Leben und Tod und alles dazwischen

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Gast

Leben und Tod und alles dazwischen

Beitrag von Gast »

Seit meiner Ankunft vor wenigen Tagen, waren es die Träume, die mein Dasein bestimmten, neben den wenigen Lichtblicken, die ab und an die Gedanken und Sorgen um die Welten meines Unterbewusstseins vertrieben. Nicht, dass mein bisheriges Leben besonders hell erleuchtet gewesen war und die schönen und guten Dinge mir einfach zufielen.
Ich hatte meine Eltern nie kennengelernt, dennoch hatte sich die feste Überzeugung, sie hätten mich aus purem Egoismus fortgegeben, in meinem Kopf festgesetzt und wollte nicht weichen. Den wahren Grund kannte ich nicht und eigentlich war er mir auch vollkommen egal. Über das Waisenhaus, in dem ich die ersten Jahre meines Lebens verbrachte, redete ich nicht und jegliche Erinnerung daran war tief in einer Ecke meines Bewusstseins vergraben. Manche Dinge buddelte man am besten ganz tief ein, auf dass sie nie wieder heraus kamen.
Ich war eigentlich zu klein geraten, etwas zu dünn und ich hatte auch keine Zeit, mich um Äußerlichkeiten zu scheren, während ich Jahr für Jahr als Straßenkind meine Runden zog und versuchte, alleine klar zu kommen. Es gelang mir. Recht gut sogar und an nichts und niemanden gebunden zu sein, gefiel mir. Der Mensch gewöhnt sich einfach an alles, wenn er nur lange genug damit konfrontiert wird.
Weshalb ich hierher gekommen war, konnte ich nicht einmal genau sagen. Wahrscheinlich waren mir achtzehn Jahre in einem Land, das mir nie etwas Gutes bot, genug. Zwar hatte ich nicht die Erwartung, dass es nach meiner Reise, hier in diesem anderen Land, viel besser sein würde, aber wer wusste schon, wohin die Wege so führten. Und jeder Weg führte irgendwohin, das war eine Sache, derer ich mir ganz sicher war. Eine andere, dass wir alle eine Bestimmung hatten. Nichts geschah ohne Grund, auch wenn es noch so übel war. Und wenn es nur dazu da war, um etwas draus zu lernen.

Nun war ich hier in diesem neuen Land. Ich konnte bald feststellen, dass zumindest die Götter, an die man hier glaubte, keine anderen waren, als in meiner alten Heimat. Es war mehr eine beiläufige Erkenntnis, als eine Feststellung. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Götter sich nur auf Länder beschränkten, immerhin waren sie das, was sie waren, wenn sie denn überhaupt waren. Ich war nie besonders gläubig und das hatte mir bisher nie geschadet.
Das Gold, das mir der Botengang zu den Wachen beim Kloster eingebracht hatte, war nach wenigen Tagen aufgebraucht. Wenn man viel hatte, verschwendete man viel. Hatte man wenig, war man sparsamer. Auch eine Tatsache, die ich für festgenagelt hielt.
Was ich allerdings komisch fand an diesem Land waren die Menschen, denen man so begegnete. Zugegeben, die ersten Tage ging ich ihnen aus dem Weg, so gut es ging. Nichts war schlimmer, als völlig unwissend auf jemanden zu treffen. Aber diejenigen, die ich traf waren entweder voll gerüstet und ich fragte mich, ob sie vor hatten, sich selbst zu kochen oder einfach darauf standen, sich selbst zu foltern oder aber sie waren in grauen Roben und voll vermummt, so dass man schon ein absolutes Gehör haben musste, um das Genuschel zu verstehen, was sie von sich gaben.
Den ersten ganz normal Gekleideten, der mir über den Weg lief, traf ich lustigerweise nicht einmal in einer Stadt oder einem Dorf, sondern irgendwo mitten in der Pampa. Ich musste zugeben, dass es mir nicht gefiel, in ein Gespräch verwickelt zu werden, aber noch weniger gefiel es mir, dass er darauf bestand, ich hätte mich verlaufen. Ja, gut, ich kannte die Namen der Städte hier noch nicht, aber ich wusste, wo ich hin wollte. Im Nachhinein musste ich doch zugeben, dass er es vielleicht nicht einmal schlecht gemeint hat. Aber so war ich halt. Wenn einem nie etwas Gutes widerfährt, rechnete man auch nicht damit, dass Menschen einfach etwas tun, ohne Gegenleistung zu verlangen und sei es auch nur, einfach freundlich zu sein. Scheinbar schienen das hier einige so zu halten. Er, der Schlaumeier, dann die junge Frau, die wohl etwa mein Alter gehabt haben musste. Selbst die anderen, die sich in der Taverne nach und nach dazu gesellten. Und es machte sogar Spaß, dort zu sitzen, mit den anderen, was mich wiederum erstaunte. Vielleicht war mir auch deshalb die Neckerei irgendwann zu viel, schlichtweg, weil ich so was nicht kannte. Gut, zugegeben, den Krug tatsächlich zu werfen, war dumm und nicht angebracht, aber normalerweise war es auch nicht so weit her mit meiner Treffsicherheit, umso mehr erschreckte mich auch das dumpfe ‚Plong’ und die sprießende Beule, die der Aufschlag des Krugs auf einer Stirn hinterließen.
Weglaufen war keine Option, wie mir mein Sitznachbar und Bruder des Krugziels mitgeteilt hatte und so harrte ich dem Echo, das da hätte kommen möge. Eigentlich hatte ich mit einem Gegenschlag gerechnet und war bereits gefasst auf das Dröhnen, das ein harter Schlag hinterließ, genauso, wie blutige Lippen oder ähnliches. All das blieb aber aus, jedoch war das tatsächliche Echo nicht schöner, eher im Gegenteil. Lieber hätte ich eine ordentliche Backpfeife eingesteckt, als im Meer zu landen. Wasser war nur so lange lustig, wie man stehen konnte, das Wasser, in dem ich gelandet war, stand mir aber weitaus höher als bis zum Hals und war eines der Dinge, die mich wirklich in Panik versetzen konnten. Auf der Straße lernt man nicht, wie man schwimmt, allerdings lernt man, wie man ohne Hilfe zurecht kommt und trotz der Angst, die an mir zerrte, wie die schweren, mit Wasser vollgesaugten Klamotten, brachte ich nicht einmal den Ansatz eines Hilfeschreis über die Lippen. Ich hatte noch nie um Hilfe gerufen und ich hatte es auch nicht vor.
Immerhin war er nicht dumm und fischte mich, trotz der Beule, wieder aus dem Meer, bevor ich elendig ersaufen konnte. Sein Kommentar spukte mir noch eine Weile danach im Kopf herum. Und wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass ich es verdient hatte.
Direkt am nächsten Tag hatte ich ihm auch ein Schreiben hinterlegt. Eine kleine Entschuldigung konnte nicht schaden, immerhin musste ich mich ja nicht direkt mit jedem anlegen, dem ich begegnete.
Trotz des unfreiwilligen Bades, der Beule an der doch irgendwie netten Stirn, die mir den Hauch eines schlechten Gewissens einbrachte, war das einer der Lichtblicke.

Mit der Dämmerung wich aber auch jener recht schnell. Ich hatte mich in den viel zu großen Sachen, die mich zumindest vor einer Erkältung bewahrt hatten und noch ein bisschen im Licht des Abends schwelgen ließen, in einem der leerstehenden Häuser zusammengerollt. Die Müdigkeit kam recht schnell, was wahrscheinlich auch an dem abklingenden Schrecken lag, den mir der Wurf ins Wasser eingebracht hatte und mit dem Schlaf kamen die Träume. Keine Albträume, die einen aufschrecken ließen, eher Nachtmahre, die den Schlaf in eine tiefe Unruhe stürzten. Ich konnte mich kaum an Bilder erinnern und wenn, waren sie verschwommen und unklar, wie durch dunkles, milchiges Glas. Auch die Geräusche blieben aus, meist nahm ich sie nur ganz leise wahr und konnte sie nicht einordnen, ich wusste aber, dass sie da waren und wahrscheinlich, wenn nur laut genug, nicht angenehm wären.
Früher hatte ich ähnliche Träume, dunkel und von Tönen begleitet, die mir Angst eingejagt hatten, aber die hörten auf, nachdem ich mit meiner Kindheit abgeschlossen und beschlossen hatte, das einfach zu vergessen. Aber die hier waren eben nur ähnlich und ich hatte keine Ahnung, woher sie kamen.
Gast

Beitrag von Gast »

