Erlösung und Hoffnung
Verfasst: Freitag 2. November 2012, 19:36
Leise aber beständig prasselte der Regen an die Fenster. Der Mann, den sie Bert nannten, saß am Feuer, welches eine angenehme Wärme in der kleinen Herberge verbreitete. Sein Blick wanderte zu einem der Fenster. Im Raum war es, wenn man vom beständigen Geräusch des Regens und des Windes absah, ganz still. Die Nacht war gekommen und er war allein im Aufenthaltsraum. Gelegentlich knisterte das Holz im Kamin, bis auch der letzte Scheit verzehrt war und nur noch glühende Asche übrig blieb. Ganz langsam und gemächlich hatte auch das Prasseln des Regens nachgelassen. Im Laufe der Nacht war es immer kälter und kälter geworden und so wandelte sich der kalte Herbstregen zu feinen kleinen Schneeflocken.
Es hätte ein Augenblick der Ruhe und des Friedens sein können, doch etwas störte. Mit einem Schlag riss der Mann, den sie Bert nannten die Augen auf. Instinktiv wanderte seine Hand zum Hals. Wie immer in diesen Tagen, wenn er wieder erwachte, griff er panisch nach der Kette, die stets um seinen Hals hing. Sie war noch da. Nein, das war nicht richtig, berichtigte er sich selbst in seinen Gedanken. Sie war wieder da. Wäre noch eine Träne in seinem Leib gewesen, er hätte sie nun vergossen, doch die Zeit des Weinen war vorbei. Tage hatte er damit verbracht, im Keller der Herberge, wo keiner ihn sehen oder hören sollte. Manchmal kam einer seiner Kameraden, dann verschwand er schnell im Schatten hinter einer Truhe oder einem Schrank. In den ersten Tagen hatte er vor Zorn geweint, er hatte gebrüllt und getobt. Dann folgte eine Zeit der Trauer und dann blieb nur noch Verzweiflung. Bis nichts mehr da war, bis er selbst nichts mehr war. Das war die Lehre, die ihm sein Meister eingeprügelt hatte. Du bist nichts, du lebst nur um zu dienen und zu gehorchen. Nach dem Tod seines Meisters hatte er rebelliert, wollte nun selbst bestimmen, wer er war und was er war und er wollte wieder das Gefühl der Liebe spüren.
Sanft und vorsichtig tasteten seine vor Kälte tauben Finger über das sternenförmige Amulett. Sie hatte es ihm wieder gegeben. Eines Tages lag es in der Kiste in der Herberge. Wieso hatte er es nur in der Höhle gelassen, als er hinaus gestürmt war? Wieso war er überhaupt geflohen?
Sehr oft hatte er sich diese Frage gestellt in den letzten Tagen und Nächten. Letztlich kam er immer zum selben Ergebnis, zur selben Antwort. Er war zu feige gewesen. Wie oft hatte er ihr seine Liebe gestanden, ihr versichert, dass er alles für sie tun würde? Doch im entscheidenden Augenblick hatte er versagt. Er hatte sie im Stich gelassen, er hatte zugelassen, dass die Panther sein kleines Eichhörnchen als ihr Spielzeug mit in ihre Höhle nahmen. Sie quälten und folterten. Die Finger verkrampften im Griff um die Kette.
Oft war er in der Nacht zurück in die Höhle geschlichen und hatte ihr beim Schlafen zugesehen. Still und schweigsam hatte er die Nacht über sie gewacht und wenn sie ein Anzeichen des Erwachens machte, war er geflohen. Hatte er sich wirklich um sie Sorgen gemacht, oder war es nur eine Form des Kontrollwahns. Er wusste es nicht mehr. Nur, dass es ihn auf der einen Seite beruhigte, dass sie wieder daheim war, auf der anderen Seite hätte er aber auch nichts mehr gewünscht als sich neben sie zu legen und ihre kalten Füße zu wärmen. Doch er hatte den Schlüssel zu dem kleinen Tor, welches den Weg versperrte in den Fluss geworfen und sie blieb im verschlossen. Aber seine eigen Gefühle waren nicht mehr wichtig. Darauf hatte er jedes Anrecht verloren, es gab nur noch eins was zählte. Sie sollte glücklich sein.
