Marthyrium

Antworten
Thora Korti

Marthyrium

Beitrag von Thora Korti »

Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon hier in diesem Loch verweilte. Die Minuten waren zu Stunden und die Stunden waren zu Tagen geworden die schleichend in einander über gingen. Einmal am Tag wurden ihr Essen und Trinken gebracht. Eine geschmacklose Pampe, die nur der Hunger hinein trieb und brackig schmeckendes Wasser, war alles was sie bekam. Da sie jedoch die Augen verbunden hatte und an die Wand gekettet war an den Beinen, war ein Fluchtversuch nicht möglich. Natürlich hatte sie versucht, denjenigen anzugreifen, der ihr dieses kaum geniesbare Essen brachte, doch dies endete immer darin, dass sie ins Leere schlug und anschließend von einer harten Faust ins Gesicht geschlagen wurde so dass sie zu Boden ging.
Dabei wollte sie Simantun nur eine Freude machen...

Sie hatte ein paar Leckereien zusammen gepackt und wollte ihn auf LaCabeza aufsuchen. Sie hatte sich extra schick gemacht. Sie liebte den staunenden Ausdruck auf seinen Gesicht wenn er sie ansah, als gäbe es nichts schöneres auf der Welt. Und dies war es auch, was sie nun am Leben erhielt. Sicher war er schon halb verrückt vor Sorge und suchte sie überall. Aber sie würde durchhalten und würde es schaffen zu ihm zurück zu kommen. Sie MUSSTE einfach.

Er war nicht daheim gewesen, also hatte sie ihm den Picknickkorb als Überraschung da gelassen und wollte mit dem Schiff wieder nach Bajard übersetzen. Doch ausgerechnet heute wurde die Fähre von Piraten überfallen. Aufgrund ihres Kleides mit Goldbesatz und der goldenen Ohrringe und Kette hatten sie wohl vermutet, sie wäre etwas wert und jemand würde Lösegeld bezahlen, also hatten sie sie nicht sofort umgebracht. Sie vermutete, dass sie noch 2 - 3 Handelsschiffe überfallen hatten ehe sie sich auf eine Reise machten um die gestohlene Ware in irgendeinem zwielichtigen Piratennest verkaufen wollten. Während sie im Hafen lagen, blieb sie weiterhin im Bauch des Schiffes eingesperrt und nach einigen Tagen kam ein Mann, beschimpfte sie als elendes Weib, das sie nur getäuscht hatte. Er war offenbar wütend, weil man heraus gefunden hatte, dass sie nur eine einfache Bäuerin sei und nicht wie vermutet Teil eines reichen Haushaltes oder die Tochter eines Würdenträgers. Er lies keinen Zweifel an seiner Enttäuschung und lies sie an ihr aus. Danach schnaubte er nur abfällig und meinte, dann würde er sie eben anders zu Gold machen. Sie würde am Sklavenmarkt sicher einen stattlichen Preis erzielen und schlug die Tür laut hinter sich zu, während sie noch stundenlang schrie und wimmerte. Alles... nur kein Leben als Sklavin!
Nie wieder wollte sie in Knechtschaft leben. Eher wollte sie tot sein!

In den folgenden Tagen kamen immer wieder mal mehr mal weniger stinkende Männer um sie zu begutachten. Sie versuchte es mit flehen, mit Wehrhaftigkeit und wüsten Beschimpfungen, sich möglichst unattraktiv da stehen zu lassen. Keiner sollte auch nur annähernd Lust haben, sie zu kaufen. Dummerweise gefiel das ihren Peinigern überhaupt nicht und daher wurde sie vor dem nächsten Interessenten “nachdrücklich” gewarnt und ihr deutlich gemacht, was passieren würde, sollte sie nochmals so aggressiv sein. Und zur Sicherheit wurde ihr der Mund geknebelt.
Natürlich konnte sie den Mann nicht sehen, der sie kaufen wollte, aber er begutachtete sie wie eine Kuh. Nur ein Stück Fleisch, mehr war sie nicht für ihn. Offenbar waren sich die beiden jedoch einig geworden, denn ihre Kette wurde von der Wand gelöst und sie wurde mit geschleift. Alles wehren half nichts, als starke rücksichtslose Arme sie immer weiter zogen bis sie offenbar in eine Kutsche verfrachtet wurde. Schon kurz darauf spürte sie, wie sich das Gefährt in Bewegung setzte und sie holpernd der Zukunft entgegen fuhr, die für sie schlimmer war als der Tod. Gefangen zu sein, den Launen des Herrn ausgesetzt und wieder auf dem nackten Boden vor dem Herd schlafen müssend... ihren Liebsten und ihre Freunde nie wieder sehend. Nein, lieber wäre sie am Meeresgrund.