Die ersten Wochen in diesem Land hatte ich überstanden. Es waren immer die ersten, die am schwierigsten waren und die mich entscheiden ließen, ob ich blieb oder weiterzog.
Dass ich bleiben würde, wusste ich bereits und doch musste ich noch einmal gehen.
Ganz zurück zum Anfang.
Einen Moment fragte ich mich, weshalb ich das tat. Die Antwort kannte ich aber längst. Schon vor Jahren hatte ich mir ein paar Dinge vorgenommen, die ich erledigen wollte, bevor ich sterben würde. Eigentlich hatte ich Gedanken an den Tod schon vor einer ganzen Weile abgelegt und es fühlte sich eigenartig an, jetzt wieder darüber nachzudenken.
Ich drehte die goldene Münze in meiner Hand. Es war das erste Mal, dass ich für eine Reise bezahlte. Besessen hatte ich nie viel und plötzlich hatte ich ganz normale Kleidung, ein Zimmer und nannte sogar eine für mich recht ansehnliche Menge an Münzen mein Eigen. Ich musste aber zugeben, dass meine Skepsis nicht weichen wollte. Ich empfand es noch immer als eigenartig, dass die Menschen hier so nett waren und für manche Dinge nicht einmal eine Gegenleistung verlangten.
Und man hatte mir einen Weg eröffnet. Ob er mir gefiel, war keine Frage, die ich mir stellen musste. Aber er würde mir Antworten geben, hatte es sogar schon. Ich wusste, dass er mich auch in den Tod führen konnte. Ich hatte nicht vor, zu sterben, schliesslich war ich gerade erst achtzehn Jahre alt. Ich hatte mein ganzes Leben noch vor mir.
Natürlich hatte ich auch vorher schon von IHM gehört, ich kannte die wichtigsten Details der Göttersagen und dem Drumherum. Nur hatte ich nie erwartet, dass irgendeine Gunst mich, das Straßenkind, erreichen würde.
Ich wusste aber auch, dass ich keine Wahl hatte, dass der Weg, auf dem mein Leben verlief, gerade keine Kreuzung , keinen Abzweig bereit hielt. Und so würde ich weiterhin einen Fuss vor den anderen setzen, wie ich es immer getan hatte. Immerhin hatten jene, die mir den Weg offenbart hatten, nicht um den heißen Brei geredet und die Antworten, die ich bekommen hatte, waren erstaunlich klar und enthielten keinr Spur von Schönmalerei.
Ich wusste daher auch, dass es nur zwei Möglichkeiten gab. Ich würde entweder eine von ihnen werden oder ich würde sterben und zumindest letzteres hatte ich nicht vor.
Meine Bedenken kreisten auch weniger um den Tod. Viel eher beschäftigte mich die Tatsache, dass ich dann zu Etwas gehören würde. Es lag nicht in meiner Natur, mich zu binden. Das war eines dieser Dinge, die ich fast mein ganzes Leben vermieden hatte. Ich sah es nicht als so schlimm an, mich an IHN zu binden, da hatte ich ohnehin keine Wahl. Viel schlimmer waren die Personen, die mir nahe kommen würden in welcher Form auch immer. Schon da hatten meine Gedanken sich mit Fluchtwegen beschäftigt. Das große Problem war aber, dass ich dieses Mal nicht einfach davon laufen konnte, zumindest nicht vor jenen, die IHM genauso dienten, wie ich es tun würde. Und noch viel schlimmer war, dass ein klitzekleiner Teil nicht weg wollte und das Versprechen und den kurzen Moment der Aufmerksamkeit genossen hatte.
Genau aus diesem Grund hatte ich sowas immer vermieden. Es lenkte ab und ich musste mich erst einmal auf das konzentrieren, was unmittelbar vor mir lag in dem Land, in dem ich aufgewachsen war.
Wieder drehte ich die Münze in den Fingern. Es galt ein paar Rechnungen zu begleichen. Ziemlich alte, musste ich zugeben, aber wer wusste schon, wie lange ich tatsächlich noch zu leben hatte.
Und so verließ ich dieses neue Land noch einmal für ein paar wenige Wochen und nahm ausser meinen Habseligkeiten nur zwei Dinge mit: die Träume, die mich verschwommen und dunkel begleiteten und das leichte, unterschwellige Brennen auf meiner Wange, das ich seit dem Abend vor meiner Abreise nicht ganz verdrängen konnte.
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 15. September 2013, 17:58, insgesamt 2-mal geändert.
Benedict Weber

Beitrag von Benedict Weber »

Vor einigen Wochen – die alte Heimat
Was mich hierhin geführt hatte, waren alte Rechnungen. Man mag nun glauben, dass eine Achtzehnjährige wohl kaum große Rechnungen haben konnte, die es zu begleichen galt. In meinem Fall war das anders. Ich wusste nicht, was vor mir lag, zumindest nicht genau und ich schloss Dinge gerne ab, bevor ich neue begann. Es hatte mich lange genug verfolgt, Jahre waren es nun, obgleich ich nicht mehr genau sagen konnte, wieviele. Ich schätzte, es mussten so um die acht oder neun sein. Und mehr. Denn vor acht oder neun Jahren hatte ich dem Ganzen bereits ein Ende gesetzt. Kein endgültiges, aber eines für mich. Ich war davongelaufen. Hatte eine Seele mit mir genommen, um die es nicht schade war.
Was genau dort vorgefallen war, vorher, vor meinem Weglaufen, das würden im Laufe meines Lebens nur wenige erfahren. Vielleicht nur einer oder gar keiner. Es waren Dinge, über die man nicht eben mal bei einer Tasse Tee sprach und vor allem waren es Dinge, die Narben hinterlassen hatten, nicht nur auf meinem Körper. Ich hatte es verdrängt, bis ich erfuhr, was mein Weg sein sollte, wohin er mich führen würde. Doch jetzt konnte ich es nicht mehr verdrängen, nun war es an der Zeit, zu handeln.

Ich hatte erst kurz vor meiner Abreise mit jemandem gesprochen, der mich fragte, wie man am besten tötete. Lautlos und schnell und endgültig. Ein sauberer Schnitt durch die Kehle sollte diese drei Eigenschaften mit sich bringen.
Mich an die ersten beiden der Drei heranzuschleichen, stellte nicht einmal ein Problem dar. Sie schliefen, tief und fest in Zimmern, die sich seit meiner Flucht damals nicht einmal großartig verändert hatten. Auch sie hatten sich kaum verändert, waren nur älter geworden, die Haare grau, die Haut faltiger. Die Schnitte waren präzise, sie machten nicht einmal einen Laut, außer das leise Gurgeln, bis der stille Kampf verloren war. Ich machte mir keine Mühe, die wenigen Spuren zu verwischen. Sie würden mich nicht finden, sofern es überhaupt jemanden interessieren würde.
Die Rechnung jedoch bestand nicht nur aus zwei Teilen, sondern aus drei.
Hätte ich gewusst, dass es anders ablaufen würde, als bei den beiden Vorangegangenen, hätte ich zumindest darüber nachgedacht, mir Hilfe zu holen. Wahrscheinlich hätte ich den Gedanken verworfen, so wie ich mich kenne.
Ich hatte bis dahin nicht geglaubt, dass ein schlichtes Zögern mich beinahe mein Leben gekostet hätte. Es war auch kein Zögern aus Unsicherheit heraus, ich wollte mir nur das Gesicht noch einmal genau einprägen, das mich viele Jahre meines jungen Lebens verfolgt hatte. Nicht nur mich, aber für andere konnte und wollte ich nicht handeln. Ich hatte als Kind schon gelernt, dass Freundschaften und Hingabe Schmerzen mit sich brachten. Nicht nur seelische. Es gab die ein oder andere Situation, in der ich das vergaß, aber die Erinnerung kam meist recht schnell zurück.
Ich betrachtete also die runzlige, fette Haut, das Doppelkinn, den halb geöffneten Mund und letztendlich das Gesicht, das bald zu einem Toten gehören sollte. Einen Moment zu lange. Mit einem Aufwachen hatte ich nicht gerechnet, auf Gegenwehr oder gar einen Kampf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich weiß jetzt, dass mir das nicht noch einmal passieren würde, aber so war es nun einmal. Und was sollte man tun, wenn man von jemandem angegriffen wurde, der beinahe dreimal so schwer war, wie man selbst? Man musste erfinderisch sein. Der Aufprall auf den Spiegel, der unter mir zersplitterte, raubte mir erst einmal den Atem und doch schaffte er einen Moment der Klarheit. Die Scherbe schnitt sich tief in meine Handflächen, noch tiefer aber in seinen Brustkorb und letztendlich sein Herz.
Die Rechnungen waren beglichen, ich konnte also zurückkehren in ein neues Leben, und auf einen neuen Weg, der vor mir lag und mir zusammen mit den Träumen von Tag zu Tag klarer wurde.

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Es gab so viel Neues in meinem Leben, dass es mir manchmal selbst recht schwer fiel, mitzuhalten. Ich hatte mich gebunden, war aufgenommen in einem Gemeinschaft, von der ich vorher nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wobei die Aufnahme an sich mir noch bevor stand. Ich hatte ein Zuhause, zusammen mit ihm, meinem Bruder, eine feste Anstellung in der Taverne. Es schien beinahe zu gut zu laufen und doch nagte noch etwas an mir. Die Träume waren so klar, dass sie fast greifbar schienen. Sie waren noch immer unangenehm und beängstigend, aber lange nicht mehr verschwommen, wie am Anfang. Ich konnte es nicht einmal selbst wirklich ausdrücken, aber mich beschlich ein Gefühl, dass 'Er' bald sein Urteil über mich fällen würde. Die alten Rechnungen hatte ich vor Wochen schon beglichen und doch war es nicht genug, wie mir schien. Mich zog es fort, noch einmal zurück dorthin, wo ich aufgewachsen war. Ich brach auf, ohne viel Aufsehen, hinterließ ihm eine Nachricht, ich hatte gedacht, es würde reichen, es wäre genug, und nahm noch in derselben Nacht ein Schiff.
Ganz automatisch führte mich mein Weg, vielleicht war es auch einfach 'Er', der meine Wege leitete wieder hin zu dem Haus, in dem ich vier Seelen genommen hatte. Ich betrachtet es eine ganze Weile lang, wie lange genau, das weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich waren es Stunden, die ich dort stand, im Schatten der Mauer, die die Gasse einsäumte, die daran vorbeiführte. Ich fragte mich nur kurz, wer alles dort nächtigen würde, verdrängte den Gedanken aber wieder. Niemand, der darin lebte, verdiente es, zu leben. Die einen nicht, weil sie sich schamlos nahmen, was sie wollten, ohne Rücksicht darauf, was sie anderen antaten. Und die anderen, weil ihre Seelen schon in jungen Jahren so zerschunden waren, dass ein Leben kaum noch lebenswert erschien.
Es dauerte nicht lange, bis das Haus komplett in Flammen stand. Ich wartete auch nicht, schaute nicht zu, wie es bis auf die Grundfeste niedergebrannt war. Jedoch blieb ich noch zwei weitere Tage in der Stadt, nur um die Worte von den schreienden Jungen zu hören, die die Nachricht verbreiteten.

