Eine Welt am Abgrund

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Alisande d´Ayen

Eine Welt am Abgrund

Beitrag von Alisande d´Ayen »

17. Hartung im Jahr der Göttin 249

Auf dem Webstuhl des Schicksals werden die Fäden unserer Leben zum Bild der Welt verwoben. So habt ihr es mich gelehrt, edler Rovigo. Was ihr mich nicht gelehrt habt, war die bizarre Groteske, die dieses Bild zeigt. Wenn die Weber zu Possenreissern verkommen, verkommen die Fäden zu Marionetten.

Als ich vor einigen Wochen den Fuss auf den Grund Bajard's setzte, ward mir nicht bewusst, dass dies ein bizarrer Tanz zwischen Tragik und Komödie werden sollte. Ich vermag's kaum mehr zu scheiden, edler Rovigo, ob Gerimor Narrenbühne oder Kulisse eines Tragödienspiels ist. Alles, was man sich über eine Insel der Krone, eine Insel des Glaubens, eine Insel der Tugenden erzählte, ist nicht mehr als alberner Tand. Nichts davon ist wahr.

Die Seelen hier fürchten weder Tod noch Götter, nicht Krone noch Dunkel. Selbst in der ärgsten Not, im grausamsten Kampfe noch sieht man sie schmunzeln, zumeist kalt. Alsdenn fing ich sie irgendwann an Kampfschmunzler zu heissen. Wo soll ich beginnen, edler Rovigo, im Bericht über jene Kampfschmunzler? Was soll man berichten über Seelen, die keine Fehler, keine Furcht und keine Schwächen haben?

Ich könnte über ihre übermenschlichen Fähigkeiten berichten. Ich sah, wie sich Krieger und Gardisten - im Sattel ihrer Rösser sitzend - in Windeseile eine eherne Plattenrüstung auszogen und feine Gewänder anlegten. Es verging kaum mehr Zeit als ihr zum Lesen dieses Satzes brauchen werdet. Ich mag's wohl gestehen, ich stand und starrte gebannt.

Ich könnte auch berichten, dass die Menschen hier stets nur rennen. Vor allem wenn sie ehernes Rüstzeug am Leibe tragen. Wahrlich sagenhaft müssen ihre Kräfte und ihre Geschicklichkeit sein.

Ich sah Krieger, die Waffen, Rüstzeug und Ausrüstung mit sich führten, die selbst einen der vierrädrigen Planwagen aus dem Norden zum ächzen gebracht hätten. Sie jedoch führten munter vergnügt und ohne ein Tröpflein missgünstigen Schweisses ein Arsenal mit sich, dessen ein Krämer sich stolz Eigner genannt hätte.

Ich sah Magier, die mit einem lächerlichen Schnipsen der Fingerlein die grausamsten Bestien aus dem Lied der Welt beschworen, ohne auch nur im mindesten darob zu ermüden, Kräfte einsetzen zu müssen oder irgend ein Anzeichen zu geben, dass sie der Eluive Lied formen und nutzen würden. Man könnte wahrlich meinen, mit dem Wirken von Magie ist's nicht weiter her wie mit dem atmen oder gehen.

Ich sah Krieger ohne Furcht und Tadel, die Götter und Krone leugneten und eine Gemeinschaft formten, die - von allen höflich begrüsst - in den Stätten von Göttern und Krone aus und ein gingen und dort krakeelend über ihr Leugnen von Krone und Götter berichteten. Milde lächelnd geduldet.

Und ich sah eine Stadt, die in den Wunden des Krieges sterbend und brennend darnieder gelegen ist, nur um kaum zwei Tage später in glorreicher Pracht neu errichtet wieder zu erstrahlen. Als ob kein Krieg, kein Blut ihren Grund jemals geschändet hätte. Selbst die Blümelein an den Blumenkästen der Häuser standen in voller Pracht, als ob sie seit Wochen sorgsam und vergnüglich gezogen worden wären. Allein ich nahm an, Barden und Bänkelsänger würden nun ob dieses Wunders Lieder dichten und Gelehrte würden versuchen, dies Mirakel der Schöpfung zu ergründen. Aber, weh mir, keinem schien's überhaupt aufgefallen zu sein! Allen nahmen's als Selbstverständlichkeit hin!

Oh Rovigo, in welcher Welt des Narrentums bin ich geraten? Mitunter seh ich mich um und suche nach dem Publikum, denn all dies kann nicht mehr sein als eine Darbietung von Possenreissern auf der Bühne des Lebens. Nur wo ist das Publikum? Und wann endet dies Narrenspiel?

Hier auf Gerimor ist nichts so, wie im Rest der Welt. Die Götter sind vergessen, der Glaube nutzloser Tand, Furcht und Elend sind auf ewig überwunden und die Kräfte der Menschen übersteigen alles, was ihr euch in euren kühnsten Träumen jemals werdet vorstellen können. Wenn es nicht so beklemmend wäre, es wäre wert darob Lieder zu singen.

Ich werde noch ein Weilchen hier wandeln, edler Rovigo, und verfolgen, wie hier die Grundfesten einer gesamten Welt für nichtig erklärt werden. Eine Welt am Abgrund.
Alisande d´Ayen

Beitrag von Alisande d´Ayen »

22. Hartung im Jahr der Göttin 249

Selbst Tiere und niederes Gezücht haben erkannt, dass sie stärker werden, wenn sie sich einer Ordnung fügen. Sie bilden Herden, haben Anführer, folgen gemeinsamen Pfaden.

Ihr dachtet, so würden's auch die Possenreisser Germior's halten? Weit gefehlt, edler Rovigo. Auf dieser Insel der Groteske ist nichts so, wie auf dem Rest Alathairs. Doch ich tu den zweiten Schritt vor dem ersten. Lasst mich berichten.

