Liebe deine Waffe.
Es ist die erste Lektion, die ich gelernt habe. Es ist die intensivste Lektion, die ich als Schützin habe lernen können. Liebe den Bogen, schlafe mit ihm in einem Bett, streichle und pflege ihn, dann wird er dich niemals im Stich lassen. Eine Erfahrung, die tatsächlich der Wahrheit entsprechen muss, denn mein Bogen hat mich wirklich noch niemals im Stich gelassen. Aber ich darf nicht den Fehler machen, mich nur auf den Bogen zu verlassen. Auch die Pfeile sind wichtig. Nur die besten, makellosesten Federn dürfen verwendet werden. Nur das reinste, gerade Holz aus den Bäumen taugt dafür, gute Pfeile herzustellen. Eine Kunst, in der ich nicht wirklich bewandert bin. Meine Pfeile sind des Bogens den ich trage kaum würdig. Doch ein guter Bogner hat seinen Preis, die perfekten Pfeile ebenfalls. Einen Preis, der in Münzen entrichtet werden muss, die ich noch nicht besitze. Aber es wird sich ändern. Früher oder später.
Kenne deine Waffe.
Wer seinen Bogen wahrhaft liebt, der kennt ihn. Jede Faser des Holzes ist ihm vertraut, jeder Altersring, jede geschwungene Kurve des Bogens kennt er besser, als den eigenen Körper. Die Finger gleiten öfter über Holz und Sehne als über menschliche Haut, aber man vermisst dabei nichts. Man will nichts vermissen. Ich zumindest will es nicht. Alles was ich brauche bietet mir der Bogen. Jeder Pfeil, der sein Ziel trifft kann mir ein Essen verschaffen, neue Federn oder einige Münzen. Aber dazu muss man die Waffe kennen, muss wissen, wie sie sich spannt, wie weit sich die Sehne dehnen lässt, bevor sie reißt. Man muss die Geräusche des Bogens kennen, seine Geräusche, das leise Seufzen des Holzes. Und man muss die Pfeile kennen, das sanfte Gefühl wenn die Federn über die Fingerspitzen gleiten, die winzigen Ringe, die ermöglichen die Pfeile zu wählen. Die metallenen Spitzen, die es ihnen erlauben, durch Rüstungen zu schlagen. Nichts daran darf unvertraut sein. Nichts darf sich fremd in den Händen anfühlen. Selbst dann nicht, wenn man die Augen geschlossen hält und in die Pfeile aus dem Köcher wählt.
Schone dich niemals.
Die erste Handlung an jedem Morgen muss es sein, den Bogen zu prüfen. Ermüdendes Holz macht den Unterschied zwischen einem Abendessen und einem zerbrochenen Bogen. Bevor ich selbst mich um mein Frühstück kümmere, reibe ich meinen Bogen mit Wachs ein. Bevor ich mich des Abends hinlege überprüfe ich ihn erneut. Winzige Schäden kann ich selbst ausbessern, doch ich versuche, sie zu vermeiden. Der Bogen ist eine Waffe, die dankbar sein kann. Aber er fordert. Er fordert Konzentration, denn eine Unachtsamkeit bedeutet einen verlorenen Pfeil. Er erfordert Kraft, denn die Sehne ist straff gespannt und das Holz beugt sich nicht nur gutem Zureden. Er erfordert Schnelligkeit, denn ein Reh kann in einer Sekunde dort sein, in der anderen schon wieder fort. Aber wer stetig an sich arbeitet, den belohnt der Bogen. Er schenkt einem ein scharfes Auge, schenkt einem Ausdauer und auch Mut. Und wenn man all das erlernt hat, dann rückt ein großes Ziel in greifbare Nähe. Der Punkt, an dem jeder Pfeil trifft. An dem man selbst so tödlich wird, wie der eigene Bogen. Für mich ist dieser Punkt noch weit entfernt. Doch er rückt näher. Mit jedem Pfeil, jedem Strich mit dem Wachs über das Holz. Er rückt näher. Und eines Tages wird jeder Pfeil sein Ziel treffen. Nach meinem Willen.