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass 'Er' mich so sehr auf die Probe stellen würde, hätte ich die Rückkehr vielleicht noch ein wenig herausgezögert. Doch nach wie vor hatte ich nicht vor, zu scheitern. Aufgeben war keine Option, das wurde mir von meinem Mentor so eingebläut und ich hatte nicht vor ihn zu enttäuschen...
Benedict Weber

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Die letzte Nacht

Eine ganze Weile stand ich an die Wand gelehnt, den Blick zum Balkon hinaus gerichtet. Die Stadt lag ruhig, genauso wie er seelenruhig im Bett schlummerte. Er war mein Lehrer, mein Bruder, meine Familie, mein Zuhause und er spürte genauso wie ich, vielleicht sogar noch mehr, dass die Zeit gekommen war. Dennoch wollte ich ihn nicht wecken.
Die Träume hatten sich verändert. Aus verschwommenen Bildern, wie durch Milchglas betrachtet, waren klare Szenerien geworden. Es waren keine Albträume mehr in diesem Sinne, dass ich schweißgebadet aufwachte. Sie waren schlichtweg mein nächtlicher Begleiter geworden, die sich veränderten, seit ich nicht mehr allein war, als würde ich ohnehin in Kra'thors Fängen gehalten.
Ich hatte mich damit abgefunden, dass das mein Weg sein würde, hatte mich sogar damit angefreundet, die letzten Tage hatte ich nicht einmal mehr große Bedenken der Träume wegen. Ich empfing sie, weil ich es musste und im Endeffekt vielleicht sogar wollte. Es gab ohnehin keine andere brauchbare Option.
Einige Herzschläge lang betrachtete ich meinen schlafenden Bruder. Er hatte mich wie versprochen in den Schlaf gewogen, wenngleich dieser auch nicht lange anhielt. Anstelle seines ruhigen Atems dröhnte mir der sanfte Flügelschlag der Raben in den Ohren. Es war das Geräusch, das mich geweckt hatte und letztendlich aufstehen ließ. Ich war mir recht sicher, dass ich nicht träumte oder schlief, sondern bei vollem Bewusstsein in der oberen Etage unseres Hauses stand. Ich spürte das Holz der Dielen unter meinen nackten Füßen, selbst die nächtliche Kühle nahm ich auf meiner Haut wahr. Ich wusste, dass dort die Kommode und nicht weit daneben das Bett stand.
Doch gleichzeitig sah ich etwas ganz anderes. Die verschwommenen Schemen der Raben, die den wolkenverhangenen, grauen Himmel verdunkelten, dort, wo unser Dach schützend über dem Haus lag. Das Dröhnen der Flügelschläge überlagerten allmählich das ruhige Atmen.
Ich selbst zwang mich zur Ruhe, auch wenn mein Verstand ausweichen, fortlaufen wollte, wie ich es unzählige Male in meinen Träumen getan hatte. Ich wich nicht aus, blieb standhaft, obwohl mein Herz nach wie vor sein stetiges Pochen beschleunigte.
Ich glaube in dieser Nacht sogar zu spüren, wie die Flügel mich streiften, die Krallen über meine Haut ritzten, die Schwingen mich umfingen.
Und dann war es vorbei.

Den Rest der Nacht verbrachte ich vor dem Kamin. Charlie war wieder einmal nicht da, was mir aber zumindest zu diesem Zeitpunkt nichts ausmachte. Meine Hände lagen um das Glas warmer Milch, während ich im Fenster die Reflexion meines Gesichts betrachtete. Ich war blasser, als ohnehin schon und ich musste, wenn ich das Ganze überstand, dringend lernen, zu verbergen, was ich dachte oder fühlte. Mit dem Zeigefinger versuchte ich vergebens das kleine V auf meiner Stirn zu glätten.
Ich hatte ihm eine Nachricht hinterlegt, nur für den Fall, dass ich ihn nicht mehr sprechen konnte, bevor es so weit war. Er hatte mir so oft gesagt, dass Scheitern keine Option war. Aufzugeben ebensowenig.
Und ich hatte mir fest vorgenommen, zurückzukommen.
Gast

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Mein Leben, mein Tod und meine Entscheidungen

Die Geschehnisse der letzten Wochen in Gedanken oder gar Worte zu fassen, fiel mir nicht wirklich leicht. Es gab schlichtweg noch zu viele Dinge, die ich in meinen jungen Jahren nicht verstand. Da war die Sache mit dem Sterben, die mit dem Besitz und am schlimmsten war die mit den Emotionen. Komischerweise hatte ich die Sache mit dem Glauben verstanden. Das war glücklicherweise auch nicht allzu schwer. Es gab nur Einen, in dessen Reich wir am Ende alle Einzug halten würden. Nichts mit Paradies und schönem Dasein nach dem Tod, das sollten sich die anderen ruhig alle weiter einreden. Irgendwie beruhigte und belustigte es mich gleichermaßen, dass gerade die Panther es sich einredeten und doch nur eine Handvoll das wahre Ende kannten.
Die Sache mit dem Sterben hatte mir einen kleinen Einblick gezeigt. Für den Moment hatte die eisige Klinge, die in meine Kehle drang, mich geschwächt. Zugegeben, das man etwas untertrieben sein: sie hatte mich umgebracht, geführt durch die Hände von Imalayan und Yezna. Dass derjenige, der sonst vorgab, mich zu lieben, mich tötete, störte mich nicht einmal groß. Es sollte meine Prüfung sein und ich würde Ihn nicht enttäuschen. Schließlich diente ich nur Ihm und sonst niemandem. Ich musste zugeben, dass Sterben nichts angenehmes mit sich brachte, keine friedvollen Minuten, kein warmes Licht am Ende irgendeines Tunnels. Ich glaubte, Menschen erzählten sich diese Geschichten, um die Angst vor dem Unausweichlichen, dem Unbekannten zu nehmen. Jedenfalls konnte ich mich an kein Licht oder kleine, fette, singende Kinder mit Flügeln erinnern. Schmerz, Kälte und Dunkelheit waren das, was mich umfing und durchdrang, als Er mich zurückholte.
Er hatte mich zu sich geholt, um mich in Seine Gefolgschaft aufzunehmen. Die kurze Schwäche, die der Tod mit sich brachte, war im Endeffekt meine Stärke und die Bestimmung brachte doch so manch interessanten Aspekt mit sich.

Und dann war da noch die Sache mit den Emotionen. Ich fragte mich ein paar Mal, ob Kra'thor das überhaupt guthieß, beschloss dann aber, dass ich es spüren würde, wenn dem nicht so wäre. Solange es Ihm nicht im Wege stand und bei der Erreichung der Ziele half, wieso also nicht. Und die Leiden eines gebrochenen Herzens waren schließlich auch ein Teil seiner Nahrung.
Nun, wie dem auch sei. Es gab auf der einen Seite das unbeschriebene Blatt. Perfekt für eine Tarnung, so dachte ich die meiste Zeit über. Auf der anderen Seite gab es meinen Bruder. Nicht nur, weil wir uns dafür ausgaben, auch, weil wir es im Glauben waren. Was konnte geeigneter sein, als ein Verbund zweier Menschen, die keine Geheimnisse voreinander haben mussten, die voneinander lernen konnten, Ihm gemeinsam dienen konnten.
Ich hatte mich darauf eingelassen, auf ein Spiel von Lügen und Affären, Geheimnissen, die keine waren. Ich musste zugeben, ich mochte den Gedanken nicht, teilen zu müssen. Und auch die alles entscheidende Frage, die meine Welt kurz aus der Bahn zu werfen drohte, änderte nichts daran.
Manchmal hatte ich mich in den kurzen Momenten des Alleinseins gefragt, ob er nicht Recht hatte bei seinem kurzzeitigen Alkoholabsturz. War abstumpfen nicht der bessere Weg? Ein Weg, den ich selbst lange gelebt hatte und den ich vielleicht wieder gehen konnte. Aber war das noch mein Weg? Ich wusste es zu diesem Zeitpunkt nicht und musste die Fragen vielleicht auch gar nicht beantworten.
Sein Verschwinden riss eine heftige Wunde. Ich hatte zwei, drei Tage tatsächlich zu kämpfen, um überhaupt wieder auf die Beine zu kommen. Im Endeffekt redete ich mir ein, dass nicht ich es sein sollte, die Ihn nährte. Ich hätte trauern können, sogar in aller Öffentlichkeit, schließlich war mein Bruder verschwunden, nach Neylas Weltanschauung sogar tot. Und doch tat ich es nicht.
Das Haus war recht schnell geräumt, ebenso die Taverne. Es konnte nicht schaden, die Gemeinsamkeiten zu meiden auf einem Weg des Nicht-Trauerns. Ich versuchte sogar, das Thema komplett zu meiden. Wenn man lächelte, fragten auch nur halb so viele Leute nach dem Befinden, als wenn man heulte. Heulen war sowieso nicht meins.

Eigenartigerweise lernte ich in dieser Zeit noch so einiges. Als ich Garvin kennengelernt hatte, wusste ich noch nicht, dass mein Weg von Ihm festgelegt war. Nunja, wir hatten nicht den besten Start und sein Verschwinden von Zeit zu Zeit, nervte mich. Dennoch hielt er irgendwie alle Versprechen, die er mir gab. Und er kam zurück, immer. Vor allem dann, wenn ich entweder am wenigsten damit rechnete oder ihn am meisten brauchte. Ich sagte ihm nicht einmal weshalb, aber auf meinen versteckten Hilferuf kam prompt eine Antwort, trotz seiner Verletzung. Ich schätzte diese Seite sehr an ihm, auch wenn Dazen immer etwas anderes behauptete, irgendwie war auf den kleinen Wolfseiche doch Verlass. Ich muss zugeben, mir gefielen die Orte, die er mir zeigte, auch wenn diese Tage vor der Zeit lagen, in der Ima verschwand. Nicht immer würdigte ich Garvins Bemühungen und stieß ihn damit ganz sicher das ein oder andere Mal vor den Kopf (ich fragte mich, ob das eine ähnliche Wirkung hatte, wie der Krug). Mit der Bibliothek hatte er allerdings genau meinen Geschmack getroffen. Ich liebte Bücher über alles und nahm mir fest vor, mit ihm noch einmal dorthin zu gehen, sobald er ganz genesen war.
Ich fühlte mich beschützt bei ihm. Ich glaubte sogar, dass das nicht nur an seiner Größe und Statur lag, sondern auch an seinen Worten und der Art, wie er mich umarmte. Die Kra'thori in mir sah natürlich den Vorteil, den ich daraus ziehen konnte. Was ich allerdings noch sah, war etwas anderes. Er hatte in der kurzen Zeit, die bisher vergangen war, nicht einmal versucht, mich zu ändern und nahm die Dinge, und damit auch mich, einfach, wie sie kamen. Das tat gut und insgeheim huschte immer mal wieder die Frage durch meinen Kopf, ob eine Tarnung, denn immer nur eine Tarnung bleiben musste...
Gast

