*Ein weiterer Brief, der nicht in die öffentlichen Akten kommt, wird dem Hauptmann überbracht. Er scheint auffällig ein wenig länger zu sein, die Schrift ist von klarer und wenig schmuckreicher Natur und, will man den ruhigen Linien trauen, mit äußerstem Bedacht verfasst worden. Deutlich steht außen auf dem zweifach gefaltetem Brief: Hauptmann Darkan Amon.*
04. Schwalbenkunft 256
Rahal
Macht und Stärke, Hauptmann Amon.
Gewiss werden Euch schon mehrere Berichte zum Verlauf des gestrigen Abends zugesandt worden sein. Sollte dies nicht geschehen sein verzeiht mir mein Versäumnis Euch die Umstände in diesem Brief nicht nochmal erläutert zu haben und so werde ich dies nachholen.
Erst heute verfasse ich Euch dieses Schreiben, denn zuvor wollte ich mich vergewissern, dass ich keinen Irrtum begehe, wenn ich Euch auf ein Fehlverhalten von Leutnant Scarlett Lilien aufmerksam machen möchte, wie es in den Erläuterungen des zweiten Gebots unter einem "Ausnahmefall" aufgeführt wird. Mir ist bewusst, solltet Ihr entschließen, dass meine Anmerkungen zu diesem Fall aus mangelnder Weitsicht wuchsen, dass ich klaglos die Konsequenzen tragen und anschließend um Entlassung bitten werde, um meine Fähigkeiten anderweitig dem All-Einen zur Verfügung zu stellen, wo man mich nicht nötigen will meinen Bogen gegen einen Ahad zu erheben, wenn es nicht notwendig ist, und in diesem Gerangel versehentlich noch Kameraden zu verletzen. Sollte diese abgelehnt werden setze ich selbstredend meinen Dienst mit vollem Einsatz in der Reichsgarde fort.
Ich möchte mir nicht mit meiner mangelnden Erfahrung im Umgang mit hohen Würdenträgern anmaßen zu beurteilen, ob eine öffentliche Provokation eines Ahads vor der Garde und weiteren Zuschauern von Nöten war oder ob der Ahad unrechtmäßig mit einem Schlag gegen den Adjutanten seine Position vertrat - doch möchte ich mir zumuten beurteilen zu können, dass der in uns gesammelte Zorn nicht gegen jene zu lenken sei, die mit uns wider der Ketzer streiten, sondern zu sammeln und zum Wohle des Alatarischen Reiches einzusetzen sei.
Mit dem hastigen Befehl an die Garde einen Ahad vor dem Palast anzugreifen, brachte der Leutnant die Garde in eine beschämende und prekäre Situation, die anderweitig ebenso ohne das Gesicht zu verlieren aufgelöst hätte werden können. Durch ihr Verhalten bringt sie nicht nur sich und den Adjutanten in die unangenehme Situation sich für ihr Handeln vor den höchsten Würdenträgern rechtfertigen zu müssen, sondern auch alle jüngeren und unerfahrenen Mitglieder der Garde, die von der Situation überrumpelt den Befehlen Folge leisteten, namentlich genannt Provost Deavon.
So wie ich zu den allerniedrigst Rängigen der Garde gehöre und mich somit in einer für mich neuen Situation befinde, so mag es auch allen frisch Beförderten ergehen, die mit ihren Aufgaben nun verantwortungsvoller zurechtkommen müssen. Deshalb möchte ich keine Anklage aussprechen sondern die Bedenken, wie die Garde sich zukünftig in der Stadt gegenüber den Würdenträgern präsentieren oder weiterhin die Bezeichnung "Sauhaufen" tragen möchte. Zudem bin ich mir bewusst nichts über das bisherige Verhältnis zwischen der Reichsgarde und den Ahads zu wissen - so möge man mir verzeihen daher geleitet noch andere Ansichten zu vertreten.
Sollte ich mein eigenes Handeln rechtfertigen müssen, werde ich das jederzeit vor Euch tun.
Hochachtungsvoll,

Landsknecht