Seite 1 von 1

Buchstabensammlung, Gedankensalat und Wolkendeutung

Verfasst: Mittwoch 15. Mai 2013, 18:36
von Willon Wellenknopf
Eins

Erst als er Ysaines leises, vergnügtes Lachen vernahm, erhob sich Alhwin langsam von seinem Pult in der Bank, strich sorgsam über den Einband des alten Wälzers, in welchem er gerade noch so gedankenversunken geschwelgt war und humpelte trotz des schmerzenden Beines wieder zum Eingang. Als er spähend in die Eluiviarsonne blinzelte machte Forbes, der Bankier, dem Suchspiel ein etwas verdriesliches Ende.
„Es ist wieder dieser Bengel!“, verkündete er wie eine mit so schwerer Stimme, als wolle er den nahenden Weltuntergang prophezeien – wieder einmal. Doch Alhwin kannte den Hang zum Drama seitens Forbes nur zu gut und so hoben sich eher die Mundwinkel, als seine wässrig blauen Augen nach besagtem Unglücksomen suchten. Ysanes Blickrichtung war im dabei ein wunderbarer Wegweiser und bald fand er, was das Fischermädchen so unglaublich erheiterte.
Nur wenige Schritt entfernt befand sich ein waschechter, blondlockiger Lümmel von etwa dreizehn oder vierzehn Jahren, der einen scheinbar aussichtslosen Kampf bestritt. Mit der Rechten versuchte er seine Angel so zu drehen und wenden, dass er den Fang – allen Anschein nach ein recht fetter, schwerer und störrischer Fisch – wohlbehalten an Land ziehen konnte, doch hielt er ein verwaschenes, offenbar beschriebenes Pergament in der Linken und brachte es nicht über sich, es ins matschige Schilf am Uferrand fallen zu lassen, um mit beiden Händen die Angelrute zu erfassen. Die Verrenkungen, welche das agile, schmächtige Kerlchen dabei wagte, sowie dessen mannigfaltige Gesichtsentgleisungen brachten auch den alten Buchhändler zum schmunzeln. Gelassen nickte er für sich dem Knaben zu und murmelte warmherzig leise:
„Ist recht so, Junge, halt das Briefchen fest und lass lieber dem Fisch ein längeres Leben. Nicht viele kennen den Wert des geschriebenen Wortes. Halt dein Briefchen fest...“
Er konnte ja nicht ahnen, wie Recht er damit hatte.
Den jedes selbstgeschriebene Wort war für den vermeintlichen Burschen ein weitaus größerer Kampf als der mit Angel und Pergament gewesen.

***

Brief an Olwin
15.Eluiviar 256

LIBA OLWIN,
TU WÜRST ES NICT KLAUBÄN ABA ICH HAPP AIN HAUS GEHFUNNTN.
AIN RICTIK SCHÖNÄS OPNDRAIN! AUZERTEHM IST ES IN AINA GUDN GEHGÄNT.
ICH HAPP MIA DIE LOITÄ GANNS GEHNAU ANKSEEN UNT FIEHL MIT INÄN GÄREETET.
SINT ZWA ALLÄ SÄR KLOIPIG UNT MÖCHTN DAS ICH IN DI KÜRCHÄ GE ABA S GIEPT SCHLÜMERES. MAINE BEKANDE PAST AUF MICH AUF UNT SOLCHE DUMHAITN WI ZUHAUS PASIRÄN MIA HIA NICT. ICH HAPP AINE VRAU KENENGELÄRNT DI HAILARIN IS UNT FILAICHT WERT ICH WAITA LERNÄN. ES SIT ALLÄS GUD AUS NUN IN MAINÄM LEBÄN ABA ICH VERMIS OICH SÄA.
ICH SCHIKÄ DIA MAINÄ ANSCHRÜFT IN DÜSTASEE WO ICH NUN WONÄ.
BITÄ SCHRAIP MIA. ICH KAN SCHON SCHNÄL LESÄN UNT ÜPÄ DAS SCHRAIPN WAITA.
ALSO KOMT WIDA AIN BRIF IN KÜRZÄH.
FERSCHPROCHN!

IN LIBÄ

WILL

BITE GRÜS MIA ALÄ UNT GIEP MUTA AINÄN KUS.

Verfasst: Samstag 18. Mai 2013, 11:45
von Willon Wellenknopf
Zwei

Eluviar immernoch. Eigentlich schon die zweite Hälfte des Wonnemonats und obwohl er bekannt dafür war, dass die Sonne nun ihre ganze Wärme entfaltete und so ziemlich jedes vom Winter vergraulte Pflänzchen endgültig aus der Erde lockte, saß der unmännliche Bengel nun auf der Bank vor dem Hause und fror erbärmlich. Die Kälte, die den Körper dabei so schüttelte, war ein direkter Ableger der besonderen Art Eis, welches aus dem Seeleninneren heraus drang und nicht andersherum durch die Haut in die Knochen zog. Somit müsste man gerechterweise nun gleich festhalten, dass die Sonne selber keinerlei Schuld an der Misere, des zitternden Persönchens hatte, denn selbst wenn sie die Meere zum kochen gebracht hätte, würden noch immer die bebenden Schauer vom Nacken ab durch die Wirbelsäule des Bengels ziehen.
Grund dafür lag vielmehr in einer verqueren Mischung aus sich anhäufenden, unangenehmen Begegnungen mit besonderem Nach- oder besser Beispiel und den daraus resultierenden, hässlichen Albträumen. Diese Nacht war es besonders schlimm und überdies auch noch lange gewesen. Es gibt zwar durchaus die Art grauenvolle Albträume aus welchen man mit einem Schrecken oder gar einem Schrei erwacht und ebenso sind da jene, die den Geist so emsig verstricken und so bizarr einlullen, dass man sich stundenlang nicht aus dem Geflecht herauswinden kann und alles ertragen muss. Auch in diesem Fall handelte es sich um letztere Sorte und der vermeintliche Junge war erst zu später Morgenstunde schweißgebadet erwacht. Das Haus war, abgesehen von ihm, leer und die Sonne hatte das Firmament schon recht fleißig erklommen. So beschloss er die beengenden Wände zu verlassen und hatte sich auf die Bank vors Haus, mitten in der belebenden Wärme, gesetzt – nur um zu erfahren, dass sie nicht bis in den eisklumpigen Kern im Inneren kam.
Diesen, ja diesen musste er wohl selber schmelzen und er ahnte wie...