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Er merkte eindeutig zu viel. Aufmerksamkeit war nun eigentlich keine Eigenschaft, die ich den männlichen Wesen zuschrieb, aber man lernte ja doch nie aus. Ich hatte mich nach der vergeblichen Suche nach einem Heiler und den eigenartigen Geschehnissen auf LaCabeza doch recht schnell zurück gezogen. Die Wunde an meiner linken Seite schmerzte. Ein Umstand, den ich mir selbst zuzuschreiben hatte. Aber ich hatte nicht auf der Rechnung, dass auch Rüstungen irgendwann einmal nachgaben und kaputtgingen. Den Speer, der sich unsanft in meine Seite gebohrt hatte, hatte ich mit seinem Träger zusammen lautstark verflucht. In den vergangenen Tagen hatte ich jedoch gelernt, dass körperliche Schmerzen nicht unbedingt die schlimmsten waren. Angenehm waren sie trotzdem nicht. Ich säuberte die Wunde nicht großartig, weil ich eigentlich viel zu erschöpft war und mit den Gedanken eher beschäftigt damit, wie ich das Ganze am besten noch vor Garvin versteckte. Ein notdürftiger Verband musste also erst einmal herhalten und ein einigermaßen weites Oberteil machte es wenigstens nicht allzu offensichtlich. Ich knäuelte mich dann in einem der Sessel zusammen. Der Plan, hier zu schlafen, schien mir doch ein ganz guter, denn hier passte Garvin nicht neben mich und mit dem Wecken hatte er es ohnehin nicht so. Das blöde an meinen Plänen war nur, dass sie oft einfach nicht so funktionieren wollten, wie ich es mir ausmalte.
Als ich am Morgen aufwachte, war mir viel zu warm und der Sessel eigenartig bequem. Es dauerte einen Moment, bis ich das Scheitern meines grandiosen Planes erfasste. Immerhin war ich noch im Sessel, wobei das wiederum doch nicht ganz zutraf. Garvin saß dort und ich selbst war auf seinen Schoß gebettet und an seine Brust gelehnt. Immerhin schlief er noch und ich konnte mir noch ein paar Ausreden zurechtlegen konnte, die wahrscheinlich genauso für die Katz waren, wie mein Plan vorher.
Obwohl mir viel zu warm war, legte ich meinen Kopf wieder an seine Brust. Ich wusste, dass ich ihn im Ernstfall opfern müsste und könnte und dennoch genoss ich Momente wie diesen. Weshalb auch nicht? Mit seinem steten Herzschlag und der ruhigen Atmung im Ohr konnte ich mir sogar erlauben, an jene Dinge zu denken, die ich sonst zu verdrängen versuchte. Ima war weg. Spurlos verschwunden ohne eine Nachricht oder ein Zeichen. Wenn Neyla Recht hatte, sollte ich das nicht irgendwie spüren? Und wenn sie Unrecht hatte? Dann sollte er sich besser eine äußerst gute Ausrede zurechtlegen, für den Fall, dass er hier wieder aufkreuzte. Offiziell hatte er mich zu seiner Schwester gemacht. Im Verborgenen wollte er mich zu seiner Frau machen. Ich bemerkte, dass diese Gedanken doch zu tief gingen und konzentrierte mich lieber wieder auf denjenigen, der mich gerade in den Armen hielt. Und irgendwie stimmte ich dem leisen Stimmchen in meinem Kopf zu, als es mir zuflüsterte, den nächsten, der auf die Idee kam, mir einen Antrag zu machen, einfach zu Kra'thor zu schicken.

Den Abend darauf setzte ich einen Schritt in die Taverne. Ja, ich hatte mir selbst geschworen, da nicht wieder reinzugehen, aber ich wusste auch nicht, ob ich sie vernünftig hinterlassen hatte und das letzte, was ich mir vorwerfen lassen wollte, war Unordentlichkeit. Ich hatte nicht damit gerechnet, Gäste anzutreffen und doch war es voller als an den normalen Abenden dort, an denen wir sie geöffnet hatten. Es waren bekannte und fremde Gesichter und trotz der Anspannung, die ich immernoch fühlte, musste ich mir eingestehen, dass es mir Spaß machte. Die Wunde schmerzte ab und an, der Abend aber war doch einer der Guten. Und ich fragte mich eine ganze Weile noch, ob ich nicht doch hier weitermachen sollte. Ohne Frage war ich ausgelastet mit der Arbeit bei den Drugars, die ja nun seine Stelle auch mit umfasste. Und drei Beschäftigungen, neben dem Leben, das ich so noch zu führen hatte, waren mir unheimlich, wenn auch verlockend, da sie Ablenkung brachten. Diese wiederum fand ich aber auch, wenn Garvin bei mir war. Es war auch dringend an der Zeit, ihm das einmal zu sagen, aber mit der Tür ins Haus fallen, wollte ich nicht.
Die Einladung zu den Drugars war allerdings ein guter Aufhänger. Es würde damit irgendwie offiziell werden, ebenso wenn 'wir' seinen Bruder zu uns luden.
Noch wenige Wochen zuvor war das genau der Plan, die Absicht, die Tarnung. Dennoch war ein kleiner Teil meiner Selbst doch recht zaghaft, was das anging, denn Dinge änderten sich. So war das Leben. Vor einigen Monaten hatte ich noch nicht einmal davon zu träumen gewagt, ein eigenes Haus zu haben, eine Anstellung, eigenes Gold und was es noch alles mit sich brachte. Selbst die Bücher, die ich vom Salzmarkt mitgebracht hatte, waren für mich immer noch ein Schatz. Die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde, noch immer ungewohnt und irgendwie fremd. Ich wusste, dass sich das alles von heute auf morgen wieder ändern konnte und war sogar davon überzeugt, dass das irgendwann geschehen würde.
Die Entscheidung, die Tage einfach auszukosten, in denen alles gut war, traf ich dann auch ganz bewusst, nicht zuletzt, weil mir nicht entgangen war, wie er mich ansah oder hielt, behutsam, als könnte ich jeden Moment zerbrechen.
Auch ganz bewusst war ich mir über die Dinge, die ich neben dem 'normalen' Leben angehen wollte. Dem alten Weg konnte, wollte ich momentan nicht mehr folgen. Dafür waren die Wunden noch zu frisch. Aber dieses Gespräch über die Zwischenwelt hatte meine Neugier geweckt. Seelenwanderungen, die Erforschung des Unbekannten. Ich musste mir nur noch klar werden, wie ich es am besten anstellte...
Gast

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Können Tote Briefe schreiben?


Die Skepsis wollte nicht so recht weichen, als mir der Junge einen Brief in die Hand drückte. Ich hatte ein eigenartiges Gefühl, das so gar nicht zum Anfang meines bisherigen Tages passen wollte.

Ich war heute morgen aufgewacht und wie die ganzen letzten Nächte, die ich nicht allein verbracht hatte, war mir angenehm warm, als ich mich aus dem Schutz der liebgewonnenen, behutsamen Umarmung stahl. Ich betrachtete eine ganze Weile seine im Schlaf doch recht jung wirkenden Züge und strich ihm ein paar der verirrten Strähnen aus der Stirn. An seine Anwesenheit hatte ich mich recht schnell gewöhnt und genoß sie auch, wann immer es ging. Er gab meinem rastlosen Geist eine gewisse Ruhe und Stabilität und bewahrte mich davor, zu viel über Vergangenes nachzudenken. Und ich musste zugeben, dass ich diese Unschuld liebte, die er, die wir beide noch bargen.
Recht leise packte ich dann das kleine Geschenk von Savar aus. Ich hatte so viel Spaß in den letzten Tagen mit ihm. Es schien mir recht einfach, mit ihm herumzualbern und im Grunde verstand ich, weshalb Charlie ihn mochte. Außerdem waren die Dinge mir gerade willkommen, die einfach waren, unkompliziert.
Ich dachte nicht lange darüber nach, ob es eine gute Idee war, Garvin von dem Geschenk zu erzählen, sondern tat es einfach. Das Zettelchen hinterließ ich ihm auf dem Tischchen. Er hätte ohnehin gefragt, woher die Schramme an meinem Kinn stammte. Und woher das Pferd so plötzlich kam. Und es gab keinen Grund, ihm etwas vorzuenthalten. Schließlich war er mein Garvin.

Ich war also recht entspannt, als ich den Weg zur Taverne antrat. Die Entscheidung, ob ich sie weiterführen würde oder nicht, war noch immer nicht gefallen, aber ich hatte auch keine Eile damit. Es würde sich schon finden, dachte ich mir.
Der Brief allerdings, oder eher die Anrede allein, rüttelten jedoch arg an meiner Stimmung. Ich knüllte das Stück Pergament fix wieder zusammen, noch bevor ich überhaupt die ersten Zeilen gelesen hatte. Meine Knie fühlten sich an wie Pudding, als ich die Treppe erklomm und mich schlussendlich in einem der kleinen Zimmer einschloss. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit einem Brief von ihm, dem Verschollenen, dem Totgeglaubten.
Eine ganze Weile saß ich dort und wagte nicht, meinen Blick von den Zeilen zu lösen, selbst als sie verschwammen, regte ich mich nicht. Ich wusste dann irgendwann nicht mehr, ob ich lachen oder heulen sollte, also tat ich einfach erst einmal beides, bis mein Verstand soweit wieder eingesetzt hatte und ich merkte, dass ich die Reglosigkeit doch bevorzugte.
Ich konnte nicht sagen, weshalb Kra'thor mich so strafte, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er es tat. Scheitern war keine Option, das hatte er sogar ganz treffend geschrieben. Ich versuchte, das Ganze wieder als eine Art Probe zu betrachten, das machte es um einiges leichter. Ein kleiner Teil von mir empfing die Worte, nahm sie hingebungsvoll auf. Das war der Teil, den ich in den letzten Wochen weggeschlossen hatte. Der andere Teil, viel stärker und größer, ließ die Worte gar nicht erst bis zu ihm dringen, wehrte sie ab, ignorierte sie sogar und hatte schon längst einen Eimer Wasser über das Flämmchen namens Hoffnung gekippt.
Dennoch zehrte der Brief an mir und meiner Kraft. Schlimmer noch, er verletzte mich. Und das waren alles Dinge, die ich hier und jetzt nicht gebrauchen konnte. Vielleicht sollte ich mich freuen, dass er lebte, dass er zurückkehren wollte und mich nicht vergessen hatte. Aber in dieser Hinsicht war ich, wie er damals, als ich ohne Nachricht verschwand. Nur würde ich mich nicht bis zur Besinnungslosigkeit besaufen. Ich war stärker als das. Ich was SEINE, Kra'thors, Dienerin, und nicht die Imalayans.
Ich lagert das zerknüllte Zettelchen ganz tief in meiner Banktruhe, vergraben unter unzähligen anderen Dingen. Mit den Gedanken war das nicht ganz so einfach und doch schob ich sie mit aller Kraft beiseite.
Mir war kalt und ich wusste auch nur einen Ort, der das Ganze erträglich machen würde für mich. Es dauerte nicht lange, bis ich mich wieder ins Haus geschlichen hatte. Eine warme Milch und einige Naschereien später befand ich mich dann auch schon wieder schläfrig in der schützenden und vor allem wohltuenden Umarmung, die mir die erhoffte Ruhe brachte.

