1. Kapitel
Nur noch einen Schritt, nur noch bis zu dem aus dem Dunkel hervortretenden Stamm, dessen Äste sich wie Arme in den verhangenen Nachthimmel streckten, nur noch den Abstand hin zur abschüssigen Wiese, die gleich hinter der kleinen Anhöhe verborgen sein musste, überbrücken… nur noch ein paar Fuß…
Die große, schmale, fast schon asketisch hagere Gestalt wankte voran, immer wieder ein wenig schlingernd, nur begleitet vom eigenen ächzenden Keuchen, als sie dem müden Körper einen weiteren Tritt auf dem unebenen Gelände abrang, ihn erbarmungslos weiter vorantrieb, weg von dem was sie wie ein nimmermüder Wolf jagte… sie immer jagen würde. Ein Wolf, der niemals, selbst in Regen und Sturm die Fährte seiner Beute verlor und den der Hass und die Wut, dass ihm ein solcher zarter Bissen entkommen war, aufrecht hielt.
Ein Stein, unsichtbar im kniehohen Gras, das die ehemals aus feinstem Hirschleder gefertigten Stiefel zu einer breiig schleimigen Masse durchweicht hatte, beendete den Kampf schlagartig und schickte den Körper unter Stöhnen mit dem Gesicht voran in die schlammige Landschaft, die sich unter den nächtlichen Halmen verborgen hielt. Beißender heißer Schmerz fuhr wie eine glühende Nadel ihr Bein hinauf und ließ die in Schatten gehüllte Gestalt aufheulen. Sich krümmend, als genügte es, aus dem ausgemergelten Körper einen schützenden Kokon zu formen, griffen zwei lange schmale Hände um den schmerzenden rechten Knöchel und gaben ihm Halt, während die bei Nacht und Nebel umherirrende Gestalt zusammengekauert liegen blieb. Modrig stinkende Nässe sickerte in die fein gesponnene Wolle des Umhangs, schwer und feucht vom Tage anhaltenden Regen, machte sich auf weichen und ein wenig zu locker sitzenden Hosen breit und bedeckte gierig das wenige an Hemdsaum, das die müde zwischen den Wolken hervor blitzenden Sterne unter dem Mantel hervor spitzen sahen. Spitzenränder, wohl ehemals blütenweiß, die ein halbes Vermögen gekostet haben mussten, hingen leblos über schmalen Handgelenken und hätten wohl die eine oder andere Geschichte zu erzählen gewusst, hätte man sie nur zu Wort kommen lassen.
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„Myra…..Myyyrraaa…. wo bist du…?“ hallte die feine helle Stimme durch den grünen, von Blumen überwucherten Garten und brach sich im Rauschen des gegen die Bäume klein wirkenden Springbrunnens, dessen Fontänen aus Kinderaugen jedoch bis in den weiten blauen Himmel reichen mussten.
„Myyyraaa…?“ Ein Junge, schmal und zerbrechlich, für seine 8 Lenze die er zählte zu klein und zu schmächtig, schob hoffnungsvoll umherblickend das störrische Grün eines unbeschnittenen wild wuchernden Busches beiseite. Als aber statt der Erwarteten eine kleine braune Amsel ihr Federkleid ausbreitete, sich in die Lüfte erhob und dabei schimpfend und keckernd ihrem Unmut über den rüden Eindringling Luft machte, wich der zu kurz geratene Kerl zurück.
„Myyyraaa…? Komm schon… ich geb auf… lass uns nach oben geh’n. Ich hab ein neues Buch mit Liedern und Geschichten ganz oben im Regal liegen seh’n… bitte Myraa…“
„Wenn Vater dich hört heimst du dir mit den Worten eine schöne Tracht Prügel ein… das weißt du oder?“
Ungleich kräftiger regnete die Mädchenstimme von oben aus dem Versteck zwischen tiefhängenden Ästen und ausuferndem Blattwerk herab. Die Baumkrone erzitterte und noch während die ersten Blätter gen Boden segelten und vom warmen Sommerwind davongetragen wurden, landete die hochgewachsene Gestalt, sicher eine ganze Handbreit größer als der Kleinere, neben dem Jungen, der Saum des Kleides aufgerissen und allerlei Geäst im hellen rotstichigen Kupferblond der hüftlangen Haare.
„Wenn Mutter dich so sieht, musst du die nächsten Wochen lang sticken bis dir die Finger bluten… das weißt du… oder?“
Der blonde Jungenschopf begann zu grinsen und mit nur einem Wimpernschlag Verzögerung sprang das Lächeln wie ein Blitz über und hob die Mundwinkel des Mädchens, zwei ungleiche Spiegel, einer goldblond, der andere wie poliertes Kupfer ein- und desselben hübschen Kindergesichts.
Zwei Lachen, eines heller als das andere, stiegen in den Himmel, als die beiden einander an der Hand packten und das Mädchen ihren Zwillingsbruder über Schleichwege zu dem angepriesenen „Buch der Lieder“ zog.
Seelenbande
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Myrielle Loewenstein
Seelenbande
Zuletzt geändert von Myrielle Loewenstein am Samstag 25. Mai 2013, 22:36, insgesamt 2-mal geändert.