Der Bogen zwischen zwei Menschen

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Fye Llastobhar

Der Bogen zwischen zwei Menschen

Beitrag von Fye Llastobhar »

Vorsichtig fuhren Zeige- und Mittelfinger der Rechten über das, mit einem Lederriemen verstärkte, Bogenfenster und tasteten gleitend weiter zum oberen Wurfarm. Keine Unebenheit, kein Splitter, nicht einmal eine dezent abstehende Faser. Die Fingerspitzen beendeten den Fühlpfad und berührten fast leise klopfend das Emblem, welches in die Wurfarmspitze eingearbeitet war. Eine Rose, das Zeichen der Familie und gleich daneben das Meisterzeichen des Bogenkünstlers Ohtis Gruenwald. Noch immer sanft trommelnd verweilten die Finger dort und ein etwas geplagter Seufzer drang von der Brust herauf über die Lippen. Blinzelnd öffneten sich die Lider und Augen von der Farbe junger Oliven spähten sowohl sinnierend als auch ein wenig betrübt über die verschneite Waldlandschaft, während die Gedanken um den Gegenstand in ihren Händen kreisten.

Sie besaß diesen Bogen nun schon seit ihrer Ankunft hier in Gerimor.
Ein Geschenk jener, die sie erst überhaupt dazu brachte, Feuer und Flamme für jene Waffenart zu entdecken: Shanna.
Selbst wenn der Name nur gedanklich fiel, sah sie sofort das ebenmäßige, feingeschnittene Gesicht der verehrten Base vor dem inneren Auge. Vornehm blass und so schön, als habe man die ganze Person aus blankem Marmor oder sogar Porzellan gearbeitet und nicht minder kühl zeigte sich jene meist. Selten durchbrachen emotionale Regungen diese ruhige, doch kalte Fassade. Ganz besonders dann nicht, wenn Fremde in ihrer Nähe waren und doch wusste jedes Mitglied der Familie nur zu genau, dass sich unter dem Eis ein reger Strudel an Gefühlen verbarg und selbst Fye hatte Shanna sowohl schon vor Wut sprühen, als auch voller Herzenswärme lachen gesehen.
Zugegebenermaßen konnte sie diese besonderen Begebenheiten an einer Hand abzählen aber vielleicht machte gerade dies Shanna so besonders und irgendwie wurde Fye den Verdacht nicht los, dass sogar die ernste, fromme Sorcha manchmal bewusst darauf abzielte Shanna mit Worten oder Gesten ein Lächeln abzuringen.

Sorcha! Genau, es galt jene aus dem Kloster zu entführen, um sie zu Niall, Mairin und Shanna zu bringen. Ach, was würde sie wohl für Augen machen, wenn sie den kleinen Bruder gleich wieder in die Arme schließen könnte?
Der Gedanke an diese besondere Familienzusammenführung ließ ihre Schritt kurz rascher werden und zeichnete ein weites, übermütiges Lächeln auf die bleichen Lippen.
Ein richtiges Familientreffen! .…............
Und da wurde das Knirschen im Schnee schon wieder unregelmäßig, nahm an Geschwindigkeit ab, bis sie erneut, den Bogen in den Händen, stehen blieb.
Das genau war ja die innere Problematik für die Heranwachsende, noch war sie nicht wirklich in dieser Familie mit dem Blaurosen-Wappen, der blassen Haut und den Schneehaaren fest verwurzelt.
Sie war ein Kind ihres Vaters, war mit seiner Lebensweise vertraut und nicht mit der Welt ihrer Mutter und dem teilweise vollkommen zerworfenen Haus Llastobhar. Sie trug nur einfach diesen Nachnamen, oder?
- Achwas, vollkommener Blödsinn!
Sie schalt sich selbst eine untreue, dramatische Närrin, denn sie war stolz und zufrieden Kind beider Welt und allen voran Frucht von Vater und Mutter zu sein. Außerdem waren doch zarte Bande zwischen ihr und den hier ansässigen Mitgliedern des Hause geknüpft, oder? Mairin war herzlich und so offen, wie man es sich nur wünschen konnte, Niall ein sanftmütiges, liebevolles Kerlchen und Sorcha schaffte es sich in ihrer Gegenwart zur Glucke zu verwandeln. Eine gottesfürchtige und beherrschte Glucke aber eben dennoch eine Glucke.
Tja und dann war da noch Shanna, die ihr weiterhin ein Rätsel blieb.
Mit keinem anderen Familienmitglied verbanden sie so viele ähnliche Interessen, Denkweisen, Hintergründe und doch hatte sie meist das Gefühl in Shannas Gegenwart zum unbeholfenen, unsicheren Küken zu werden... womit man Sorchas Gluckenmomente sehr plausibel erklären konnte.

Wie also bricht man in solch einer Situation das Eis?
Wie spannt man einen Bogen zwischen zwei Menschen?
… Bogen...

Etwas dümmlich starrte sie auf die schlanke, hölzerne Weidenwaffe in ihren Händen – ein Geschenk von Shanna – und wusste, was zu tun war.
Man musste so Einiges im Leben einfach ganz klar wortwörtlich betrachten und schon hatte man die Lösung der Probleme oftmals direkt in der Hand.

