Ein Königreich für einen Bogen/Ein Bogen für ein Königreich

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Naniel Finion

Ein Königreich für einen Bogen/Ein Bogen für ein Königreich

Beitrag von Naniel Finion »

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Naniel presste sich mit angehaltenem Atem in den Sattel des Regimentspferdes. Ihre Nerven waren angesichts des Anblicks der sich ihr bot zum zerreissen angespannt und all ihre Sinne arbeiteten mit zehnfacher Schärfe. Sie hatte Angst. Angst wie niemals zuvor in ihrem Leben. Vor ihr war ein grollender Sturm losgebrochen. Der Boden unter ihr zitterte und bebte als wäre ein Ruck durch das Erdreich gegangen. Immer wieder tauchten grell aufzuckende Blitze die Szenerie in unwirkliches Licht und was unscharf schon furchterregend schien, ihr der Wirklichkeit aber leicht entrissen vorkam, gewann plötzlich an Schärfe und drang ihr durch Mark und Bein. Die toten Steine der Stadt die unweit vor ihnen lag wäre mit Sicherheit auch ohne das Grauen das aus ihrem Inneren auf die bereits Kämpfenden einstürmte, oder sich einfach mitten unter ihnen erhob, ein unwirtlicher, wenn nicht zutiefst erschreckender Anblick gewesen.

Was einst eine geschäftige Stadt im Schutze einer Mauer und umringt von kleinen Höfen gewesen zu sein schien musste vor vielleicht einer guten Unendlichkeit der Vernichtung durch Feuer zum Opfer gefallen sein. Übersäht von den Spuren eines unlängst vergangenen Kampfes schien dieser unheilige Ort, oder vielmehr, dieses verfluchte Grab, aber nie zur Ruhe gekommen zu sein und die Stadt der Toten spieh seine Bewohner den kämpfenden Truppen geradezu entgegen. Wo sie nicht über die halb verfallene Brücke kamen, brachen die blanken Knochen zu allen Stellen aus dem gefrohrenen Boden, stumpfe, verrostete Äxte und Schwerter oder halb verfallene Bögen in den skelettenen Händen, die wie ihre Träger selbst nur durch eine unnatürliche Art von Bosheit zusammengehalten wurden um ihren seelenlosen Dienst zu verrichten.

Naniel fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen, die vor lauter Aufregung ganz trocken geworden waren. Ihr Herz hämmerte so laut das man es noch über das Kampfgeschrei hinweg hören musste und ihre Hände und Knie zitterten so stark das sie fast glaubens war, das Beben des Bodens wäre ihr Verschulden. Weder gegen das eine noch gegen das andere konnte sie etwas tun und dabei war sie alles andere als ein Feigling aber der Anblick der sich ihr bot hätte wohl jeden, der ihm zum ersten Mal ausgesetzt war an den Rand der Panik getrieben.

"Rekrutin ihr bleibt bei mir!" Drang der alarmierte Befehl des Oberleutnants herüber zu Naniel. Sie hatte ihre gute Mühe damit ab zu sitzen ohne gleich im Gras zu landen denn die Kettenrüstung die sie trug war eigentlich zu schwer für schmale Schultern die das Gewicht nicht gewohnt waren. Bis vor ein paar Stunde hätte sie nicht geglaubt damit auch nur ein paar Schritte gehn zu können. Wie sie auf das Pferd gekommen war, war ihr schleierhaft. Jetzt schickte sie es mit einem Klaps in Richtung Waldrand, sah ihm aber nicht nach denn dazu blieb keine Zeit. Mit schnellen Schritten war sie hinter ihrer Vorgesetzten her, wusste oder befürchtete insgeheim jedoch dass sie sie in diesem heillosen Durcheinander früher oder später aus den Augen verlieren würde.

Unter jedem ihrer Schritte knackte und knirschte der Boden als liefen sie über sprödes Holz. Tatsächlich aber waren es morsche Gebeine die man in den Staub zurück getreten hatte. Die Luft war durchzogen von Nebelschwaden die zuckende, magische Entladungen in die eiskalte Winterluft gebrannt hatten und auf die schnell kleiner werdende Distanz zum Hauptgeschehen des Gefechtes glaubte sie zwischen den erbittert gegeneinander kämpfenden Fronten dunkle Schemen mit ausgefransten Konturen erkennen zu können. Ein Klagen und Heulen ging durch die Reihen und im Tosen aufeinanderprallender Schwerter, surrender Pfeile und knisternder Magie unter.