Nur die Zeit würde Antworten liefern...
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Beitrag von Gast »

Ich hatte so ziemlich den ganzen Morgen dazu genutzt, mich anzuziehen, mir eine Gabel unter die Bandage und Schiene zu schieben, um darunter herumzustochern und letztendlich auch damit, den schlafenden Mann in meinem Bett zu beobachten. Falsch. In unserem Bett.
Ich stellte wieder einmal fest, wie man sich viel zu schnell an Dinge gewöhnte, die man früher oder später viel zu schnell wieder verlieren würde und mir gefiel diese Erkenntnis ganz und gar nicht.
Die letzten Wochen waren damit gefüllt, eine Person so gut es ging zu verdrängen und damit irgendwann zu vergessen und eine andere Person in mein Leben zu lassen, um einen festen Platz einzunehmen. Einer der beiden schlummerte hier seelenruhig bei mir. Ansonsten versuchte ich einfach neben dem Dasein als Dienerin ein ganz normales Leben zu führen. Mir war klar, dass es nie ganz normal sein könnte, aber es näherte sich dem doch an. Ich probierte einfach das zu tun, was andere junge Frauen in meinem Alter auch taten und das funktionierte ganz gut.
Ich gab mich dem Gefühl des Verliebtseins hin und hatte sogar Menschen in mein Leben gelassen, die man wohl irgendwann als Freunde bezeichnen konnte, wenn auch die meisten Bekanntschaften noch ausbaufähig waren. Es gab hier und da mal jemanden, der einfache Dinge verkomplizierte, aber ich war mir auch ziemlich sicher, dass sich das alles wieder legen würde. Immerhin hegte ich die Hoffnung, dass ein Gespräch die beiden Sturköpfe wieder auf den richtigen Weg brachte. Es war ja auch nicht so, dass ich Garvins Reaktion nicht verstand, eher im Gegenteil. Er beschützte mich und im Prinzip zeigte mir das ziemliche deutlich, dass er mich mochte. Und ich musste mir auch eingestehen, dass mich das ziemlich freute. Aber schließlich konnte Garvin Savar nicht jedesmal den Arsch aufreißen, wenn sie sich begegneten, also musste eine Lösung her. Die, die ich früher, als ich noch einen 'Bruder' hatte, gewählt hätte, kam nicht mehr in Frage. Also versuchte ich es doch mal mit Verstand.

Während ich Garvin, meinen Garvin, so betrachtete, keimte die kleine Frage auf, ob ich irgendwann reinen Tisch machen müsste. Mir war irgendwie schon bewusst, dass es einen Zeitpunkt geben würde, an dem ich das bisher gut gehütete Geheimnis lüften müsste. Es war also keine Frage, ob er es jemals erfahren würde, sondern eine Frage, wann. Ich wusste, dass er mich so mochte, wie ich war, wie ich bei ihm sein konnte, sein Mädchen, das eben nicht nach den Worten des Buches "das gute Eheweib" lebte, das einfach manchmal handelte und dann erst nachdachte, das sich die Hand brach, weil es jemandem eine reingehauen hatte, der doppelt so groß war, das eben nicht perfekt war. Für einen Moment fragte ich mich, ob das anhalten würde, wenn er wüsste, dass ich schon Morde begangen und Seelen zu Kra'thor geschickt hatte. Ich hatte keine Antwort darauf und würde sie wohl erst haben, wenn es so weit war. Doch schob ich den Zeitpunkt noch ein ganzes Stück in die Zukunft. Immerhin war es, so wie es war, ziemlich gut.

Von der Sache, jemandem persönliche DInge abzunehmen, um ihm oder ihr dann ein paar nervenzehrende Albträume zu schicken, hatte ich mich distanziert. Das war Imalayans Masche gewesen, genauso wie die anderen Dinge, die ich nicht brauchte und nicht wollte, solange Garvin bei mir war. Es war längst Zeit, eigene Wege zu gehen.
Die Frage, wie man eine Seele zum Wandern brachte, vielleicht sogar die eigene, hatte mich seit ein paar Wochen nicht ganz losgelassen. Ich hatte bereits in der Bibliothek gesucht, aber fündig wurde ich dort nicht.
Ich nahm mir also vor in den nächsten Tagen die Gewölbe der Gruft zu durchstöbern, um etwas zu finden, das mich weiterbrachte. Die Älteren musste ich dann ohnehin fragen...
Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 5. November 2013, 21:38, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Entscheidungen und ihre Folgen sind manchmal echte Arschlöcher. Das musste ich einmal mehr feststellen, nachdem mir etwas sehr wichtiges verloren gegangen war.

Ein paar Stunden zuvor noch hatte ich am Rande des Ritualkreises gelegen, bemüht mich während Fames' stetem Schreien auf den Knien zu halten – und war letztendlich doch gescheitert und auf dem Boden angekommen, als ER einen wichtigen Teil aus mir zerrte. Es war ein Teil, der mich ausmachte. Als der älteste Bruder uns zum Opfern aufforderte, war ich schon heilfroh, nicht die erste zu sein und doch war mir klar, dass ich etwas von mir geben musste. Freude und Fröhlichkeit war etwas, das mich in den letzten Wochen begleitet und gekennzeichnet hatte. Und es war ja schließlich nur für eine kurze Zeitspanne. Das konnte nicht so schlimm sein, dachte ich. Weit gefehlt, Mairi, weit gefehlt und eigentlich hätte es mir auch klar sein müssen. Opfer an IHN waren immer etwas, das in irgendeiner Weise schlimm war.
Schon allein das Zerren der Emotion aus meinem Körper, meinem Geist, meiner Seele heraus, war schmerzhaft und anstrengend. Meinen Brüdern erging es nicht anders, stellte ich fest, als einer nach dem anderen am Rande des Kreises zusammensackte und auch wenn ich es nicht gerne zugab, ich war nun einmal mit Abstand die körperlich Schwächste.

Vielleicht hätte ich mich danach einfach verkriechen sollen, aber die Sturheit war schließlich nicht gewichen. Dass ich zunächst nicht mal ein Lächeln zustande brachte, fiel mir erst auf, als Garvins Stimme an mein Ohr drang. Normalerweise zauberte er mir immer ein Schmunzeln auf die Lippen. Es tat gut, ihn zu sehen, irgendwie, das konnte ich ganz nüchtern noch sagen, aber ich stellte auch im gleichen Moment fest, dass diese ganz bestimmte Freude fehlte. Ich wusste, wo sie war und warum und dass das kein dauerhafter Zustand sein würde, sonst wäre ich wahrscheinlich noch in dem Augenblick durchgedreht. Dennoch überschattete das Fehlen dieser einen Emotion die Leichtigkeit unseres Seins. Ich fragte mich für einen kurzen Moment, wie es dem Bruder erging, der seine Liebe geopfert hatte, verwarf diesen Gedanken aber sehr schnell wieder, da er mir noch schlimmer erschien. Nichts für den zu empfinden, der mich von Savar abholte, damit ich unbeschadet nach hause kam, der mein Gesicht mit Küssen bedeckte, als wäre es das normalste der Welt, obwohl er merkte, dass etwas nicht in Ordnung war und der mit trotzdem vertraute, einfach weil ich ihn darum bat, war kaum vorstellbar. Eine Woche ohne Freude würde ich definitiv besser überstehen.

Auch wenn es sich anders anfühlte, beschloss ich, meine Tage und Nächte nicht anders zu verbringen als sonst. Und so lehnte ich einmal mehr mit dem Rücken an der Wand in dem schummrigen Licht, dass durch die Fenster hereindrang, meine Beine quer über seine gelegt und betrachtete den schlafenden Mann in meinem Bett ohne eine Spur von Freude, aber dafür mit all dem anderen, was ich für ihn in mir bereit hielt. Terons Spruch, dass ich nicht zur Familie Wolfseiche gehörte, hatte mich durchaus für den Moment getroffen, auch wenn er damit völlig Recht hatte. Aber ich gehörte zu Garvin, egal mit welchem Namen. Das sachte Schmunzeln, als ich meine Finger mit seinen kreuzte und mich wieder neben ihn legte, blieb aus.
Nüchtern stellte ich fest, dass er mein Anker war. Mein Anker, der mich in einem normalen Leben hielt, während auf der anderen Seite Kra'thors Reich und Seine Aufgaben standen. Ich war mehr denn je fest davon überzeugt, dass man so etwas brauchte, um seine Menschlichkeit nicht zu verlieren oder vollends durchzudrehen. Und ganz nebenbei fragte ich mich, ob ein Anker, wie ich ihn hier hatte, nicht genau das Geheimnis war, wie man eine Reise auf die andere Seite, eine Wanderung, möglichst unbeschadet überstand.
Gast

Beitrag von Gast »

So wie du dich verstrickst, ist deine Masche schnell durchschaut.


Wenn einem die Freude fehlt, spürt man andere Dinge umso deutlicher. Bei mir überwog gerade die Enttäuschung, gemischt mit einer ordentlichen Prise Zorn. Die letzten Tage hatten mir gezeigt, dass nicht alle, die ich für potentielle Konstanten in meinem Leben gehalten hatte, auch welche waren. Ich hatte geglaubt, dass eine Freundschaft, die eigentlich recht unkompliziert und einfach begonnen hatte, nicht unbedingt schädlich sein musste.
Dass Garvin ihn nicht mochte, war eine Sache, aber so langsam konnte ich es nachvollziehen.
Er war immer nett gewesen, es hatte Spaß gemacht, mit ihm zu jagen und einfach ein paar Grenzen zu testen, gerade, was das Kämpfen anging. Anfangs hatten mich seine Geschichten mit dem anderen Geschlecht etwas amüsiert, dann, als er mir ein paar Dinge erzählt und offenbart hatte, begann ich mich sogar auf seine Seite zu schlagen. Ich hatte ihn irgendwie verstanden, was ich allerdings nicht verstand, war, dass er täglich seine Meinung änderte - und ehrlichgesagt ärgerte mich das ungemein. Nicht um meinetwillen, wo ich hingehörte, war wohl jedem klar. Es ärgerte mich, weil ich mir absolut verarscht vorkam und weil ich nicht verstand, weshalb man jemanden, den man offensichtlich mochte, wegen solcher Banalitäten belog.
Ich hatte nicht wenig Lust, ihm nochmal eine reinzuhauen, aber zum einen hatte er nun den großen Beschützer Dazen (ich würde es für ein Wunder erklären, wenn der mal so für seinen Bruder einstehen würde) und zum anderen hatte ich eher kein Bedürfnis, mir noch einmal die Hand zu brechen.
Die vernünftigste Alternative - Reden - hatte ich bereits versucht und war wie ein Esel vor eine meterhohe Wand gerannt. Eine kalte Schulter war dagegen noch ein lodernder Waldbrand.
Ich zog in meiner jugendlichen Denkweise ein ganz einfaches Fazit: Man(n) brauchte wohl keine ehrlichen Freunde, wenn man(n) jemanden hatte, der einem das Bett wärmte, selbst wenn man(n) nicht darin schlief.