Sie räusperte sich, sah der Winterlandschaft strahlend wie ein Schmalzkringel entgegen und sprach feierlich, schon einmal vorübend:


“Lass uns gemeinsam einen Bogen bauen!“



[img]http://i-cms.linternaute.com/image_cms/original/236259-snow-bow.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Fye Llastobhar am Mittwoch 8. Januar 2014, 17:53, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

  • Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken.
    Marie von Ebner-Eschenbach
Mit dem ersten Schnee erwachte sie aus ihrem Winterschlaf. Jahresläufe waren auf leisen Sohlen an ihr vorbeigeschlichen wie ein einziger Tag. Langsam das Herz, flacher Atem, jede Bewegung schien Tage und Wochen zu dauern, jeder Weg Monde. Nur sehr leise war die Stimme gewesen, die ihr zugeflüstert hatte, dass sie nicht ihre ganze Lebensspanne schlafen könne.

In ihrem ersten Winterschlaf war sie es selbst gewesen, die sich daraus freigekämpft hatte. Zum Erstaunen des Wintergeists, der ihr Gefängnis bewachte. Sein Fieber zeichnete ihre Haut, hatte ihre Seele aber nie erreicht.
Aus dem zweiten Winterschlaf hatte sie sich nie vollends erlösen können. Sie hatte nur die schmückenden Blätter abgeschüttelt, um zu überleben. Nachgewachsen waren sie bis heute nicht. Sie tarnte nur, gaukelte der Welt bunte Stoffschnipsel als Blätter vor.
Der dritte Winterschlaf hatte sich gemächlich über sie gelegt. Es gab weniger und weniger zu tun, die bekannten Gesichter schwanden um sie her. All jene, die ihrem Herzen nah waren, zogen übers Meer. Und so war sie Tag um Tag bedächtiger geworden, langsamer das Herz, flacher der Atem.

Und nun sah sie. Nun roch sie wieder und schmeckte. Nun hörte sie. Und nur ein flackernder Windhauch hatte sie geweckt und gezwungen sich aus der Betäubung zu lösen. Jener einzelne tanzende Gedanke hatte sich eigensinnig in ihren Kopf gebohrt und dort Erinnerungen angeschlagen, die Jahre unbedeutend gewesen waren.
  • „Du musst Dich um deine Familie kümmern, Kind. Die Familie ist das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarste, was er im Leben besitzt. Du sollst für die kämpfen, die deinen Schutz brauchen, sollst die in den Arm nehmen, die einsam sind, sollst sie pflegen, bewahren und behüten. In einer friedlichen Familie kommt das Glück von selber. Und am Ende aller Zeiten – mögen die Götter bewahren, dass sie zu unseren Lebzeiten kommen – wird Deine Familie die sein, die neben Dir verweilen wird.“
Fye. Als sie urplötzlich auf Gerimor aufgetaucht war und ihre Geschichte erzählt hatte, hatte sie in Shanna das Einzige angesprochen, was sie aus ihrem Schlaf wecken konnte: Die Sorge um die Familie.
Natürlich hatte Shanna gewusst, dass ihre Schwester Sorcha zurückgekehrt war und im Kloster dem Weg ihrer Bestimmung folgte. Aber Sorcha war ihre ältere Schwester, schon immer war sie stark und selbstständig gewesen. Die beiden Schwestern verknüpfte ein enges Band, doch war es nie an Nähe oder Ferne gebunden gewesen. Jahresläufe mochten vergehen, in denen sie einander nicht sahen, und bei einem ersten Treffen nach der Zeit genau da ansetzen, wo sie zuletzt aufgehört hatten. Sorcha brauchte ihre Schwester nicht.
Doch Fye brauchte sie, auch wenn keiner von beiden es aussprach. Es war auch gar nicht nötig. Shanna arbeitete hart, damit der flirrende Windhauch so rasch als möglich ein sicheres Heim hatte. Die Arbeit machte ihr nichts aus, sie hatte noch nie harte Arbeit gescheut und lange genug Zeit gehabt sich auszuruhen. Und das alles für ihr Lächeln und ihre brechende Stimme, als ihr die Tränen den Hals zuschnürten. Es war es wert.

Shanna fragte sich, ob Fye wusste wie ähnlich sie einander waren. Oder eher wie ähnlich Fye einer sehr viel jüngeren Shanna war. Verliebt in die Wälder, euphorisch den Erfahreneren folgend, von den Wünschen gejagt geheime Wege und Orte zu entdecken, mit den Wölfen zu laufen, den Rehen zu rennen und den Falken zu fliegen. Es erschien Shanna beinahe sonderbar, dass Jemand freiwillig den Pfad einschlug, den sie vor vielen Jahren gegangen war. Ihr Lebensweg war so unstet gewesen, geprägt von Abweichungen und Unglück, von Leid und Tod. Doch musste dies nicht bedeuten, dass Fye das gleiche Schicksal ereilen würde – nein, das durfte es nicht bedeuten! Shanna würde es nicht zulassen. Vielleicht war ihr eigenes Leben verkorkst, aber genau deswegen konnte sie den Gedanken nicht ertragen, dass das Schicksal die anderen ihrer Familie in die Dunkelheit hinfort riss.
Die Verbindung zwischen Fye und Shanna war schon gespannt. Geflochten aus Blut, geflochten aus ihrer Ähnlichkeit, geflochten aus Fürsorge und Respekt und geflochten aus ein wenig Neugier. Und geflochten aus dem Gedanken, der Shanna geweckt hatte.

Und ganz nebenbei war Fyes Ankunft das kleine Steinchen gewesen, dass eine Lawine ausgelöst hatte. Ihr folgten Mairin, Cathals Tochter, der Sonnenschein der Familie, und Niall, Sorchas und Shannas Bruder, der Stern in der Dunkelheit. Und Licht brauchte Shanna, um den Winterschlaf vollends abzuschütteln.
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