Seit dem späten Nachmittag gehörte Naniel ebenfalls zu den Bogenschützen des Regiments. Erst ein paar Stunden vor Aufbruch hatte sie ihre Unterschrift unter den Vertrag gesetzt. Sie hatte ihre Ausrüstung bekommen und sich freiwillig der 'Jagd' angeschlossen. Das dieses Gefecht aber in einen Krieg zwischen Menschen, Elfen, Zwergen und etwas Unaussprechlichem ausarten würde hatte ihr Niemand gesagt und vielleicht hatte es auch keiner so recht gewusst.

Naniel bekam Anweisung eine gesunde Distanz zum Kampfgeschehen ein zu halten und dann war es auch schon passiert. Gerade schienen sich die Reihen der Feinde etwas gelichtet zu haben da zitterte der Boden unter ihren Füßen von neuem auf als ginge ein tiefes, bebendes Grollen durch das Erdreich. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren, da brachen, wie aus dem Nichts zwei gigantische Schatten in die Reihen der Kämpfenden ein. Naniel brauchte mehr als einen Blick und hatte ihre Mühe damit das was da jetzt vor ihnen ausbrach als das zu bezeichnen was es war, obwohl sie im Grunde sehr gut wusste, womit sie es zu tun hatten. Mit Drachen.

Die Dinger da vor ihnen waren zwei gigantische, fleischlose, tobende Drachen. Jetzt hatte sie wirklich allen Grund Angst zu haben. Naniels Herz begann wie rasend zu klopfen als sie sah wie sich eines der Geschöpfe zu seiner ganzen, gewaltigen Größe von mehr als vier Metern aufrichtete. Dazu war er, dank des Schwanzes, der aus einer Anreihung, anfänglich sicher armdicker Knochen bestand die zum Ende hin schlanker wurden mindestens eineinhalb Mal so lang. Seitlich des gewaltigen Schädels krümmten sich spitze Knochen nach aussen, oben auf zwei imposante, leicht gewundene Hörner.

Im heillosen Chaos hatten die Männer und Frauen versucht sich neu zu formieren. Der Großteil der Streiter konzentrierte sich jetzt auf die Drachen, aber auch ringsum wurde gegen die zwar kleiner, aber nicht verebben wollende Anzahl an Schemen, halb verwesten und noch verfaulenden Hexern, blanken Skeletten und allem anderen namenlosen gekämpft. Wohin Naniel auch blickte, in keinem der Gesichter konnte sie den Schrecken lesen der ihr so tief in den Gliedern saß und ihr wurde bewusst das sie einen solchen Anblick durchaus gewohnt waren. Aber auch Naniel löste sich wieder aus ihrer Starre und bald hetzte das Adrenalin durch ihren Körper und sie schickte den ersten Pfeil seid einer guten Ewigkeit von der Sehne, einem Gegner entgegen der weder Fleisch noch ein Herz besaß.

Immer wieder war sie gezwungen ihre Position und ihr Ziel zu wechseln wenn der Boden in ihrer Nähe aufbrach oder eines der blanken Gerippe in ihre Richtung torkelte. Mit dem Kettenhemd am Leib viel ihr das reichlich schwer und so strauchelte sie ein ums andere Mal über die Überreste blanker Knochen. Trotzdem fanden ihre Pfeile immer wieder ihr Ziel und trafen wo sie eigentlich nicht treffen durften. Wie sollte man Jemanden auch töten der nicht bluten konnte? Es war ihr egal. Dankbar nahm sie hin wie ihre Feinde wieder in sich zusammen fielen oder sich in Luft auflösten. Überall schlug und hackte man, lag ein Impuls von Magie in der Luft.

Während die Kämpfe ringsum ein Ende fanden war bereits einer der gigantischen Drachen, donnernd zu Boden gegangen. Staub wirbelte in der Luft, die jetzt nurnoch von den unwirklichen, spitzen Schreien des Monstrums und denen seiner Widersacher durchdrungen wurde. Naniel konnte von ihrer Position aus nicht sehen wer unter den Kriegern, Paladinen oder Rittern tatsächlich an forderster Front stand um der wilden, tobenden Wut der Kreatur zu trotzden und sie zurück zu drängen aber sie wollte nicht tauschen. Einen letzten Pfeil konnte sie von der Sehne schicken, wenig später aber erzitterte der Boden unter dem Gewicht der Gebeine die auf ihn herab und in sich zusammenstürzten.

