Hals- und Beinbruch!

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Gast

Hals- und Beinbruch!

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Florentine Demarkes. Rotes Haar. Vorleserin. Zelle drei. Die Sache mit dem Esel.
Etwas Vorzeigbares musste es sein, das war ihr klar, seitdem Ihre Erlaucht, die Gräfin, sie mit diesem Auftrag bedacht hatte.

Grübelnd starrte Marjorie auf Ryan, den Gardisten, der ihr gegenüber Wache schob. Seine leichte Erkältung schien schon wieder besser zu sein - der eifrige Kerl suchte sich einfach immer die Torwache aus und war auch gar nicht davon abzubringen, selbst wenn die Nächte zuweilen kühler und die Tage verregnet waren. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er immer wieder die gleichen Dummheiten abliefern mochte, um das Herz der Befehlshabenden für diese zusätzliche Wachschicht zu gewinnen. Vielleicht lag es ja an der Gesellschaft - insbesondere einigen sehr freundlichen Gesellen unter ihren Kameraden wurde immer wieder der späte Dienst am Tor zuteil, weshalb auch die Feldheilerin sich nicht ungerne dazu einteilen ließ.
Aufmerksam schaute sie sich um, einmal den aus der Stadt führenden Weg entlang – so weit das die aufziehende Dunkelheit zuließ – dann den Weg über die Brücke stadteinwärts. Fast schon wähnte sie sich mit irgendeiner Katastrophe konfrontiert, die Stimmung der ganzen bisherigen Wacht war … einfach viel zu ruhig, als dass sie nicht schon mit einer heranstürmenden Horde Getwergelyns auf ihren Reitkäfern gerechnet hätte. Aber vielleicht gab es auch solche Tage.
Manchmal. Ganz selten.
Sie dachte kurz daran, was die anderen Kameraden gerade tun mochten. Eine ganze Truppe hatte gerade im Gefolge der Gräfin selbst beritten das Tor hinter sich gelassen. Nur einige wenige Gesichter hatte sie nicht erblickt, Balator, Renold, Fjalon... Da riss sie eine bekannte Stimme aus den Gedanken.

„Wohlen Abend Wachtmeisterin“, sprach eine Rothaarige.
„Temora und Reich zur Ehr, Frau Demarkes“, gab sie zurück und winkte die nach Wochen und Monaten der... nun, man mochte wohl sagen, Anwesenheit im Umkreis des Regiments allemal bekannte Gestalt freundlich durch. Die wollte sich aber zu Marjories Verwunderung gar nicht so recht weiterbewegen.
„Gibt es was zu tun für mich?“, wollte die andere wissen.
„Heute ist bisher alles ruhig. Danke der Nachfrage.“ Die Rothaarige wurde mit einem flüchtigen Lächeln bedacht, aber die Antwort hatte sie wohl noch nicht zufriedengestellt. Sie machte keine Anstalten, zu gehen.
„Ihr lasst mich wissen, wenn Ihr mich braucht? Oder muss ich mich einmal täglich melden... Oder mehrmals.“
„Natürlich, Frau Demarkes.“ Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: „Ersteres.“
„Hm“, machte die andere. „Dann ruhige Wacht, fürs Erste.“
„Allein die Nachfrage werde ich als vorbildliche Einsatzbereitschaft verbuchen“, entschied sie bei sich und sprach den Gedanken nur einen Augenblick später einfach aus. Was half es? Mit Frau Demarkes würde sie wohl, auf irgendeine Weise, recht eng zusammenarbeiten – nur schienen sie beide noch wenig Vorstellung davon zu haben, wie das aussehen sollte. Verunsichert dadurch, dass die Rothaarige mit ihrer Frage Marjories Überlegungen zu dieser Angelegenheit zuvorgekommen war, schob sie ein ganz besonders dienstbeflissenes Auftreten und höfliche Floskeln vor.
„Einen angenehmen Aufenthalt im schönen Adoran“, wünschte sie und endlich wandte sich die andere Frau zum Gehen.
Aufatmend schaute Marjorie ihr nach und fuhr fort, sich den Kopf zu zermartern.

Als Heilkundige, so hatte Ihre Erlaucht, die Gräfin, festgelegt, sollte Frau Demarkes sich im Reich und für das Reich einsetzen und so Wiedergutmachung leisten. Vier Monate lang... unter der Aufsicht und Anleitung Marjories.
Sie sollte der anderen bei ihrem Tun auf die Finger schauen, wobei sie selbst es lieber als Zusammenarbeit betrachtete. Immerhin hatte sie der Rothaarigen vertraut, bevor sie überhaupt mehr über sie und ihre Herkunft wusste. Ihre erste Begegnung... bezeichnender Weise an einem Krankenbett, war bestimmt rund ein Jahr her. Nun begann sie langsam mit ihrem Versuch einzuschätzen, wie kundig diese neue Bekannte sein mochte … aber nicht nur das wollte bedacht werden, wenn sie zusammen tätig wurden.
Es muss vorzeigbar sein. Vorzeigbar genug für Ihre Erlaucht. Sie seufzte leise. Das erschien ihr als Herausforderung vergleichbar damit, ein Schüsselchen Milch zu finden, um es einer Höllenraubkatze vorzusetzen.
Wieder kam ein Reiter heran und rief ein schallendes „Cirmias' Segen“, so dass sie blinzelnd ihre Aufmerksamkeit sammelte und sich dazu zwang, zu ihrer Aufgabe zurückzukehren. Der freundlich wirkende Mann in der Aufmachung eines Handwerkers ließ die Kontrolle am Tor gelassen über sich ergehen und passierte dann das Tor auf seinem Apfelschimmel.