Wozu zerbrach ich mir eigentlich noch den Kopf? Achja, weil ich mich ärgerte.
Doch es war an der Zeit, meinen Fokus wieder auf Dinge zu lenken, die wichtiger waren, als jemand, der einen abwies und etwas vorgaukelte, nämlich jemand, der die Wahrheit verdient hatte. Und zwar die ganze...
Zuletzt geändert von Gast am Montag 2. Dezember 2013, 17:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Ich starrte mit leerem Blick an die Decke des Hauses. Wie lange ich das tat, wusste ich nicht, aber mit jeder Minute wurde mir klarer, dass ich den vergangenen Tag nicht einfach verdrängen konnte. Meine Augen taten weh von den ganzen Tränen und so schloss ich sie mit einem tiefen Atemzug.
Was spürte ich jetzt?
In allererster Linie: ihn. Seinen Arm unter meinem Kopf, seine Wärme, seine Anwesenheit. Es war real und ich konnte mir nichts besseres vorstellen, als jetzt neben ihm zu liegen. Das waren die Augenblicke, die das Leben zu etwas Besonderem machten.
Vorsichtig drehte ich mich und betrachtete, wie so oft, seine Züge. Er sah heute ernster aus, aber was hatte ich erwartet. Ich hatte seine Welt ziemlich erschüttert und das nicht im Positiven. Einen Moment lang lauschte ich einfach dem Rhythmus seines Herzens. Wie viel ich heute zerstört hatte, wusste ich nicht und wagte auch noch gar nicht, darüber groß nachzudenken, aber er war hier und das war alles, was zählte. Und das, obwohl er die Wahrheit kannte und obwohl ich vielleicht einen Teil unserer Unschuld genommen hatte. Ich versuchte mir klar zu machen, dass es richtig war und dass wir das irgendwie überstehen konnten. Er war stärker, als ich dachte. Er hatte mich nicht von sich gestoßen. Er hatte mich nicht verlassen. Er war nur für ein paar Stunden gegangen. Damit hatte ich gerechnet und ich musste zugeben, dass es ein paar der schlimmsten Stunden meines Lebens waren. Ja, man hatte mir eine Frostklinge durch die Kehle gerammt und man hatte mir als Kind immer wieder Wunden zugefügt, um meinem Freund gefügig zu machen. Das war natürlich schmerzhafter. Die meisten würden wohl sagen „Stell dich nicht so an, Mairi, es gibt schlimmeres“. Gab es. Und doch war die Leere, die mich in den wenigen Stunden seiner Abwesenheit übermannt hatte, etwas, das ganz sicher unter die fünf schlimmsten Gefühle kommen würde. Ich hatte nicht anders gekonnt, als zu sitzen, versucht, zu atmen und den bescheuerten Teddy anzustarren, der ihm tatsächlich nicht einmal ein bisschen ähnlich sah. Ach ja, und zu weinen. Das tat ich nicht oft und ich konnte mich kaum daran erinnern, wann es das letzte mal so ausgeartet war.
Womit ich nicht gerechnet hatte, war seine Rückkehr. Ich dachte erst an Wahnvorstellungen und dass mein Gehirn durch den Flüssigkeitsverlust irgendeinen Schaden genommen hatte. Hatte es nicht. Und die Art, wie er mein Gesicht in seine Hände nahm, mir ziemlich deutlich ein paar Sachen sagte und letztendlich als seine Lippen meine Stirn berührten, da wo sie es so oft schon taten, machten es einigermaßen erträglich.
Ich blinzelte die Tränen weg, während ich ihn erneut betrachtete und mich fragte, womit ich diesen Mann eigentlich verdient hatte. Und ganz plötzlich, war alles, was zwischen uns kommen konnte, unerträglich. Ich rappelte mich auf, in einem Anflug von Panik und doch so leise wie möglich, um ihn nicht zu wecken und beseitigte alle Decken und Klamotten. In dem Moment war es völlig unwichtig, dass es mir am nächsten Morgen furchtbar peinlich sein würde, unbekleidet neben ihm aufzuwachen. Schnell schlüpfte ich wieder unter die Decke an seine Seite und setzte ihm einen dieser hauchzarten Küsse auf den Mundwinkel, während ich leise die Worte wiederholte, die ich ihm an diesem Tage schon einmal gesagt hatte.
Ich würde ihn beschützen mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen und würde IHM dennoch bestmöglich dienen. Es war nichts, was sich gegenseitig ausschloss und ich war fest entschlossen, einen Weg zu finden, der beides vereinte.
Ich wusste, wohin der Weg mich als erstes führen würde: zum Alka. Und auch wenn ich eine Heidenangst davor hatte, würde ich gehen. Für mich. Für Garvin. Und auch für Kra'thor.





There comes a moment when the silence between two people can have the purity of a diamond.
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Der Traum ist der beste Beweis dafür,
dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind,
als es scheint.

(Friedrich Hebbel)



Schritt um Schritt tat ich durch den kniehohen Schnee und lächelte, denn irgendetwas war anders als sonst. Unter einer Weide, deren Äste sich noch mehr Bogen unter dem Gewicht des weißen Puders, blieb ich stehen. Erst jetzt fiel mir auf, was es war, das mich zum Schmunzeln brachte. Der Schnee, der um mich herum den Boden bedeckte, war unversehrt. Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel noch ein ganzes Stück hoben und blickte mit Wunder auf die Szenerie.
Die ganzen letzten Tage hatte ich damit zu kämpfen, Spuren zu finden, welche ich benutzen konnte. Ich hasste es, die Oberfläche selbst zu durchbrechen. Ein leises Lachen perlte über meine Lippen, bevor ich das neu gewonnene Geschenk testete und einen Fuß nach dem anderen auf die unversehrte Schneedecke setzte.
Vage trat ein Anblick in mein Bewusstsein. Der Schemen der Ziege, die über den Schnee gewandert war, ohne Spuren zu hinterlassen, bevor sie... bevor er uns weitergeführt hatte.
Ich hielt inne. Die Bäume, Berge, Häuser, Wege waren in weite Ferne gerückt und ich stand allein auf einem schier endlosen Feld aus unberührtem Schnee. Das Weiß blendete mich und doch war es etwas anderes, was mich beunruhigte. Zwei Dinge passierten gleichzeitig. Das eine war mein Anblick oder der Anblick meiner Hand, als ich den Blick senkte. Ein Schemen, durchlässig, wabernd. Und mit dem Anblick kam das Gefühl, das mich in den vergangenen Stunden schon einmal heimgesucht hatte...


Kerzengerade saß ich im Bett, aus dem Schlaf gerissen und betrachtete panisch meine Hände. Es war alles gut, normal. Neben mir regte sich etwas, jemand, Garvin. Ich hatte ihn nicht mitgerissen und das war gut. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich ihm die Tränen erklären sollte, die mir schon wieder über das Gesicht liefen. Es war nicht der Traum an sich, nicht der Schreck beim Anblick meiner durchlässigen Hände. Es war dieses kurze Gefühl, das mich erneut überrannte. Er hatte es mich kurz spüren lassen, als ich meine Neugier nicht zügeln konnte. Nicht als Strafe, so glaubte ich, sondern als Einblick, als ein Schritt auf dem Weg des Verstehens.
Ich hatte die ganze Zeit neben ihm gestanden, während meine Brüder uns gegenüber verweilten. Es gab keinen Grund zu weichen, auch wenn der Anblick des Schemens nicht alltäglich war, aber es ging keine Aggression von ihm aus, lediglich eine leichte Kühle, Leere.
Und er redete, teilte sich mir mir. Er war ein Bruder einst, vielleicht noch immer, auch wenn er anders war, als wir.
Du bist ein kluges Kind sehr klug sogar. Vielleicht ist etwas mehr für dich drin...

Und während die Drei ihre Fragen stellten, um das Warum zu verstehen, gab ich schlichtweg meinem Drang nach, um das Wer zu verstehen. Sie hatten recht, wenn sie sagten, dass meine Neugier mich irgendwann umbringen würde, aber nicht hier und nicht zu diesem Zeitpunkt. Es war, als würde das schemenhafte Wabern meine Hand von ganz allein anziehen und ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass genau das passierte, was passierte, als meine Hand durch seinen Arm wischte, wie durch Nebel.
Womit ich nicht gerechnet hatte und was mich völlig unvorbereitet traf, war die schmerzliche, vermissende, traurige Leere, die mich durchfuhr und mir unweigerlich die Tränen in die Augen trieb und mich ein kleines bisschen dem Verstehen näher brachte. Ich weinte still, als ich ihn weiter betrachtete, während die anderen weiter mit Fragen auf ihn einstürmten und suchte vergeblich nach einer vergleichbaren Emotion.

Ist es das, was dir fehlt? Hatte ich ihn gefragt, unhörbar für meine Brüder und ohne den Blick von ihm zu lösen. Irgendetwas hielt mich gefangen.
Was mir fehlt ist es Wärme zu spüren, zu atmen, zu berühren, was mir fehlt ist Leidenschaft, Liebe, Wut empfinden zu können, ein Mensch zu sein.

Er war einen Tausch eingegangen, aber war der Tausch auch gerecht? Ich wusste es nicht, aber ich hatte gespürt, was er verloren hatte und wie schlimm der Verlust war.
Natürlich bot er den anderen einen Tausch an. Nicht den anderen, sondern uns. Warum auch nicht, es lag schließlich in der Natur des Menschen für eine Leistung eine Gegenleistung zu verlangen.
Meine Entscheidung war längst gefallen.

Du kannst mit mir sprechen Kind. Was verstört dich?
Die Fragen. Dass sie nicht verstehen.

Und erstmals an diesem Abend, konnte ich mehr erkennen, als den Schemen. Ich betrachtete die scharf geschnittenen, etwas hageren Züge, die hohe Stirn und wisperte den Namen, den er uns allen nannte, leise, als müsse ich den Klang testen. Amagar.

Die bissigen Sprüche meiner Brüder kamen gar nicht recht bei mir an, als ich mit einem Ruck an ihn gezogen wurde. Reglos verharrte ich, als er mir über die Haare strich. Wie einer Puppe? Wie einer Liebsten? Ich war erstaunt, wie fest seine Gestalt für den Augenblick war und ich hatte die vage Vermutung, dass ich mehr erfuhr, wie bereits zuvor.

Danke für dein fühlendes Herz, Mairi.