Durch den Nebel hindurch flirrte in magischem Blau eine Art von Barierre vor der Zugbrücke die in die Stadt führte. Lodernde, zarte Flammen, matt und kraftlos aber. Im Schutze der umstehenden Kämpfer begannen die Priester, vor diesem flimmernden Wall ihre Gebete zu sprechen und Naniel erkannte wie das unwirkliche Aufzucken des Musters kräftiger wurde. Dann brach ein Schrei den eben erst eingekehrten, zerbrechlichen Frieden. Von Süden drang das Gebell zu ihnen herüber. "Rahaler!" Augenblicke später nur, waren viele von ihnen in ein neues, dafür aber sehr viel kürzeres Gefecht verwickelt von dem Naniel, auf den hinteren Rängen, kaum etwas mitbekam. Ein herrenloses Pferd, das seinen Reiter verloren oder abgeworfen hatte, türmte in die umliegenden Wälder.

Nachdem sich die Streiter des Regiments wieder gesammelt hatten, aufgesattelt und in Reih und Glied, Naniel unter ihnen, sprach sie Jemand von ihrer linken Seite her an. Später erinnerte sie sich kaum mehr, aber sie glaubte er hatte gesagt sie solle sich auf ihre Gefährten stützen. Dann teilte er ein Stück Brot und reichte es ihr. Naniel gab es nach rechts weiter, ihr war nicht danach etwas zu essen. "Ich bin schon froh wenn ich sie nicht mit meinen Pfeilen treffe". Antwortete sie und tatsächlich war ihr oft im wortwörtlich letzten Augenblick Jemand aus den eigenen Reihen vor die Schusslinie gerannt. Trotz, oder vielleicht wegen des Adrenalins das noch immer durch ihren Körper raste und sich wand wie ein Strom aus Feuer, zitterte sie am ganzen Leib. Da riss der Mann sein Medaillion von seinem Hals und reichte es Naniel. Es zeigte einen schwarzen Panther und war von sicher meisterlicher Handwerkskunst.

Naniel hatte nicht viel Zeit sich zu bedanken. Sie hatte auch keine Zeit zu fragen was es damit auf sich hatte denn sie machten sich auf den Weg zum nächsten der Tore der Stadt der Ruhelosen. Dort erwartete sie ein neues Gefecht, neue Abscheulichkeiten und noch mehr Untote die sich zwischen ihnen aus dem Erdboden erhoben oder über die halb verfallene Brücke des Südtores auf sie einstürmten. Irgendwann, kurz vor Ende allen Kampfes, als sie kaum noch ihre Arme heben, und jedes Spannen ihres Boges ihr die Tränen in die Augen trieb, traf sie etwas Hartes auf den Hinterkopf und Dunkelheit umfing sie. Was der Panther auf dem Amulett bedeutete, sollte sie erst ein paar Stunden später erfahren.
Zuletzt geändert von Naniel Finion am Mittwoch 13. Februar 2013, 21:45, insgesamt 2-mal geändert.
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Etwas an dieser Stadt ist falsch. Der Gedanke schien von der leeren Straße über ihren Blick in ihren Kopf zu kriechen und hatte sich schon nach wenigen Momenten festgesetzt wie eine Zecke. Sie war leer und tot und die Schritte die manchmal hell klackernd, manchmal schlurfend vom Pflasterstein hallten so selten das sie nicht erwähnenswert waren. Ausserdem herrschte eine seelenlose Kälte aber das lag natürlich nicht an der Stadt - oder doch?

Ein eisiger Wind peitschte ihr von der See her ins Gesicht und stahl sich Wärme suchend in das Metall ihrer Rüstung. Allein das Gambeson schützte sie davor im Stehen zu erfrieren aber nichts davor, vor Langeweile zu sterben. Die Luft war geschwängert vom Geruch nach Fisch und Salz während die flackernden Lichter der Laternen, die spärlich die Umgebung erhellten, im Wind schaukelten um wenigstens etwas Leben in die trostlose Szenerie zu bringen. Während des Tanzes den sie aufführten quietschten sie kläglich zur Symphonie der rauschenden Wellen die sich an den Docks brachen.