War das die wahre Bedeutung von Liebe? Dass das Glück des geliebten Menschen einem mehr wert war als das eigene? Nie in seinem Leben hatte er sich über so etwas besonders viele Gedanken gemacht. Gefühle waren eher lästig und es galt sie zu unterdrücken. Er musste erreichen, dass sie glücklich war, mit allen Mitteln, das war es, worauf es nun ankam.
Der Mann, den sie Bert nannten, blickte von seinem Schlafplatz, dem gemütlichen Sessel in der Herberge auf und sah zum Fenster. Langsam dämmerte es draußen.
Wieder drückte er sacht die Kette als er plötzlich eine Stimme vernahm. Erschrocken sah er sich im Raum um, doch da war niemand, kein Mensch weit und breit. Wieder erklang die Stimme in seinem Kopf und er wusste wer es war, der ihn da rief. Es war ihre Stimme, sie rief ihm etwas zu. Nein, auch das stimmte nicht, es war nur ein Flüstern in seinem Kopf, doch in der Stille seines Seins hallte es wieder und überwältigte ihn beinahe.
„Du musst keine Angst haben. Ich pass auf dich auf!.“
Mit einem Satz sprang der Mann, den sie Bert nannten, auf. Nur im sogleich beinahe zu stürzen. Seine Beine waren taub und kraftlos und kaum in der Lage ihn zu tragen. Er wusste nicht mehr, wie viele Tage er nichts gegessen oder getrunken hatte. Er strauchelte und bewegte sich zitternd ganz langsam auf den Tisch zu. Im Korb lag frisches Essen. Er dachte an die vielen Mahlzeiten, die ihm die brave Fabienne hingestellt hatte und die er stets unberührt stehen hatte lassen. Doch nun begann er zu essen und zu trinken. Er wusste nicht was er da aß oder trank. Es war ihm auch egal, doch er merkte, dass sein Körper dankbar die neuen Kräfte auf sog wie ein Schwamm das Wasser.
Draußen war es nun hell und sicher würde bald einer seiner Kameraden kommen um mit seinem Tagewerk zu beginnen. Vielleicht der fleißige Gondros oder die liebe Verdania. Beide waren in den letzten Tagen immer bemüht ihm zu helfen. Doch er hatte sie nur wortlos abgewiesen und war in ihrer Gegenwart stumm geblieben. Das hatten die beiden nicht verdient, doch was hätte er ihnen sagen sollen?
Immer noch saß er am Tisch und schaute sich nachdenklich um. Dann wanderte seine Hand langsam seine Hose entlang und griff nach dem verborgenen Dolch. Er betrachtete ihn eingehend. Die Klinge aus dem besten Diamantstahl, den Gondros hatte. Der Griff aus dem Horn eines Dämons geschnitzt und reich verziert. Diese Waffe hatte einst die Stärke und Macht ihres Trägers symbolisieren sollen, doch nun war sie nur ein Relikt aus vergangenen Tagen und Zeugnis seines Niedergangs. Der Giftkanal war leer, wohl in den letzten Tagen verdunstet.
Ganz langsam schob er die Ärmel seines Hemdes am linken Arm nach oben und setzte die Klinge an. Schwach waren die Adern noch ausgeprägt, er hatte viel seiner Muskulatur in den letzten Tagen verloren. Sanft drückte er sie ins Fleisch und sogleich kam rotes Blut zum Vorschein, benetzte die Spitze der klinge und rann warm seinen Arm hinab. Nichts. Er spürte nichts.
Halt. Nein. Etwas in ihm tobte und rebellierte. Es war das Tier, das in ihm wohnte und stets seinen Kerker sprengen wollte. Nein, so konnte es nicht zu Ende gehen. Er würde sich nicht hier an diesem Ort des Friedens und der Harmonie das Leben nehmen.
Langsam hob er den Dolch wieder hoch, legte ihn beiseite, riss den Ärmel seines Hemdes ab und verband den Arm. Es dauerte nicht lang und die Blutung stoppte. Tief atmete der Mann, den sie Bert nannten, durch. War es Feigheit so zu gehen? Oder war es eine mutige Tat sich selbst zu vernichten um den anderen die Last seiner Existenz zu nehmen?