Die Reise schien ein wenig zu dauern und alsbald hörte sie ein gleichmäßiges schnarchen ihr gegenüber. Vorsichtig und ganz langsam schob sie sich daraufhin die Augenbinde etwas hoch und blinzelte unten hervor. Ihr gegenüber saß ein Mann von sicher schon über 40 Winter. Seine feinen Gewänder waren schon an manchen Stellen abgewetzt und teils geflickt. Sein Kopf war leicht nach hinten gelehnt und so konnte sie seine fauligen Zähne sehen. Er war recht korpulent, was seine Kraft wohl erklärte und dann sah sie etwas, das ihr die Hoffnung zurück brachte. Er hatte eine Dolchscheide an seinem Gürtel aus welchem ein einfacher Dolch hervor sah. Wenn sie es schaffte, diesen vorsichtig aus seiner Scheide zu ziehen...

Langsam, ganz langsam zog sie mit den noch immer gefesselten Händen den Dolch aus der Halterung. Alathar sei Dank waren sie über keinen Stein gefahren, der den alten weckte.
Sie klemmte sich den Griff des Dolches zwischen die knochigen Knie und schnitt sich die Handfesseln auf, danach geschwind die Fußfesseln während ihr Blick starr auf ihn gerichtet war und darauf lauerte, ob er nicht doch erwachte. Sie hätte jubeln können, doch sie durfte ihn keinesfalls wecken. Kurz blickte sie aus dem Kutschenfenster. Die Nacht schien herein zu brechen und, Alatar sei Dank, gleich nach dem Weg schien ein steiler Abhang zu sein. Sollte sie es aus der Kutsche schaffen, könnte sie versuchen dort hinunter zu rollen und ihrer Pein so entkommen. Die Hoffnung schien so greifbar zu sein... nur einmal... ein einziges Mal brauchte sie noch Glück. Sie schickte ein Stoßgebet zu allen Göttern, umklammerte mit einer Hand fest den Dolch und riss die Kutschentür auf.

Danach passierte alles ganz schnell und doch ganz langsam. Sie sprang aus der gemütlich fahrenden Kutsche, kam hart auf dem Waldboden auf und rappelte sich schnellstmöglich auf, um zu dem Abhang zu hechten. Währendessen hielt der Kutscher erschrocken die Pferde an und ihr Käufer wachte auf und als er die Situation erfasste, fluchte er lautstark.
Sie stürzte sich den Abhang hinab. Bemüht darum, den Dolch bei sich zu behalten und möglichst kontrolliert nach unten zu rutschen hörte sie, wie sich der Kutscher und der Alte stritten. Kurz darauf rief ihr Käufer ihr nach “Dann lass dich doch von den Wölfen fressen, elendes Weib!” und kurz darauf rappelte die Kutsche weiter und sie war allein.

Der Sturz war jedoch leider nicht so glimpflich abgelaufen wie sie gehofft hatte. Durch das herumwirbeln hatte sie sich das linke Handgelenk und den linken Fuß gestaucht. Das schlimmere Problem war jedoch der Dolch gewesen. Da sie kaum Kontrolle über ihre Gliedmaßen behalten konnte, rollte sie über die Klinge und schnitt sich. Der etwa 5 cm lange Schnitt war nicht sehr tief zum Glück auf ihrem rechten Unterarm, jedoch war der Schnitt über und über mit Waldboden verdreckt und es bestand leider eine hohe Chance, dass das Blut tatsächlich Wölfe anlockte. Jetzt rächte es sich, dass sie immer zu beschäftigt war, um sich in Selbstverteidigung schulen zu lassen. Gegen die Wölfe hätte sie keine Chance, auf einen Baum konnte sie jedoch auch nicht klettern mit den Verstauchungen. Sie hatte einmal gehört, dass Moss helfen könnte bei Schnittwunden und so sammelte sie etwas von einer alten Eiche, setzte sich an ihren Stamm und riss von ihrem eh schon total ruinierten Kleid einen Fetzen. Sie versuchte den Dreck und die Tannennadeln so gut es geht aus der Wunde zu entfernen und legte das Moos darüber und band es fest. Sie würde also entweder von den Wölfen gefressen, oder durch eine Blutvergiftung sterben. Pest oder Cholera, tolle Aussichten. Schliesslich übermannte sie der Schlaf und überaschenderweise wachte sie am nächsten Morgen auf ohne einen Wolf gehört zu haben. Alathar schien es wirklich gut mit ihr zu meinen. Dem Herrn sei dank!

