Ich war also angekommen. Wie auch immer ich das geschafft hatte, aber die Karawane hatte mich an der Karawansei stehengelassen und mir gesagt, hier würde ich richtig sein. Den Brief von Radeh hielt ich in meiner Hand. Abermals wanderten meine Augen langsam über die Zeilen. In dem Brief stand, warum ich hierher gehen sollte. Ich seufzte. Ich war zwar traditionsbewusst, aber das war selbst für mich zuviel. Ich beschloss, den Brief in den tiefen Weiten meiner Tasche zu verstecken. Dort würde mein Geheimnis erstmal sicher sein.
Mit behutsamen Schritten ging ich durch die Stadt. Die ersten Eindrücke erschlugen mich halb, aber das war in Ordnung. Irgendwo in meiner Unordnung hatte ich auch noch so etwas wie eine Zeichnung. Irgendwo in diesem Wegelabyrinth der Stadt musste es zum Familienviertel der Bashir gehen. "Da wirst du Familie finden."
Sinan war der Erste, dem ich in die Hände lief. Ich hatte mich eingeschüchtert und überwältigt umgesehen. Alles war hier so groß. Sie lebten so anders als wir. Als er mich ansprach, zuckte ich zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, jemanden hinter mir zu haben. Vorsichtig sah ich über die Schulter und drehte mich dann um. Er schien nett zu sein und neugierig. Und er hielt auch viel von Traditionen, was ihn sympatisch machte.Familie.
Nazeeya war die Zweite, die ich kennenlernen durfte. Sie wirkte geheimnisvoll auf mich, irgendwie so edel und so rein. Aber sie war auch Prehaatim. Ich war ganz furchtbar stolz, endlich einmal einer Prehaatim gegenüber zu stehen. Ich konnte das gar nicht zeigen, wie stolz mich dies machte. Ich versuchte, sie so respektvoll wie mir möglich war zu behandeln. Sie nahm mich auch behutsam auf, gab mir Kleidung und einen Schlüssel, da sie nicht wollte, dass eine Natifah unbeaufsichtigt und ohne Dach über dem Kopf über MenekUr schlich. Ich fühlte mich, als wäre ich wieder zuhause bei Amara.
Amara. Ich vermisste sie. Wie auch den Rest meiner Familie. Bevor ich losgeschickt wurde mit dem Brief in meiner Hand und ein wenig Proviant, hatte ich lange mit ihr geredet. Ich hatte ihr gesagt, dass ich das nicht wollte. Auch, wenn es sicherlich eine Ehre für mich sein würde, ich konnte nicht über meinen Schatten springen. Und alles lag nur an meiner Angst davor zu versagen.
Die Dritte, die ich traf, war Yasmeen. Bei ihr wusste ich nicht, was ich von ihr halten sollte. Ich hatte immer gelernt bekommen, dass man sich als Natifah als erstes vorstellen sollte, wenn ein Mann im Raum war. Oder jemand Fremdes da war. "Die Sitten der Gastfreundschaft" hatte mein Vater das immer genannt. Sie hingegen schien abzuwarten, bis sich jeder einzelne vorgestellt hat. Nachdem sie sich noch hitzig mit Nazeeya auseinandergesetzt hatte, verließ sie den Raum und ich konnte endlich wieder beruhigter atmen. Nichts desto trotz wollte ich wieder hinaus in die Freiheit. Und so trugen mich meine Beine fort. Bis ich die Oase entdeckt hatte.