Die ersten Anzeichen dafür, dass das Regenbogenflimmern wieder näher kam und obendrein intenstiver war, zeichneten sich eigentlich schon seit der Ankunft im Hafen Bajard deutlich ab. Da gab es Vorkommnisse, die man nicht einfach so übersehen konnte und mit jeder dieser prägenden Erfahrungen, spürte sie das Kribbeln in den Fingern, das Glitzern vor den Augen und den matten Druck hinter ihrer Stirn. Da saß sie, die Kraft welche das Flimmern mit sich brachte und sie wollte einfach nur raus.
„Befreie mich, bediene dich meiner – ENTFESSLE das Netz aus Macht, das Zaubergespinst!“
Sie wusste, dass es diese Stimme nicht gab. Keiner hatte solche Worte gesprochen, erst recht kein kleines Männchen, mitten in ihrem Kopf saß und dermaßen zischelnd flüsterte, dass es in ihren Ohren hallte. Doch genau so fühlte es sich an, immer und immerwiederkehrend.
Man konnte sich sicherlich lange blind stellen und derartig lockenden Anweisungen einiger Zeit widerstehen, doch ist es schwer die Blinde zu mimen, wenn irgendjemand einem die Augen aufreisst. Irgendjemand oder irgendetwas?
Es geschah das erste Mal beim Frau-Soffi-Vorfall in Bajard.
Der Druck schwoll an und es rauschte, nein zirpte oder piepste – alles auf einmal! Aber irgendwie schien niemand außer ihr dieses stechende Geräusch zu vernehmen und als die Feuerwesen wie aus dem Nichts ins Diesseits traten, explodierten bunte Sterne vor ihren Augen und ließen sie überfordert taumeln. Erst als der anschwellende Konflikt ihre Aufmerksamkeit halbwegs ablenkte, ließ das Gefühl und der Sternentanz nach.
Das zweite Mal aber ließ nicht lange auf sich warten und sorgte in Rahal dafür, dass wieder aus unerfindlichen Gründen ihre Welt im Netz des Regenbogens versank – sie hätte doch nur danach greifen müssen...
„Wenn wir in der nächsten Stadt sind, lass uns einen Wissensbewahrer aufsuchen. Einen Magier oder Ähnliches. Vielleicht ist es ein böser Fluch und...“ - mahnende Worte einer geliebten Person.
„Versprochen.“ - ihre eigene Antwort.
Sie erhob sich zittrig und suchte im Haus nach einem Pergament und dem verdammten Federkiel.


***

Brief an die Matriarchin der Academia Arcana
18.Eluviar 256


WERTÄ HERIN DEA WISENTEN HALEN,
MAIN NAME IS WILLON UNT ICH MUS TRINGENT MIT INÄN SCHPRÄCHN.
ES GET DABAI UM SACHÄN DI MIA WITAFARÄN UNT DI ICH MIA NICHT ERKLÄRN KAN. ICH HAPÄ BÄDÄNKN DAS ES SICH UM AINÄN FLUCH ODA ÄNLICHÄS HANTLN KAN UNT SO PRAUCH ICH OIRE HÜLFE.
ICH WERTE VERSUCHÄN OICH BAI DER AKADEMI ANZUTRÄFÄN.

IN FERZWAIFLUNG

WILLON WELLENKNOPF

Verfasst: Samstag 18. Mai 2013, 11:58
von Angelica Mondstein
Irgendwie hatte sie sich ihr Leben vor einigen Jahren noch anders vorgestellt. Anstatt ihre Zeit ausschließlich für die Erforschung der Magie zu nutzen, musste sie sich immer häufiger mit bürokratischen Vorgängen beschäftigen.

„Ein letztes Schreiben, dann gehe ich wieder an die Bücher.“ Murmelte die Matriarchin noch, als sie sich Willons Brief vornahm. Andererseits hatte sie diesen Satz heute schon vier oder fünf mal vor sich hin gesprochen.

"Was zum... wie schreibt dieser Willon? Man kann wohl scheinbar in diesem Land wenig erwarten, gerade was das Formulieren von Briefen angeht. Nunja."

Mit einem leisen Seufzen griff sie zu einer Feder und einem leeren Pergament, um ihre Antwort aufzusetzen.


  • Wissen und Weisheit, werter Willon Wolkenbruch.

    So Ihr den Wunsch hegt, an unserer Akademie Hilfe zu ersuchen, so könnt Ihr in den nächsten Tagen bei uns vorsprechen. Sobald es meine Zeit zulässt, werde ich versuchen Euch bei der Analyse Eures Problems zu unterstützen.

    Veneficus Nelrim Sternenhort wird Euch den Einlass in die Akademie gewähren.

    Hochachtungsvoll
    Matriarchin Angelica Mondstein