Und da, kurz bevor ich kraftlos zu Boden sank, wusste ich, weshalb ich dort stand, weshalb er mich spüren ließ, was er spürte, weshalb ich es war, mit der er lautlos gesprochen hatte. Es war der Teil von mir, der mich von meinen Brüdern unterschied...
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 20. Dezember 2013, 23:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Die Schmerzen hielten mich wach, während ich an die Decke schaute. Garvin war noch nicht zurück und das ließ mir ein wenig Zeit, zum Denken. Ich hatte eine ganz gute Ahnung von dem, was Amagar gefehlt hatte bei unserem ersten Aufeinandertreffen, nicht nur, weil er es mich hatte spüren lassen, sondern wegen Garvin, vor allem, weil ich glaubte, zu wissen, wie es wäre, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre.
Die Frage, wieviel ich ihm zumuten konnte, war nicht mehr die richtige, wie ich feststellen musste. Mir war bewusst, dass ich ihm alles anvertrauen konnte, auch wenn er mich manchmal mit diesem Blick ansah. Die Gratwanderung bestand vielmehr darin, um das sorgsam herumzukommen, was ich ihm nicht sagen durfte. Aber ihm nichts zu erzählen, war keine Option mehr. Zumindest glaube ich, erkannt zu haben, was das größte Problem an meiner „Berufung“ war. Ich redet mir ein, dass es nicht die Tatsache war, dass ich Seelen opferte. Im Grunde tat ich das auch nicht. Naja, nicht so richtig und nicht so, wie meine Brüder es taten. Zumindest hatte ich nie einem Unschuldigen etwas getan.
Ich glaubte jedoch vielmehr daran, dass das Problem zwischen uns die Sorge war, ich würde irgendwann total verstümmelt zurückkommen. Oder im schlimmsten Falle gar nicht. Nur war es auch kein Leichtes, ihm diese Sorge zu nehmen, vor allem dann nicht, wenn ich mit diversen Prellungen und Verletzungen zur Tür herein hopste.
Also gab ich ihm zumindest für den Augenblick nur ein paar Informationen, die erst einmal das Nötigste erklärten. Dass diese verdammte Statue mich im Genick gepackt und dann fallen gelassen hat, musste erst einmal reichen.

Und was war tatsächlich passiert?
Wir hatten Amagar das besorgt, was er verlangt, benötigt, hatte. Dass meine Brüder ihm nicht trauten, ging mir wirklich auf den Geist und einfach aus Trotz – und um es ihnen zu beweisen – zog ich nicht einmal eine Rüstung an. Der Stoff der Kleidung würde reichen. Er würde uns nichts tun, da war ich mir sicher.
Ich war furchtbar angespannt, bis Amagar auftauchte und danach sogar noch mehr. Irgendetwas an ihm weckte einen Beschützerinstinkt in mir. So richtig Vertrauen konnte ich nicht fassen, obwohl nur meine Brüder und er anwesend waren, aber sie waren eigentlich zu hungrig nach dem Wissen, das sie von ihm erhalten konnten, um ihm etwas zu tun.
Worüber ich mit Amagar selbst noch ein Wörtchen zu reden hatte, war der Moment, für den er mich einfach, nunja, in Besitz nahm, in mich henein schlüpfte, meinen Körper übernahm. Ich hatte nicht einmal die richtigen Worte dafür. Jedenfalls war es weder lustig, noch angenehm, noch war ich jemand, an dem man so etwas einfach mal vorführte. Er hätte auch gut und gerne einen der drei Kerle für seine Demonstration hernehmen können, aber eigentlich, wusste ich, weshalb er mich dafür nahm – ihm war klar, dass ich nicht allzu nachtragend war und es irgendwie verstehen würde.
Ich glaubte, zu erkennen, dass er recht zufrieden war mit meiner Wahl seiner neuen Hülle und das erleichterte mich ungemein.

Was mich zunehmend beunruhigte waren die Augenblicke, in denen Amagar zu weit von mir entfernt war, als dass ich sofort hätte eingreifen können. Nicht, dass ich eine Ahnung hatte, wie ich hätte einschreiten sollen, bei einem Schemen, dennoch ließ mir der Abstand keine Ruhe. Das war genau diese Sache mit dem Beschützerinstinkt. Das war ganz anders, als bei Garvin. Ihm wär ich hier nicht eine Sekunde von der Seite gewichen, geschweige denn, dass ich ihn auch nur einen Wimpernschlag losgelassen hätte. Bei Amagar war das eher, ich weiß nicht, ich hatte verstanden, was er wollte, von Anfang an und irgendwie hatte ich das Bedürfnis, ihn zu beschützen.
Glaubst du, ich vergess dich, wenn ich einen Körper habe?

Den Bannkreis hielt ich immernoch für keine gute Idee, aber ich war sozusagen überstimmt. Und Amagar schien das Ganze nur zu amüsieren. Unser Vorhaben schien immerhin zu gelingen, zumindest tat sich etwas, wobei ich eher zwischen Hoffen und Bangen pendelte, als Sicherheit über irgendetwas zu spüren.
Was mir aber, mal abgesehen von dem Blut, das wir alle opferten, die Farbe aus den Wangen und die Kraft aus den Gliedern zog, war die Präsenz, die mit einem Male den Ort erfüllte. Und die sprechenden Statuen. Das Knirschen konnte ich noch gut ignorieren, die Worte dann kaum noch. Ich merkte, dass meine ganze Konzentration auf dem Bannkreis lag, auf Amagar – und plötzlich war sie weg durch den Schmerz, der mir ins Genick fuhr, als die Statue mich packte. Wieso ausgerechnet ich, das fragte ich mich besser gar nicht, Fakt war nur, dass ich hilflos in der steinernen Hand baumelte. Aber ich würde einen Scheiß tun und jammern und so presste ich wieder einmal meine Lippen fest aufeinander, während ich doch noch versuchte, unser Vorhaben zu fixieren. Mochten diese verdammten Statuen sonstwen suchen (wer auch immer nun Andrins sein mochte). Der Fall oder eher der Aufprall presste mir die Luft aus den Lungen und schon da war mir ganz unterbewusst klar, dass ich grün und blau sein würde am Ende des Abends, was aber viel schlimmer war, war das Verschwinden von Amagar. In meinem kurzen Anflug von Verzweiflung wurde mir nicht recht klar, dass niemand einfach so durch eine steinerne Wand verschwinden konnte und so betapste ich die Höhlenwand mit meiner blutigen Hand. Nur am Rande nahm ich noch wahr, dass die Präsenz dieser eigenartigen Wesenheiten verschwunden war, mein Fokus lag auf dem, der gerade mit ihnen verschwunden war. Erst als seine Stimme in meinem Kopf widerhallte, wie ab und an schon einmal, begriff ich, dass er uns nur geschützt hatte, sie weggelockt, wer immer sie auch waren.
Bring sie zur Vernunft wir müssen hier weg...
Der kurze Moment des Glaubens, dass meine Brüder einmal auf mich hören würden, wurde von ihrer Sturheit ziemlich schnell zerschlagen wie eine Seifenblase. So langsam ging mir das echt auf die Nerven, dass mich dort keiner ernst nahm. Das musste sich dringend ändern.
Immerhin konnte ich einen wieder auf die Beine bringen und dem anderen gut zureden, während Amagar sich selbst daran machte, den Dritten zu überreden, dass es besser war, hier ziemlich schnell zu verschwinden.
Vielleicht wurde ihnen das endlich klar, als er uns dort wegbrachte. Fortriss wär der bessere Ausdruck, aber ich war nicht undankbar dafür. Ich war froh, dass es vorbei war, auch wenn es nicht vorbei war, aber die Müdigkeit kroch mir mit einem Male in die Glieder und machte alles schwerer, als es sein sollte. Und doch konnte ich noch nicht nach hause, in mein trautes Heim. Ich musste erst sicher gehen, dass es ihm gut ging.
Ich verdanke dir alles, Mairi.
Na den Bannkreis schonmal nicht.
Es wäre vermutlich nie zu irgendwas gekommen ohne...

Ja, ohne mein Herz. Wie hatte er uns genannt? Der Wanderer, der Soldat, das fühlende Herz und der Leidende.
Ich glaube, die Brüder sind nicht so sehr davon begeistert. Von Menschlichkeit und so.
Du solltest eines nie vergessen: Menschlichkeit ist das, was Menschen.. was uns von den Tieren unterscheidet. Und es ist das Letzte, was von uns übrig bleiben wird. Mit Glück... Sie sich zu bewahren ist ein Geschenk, man muss nur wissen, wann man sie braucht und wann nicht.
Was ist mit der anderen Seele jetzt passiert?
Sie ist noch hier, gefangen. Ich habe so das Gefühl, dass ich den Körper bewahren können muss, bevor das Ende der Geschichte erreicht ist.
Das war noch nicht das Ende?
Ist meine Geschichte schon erzählt? Oder deine? Vorher ist es kein Ende.
Ja, da magst du Recht haben. Sie werden uns suchen, hm? Ich mein, dich finden sie vielleicht nicht, aber uns?
Sie suchen nicht euch. Sie suchen mich.
So einen großen Unterschied macht das ja nun nicht, hm?
Es macht einen großen Unterschied. Sie haben kein Problem mit euch.


Du weißt nicht wie schön es ist etwas zu spüren.


Doch, eine kleine Ahnung hatte ich davon. Und die würde ich nicht für alle Unsterblichkeit der Welt abgeben...
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Alte Bekannte, neue Bekannte, Vertrauen, Misstrauen, Abgestumpftheit, Emotionen, Leben, Tod und im Endeffekt und alles dazwischen

Ich wusste in den letzten Tagen nicht mehr, wo mir der Kopf stand, nur, dass er mir unglaublich weh tat. Das lag zum einen daran, dass Menschen zurückkehrten, die ich entweder gar nicht mehr auf dem Schirm hatte oder die ich noch gar nicht kannte. Alles Diener. Und bei der Vorstellung, wer noch alles wiederkehren könnte, wurde mir fast ein wenig schlecht. Ich schob zumindest das soweit beiseite, wie es eben ging und widmete meinen schmerzenden Kopf dem neuen Bekannten, dem außer mir, soweit ich das nun sehen konnte, keiner auch nur einen Hauch Vertrauen entgegen bringen wollte. Ja, zugegeben, Vertrauen war nicht das, was uns Diener eigentlich ausmachte, aber das war genau eines der Dinge, die mir die Gedanken raubten. Man musste doch zumindest soviel Rückhalt geben und bekommen, dass man nicht beim kleinsten Fehler gleich geopfert wurde.
Ich verstand ja, dass sie Amagar nicht freudetaumelnd in die Arme fielen. Aber dass sie ihn komplett auf einen blöden Fehler reduzierten, das wollte mir nicht in den Kopf. Vielleicht lag es auch schlicht und ergreifend daran, dass mir der eine Punkt in der ganzen Sache nicht gleich aufgefallen war, der die Münze zum kippen bringen konnte, denn momentan rollte sie fröhlich auf der Kante daher. Natürlich hatten sie, die Alben, die Vier, den Handel zuerst betrogen, als sie ihm alles nahmen, was einen Menschen ausmachte. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Amagar sich darauf eingelassen hatte.