Die Wunde hatte sich, wie erwarten entzündet, aber sie hatte noch etwa einen Tag bis das Fieber kommen würde, also begann sie zu laufen... sie musste raus aus diesem Wald, zu einem Heiler, nach Hause...endlich wieder in die Arme von Simantun. Sie vermisste ihn so sehr!
Und wäre Sophie jetzt hier, würde sie sicher eines ihrer magischen Portale öffnen und sie heim bringen. Was gäbe sie jetzt nicht für ein schönes warmes Bad mit einigen wohl riechenden Ölen. Etwa zur Mittagszeit kam sie zu einem kleinen Bach, wo sie trinken und die Wunde auswaschen konnte. Ein weiterer Kleiderfetzen, ebenso im Bach gereinigt so gut es eben ging, verband die Wunde später wieder. Sie beschloss, dem Bachlauf zu folgen doch durch das ständige Gehen schmerzte ihr verstauchter Fuß und sie kam nur langsam voran. Doch der Wille trieb sie weiter und bis es dunkel wurde, war aus dem schmalen Bach schon ein kleines Flüsschen geworden. Sie hoffte, dass irgendwo an seinem Ufer einige Fischer wohnen würden weiter unten, oder ein Jäger, Köhler oder ähnliches. Menschen siedelten sich doch so oft am Wasser an. Vielleicht hatte sie auch hierbei Glück.

2 Tage humpelte sie mehr schlecht als Recht am Fluss entlang. Der verletzte Fuss und das Fieber, das in der 2. Nacht einsetzte erschwerten ihr den Weg noch um ein vielfaches. Aber wenn sie nicht weiter laufen würde, würde sie hier sterben, allein. Der Hunger vernebelte ihr zusätzlich die Sinne. Jetzt kurz vor dem Winter waren nicht nur die Nähcte bitter kalt, sondern der Wald bot auch kaum noch Nahrung. Die anfängliche Euphorie, ihrem Käufer entkommen zu sein, verblasste immer mehr und machte der Angst platz, dass sie es hier nicht mehr heraus schaffen würde. Ihre Kräfte verliesen sie immer mehr und jeder Schritt war eine schier unerträgliche Anspannung. Und der Schlaf schien so verlockend zu sein.
Am 3. Tag dann der nächste Rückschlag. Der Fluss floß nun über einen Hügel hinab und wurde zu einem kleinen Wasserfall. Sie wagte es nicht hinunter zu springen, also musste sie einen anderen Weg finden und suchte einen Weg außen herum zu gehen. Offenbar verirrte sie sich jedoch dabei und so humpelte sie nun schon eine gefühlte Ewigkeit stumm weinend vor sich hin. Sie fühlte sich so unendlich müde und sicher kam sie nie wieder hier heraus. Das ein oder andere Mal hatte sie sihc auch schon eingebildet, einen Wolf gehört zu haben. Sollten sie doch kommen und sie holen..sie konnte eh nicht mehr.
Und nun schienen ihr auch noch ihre Augen einen Streich zu spielen. Sie sah ein Licht am Boden nur ein paar hundert Meter entfernt. Aber da es eh egal war, konnte sie auch genauso gut in diese Richtung gehen. Ein Grabstein? Hier stand tatsächlich ein Grabstein mitten im Wald! Das Fieber machte es schwer, die Inschrift zu lesen doch was sie dann sah, verschlug ihr fast die Sprache und lies alle Kraft aus ihren Beinen weichen, so dass sie daneben nieder sank. Sie konnte es einfach nicht glauben. Es musste ein Traum sein. Dem Herrn sei dank! Das Grab war ihre Rettung. Darauf stand in großen Lettern geschrieben:

Terreus Ferrini

Sie war in der Nähe von Bajard! Sie war gerettet!
Antworten