnell war eine Unterkunft gefunden, die Herberge in Bajard. Diese war ebenso schäbig, doch war es immernoch besser als im Freien zu schlafen. Am Ende würde sie sicher noch entführt werden, dachte sie sich.
Um sich ihr Gold zu sparen, traf sie ein Abkommen mit der Herbergsdame. Sie sollte für sie Fisch besorgen, dafür durfte sie umsonst im kleinsten Zimmer nächtigen. Hailey stimmte sofort zu, nur das mit dem Kaufen, war so eine Sache. Immer wenn die Fischer abgelenkt waren, hatte sie den Fisch gestohlen, zwischendurch hatte sie sich auch selbst im Fischen probiert.
Lange hielt sie es in Bajard nicht aus.
Die Menschen sie dort kennengelernt hatte, waren ganz anders. Ungebildet, unfreundlich und vorallem ließ ihre Körperhygiene zu wünschen übrig. Wie konnte sich ein Mensch nur so gehen lassen?
Es war toll, nicht mehr die edle Hailey zu sein. Niemand hatte sie vorgezogen oder anders behandelt. Sie war nun gleichgestellt. Niemand hatte sich verstellt, niemand machte sich Sorgen um sein Ansehen.
So fühlte es sich also an, auf der anderen Seite zu sein. Doch gleichzeitig vermisste sie die aufgeräumten Straßen und die freundlichen, zuvorkommenden Menschen.
Nachdem sie ihre Riesenangst vor Spinnen kurzzeitig überwinden konnte, suchte sie die nächste Kutsche auf.
"Bitte, bitte bringen sie mich an einen Ort, der hübscher ist als Fischstinkdorf!"
Umgehend brachte sie der Kutschier nach Berchgard.
"Das ist wohl ein geeigneterer Platz für dich, junge Dame. Das ist Berchgard."
Voller Vorfreude ob der Worte des Mannes, stolzierte sie in das Dorf.
Berchgard gefiel ihr. Die ganze Gegend gefiel ihr. Keine Pöbeleien, keine Sauforgien in den Tavernen, das war deutlich angenehmer. Selbst die Übernachtungsmöglichkeiten waren deutlich besser.
Kurz nachdem sie in dort ankam, wurde Hailey krank, suchte ein Heilerhaus auf. Nicht sange musste sie suchen, bis sie das einzigste gefunden hatte. Liliana hatte sie freundlich hineingebeten, sich große Sorgen um das Kind gemacht, sie gepflegt bis sie wieder gesund wurde. Diese Person war so liebenswert, so hilfsbereit. Vorallem ehrlich.
Nachdem Hailey wieder gesund war und Liliana sie nach ihrem Zuhause fragte, konnte Hailey ihr keine große Antwort geben.
"Ich schlafe hier und da." das war für sie als Antwort ausreichend und Liliana hakte auch nicht weiter nach.
Selbst wenn sie vertrauenswürdig schien, aus Vorsorge erzählte Hailey nur das nötigste.
Liliana konnte und wollte das kleine Mädchen nicht gehen lassen.
Sie hatte sich gut um Hailey gekümmert, ja fast wie eine richtige Mutter. Sie hat ihr Kleidung und zu Essen gegeben, sogar ein eigenes Zimmer, was sie dann später in Adoran mit Felicitas teilen musste.
Liliana war immer viel beschäftigt, hatte sich immer nur Zeit für andere genommen, nie für sich selbst. Nach langer Zeit beschloss Liliana die beiden Kinder zu adoptieren.
Hailey freute sich riesig, sie hatte wieder eine Mutter. Es war sicher nicht das selbe, niemand könnte ihre echte Mutter ersetzen. Viele Erinnerungen hatte Hailey nicht an ihre leiblichen Eltern, die Erinnerungen verschwammen mit der Zeit, so fiel es ihr leichter Liliana als neue Mutter zu akzeptieren. Schlussendlich bekam sie auch ihren Nachnamen und sie war froh, ihren alten Namen loszulassen, ihn nie erwähnen zu müssen. Von nun an war sie keine Tochter eines Edelmannes mehr, löste sich nun auch seelisch von allen Fäden. Auch war sie froh, den Zusatztitel nicht bekommen zu haben, sie würde nun auch weiterhin gleich behandelt werden, so wie sie es immer wollte. Ihr neuer Name lautete nun "Hailey Lynn Drachenfels".
Niemand hatte je ihre wahre Geschichte erfahren, selbst Liliana nicht. Ihre Bildersammlung war das Einzigste, was sie an ihre Vergangenheit erinnern konnte, an die Dinge, die sie glaubte langsam zu vergessen.
Bilder der alten Stadt, ihrer Eltern, ihrer Schwester.
Hailey's Vergangenheit
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Gast
Hailey's Vergangenheit
Zuletzt geändert von Gast am Montag 10. Februar 2014, 10:36, insgesamt 2-mal geändert.