"LIAAAAM!" Nelrims Stimme fegte wie ein Orkan durch die großen Hallen, für sein Alter erreichte er in solchen Zusammenhängen noch immer ungeahnte Geschwindigkeiten wenn es darum ging, dem Magus hinterherzujagen und selbst die beschwichtigenden Worte, die dumpf von oben aus dem Labor erklangen bremsten ihn nicht aus.
"Nichts passiert, wo ist die Putzfrau?"
Augenrollend presste sie die Hände auf die Ohren und erhob sich aus dem breiten Lesesessel. Das kleine Bücherchaos ungeachtet auf dem Tisch zurück lassend, schlich sie durch den offenen Bibliotheksbereich auf die Doppelschwingtüren zu. Das Geplänkel im oberen Stock war im vollen Gange und währed sie sich auf das Öffnen der Tür konzentrierte drängten sich Wortfetzen durch ihre Finger hindurch.
" .. die Topfpflanze brennt! Was..." ein leises Klicken übertönte die beiden kurz, gefolgt von einem protestierenden Knarren als sie sich einen Spalt weit öffnete. "...Pflanze? Ich dachte das war der Asch...."
"Du meine Güte..." eilig schob sie sich durch den Spalt und bewegte sich auf den Ausgang zu, diesesmal benutzte sie beide Hände um die Türen zu öffen, je schneller sie hier raus war, desto besser. Nicht desto trotz wandte sie nocheinmal den Kopf ins Innere der Akademie und holte tief Luft. "Wohlen Abend noch!"
Die Streiterei im oberen Stockwerk hielt für einen Moment die Luft an und während sie sich zur Gänze nach draußen schob wehten ihr die beiden Stimmen wieder nach.
"Wohlen Abend Mäuschen!"
"Wohlen Abend Venef.... Mäuschen!?!"
"Immer mit der Ruhe alter Freund, das... " mit einem lauten Knall flog die Tür hinter ihr ins Schloss und sperrte die Streiterei nun ins Innere. Seufzend lehnte sie sich einen Moment lang gegen die Tür, genoß die Stille des abendlichen Innenhofes.
Verrückt.... alle einfach nur verrückt....
Ganz recht... und wo wir gerade beim Thema sind....
Sie schnippte mit den Fingern und drückt sich wieder von der Tür ab, um den Weg westlich hinter das Gebäude anzutreten. Die Arme seitlich von sich streckend glich es mehr dem vorsichtigen Balancieren auf einem Drahtseil, das sie mit einer leise gesummten Melodie unterstrich während sie die letzten Sonnenstrahlen genoß, die sich wärmend auf ihr Gesicht legten und sie in dämmrig rötliches Licht tauchte.
Das aufgeladene Pentakel war bereits zu erspüren, noch bevor sie um die Ecke gebogen war, zog sie an wie die Motte das Licht. Ein energetischer Kreislauf aus gebündelten Energien türmte sich vor ihr auf und tief in seiner Mitte ruhte etwas kleines, pulsierendes, in seinem Aufladungsstadium schon beinahe für sie unsichtbar verschmolzen.
Beinahe tänzelnd umrundete sie den kleinen Ritualplatz und schlenderte auf die hohe Hecke zu, folgte dem leisen quietschen und rascheln das sich unter den grünen Blättern verbarg, wie einer Wegschnur in einer dunklen Höhle. Ein kleines Tier für einen kleinen Versuch, doch waren Tiere überhaupt geeignet? Ihre Essenz dominant genug um die ihre zu verdrängen?
Es scharrte leise als sie den Käfig aus dem Gebüch zog und ihn anhob. Ein leises, aufgeregtes Fiepen begrüßte sie und kleine Krallen schabten über das Gitter, als sich das junge Frettchen auf dem beengten Raum zu winden begann. Sie brachte etwas Abstand zwischen sich und dem gewaltigen Pentakel am Boden, zu groß war die Möglichkeit einer Überspannung während des Ladevorgangs, würde der falsche Teil des kleinen Experimentes sich daran aufladen. Erst als sie die südliche Wand der Umzäunung erreicht hatte stellte sie den Käfig auf den Boden und setzte sich daneben, knickte knisternd die Grashalme unter sich.
Einen Moment lang lauschte sie dem Gebähren des Tieres noch schweigend, wartete geduldig ab, bis sie die ersten Anzeichen erkannte, dass es sich langsam wieder beruhigte. Ein leiser, gedehnt zischender Laut verließ ihre Lippen und eine Ansammlung aus geistigen Energien legte sich um das kleine Tier, schmiegten es in eine Wolke aus wohlig warmer Sicherheit, benebelte die aufgebrachten Sinne. Wie ein sachtes Streichen verlangsamte sie die wild pulsierenden Vernetzungen, bis sie dem gemächlichen Herzschlag eines Schlafenden glichen.
Vorsichtig öffnete sie die kleine, knarrende Käfigtür und griff hinein um das schon halb schlafende Tier wie eine zerbrechliche Phiole langsam daraus hervor zu ziehen.
