"Michael und Richard waren hier"

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Vaughain van Nordwind

"Michael und Richard waren hier"

Beitrag von Vaughain van Nordwind »

Es hatte einen langen Weg bedurft, um diesen Ort zu erreichen, der für so viele das Ende einer Reise darstellte, nicht nur einen Meilenstein.

Varuna, die Ruine einer Hauptstadt.
Varuna, die Stadt des Todes, in deren Gerippe noch soviele ruhelose Seelen nicht von dieser Erde lassen konnten.
Varuna, das ewige Mahnmal für das, was sie alle am Ende ihrer Reise erwartete. Der Tod.
Varuna, das leuchtende Beispiel dafür, dass selbst all der Schrecken und die Grausamkeit des Schicksals die einfachen, die guten Dinge im Leben nicht gänzlich zerstören konnte.

In den verfallenen Überresten dieser Herberge lag er nun, umgeben von den gleichmässigen Lauten schlafender Kameraden, und dem gedämpften Geflüster jener, die Wache hielten.
In diesem kleinen Flecken neu entsprungenen Lebens, ein Sandkorn in einem Meer aus Unleben und Ruhelosigkeit, glitt sein Blick durch die geborstenen Reste des ehemaligen Daches, empor zu einem klaren, kalten Sternenhimmel.
Eine unscheinbare, blaue Kerze in seiner Hand, versonnen zwischen den Fingern gedreht, die Gedanken kreisend.

Zurück zum Anfang seiner Reise, fort von seinen Wurzeln, die irgendwo im Westen lagen. Auf den Spuren einer Scharte, die immer ein Makel in seinem Panzer gewesen war.
Eine Eigenart, die im Westen für unvollkommen, ja gänzlich störend erachtet werden mochte.

Mitgefühl.

Und selten war ihm dieser 'Makel' bewusst geworden. Selten so deutlich wie an diesem Ort.
Dem Gedanken an jene, die Zeit ihres Lebens hier ein und aus gegangen waren, Saufkumpanen, die den Abend bei gemeinsamer Zeche verbrachten. Saufkumpanen, die eben so gestorben waren, wie sie gelebt hatten, und deren zerflossene Schemen und Schatten sich noch immer hier einfanden. Tag für Tag, Abend für Abend. Auf der Suche nach dem Wirten, nach Verwandten, nach Freunden. Unfähig, diesen Ort endgültig los zu lassen und dorthin zu gehen, wo ein jeder Sterbliche dereinst seinen Frieden finden sollte.
Ein Schicksal, das er bedauerte. Keine Verzweiflung, keine Trauer die ihn zu übermannen drohte. Aber die Tragik der Situation ließ ihn nicht gänzlich kalt, und das allein war eine eigenwillige, eine neue Erfahrung.

Die Kerze in seiner Hand bot Sicherheit. Darin, dass sie tatsächlich etwas getan hatten, etwas bewegt hatten.
Sicherheit darin, dass eine Gruppe von Lebenden, wie sie wohlmöglich unterschiedlicher nicht sein konnten, für diesen einen Moment zusammen gekommen waren, um jenen, die vor ihnen kamen, einen Dienst zu erweisen. Und mochte es auch nur ein kleiner Dienst sein, keiner, über den man Lieder singen würde, so war es doch eine Erlösung für die, die sie befreit hatten. Ein wenig Gnade für jene, die sich nicht mehr selbst helfen konnten.

Morgen schon würden sie nach Hause gehen, zurück in die Welt der Lebenden. Mit ihren eigenen Sorgen, Pflichten und Problemen. Die Toten würden bleiben. Viel zuviele um sie zu zählen, auch sie mit ihren Schicksalen, die jeden für sich selbst trieben.
Aber zumindest eine Hand voll von ihnen war nun frei.
Und zumindest zwei der Ruhelosen hatten nun einen Namen, eine Erinnerung.
"Michael und Richard waren hier" stand nun zu lesen, auf einer schlichten Tafel an der Wand. Nicht viel und bald gewiss schon von Staub und Spinnweben verschluckt.
Aber eine Erinnerung, ein Name, ein wenig Mitgefühl.


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Zuletzt geändert von Vaughain van Nordwind am Sonntag 1. Dezember 2013, 03:13, insgesamt 1-mal geändert.
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