Winterschlaf... Dachte sie bei sich während ihr Blick sich in Richtung des schwarzen Wassers verlor in das die Sichel des Mondes gefallen war. Sie trat an einen der Stege an dessen Ende eines der kleineren Handelsschiffe angedockt hatte das manchmal auch Passagiere in die Stadt brachte oder von ihr fort. Seine besten Tage hatte es, wie sich selbst im trüben, wankenden Laternenschein erkennen lies, längst hinter sich gelassen. Trotzdem war es noch recht gut in Schuss, soweit sie das beurteilen konnte. Jetzt lag es schlafend da und die Wellen stießen die Flanke des Kahns in regelmäßigen Abständen dumpf gegen die Planken des Steges. Noch ein Geräusch mehr das in die Nacht hinein raunte.

Es war, wie schon erwähnt, nicht so das ihr übermäßig warm gewesen wäre, trotzdem genoß sie den Schauer der kühlen Gischt der ihr aufs Gesicht regnete. Nur einen Moment die Augen schließen - nicht einschlafen. Noch zwei Stunden dann hast dus geschafft. Während die flüssigen, winzigen Perlen ihre Haut benetzten lauscht sie, suchet nach Etwas dessen Klangfarbe nicht zum vertrauten, nächtlichen Lied des Hafens gehörte.

Aber als die Symphonie im Hintergrund ihres Bewusstseins verstummte blieb nichts. Es war totenstill. Selbst einen Streichholzkopf hätte man fallen hören. Insgeheim empfand sie Enttäuschung, aber die hatte bestimmt nichts mit gesunden Menschenverstand zu tun. Sie hatte sich sowieso nur für die Nachtschicht einteilen lassen um dem Unbehagen zu trotzden das ihr seit der Schlacht vor Varuna im Nacken saß.

In den ersten Zeit danach hatte sie regelmäßig eine Kerze in die Nacht hineinbrennen lassen, aus Angst vor der Dunkelheit - wie ein kleines Kind. Jedes Knarren der Dielen eine Bedrohung die aus ihren Erinnerungen herauskroch und ins Gesicht des heulenden Windes wenn er durchs Gebälg fuhr eine entstellte, grausige Fratze malte. Der Entschluss hatte die Furcht in die Kinderschuhe zurückgezwungen. Wenn ihr wirklich einmal etwas so alptraumhaftes auflauern sollte dann wollte sie ihm wenigstens nicht in Unterwäsche gegenübertreten - lächerlich.

Sie verlies den Rand des Steges wieder. Über der Stadt hatten sich dunkel dreinblickende, schwere Wolken zusammengezogen. Entweder würde es gleich regnen oder schnein also suchte sie Schutz unter dem Vorsprung des Lagerhausdaches. Von dort hatte sie den größten Teil des Hafengeländes im Blick, jedenfalls was die Docks anging. Zwischendurch drehte sie eine Runde um die Kälte aus den Gliedern zu vertreiben aber die hatte sie erst vor ein paar Minuten hinter sich gebracht.

Noch in das Geschehen um Varuna verstrickt schlichen ihre Gedanken um das Medaillion das ihr der Fremde gegeben hatte. Blind für Farben, Schreie und Gesichter hatte sie ihn für einen der ihren gehalten. Mitlerweile dachte sie nicht mehr darüber nach was ihm Anlass dazu gegeben haben könnte ihr Mut zuzusprechen, sie würde es nie erfahren.

Die Meinungen der Anderen waren eindeutiger - er hatte sie verhexen wollen. Für sie hörte sich das nicht schlüssig an. Das sie mit ihren Pfeilen auf viele Fuß sicher ins Schwarze getroffen hatte war vier Jahre her und vor dieser Schlacht hatte sie seid Monaten keinen Bogen in der Hand gehalten. Sie wäre für diesen Mann nicht von Wert gewesen und das hatte er gewusst.