Ein Schuss - Ein Treffer
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Calina Rohrspatz
’Stock und Stein bricht mein Gebein
Doch Worte bringen keine Pein’
Ein hübscher Spruch, doch er entspricht nicht der Wahrheit. Nichts kann so grausam verletzend sein, wie Worte. Verletzungen am Körper verheilen. Eine Quetschung, eine Prellung, selbst gebrochene Knochen wachsen wieder zusammen und wenn man vorsichtig ist, dann ist hinterher alles wieder in Ordnung. Für Worte gilt das nicht. Die Wunden, die von Worten geschlagen werden bleiben ewig erhalten. Auch bei mir. Solange ich denken kann, habe ich immer wieder gehört, ich sei meines Vaters Tochter. Selbst in Zeiten wie diesen ist es nichts, was man als Mädchen gern hört. Wer möchte schon gern mit einem Mann verglichen werden, während Minnelieder von schönen, zarten Frauen berichten? Ich jedenfalls wollte es nicht und so fanden die Worte ihr Ziel, als ich noch jünger war.
Heute ist das anders. Heute könnte mich all das nicht mehr treffen, denn ich habe gelernt stolz darauf zu sein. Ja, ich bin meines Vaters Tochter. Ich habe das gleiche, leuchtend rote Haar. Die gleiche, ruhige Hand. Das gleiche, scharfe Auge. Die gleiche, rückhaltlose Liebe zu meinem Bogen. Das was mich einst verletzte wurde mein Schild, und ich hätte nicht erwartet, dass er jemals durchbrochen werden könnte. Nicht noch einmal. Aber es geschieht. Langsam nur, nicht auf eine schmerzhafte Weise. Diese Worte hinterlassen keine Narben, keine Wunden die nicht heilen wollen. Aber sie hinterlassen etwas anderes. Etwas, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es mir gefällt. Sie hinterlassen Angst. Angst, die sich unbeschreiblich gut anfühlt. Sie hinterlassen das Gefühl, vorsichtig sein zu müssen. Das Wissen darum, dass ich nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich bin.
Und doch, ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Gefühl mag. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich was das betrifft eine Wahl habe. Ich habe Zweifel kennengelernt und ersticke sie dort, wo ich sie immer erstickt habe. In meinem Bogen, in der Konzentration auf meine eigenen Fähigkeiten. Bis zur bitteren Erschöpfung, bis die Fingerspitzen bluten und ich den Bogen nicht länger spannen kann. Aber es hilft nicht weiter. Die Worte bleiben. Die Angst bleibt. Und auch die Hoffnung bleibt. Aber wie lange? Schritt um Schritt, so brachte mein Vater es mir bei. Aber wie weit? Pfeil um Pfeil, so lernte ich meine Lektion. Aber wie lange? Manchmal glaube ich, dass dies eine weitere Lektion ist. Aber was soll sie mir zeigen? Ich weiß es nicht. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es wissen will.
Doch Worte bringen keine Pein’
Ein hübscher Spruch, doch er entspricht nicht der Wahrheit. Nichts kann so grausam verletzend sein, wie Worte. Verletzungen am Körper verheilen. Eine Quetschung, eine Prellung, selbst gebrochene Knochen wachsen wieder zusammen und wenn man vorsichtig ist, dann ist hinterher alles wieder in Ordnung. Für Worte gilt das nicht. Die Wunden, die von Worten geschlagen werden bleiben ewig erhalten. Auch bei mir. Solange ich denken kann, habe ich immer wieder gehört, ich sei meines Vaters Tochter. Selbst in Zeiten wie diesen ist es nichts, was man als Mädchen gern hört. Wer möchte schon gern mit einem Mann verglichen werden, während Minnelieder von schönen, zarten Frauen berichten? Ich jedenfalls wollte es nicht und so fanden die Worte ihr Ziel, als ich noch jünger war.
Heute ist das anders. Heute könnte mich all das nicht mehr treffen, denn ich habe gelernt stolz darauf zu sein. Ja, ich bin meines Vaters Tochter. Ich habe das gleiche, leuchtend rote Haar. Die gleiche, ruhige Hand. Das gleiche, scharfe Auge. Die gleiche, rückhaltlose Liebe zu meinem Bogen. Das was mich einst verletzte wurde mein Schild, und ich hätte nicht erwartet, dass er jemals durchbrochen werden könnte. Nicht noch einmal. Aber es geschieht. Langsam nur, nicht auf eine schmerzhafte Weise. Diese Worte hinterlassen keine Narben, keine Wunden die nicht heilen wollen. Aber sie hinterlassen etwas anderes. Etwas, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es mir gefällt. Sie hinterlassen Angst. Angst, die sich unbeschreiblich gut anfühlt. Sie hinterlassen das Gefühl, vorsichtig sein zu müssen. Das Wissen darum, dass ich nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich bin.