Entschlossen, sich von nun an besser zu konzentrieren, rückte sie ihr Barett gerade und lenkte den Blick auf den Weg vor das Stadttor. Abwechselnd ihren Speer an sich und sich an ihren Speer anlehnend harrte sie aus und so verging die Nacht – ereignislos... einfallslos.
Ryan machte seine Sache gut und räusperte sich immer mal wieder, wenn er wohl meinte, sie sei innerlich zu weit abgedriftet. Zweimal musste er husten.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 13. Juli 2013, 10:06, insgesamt 2-mal geändert.
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Zufall reihte sich an Zufall. Ein Besuch bei Maire und Lhyam hatte sie nach Berchgard geführt. Nicht einmal eingeladen war sie gewesen und die Erinnerung ließ ihr eine verlegen brennende Wärme in die Wangen steigen. Und dennoch dachte sie schon zum wiederholten Male mit einer gewissen Freude daran zurück, hatte sie bei der Gelegenheit doch nicht nur das herzliche Paar und ihre gute Küche besser kennengelernt, sondern auch recht zufällig einen erlösenden Hinweis bekommen.

Bei der Rückreise nach Adoran hatten sie sich darüber unterhalten.
„... dass Berchgard so schön ist, fällt mir erst jetzt auf“, meinte sie beim Durchqueren des östlichen Tores, das ihr der Kamerad höflich aufhielt.
„Es hatte für mich schon immer einen ganz besonderen Charme“, erklärte darauf der bärtige blonde Hüne – das Lachen konnte Marjorie gerade noch herunterschlucken, aber die von zahllosen Stiefelsohlen abgeschliffenen Stufen der Kutsche hätten sie ganz sicher mit sich um Fassung ringen sehen. In ihrem Kopf wären einige Beschreibungen gewesen: Idyllisch, etwas verschlafen. Der nette kleine Bruder von Adoran. Aber nicht das.
Eilig ließ sich auf einen Sitzplatz fallen, als das Gefährt auch bereits los zuckelte. Auf dem Weg betrachtete sie den Kameraden neben sich. Dessen Versuch, wie ein braver Knappe auszusehen, konnte den ehemaligen rauen Seemann nicht gänzlich verstecken... und das Wort Charme war gerade aus dem Munde dieser Erscheinung eines, mit dem sie nicht gerechnet hätte.
„Etwas Wildes“, schlug sie schließlich vor. Es stimmte, dass die allgegenwärtige Ordnung in Adoran, die glatten, geraden Straßen und die prachtvollen Gebäude sie beeindruckten, so wie die Kirche oder der Palast Seiner Majestät. Die Siedlung weiter nordwestlich war da ganz anders, mitten im unbeschönigten Fels, der überall neben den Bauten und Gärten noch sein Gesicht zeigte.
„Darum bin ich auch streng genommen … Bürger von Berchgard.“ Erstaunt zog sie die Augenbrauen hoch. „Ich auch.“
„Das … wusste ich gar nicht.“ Auch er wirkte überrascht. Immerhin schwärmte sie von Adoran bei jeder sich bietenden Gelegenheit, somit sah sie sich zu einer Erklärung angehalten.
„Ich fand, ich passte dort besser hin,“ gab sie zu und hielt sich kurz an der Innenseite der Kutsche fest, als diese ruckelnd zum Halten kam und das Geklapper von Pferdehufen verstummte. Über die wackelnde kleine Treppe stieg sie hinter dem Blonden aus … der, während sie noch den Kutscher für seine Mühe entlohnte und dann Ausschau nach dem vertrauten Anblick der Adoraner Stadtmauer hielt, etwas so Hilfreiches sagte, dass sie am liebsten den Kopf gegen selbige hätte schlagen mögen:
„Menschen, die anpacken … Pragmatiker … gehören an solche Orte.“ Damit ging er auch schon voraus, so dass die junge Frau sich wieder sputete, mit den langen Schritten mitzuhalten – und doch immer einen halben hinterher zu sein schien.

Gleich am nächsten Tag hatte sie begonnen, alles einzufädeln. Und da war sie nun inmitten von etwas, das ganz allmählich vorzeigbar zu werden versprach. Mit zusammengekniffenen Augen spähte Marjorie hinüber zum benachbarten Haus. Ein Licht brannte noch. Aber sie konnte sich bei aller Neugier nicht vorstellen, hinüberzugehen.
Wird das zwangsläufig so, wenn man etwas lange nicht gehabt hat – so wie einen Nachbarn – dass es einem völlig unmöglich vorkommt und einen gleich so überfordert?, fragte sie sich und stellte das leere Wasserglas aus der Hand. Sie hatte ein Glas, sie hatte einen Tisch, und ein Haus um den Tisch herum. Allesamt erst seit Neuestem und das Ergebnis einiger sehr langer Nächte.
Sie war überzeugt, einzig und allein eine Glückssträhne habe ihr ermöglicht, ihr Vorhaben in kurzer Zeit so weit umzusetzen. Die konnte jederzeit abreißen, deswegen war Schlaf eindeutig nichts, was sie zwischen dem Möbelrücken und den diversen Besorgungen bedacht hatte. Es erfüllte sie mit Tatendrang und zugleich einer bereits halb zufriedenen Stimmung, die die Müdigkeit mit anhaltendem Erfolg fernhielt.
Zuletzt geändert von Gast am Montag 15. Juli 2013, 05:19, insgesamt 1-mal geändert.
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