"Du musst mir heute Glück bringen..." vorsichtig strichen die Fingerspitzen über das glatte Fell des Kopfes in den Nacken hinab, stießen gegen das kleine zerbrechliche Gebilde, das dem Tier auf den Rücken gezurrt wurde.
Glas.... es war kein guter Kompromiss, aber ausreichend, genau wie das Testobjekt selbst. Das Prinzip musste funktionieren, die richtigen Komponenten würden folgen. Bereits jetzt war eine seltsame Irritation in der Aufladung erfühlbar, nur klein und unscheinbar, doch bedeutend genug um Zweifel hervor zu rufen. Schwankungen innerhalb des Flusses, der in ihrem Blut zirkulierte, tief eingeschlossen in der gläsernen, runden Phiole... es war beunruhigend...
... stell dich nicht so an, es ist nur ein Test...
... denke an das Prinzip...
"Funktioniere.... " einem Gebet gleich schloss sie die Augen, auch wenn sie nicht wusste wem es galt, war es doch einfach nur in die Leere entsendet. Die schlanken Finger strichen über die seltsam warme Oberfläche, schlossen sich um die Kapsel und drückten zu, bis das dünnwandige Gebilde unter der Last knackend nachgab. Sie riss beide Hände in die Höhe, als hätte sie etwas verbotenes berührt und ihr eigener Atem erklang wie ein Trommelschlag in ihren Ohren.
Die Welt wurde zähflüssig, der kleine Hauch der ausserhalb von ihr Existierte begann zu schwinden, verebbte als sich das Blut rasend schnell zersetzte, dann strich ein warmer Klang in ihre Wahrnehmung. Für einen kurzen Moment wirkte er wie ein sanftes Streichen als der kleine Splitter, der zuvor noch versteckt in ihrem Blut ruhte, sich mit ihr verknüfte, das geistige Band einfach in sich einsog. Die Welt begann sich zu drehen und ein seltsames Ziehen machte sich in ihrem Körper breit. Noch während sich die Gedanken langsam in einer tauben Wattewolke verloren, hörte sie ein lautes auffiepen. Sie fühlte sich frei, als hätte sie ihren Körper verlassen und würde die Luft um ihn herum erfüllen. Ein dumpfes Klirren drang aus weiter Entfernung noch an ihre Ohr, dann stand die Welt still...
"Venefica?" Das tätscheln ihrer Wange fiel nicht sehr zögerlich aus und riß sie unliebsam wieder aus der weichen Taubheit heraus, die sie wie eine Daunendecke umfangen hatte. Dummerweise mochte sie diese Decke und begann ihren vermeintlichen Retter anzugrummeln, was ihr jedoch ein ziemlich nerviges Schütteln einbrachte.
"Was zum...." mit einem betäubten Murmeln strich sie sich über das Gesicht, etwas klebriges blieb an ihren Fingern haften, das sie kurz ins Stocken brachte.
"Seid ihr in Ordnung?" die Stimme zog sie weiter aus der Taubheit heraus, blinzelnd versuchte sie in die Realität zurück zu kehren.
"Ich glaube ja... steht noch alles?" Die Haare fielen ihr ins Gesicht, als sie sich aufsetzte, etwas glibbriges strich über ihre Wange und sie zuckte kurz zur Seite. Behände zupfte Nelrim es schneller aus den Strähnen heraus als sie den Mund öffnen konnte und leise schmatzend klatschte etwas zwischen den Grashalmen auf.
"Das Pentakel ist verunreinigt..." sie hörte das leise Rascheln seiner Robe als er den Oberkörper zur Seite wendete um sich umzusehen. Das Pentakel hatte sich vollständig entladen, keine energetische Aufladung brachte die Luft noch zum knistern und der Ort hatte eine seltsame Ruhe gefunden. Hatte etwas die Linien unterbrochen?
"Sieht aus als wäre etwas darin geplatzt..."
Was zum....
Sie riss die Augen auf und holte tief Luft: "..Dämon!"
"Ah? Meine Achtung, der ist bis an die Türen gespritzt"
"Mein Frettchen!"
Stille umfing sie. Vermutlich versuchte er gerade diese beiden Wörter in einen brauchbaren Zusammenhang zu bringen. Dementsprechend zaghaft viel Nelrims Frage auch aus.
"Der Dämon hat das Frettchen gefressen und ist gep..."
"Neeeiiinnn" mit einem wehleidigen Seufzen ließ sie sich wieder zurück ins Gras fallen und streckte die Arme von sich. Nelrim hüllte sich in betretenes Schweigen, dann er hob er sich und strich die Robe glatt. Sie hörte nur noch das leise verständnislose Murmeln als er sich abwand und wieder auf die Eingangstüren zuschlenderte. Es klang nach Tee...
Versuch 4
Die Komponenten waren abermals ungenügend, die Aufladung beider Objekte wiesen die selben Schwankungen auf, wie die Aufladungsversuche zuvor. Auf- und Entladung waren nicht konstant, das erste lebende Testobjekt vollzog den Effekt und platzte am Zielort wie eine reife Tomate.
*Kleine Punkte durchziehen das Wachs als hätte der Schreiber nachdenklich darin herumgestochert. Etwas tiefer findet sich dann eine schwungvolle Anfügung*