Und doch, ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Gefühl mag. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich was das betrifft eine Wahl habe. Ich habe Zweifel kennengelernt und ersticke sie dort, wo ich sie immer erstickt habe. In meinem Bogen, in der Konzentration auf meine eigenen Fähigkeiten. Bis zur bitteren Erschöpfung, bis die Fingerspitzen bluten und ich den Bogen nicht länger spannen kann. Aber es hilft nicht weiter. Die Worte bleiben. Die Angst bleibt. Und auch die Hoffnung bleibt. Aber wie lange? Schritt um Schritt, so brachte mein Vater es mir bei. Aber wie weit? Pfeil um Pfeil, so lernte ich meine Lektion. Aber wie lange? Manchmal glaube ich, dass dies eine weitere Lektion ist. Aber was soll sie mir zeigen? Ich weiß es nicht. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es wissen will.
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Calina Rohrspatz
Fang mich, wenn du kannst
Benutze Herz und Verstand
Keine Angst, keine Angst
Ich weiß dass du es kannst
Fang mich. Ein Kinderspiel. Ein Spiel, aus dem sie doch eigentlich herausgewachsen sein sollte. Aber ganz offensichtlich war sie es nicht. Und mit einem Mal hatte dieses einfache Kinderspiel eine weitere, nicht ungefährliche Komponente hinzu gewonnen. Fang mich. Hatte sie letzten Endes etwas anderes gesagt? ’Wenn du meinen Namen willst, dann finde ihn heraus.’ Nur eine andere Form des ‘Fang mich’. Erweitert um eine Komponente des ‘Finde mich’. Wenn du kannst, hatte sie gedacht. Aber letzten Endes war das doch überhaupt keine Frage, oder? Wenn man jemanden finden wollte, dann fand man ihn. So oder so, sie würde ihm noch einmal begegnen. Und wer wusste schon, ob sie ihn noch ein weiteres Mal würde abspeisen können. Ihr würden früher oder später die Dinge ausgehen, mit denen sie ihn hinhalten konnte. Und sie machte sich keine Illusionen. Er war gefährlich.
Und doch… Sie dachte an ein Paar eisblauer Augen die sie ansahen, an eine Berührung die keine war, als sie schließlich erschöpft ins Bett sank. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, ihre Decke über sich zu ziehen als sie schon eingeschlafen war. Immer noch diese Augen im Kopf.
Gar nicht oder ganz
Über die volle Distanz
Mit dem Kopf durch die Wand
Fang mich, wenn du kannst
Sie träumte… Es konnte überhaupt nicht anders sein, denn in Wirklichkeit war nichts so furchtbar klar wie in diesem Moment. Ein Wald aus Spiegeln, jeder zeigte sie, ins unendliche reflektiert und verzerrt bis sie selbst nicht mehr wusste, wo sie stand. Sie konnte sich in tausend Spiegeln sehen, konnte tausend Entscheidungen erahnen, die sie getroffen hatte oder treffen wollte. In tausend Spiegeln stand sie wieder in diesem Flur. In tausend Spiegeln hielt sie ihren geliebten Langbogen in der Hand. Tausend Spiegel zeigten ihr den Piraten, der auf sie zukam. Hunderte von Reflektionen zeigten sie am oberen Ende einer Treppe. Tausend Bilder von ihm, der wieder herauf kam.
Im Grunde glichen sich die Bilder, aber in Details unterschieden sie sich doch voneinander. Sie konnte es sehen, wenn sie genau hinsah. Es gab welche, in denen sie die Hand ausstreckte und ihm einen Stoß vor die Brust versetzte. Sie hätte es tun können, das wusste sie. Aber sie hatte nicht. Ein Fehler? Vielleicht. Es gab solche, in denen sie ihm ihren Namen nannte und sich leichtsinnig noch weiter in eine Situation begab, die sie nicht abzuschätzen vermochte. Es gab wieder andere, in denen sie selbst ebenso reagierte wie sie es getan hätte, die Hand aber tatsächlich ihre Haut fand. Sie konnte sie beinahe spüren, real und warm. Rau und Rissig von Seeluft. Es machte ihr Angst. Selbst im Traum machte diese sanfte Bewegung ihr eine verdammte Angst. Er war gefährlich. Gefahr und Sanftheit ließen sich nur schwer miteinander vereinbaren, das wusste sie.