Allgemein war es eher schwierig das Ganze in Worte zu fassen, was natürlich das Misstrauen meiner Brüder und Schwestern auf mich zog. Aber mal ehrlich, ich hatte keinen Schimmer, wie man jemandem wie Albertus oder Drakhon oder Yezna etwas erklärte, was mit Emotionen zu tun hatte, die nicht Hass oder Gleichkültigkeit hießen. Wie erklärte man also jemandem, der total abgestumpft war also, dass diese unglaublich traurige Leere absolut kein angemessener Tausch für ewiges Leben war? Wie erklärte man, dass man jemandem vertraute, weil man es eben tat, nach allem, was er gezeigt hatte? Am besten gar nicht. Ich hatte gesehen, dass meine Argumente auf taube Ohren gestoßen waren – und auf taube Herzen. Vielleicht hätte ich das sogar nachvollziehen können, wenn ich auf dem Stand der Anderen wäre. War ich aber nicht und so blieb mein Verständnis für ihr Unverständnis völlig aus.
Ich nahm mir jedoch vor, nicht wieder so weit zu gehen, wie beim letzten Treffen und stattdessen einfach zu schweigen, wenn es zu einer erneuten Diskussion kam. Klammheimlich hatte ich mich schon gefragt, ob man es selbst wohl merkte, wenn man besessen war, kam aber relativ schnell zu dem Schluss, dass ich es natürlich nicht war. Mein Verstand funktionierte einwandfrei. Und so vertraute ich ihm weiterhin.

Also suchte mein Verstand weiterhin fieberhaft jede Sekunde jede erdenkliche Möglichkeit, das Mögliche abzuwenden, denn es wollte mir ganz und gar nicht gefallen, dass derjenige, dem wir so viel gegeben hatten und bei dem ich mir sicher war, dass er uns eine ganze Menge zurückgeben würde, das Opfer sein konnte. Nur konnte ich mich auch nicht gegen meine Brüder und Schwestern stellen – da lag der Haken (ein hässlicher Widerhaken). Wenn sie sich also gegen ihn entschieden, würde ich nichts tun können. Also musste ich wieder vertrauen und zwar darauf, dass Kra'thor seine Diener schützte vor den Alben – und vor sich selbst.

Achja, die Alben. Ich hatte noch immer nichts über sie herausfinden können, aber ich wusste auch nicht, in welcher Ecke ich noch suchen sollte, nachdem die Bibliotheken mir nichts über die weiße Frau, den Schrat, den Silen und den Blutbrecher preisgeben wollten.
Sie hatten Amagars Spur noch nicht, so hoffte ich, befürchtete aber auch, dass sie meine hatten, seitdem sie mich in dem festen Griff hatten. Es war ein Grund mehr, mir Amagar zu sprechen. Ihm war es schließlich schon mehr als einmal gelungen, ihnen zu entkommen.
Aber vor allem ließen diese Alben auch einen Gedanken in mir wieder aufkeimen. Wenn wir Seelen nehmen, bannen, teilen, binden konnten, dann musste es doch auch einen Weg geben, sie zu schützen. Nicht vor Kra'thor selbst, aber vielleicht vor so einigem anderen...
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Marionetten sind froh, wenn der Puppenspieler nicht von ihnen verlangt, ihre eigenen Fäden zu ziehen.
(Pavel Kosorin)

Ich stand vor dem, den sie Formant nannten, eine dunkle Gestalt, die Konturen nur sichtbar durch den aufgewirbelten Staub der Schädelknochen und schwarze Augenhöhlen starrten mich an. Ich konnte mich nicht bewegen, wollte es auch nicht und starrte zurück. Unerschüttert in meinem Glauben, genau das richtige zu tun.
„Junge Lakai, berichte auch du, was du zu dieser Angelegenheit zu sagen hast.“
Mit fester Stimme, überzeugter denn je, antwortete ich auf die einzige an mich gerichtete Frage.
„Das Leben eines Bruders ist in Gefahr, bedroht durch die Vier, die Alben, so bin auch ich heute hier, um den einzig Wahren um seine Gunst, sein Urteil zu bitten und das Dasein eines der Unseren zu schützen.“
Ich begann, meine Herzschläge zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Ruckartig schoss die Hand des Formanten vor, durchdrang Haut und Fleisch und Knochen und zog genauso schnell etwas aus mir heraus.


Mit einem panischen, tiefen Atemzug erwachte ich.
Es dauerte einen Moment, bis die Panik verstrich und ich mich orientieren konnte. Ich saß an einem der Tische vor den Regalen, deren Bücher mich nicht weiter gebracht hatten. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein.
Es war nur ein Traum.
Es war nicht nur ein Traum, sondern ein Teil des letzten Abends. Nur aus einer anderen Perspektive. Wie bereitete man etwas vor, dass man weder beeinflussen, noch abwenden konnte? Ich brauchte den Rat der Älteren dringender denn je. Hier konnte ich mir keine Fehler erlauben, nicht bei dieser Sache.

Ich sehnte mich nach zu hause, obwohl ich kaum ein paar Stunden weg war. Ganz plötzlich und viel mehr als die schützenden Wände meines Heimes fehlte mir aber Garvin. Sein Pragmatismus hätte mir jetzt ganz sicher weitergeholfen und wenn nicht das, dann einfach seine feste Umarmung. Er war es, der meine Menschlichkeit bewahrte, der mich dort hielt, wo ich hingehörte. Er war es, der Tage wie diese wieder halbwegs erträglich machte, auch wenn er das selbst nicht einmal wusste. Er rückte meine dunkelgraue Welt wieder in die richtige Perspektive.
Doch konnte ich heute zu ihm gehen, wenn ich ihm wieder nicht einmal erzählen konnte, was genau mich in diese verzweifelte Stimmung gebracht hatte? Konnte ich ihm wieder zumuten, es einfach hinzunehmen? Hatte ich überhaupt Zeit, mich um mich zu kümmern?

Ich drückte so lange auf dem Schnitt in meiner Handfläche herum, bis er wieder blutete. Immerhin verfehlte das leichte Brennen seine Wirkung nicht und ließ mich meine Gedanken wieder einigermaßen ordnen und zum Wesentlichen zurückkehren.
Amagar.
Wie oft hatten wir mit ihm zusammen gesessen und waren zu keinem Ergebnis gekommen, doch in den letzten Wochen hatte sich eine Richtung abgezeichnet. Eine gute und die richtige, zumindest für mich.
Die anderen wussten nicht, wieviel er mir gegeben hatte, in ihren Augen vielleicht auch völlig wertlose Informationen. Für mich hingegen bedeuteten sie viel.
„Nimm dich vor dem Puppenspieler in Acht, einer von seinen Herolden. Du wirst ihn erkennen, wenn er da ist, er ist sadistisch. Ich bin sicher er hätte seine Freude an Seelen wie deiner.“
„Weil du nicht sadistisch bist, sondern mitfühlend.“
„Leg dir eine harte Schale zu, um das zu bewahren, was in dir ist.“
„Ich habe meine Emotionen nicht geopfert für meine Unsterblichkeit, sondern für die, die ich geliebt habe. Um ihr Leben zu schützen...“
„Wir können uns einreden, dass wir nur leben für die Macht und Stärke, um unserem Herrn bestmöglich zu dienen, doch ist es nicht das, was uns leben lässt. Man ist dem nicht gewachsen, was geschieht, wenn man seine Seele löst, tut man es mit kalter Berechnung.“
„Wenn wir unser eigenes Wesen nicht verstehen und leben, wie können wir erwarten, dass sich uns andere unterwerfen? Jeder Tote viele Bücher voller Geschichten, jeder ruhelose Geist eine tiefe Tragik. Es ist nichts, woran wir etwas ändern können, doch wir können den Hauch von Achtung
bewahren. Und niemand muss es wissen... Wir sollten uns aber ab und an fragen, warum Seelen so nahrhaft für unseren Herrn sind.“
„Es ist die Unendlichkeit dessen, was niemals war und doch hätte sein können.“
„Das liegt daran, dass du es ihnen zeigst. Du musst mit dir und deinen Taten leben können. Das heißt nicht, dass die anderen Dienern deine Gefühle teilen müssen oder von ihnen wissen müssen. Deine Stärke erwächst daraus es zu fühlen und es trotzdem zu tun. Und vor allem zeige es niemals Außenstehenden. Die Diener sind so gefürchtet, weil kaum jemand bedenkt, dass sie noch Menschen unter den Kutten sind. Trage meinetwegen zwei Masken übereinander, eine für die Welt und eine für deine Geschwister. Aber werde zu keiner.“

„Finde deinen Weg, Mairi.“


Seine Warnungen hafteten in meinem Gedächtnis. Auch sie waren ein Teil von dem, was mich stärkte. Ich war auf der Hut und vor allem lernte ich allmählich, zwar in vollem Maße zu fühlen für mich und was wichtiger war, nicht völlig offensichtlich für andere.
So protestiere ich nicht, als der Formant sich manifestierte, ich begehrte nicht auf, ich weigerte mich nicht. Ich ließ es zu, ließ es geschehen und orientierte mich an meinen älteren Geschwistern und ich antwortete ihm mit fester Stimme, als er seine Frage stellte.
„Junge Lakai, berichte auch du, was du zu dieser Angelegenheit zu sagen hast.“
Und ich ließ ihn Amagar gewaltsam aus seiner sterblichen Hülle ziehen und mit sich nehmen, obwohl alles in mir rebellierte und schrie. Ich fühlte den Schmerz in vollem Bewusstsein, ich spürte den Verlust über mich rauschen und ich ließ die Hilflosigkeit die Zweifel bringen, ob wir das richtige getan hatten.
Ich erwiderte den Blick, den mir der Schemen, der den Namen Amagar trug, zuteil werden ließ und war mir in dem Moment sicher, dass er der Einzige war, der hinter die Fassade blicken konnte.

Es lag nun nicht mehr in meiner Hand, sondern allein im Ermessen des Einen, dem wir dienten. Sein Urteil würde endgültig sein, Er ließ sich nicht umstimmen.
So blieb mir nur, seinen Richtspruch vorzubereiten.

Und so machte ich mich doch auf den Weg nach hause in meine tröstenden vier Wände zu meinem Garvin und hoffte darauf, ein paar Stunden Ruhe zu finden, bevor der Albtraum weitergehen konnte.
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 22. Mai 2014, 21:55, insgesamt 1-mal geändert.
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