Für das Regiment war die Sache beendet nachdem sie einem der Priester der Temora ein Medaillion mit einem Panther überließ das nicht ganz so ausgefallen war wie das Orignial. Ihr offizielles Leben - eine kalte Wüste aus Schwarz und Weiß. Hinter den verschlossenen Türen, den unausgesprochenen Worten, der Zurückhaltung, Ergebenheit, Demut, dem stummen Nicken - die eigenen Wahrheiten. Naniel würde deshalb keine Diskussion anfangen, so naiv war sie nicht.

Ich werde die Welt nie im Großen verändern... aber sie mich auch nicht.
Zuletzt geändert von Naniel Finion am Samstag 23. Februar 2013, 11:17, insgesamt 1-mal geändert.
Naniel Finion

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Vor ihrem Fenster fielen unzählige der kalten, zu kleinen Watteflocken verstrickten Eiskristalle und sie malten alles in Weiß. Unlängst lag auf den starken Ästen der kahlen Bäume ein helles Kleid aus weichem Flaum und die dünneren Zweige waren ganz vom gefrohrenen Nass umschlossen. Milliarden kleinster Diamanten lagen zwischen all dem Schnee, funkelten und glitzerten betörend sanft im Licht der Laternen und des Mondes der zwischen den aufgerissenen schweren Wolkenfetzen hindurchschien. Überall legte er ein gedämpftes Leuchten auf den hellen Teppich der sich über die Welt ausgebreitet hatte so das es selbst dort nicht ganz dunkel war wo es keine Wege und kein Feuer gab das in die Nacht hinein gebrannt hätte. Die Glasscheiben waren umrandet mit durchscheinenden Sternen und Blumen aus Wasser und im Raum war es kühl, aber nicht so kalt wie draussen.

Eben noch hatte sie vor der Herberge ausgeharrt, nur wenige Minuten nachdem sie die Kälte verflucht hatte um dann doch wie gebannt in das seidige, unwirkliche Flüstern zu lauschen das vom Himmel her auf sie herunterfiel. Im weichen, lockigen Haar schmolzen die letzten Kristalle zu gläsernen Tropfen und sowohl die Wangen als auch die Nasenspitze waren gerötet. Vom Bett glitt ihr Blick zu den Fenstern. Dort saß sie geraden, ein wenig in sich zusammen gesunken, zwischen den schlanken Fingern der femininen Hände ein Medaillion. Auf den jungen Zügen fand sich aber nur ein unbestimmter Ausdruck so das es schwer gewesen wäre zu sagen was in ihr vor sich ging.

Ich suche etwas... Hörte sie sich sagen. Aber sie sprach die Worte nicht aus, sie dachte sie nur. Es war ein rastloser Blick den sie durch den Raum schickte und für ihre Jugend wirkte sie viel zu ernst dabei. Das spärliche Mobiliar das zur Einrichtung des Zimmers gehörte war in einwandfreiem Zustand. Nicht edel und nicht übermäßig mit Verzierungen geschmückt aber es wirkte nicht ärmlich. Es war ein großes, weiches Bett auf dem sie saß, überworfen mit einer bestickten Tagesdecke. Daneben ein kleiner Nachtschrank auf dem eine Kerze stand die mal aufzüngelnd mal sich duckend die Schatten an den Wänden tanzen lies.

An der gegenüberliegenden Seite des Zimmers fand sich ein Tisch mit Waschschüssel, Handtuch und einer Porzellankaraffe und für ein wenig Grün sorgte die ein oder andere Pflanze. Den größten Teil der Holzdielen verdeckte ein schwerer Fransenteppich. Im angrenzenden Raum der zu ihrer Unterkunft gehörte standen ein Schreibtisch und eine Sitzgruppe. Letztere ihrer Meinung nach völlig überflüssig. Aber das war jetzt nicht wichtig denn...

Ich stehe in einer Wüste aus Sand und sie reicht so weit ich sehen kann. Auf mich herab brennt die Sonne und doch spüre ich die unerbittliche Hitze nicht die das Leben hier verbrannt und vernichtet hat. Hier ist nichts ausser ihm und ich weiß das er sich nähert ohne mich je erreichen zu können denn ich gehe diesen einen Schritt nicht den er braucht. Ich kann ihn sehn... den Wolf. Seine schwarze Silouette in der flirrenden Luft die vom heißen Wüstenboden aufsteigt. Er jagd mich, seine Augen verraten ihn wie die Wolke aus heißem Staub die ihm folgt. Ich liebe seine Augen... aber ich wage es nicht. Seine Leidenschaft wird mich verbrennen.