Wir leben in einer Welt der Götter und der Krone. Und die Legaten der Ordnung sind Ritter und Garde. Was könnte es edleres geben als einen Ritter, der sich Glaube, Tugend, Stärke verschrieben hat, um die Stärke von Krone und Reich zu wahren, zum Wohle aller Freien und Bürger.

So sollte man's meinen. Doch wahrlich, weder Krone noch Ritter scheint den Gemeinen zu kümmern. Fürwahr beides scheint im im gleichen Masse am Arsche vorüber zu gehen wie die Götter selbst. Alsdenn trug es sich heut' zu, dass eine Frau in die Schänke Bajard's trat und - sinngemäss mag ich's wieder geben - das folgende kund tat und zu wissen:

"Höret, höret, Bürger und Freie! Die Ritterschaft hat besudelt die Pfade aus Glaube, Tugenden und Stärke! Sie haben ihr temoragegebenes Recht verwirkt und sollen fürderhin nicht mehr im Ritterstand geduldet werden. Ein neuer Ritterorden soll gegründet sein, um den alten Kodex, die alten Werte wieder entstehen zu lassen. Zum Wohle des Reiches, zur Stärke der Krone!"

Nichts minder als offene Rebellion gegen Krone und Reich tat diese Frau kund! Was glaubt ihr, edler Rovigo, was geschah? Wurde sie gebunden und geknebelt? Wurde sie mit Schimpf und Schand' davon gejagt? Wurde sie des Henkers richtendem Beil überstellt? Nichts dergleichen geschah!

Einer der Gäste meinte, die alte Schnepfe solle schweigen und die Tür zu machen, weil es kalt würde.
Eine meinte, die Ritter hätten ihr ohnehin nichts zu sagen, daher ist's ihr einerlei, was die Ritter recht oder fehl tun.
Einer meinte, er möge nicht beim saufen und betatschen seiner Hure gestört werden.
Alle anderen nahmen dies Aufbegehren gegen Krone und Reich gleichmütig dahin, schwatzten und plauderten weiter und waren sich selbst genug.

Dies, edler Rovigo, ist das wahre Antlitz Gerimor's. Nicht trefflicher hätt' ich das Geschwür dieser Insel beschreiben können, als es sich im Verhalten jener Leute in der Schänke zeigte. Für sie gibt's weder Götter noch Dunkel, weder Ordnung noch Furcht. Und in dieser Erkenntnis, edler Rovigo, mag ich sie unter das niederste Vieh stellen. Denn selbst das niederste Vieh vermag sich in eine Ordnung zu fügen und dadurch zu überleben. Jene Kampfschmunzler jedoch glauben an nichts. Und sind darob schon längst verloren.
Alisande d´Ayen

Beitrag von Alisande d´Ayen »

23. Hartung im Jahr der Göttin 249

Je weiter mich meine Pfade auf dieser seltsamen Insel tragen, desto beklemmender wird mir diese Welt. Ihr erinnert euch, edler Rovigo, wie ich euch davon berichtete, dass es auf dieser Insel nur Seelen gibt, die weder Tod noch Götter fürchten?

Noch etwas ist ihnen gemeinsam. Und als ich dies erkannte, wuchs in mir der Verdacht, die Insel könnte unter einem grausamen Fluch gefangen sein. Keiner der hier lebenden scheint viel älter als 20 Winter zu sein.

Fürwahr, edler Rovigo, so ist's. Es gibt hier keine Alten und keine Gebrechlichen. Mehr noch. Es gibt auch keine kleinen und keine hässlichen! Ist's ein Wunder oder ein Fluch? Oder vielleicht - wie so oft - beides zugleich? Doch lasst mich berichten, edler Rovigo.

Alle Weibsbilder hier sind um die 20 Winter alt, haben legendäre, üppige Brüste, wallendes Haar, sternklare Augen, pralle Ärsche, feinst geschwungene Lippen, mädchenhafte Unberührtheit gepaart mit der kundigen Waffenhand alter Krieger, hinreissendes Lächeln (meist schüchtern) aus süssen Schmollmündern und das zierlich anmutige Gehabe von Adligen. Selbst jene die dem Kriegshandwerk dienen und mit schwersten Waffen zu Gange sind, scheinen so zierlich zerbrechlich zu sein wie die filigranen Feen aus den Geschichten meiner Kindheit. Und jene, die dem derben Schmiedehandwerk dienen, sind die zierlichsten und possierlichsten unter ihnen allen! Ein Mirakel!

Gleiches gibt es über die Mannsbilder zu sagen. Der eine scheint den anderen noch an Grösse übertreffen zu wollen. 2 Schritt und mehr sind keine Seltenheit mehr. Gleiches gilt für ihre stattliche Statur. Das Kreuz eines Ochsen, die Muskeln eines Schmieds, der verwegen ernste Blick eines Helden aus den alten Sagen, der stahlblaue Blick, der einen vor atemloser Bewunderung erstarren lassen soll und das kantige Gesicht geziert von ein paar dekorativen Närbchen - natürlich nicht zu grosse und nicht zu viele, gerade genug, um dekoratives Beiwerk zu sein. Unfassbar, was diese Insel zu vollbringen vermag.

Wahrlich, edler Rovigo, wenn man nur ein Weilchen durch die Städte und die Auen wandert, wird einem Angst und Bang. Denn bei all diesen unbeschreiblichen Schönheiten und den hünenhaften Recken meint man, sich in in einem Sagenbuch zu bewegen: um einen herum lauter Abziehbildchen.
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