Erst als sie aufwachte verschwand der Spiegelwald. Waren da blaue Augen die sie aus der Dunkelheit beobachteten? ”Fang mich” flüsterte sie leise, drehte sich um und schlief wieder ein. Traumlos, für diesmal.
Benutze Herz und Verstand
Keine Angst, keine Angst
Ich weiß dass du es kannst
Fang mich. Ein Kinderspiel. Ein Spiel, aus dem sie doch eigentlich herausgewachsen sein sollte. Aber ganz offensichtlich war sie es nicht. Und mit einem Mal hatte dieses einfache Kinderspiel eine weitere, nicht ungefährliche Komponente hinzu gewonnen. Fang mich. Hatte sie letzten Endes etwas anderes gesagt? ’Wenn du meinen Namen willst, dann finde ihn heraus.’ Nur eine andere Form des ‘Fang mich’. Erweitert um eine Komponente des ‘Finde mich’. Wenn du kannst, hatte sie gedacht. Aber letzten Endes war das doch überhaupt keine Frage, oder? Wenn man jemanden finden wollte, dann fand man ihn. So oder so, sie würde ihm noch einmal begegnen. Und wer wusste schon, ob sie ihn noch ein weiteres Mal würde abspeisen können. Ihr würden früher oder später die Dinge ausgehen, mit denen sie ihn hinhalten konnte. Und sie machte sich keine Illusionen. Er war gefährlich.
Und doch… Sie dachte an ein Paar eisblauer Augen die sie ansahen, an eine Berührung die keine war, als sie schließlich erschöpft ins Bett sank. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, ihre Decke über sich zu ziehen als sie schon eingeschlafen war. Immer noch diese Augen im Kopf.
Gar nicht oder ganz
Über die volle Distanz
Mit dem Kopf durch die Wand
Fang mich, wenn du kannst
Sie träumte… Es konnte überhaupt nicht anders sein, denn in Wirklichkeit war nichts so furchtbar klar wie in diesem Moment. Ein Wald aus Spiegeln, jeder zeigte sie, ins unendliche reflektiert und verzerrt bis sie selbst nicht mehr wusste, wo sie stand. Sie konnte sich in tausend Spiegeln sehen, konnte tausend Entscheidungen erahnen, die sie getroffen hatte oder treffen wollte. In tausend Spiegeln stand sie wieder in diesem Flur. In tausend Spiegeln hielt sie ihren geliebten Langbogen in der Hand. Tausend Spiegel zeigten ihr den Piraten, der auf sie zukam. Hunderte von Reflektionen zeigten sie am oberen Ende einer Treppe. Tausend Bilder von ihm, der wieder herauf kam.
Im Grunde glichen sich die Bilder, aber in Details unterschieden sie sich doch voneinander. Sie konnte es sehen, wenn sie genau hinsah. Es gab welche, in denen sie die Hand ausstreckte und ihm einen Stoß vor die Brust versetzte. Sie hätte es tun können, das wusste sie. Aber sie hatte nicht. Ein Fehler? Vielleicht. Es gab solche, in denen sie ihm ihren Namen nannte und sich leichtsinnig noch weiter in eine Situation begab, die sie nicht abzuschätzen vermochte. Es gab wieder andere, in denen sie selbst ebenso reagierte wie sie es getan hätte, die Hand aber tatsächlich ihre Haut fand. Sie konnte sie beinahe spüren, real und warm. Rau und Rissig von Seeluft. Es machte ihr Angst. Selbst im Traum machte diese sanfte Bewegung ihr eine verdammte Angst. Er war gefährlich. Gefahr und Sanftheit ließen sich nur schwer miteinander vereinbaren, das wusste sie.
Erst als sie aufwachte verschwand der Spiegelwald. Waren da blaue Augen die sie aus der Dunkelheit beobachteten? ”Fang mich” flüsterte sie leise, drehte sich um und schlief wieder ein. Traumlos, für diesmal.