In meinem Rücken sitzt sein Bruder, nur eine Elle von mir entfernt. Aber er hat sich von mir abgewandt. Was bedeutet das?


Ein Kratzen und Scharren riss sie aus ihren Gedanken. Naniels Augen glänzten vor Müdigkeit aber jetzt bekam sie eine Gänsehaut. Es erinnerte an die Gerüchte die man sich in Bajard zuraunte. Ausserdem entsann sie sich das es nicht zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Sie hatte es schonmal gehört. Erst vor einer halben Stunde etwa als sie durch die Dunkelheit der Herberge die Treppe hinauf in ihr Zimmer geschlichen war. Es war nur gedämpfter weil es von unten kam. Mit der Hand fuhr sie sich durchs lockige Haar wie mit einem Kamm und lauschte. Bald darauf drückte sie sich von der weichen Matratze hoch und schlich über die knarrenden Dielen ins Nebenzimmer um vor ihrer Tür stehn zu bleiben.

Sie wartete einen Moment verlies dann aber den Raum und trat um das Geländer herum zu den Stufen die ins schummrige Ergeschoss führten in dem gerade eine einzige Laterne brannte zu dieser gottlosen Stunde. Aber hier war das Geräusch schon deutlicher zu hören und es klang tatsächlich nach einem Scharren wie von scharfen Krallen auf Holz und dazwischen soetwas wie ein grollendes, tiefes Murren. Naniel zögerte erst, ging dann aber wie ein Dieb zurück in ihr Zimmer um sich ihren Mantel zu holen. Auf dem Weg nach unten zog sie ihn über, blieb im Eingangsbereich aber zum wiederholten Male stehn und horchte. Jetzt wurde deutlich das es aus einem der beiden Zimmer kam denen sie gegenüberstand. Dumm nur das sie nicht durch Holz sehn konnte. Aber das war ja kein Hinternis immerhin hatten die Räumlichkeiten Fenster.

Ihre Schritte knirrschten im Schnee der dicht und gedrängt zu ihren Füßen lag und zugleich vom Himmel her auf sie herabfiel. Wenn es Morgen regnete würden die Straßen wo sie nicht aus Pflasterstein waren wieder zu einem schlammigen Morast werden.

Vor dem ersten Fenster der Südostwand, an der ein paar Schritte weiter zu ihrer rechten die Hauptstraße, die in die Stadt führte, verlief und die im Schatten der Hausecke lag wohin das Laternenlicht nicht reichte, blieb sie stehn. Gerade hatte sie noch gefröstelt aber als ihr Blick auf die Gestalt hinter dem Glas traf erstarrte sie im Bruchteil einer Sekunde zur Salzsäule. Das darf doch nicht wahr sein... Selbst wenn sie die Worte laut ausgesprochen hätte, hätte sie im Moment nicht den Atem gehabt der notwendig gewesen wäre um sie verständlich über die Lippen zu bringen. Sie spürte die Kälte nicht mehr die allem was da war aufdringlich zu Leibe rückte und trotzdem fing sie jetzt noch deutlicher als zuvor an zu zittern. Die Situation war geradezu grotesk.

Nur einen Meter von ihr entfernt, getrennt durch die Hauswand und eine Glasscheibe, saß eine schwarze, elegante, riesenhafte Raubkatze. Auf sie fiel gerade soviel Licht das sie sich aus der dahinter liegenden Dunkelheit des Raumes hervorhob - und ihre gelben, animalischen Augen starrten sie an. Naniel blieb, wie betäubt, eine gefühlte Ewigkeit nichts übrig als zurück zu starren. Ungläubig und mit einer ungeheuerlichen Angst im Nacken die ihr irgendewas zuzuraunen schien das nicht bis zu ihrem Bewusstsein hindurchdrang. Ohne es bemerkt zu haben, hatte sie eine ganze Weile den Atem angehalten, aber jetzt fand er über ihre Lippen und als die Wärme der Kälte des Glases zu nahe kam beschlug sie umgehend.

Das Bild verschwamm vor ihren Augen und die Dunkelheit mit der Dunkelheit. Dann löste sie sich aprupt aus ihrer Starre, wich einen Schritt zurück und entfernte sich vom Fenster. Mit dem Rücken zur Hauswand blieb sie stehn, die hellblauen Augen unbewegt in die Nacht gerichtet. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust während die Unruhe ihres Atems in der winterlichen Luft zu feinem Nebel kondensierte. Sie hatte gerade ihr erstes Gespenst gesehn.
Zuletzt geändert von Naniel Finion am Montag 25. Februar 2013, 19:59, insgesamt 1-mal geändert.
Naniel Finion

Beitrag von Naniel Finion »

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Der Tag saß seine Zeit ereignislos ab während Naniel ihm wenig begeistert dabei zusah. Am Morgen hatte sie einen weiteren Blick durch das Fenster riskiert und wie sich erwartungsgemäß herausstellte war die Unruhe die dafür sorgte das sich etwas in ihrer Magengegend wie zu einem festen Klumpen zusammenzog unberechtigt. Naniels Gespenst war fort. Aber das Bild das sich wie fokusierte Sonnenstrahlen in ihren Kopf gebrannt hatte hallte noch nach wie das tobende Grollen einer Lawine die bei Nacht ins Tal ging und die Ruhe zerbrach um am nächsten Tag das Bild der Landschaft als etwas verändert dar zu stellen.

So sah man die junge Schützin die noch immer einer neuen, unbestimmten Farbe glich für einen Jeden in der Stadt bei frühem Tagesanbruch als die ersten zarten Lichtstrahlen über die Dächer fielen gedankenverloren und in sich gekehrt wie ein versiegeltes Buch über das Pflaster und durch die Gassen der Straßen schlendern. Wie ein Streuner den lediglich Rastlosigkeit vorantrieb. Sie hatte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben und die winternahen, hellblauen Augen die ganz gut zu dieser eisigen, verschneiten Welt passten fortwährend auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet. Es ging auch nur darum ein paar Schritte zu gehn und das eben nicht nur um die Kälte aus den Gliedern zu vertreiben die ihr Tag für Tag etwas mehr zusetzte.

Sie fand in alle Ritzen und in jede Spalte der feuerlosen Herberge um wie ein gieriger Vampir auch noch den letzten kümmerlichen Rest Wärme aus ihr heraus zu saugen. Die Schneekönigin schien ihr dieses Jahr viel zu streng und hartnäckig zu sein. Wäre das Wetter nicht so launisch in seiner Gestalt um neben all dem flockige Weiß, das ebenso schön wie tödlich war, auch Mal den Regen zum Zuge kommen zu lassen, die Welt wäre der wärmescheuen Königin ein kristallener Eispalast. Ein heißes Bad...

Früher hatte sie die Möglichkeit gehabt nach Lust und Laune jeden Tag das warme, weiche Nass auf der nackten Haut zu spüren. Wie einfach lies es sich da träumen. Aber das war unendlich lange her... doch erst vor einem Augenblick... Ihre Laune war so unangenehm geworden wie das Wetter als griffe es diebisch wie ein Elster nicht nur nach ihrer körperlichen Wärme. Sie zeigte sich verschneit wie ein gefrohrener See der im Sommer klar gewesen war und auf dessen trüben, dunklen Grund der wenigstens erahnen lies wie es in ihm aussah, man jetzt nicht mehr sehn konnte. Sogar der See selbst versteckte sich unter all dem kalten Weiß. Vermutlich war sie einfach etwas steifgefrohren.

Mag sein das der eine die stechend kalte Böhe verdient hatte die ihm, und wenns nur ein Blick war, winterlich entgegenschlug. Der Nächste schon vielleicht nicht mehr und doch würde keiner dran zu Grunde gehn. Nur den Spielmann lies sies nicht spüren. In seiner Gegenwardt fühlte sie sich wohler und zeigte sich gleichsam offener so das der Schnee zu tauen begann und oft wurde es dann Frühling. Das die Leute in seiner Gegenwardt anfangen zu reden, passiert ihm mit Sicherheit oft... Vermutlich hatte er einfach schon gefunden wonach sie noch suchte.
Zuletzt geändert von Naniel Finion am Mittwoch 27. Februar 2013, 14:19, insgesamt 1-mal geändert.
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