Heftig schüttelte er den Kopf. Solche Gedanken durfte er nicht zulassen. Mit einem Ruck stand er auf und ging zur Tür und öffnete diese. Es war ein kalter Morgen, doch auch erfrischend. Mit einem Lächeln sah er sich um. Der Schnee der Nacht war liegen geblieben. Ungewöhnliche Kälte für diese Jahreszeit, aber irgendwie entsprach es der Stimmung seiner Seele.
Ein Seufzer entfuhr im. Kurz überlegte er, war es aus Bedauern, aus Trauer, oder gar aus Erleichterung? Mit einem Mal fiel sein Blick auf etwas, das da nicht hin gehörte. Mitten aus dem Schnee stach eine einzelne kleine Blume hervor. Er wusste ihren Namen nicht, aber er kannte sie gut. Es war eben jene Art von Blumen die Ashlin am Wasserfall in die Haare gesteckt hatte. Langsam ging er in die Hocke und betrachtete die Blume eingehend. Sie wirkte geradezu unberührt und strotze kräftig und voller Leben ihrem drohenden Tod. War es ein Zeichen?
Ganz vorsichtig und behutsam zupfte er die Blume und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. Er drehte sie und plötzlich begann er zu Lachen. Wieso, das wusste er nicht, aber ein Gefühl der Freude durchströmte seinen Körper. Die Blume noch in der Hand ging er wieder ins Haus und zu seiner Truhe. Er sah sich in dem Chaos um, fand dann endlich einen kleinen Beutel und legte dort die Blume hinein. Er würde sie behüten.
Wieder sah er in die Kiste. Der Mann, den sie Bert nannten, ging in die Knie und betätige einen kleinen versteckten Mechanismus, der den doppelten Boden der Kiste öffnete. Dort hinein legte er alles, was für ihn nun nur noch ein Ballast war, den er nicht länger mit sich herum tragen wollte. Die dunkle Rüstung aus der geheimen Grotte, auch das schöne Drachenleder fand dort seinen Platz. Dazu legte er noch die langen, spitzen Dolche, die er sonst immer griffbereit hatte. Auch seine Meisterklinge legte er dazu. In schwarzen Samt hüllte er sie ein. Obschon er sie nun nicht mehr benötigte, es war eines der Meisterwerke von Gondros und verdiente keine schlechtere Behandlung.
Er versiegelte den Mechanismus wieder und griff nach einem warmen Mantel und einem Schal.
Gut eingepackt ging er wieder nach raus. Einmal durch Bajard und dann in den Wald. Das Spazierengehen tat ihm gut. Es machte seinen Kopf klar und lies ihn wieder frei und unbeschwert denken.
Es gab vieles, um das er sich Gedanken machen musste. Würde er Rache üben an denen, die er so lange nun gehasst hatte? Er dachte an den Mann, der schuld war am Tod seiner Familie. Nein, das würde früher oder später jemand anderes erledigen. Dann dachte er an die Katzendame aus Rahal. Sie war ihm gar nicht so unähnlich, aber er war sicher, dass sie früher oder später im Feuer ihres eigenen Ehrgeizes vergehen würde. Schließlich dachte er wieder an diesen Mann, diesen Trabanten, den Folterer hatte er ihn genannt. Er wäre ein leichtes Ziel gewesen. Ein Lächeln trat in das Gesicht des Manns, den sie Bert nannten. Er erinnerte sich an die Begegnung vor Rahal. Kaum gerüstet war dieser Mann da vor ihm gestanden, rüpelhaft und pampig, wie es nur ein Soldat sein konnte. Wie sehr hatte es ihm in den Fingern gejuckt ihn dort auf der Stelle zu vernichten. Er war vorbereitet gewesen und die Hand war während des Gesprächs mehrmals zu seinem Gürtel gewandert, wo die Tränke hingen. Aber er hatte ihn verschont. Er hatte ihn im Glauben seiner Macht gelassen.
Doch die Gedanken an diese Szene verdüsterten auch sein Gemüt. Den auch Ashlin war dort gewesen. Wie ein verwundetes Tier hatte sie sich an den Trabanten heran geschmiegt und ihn selbst, „Bert“ weg geschickt. Wieso hatte er ihn nicht einfach erschlagen und sich Ashlin wieder genommen? Diese Frage stellte er sich oft. Furcht, Angst, Scheu vor den Konsequenzen. Das war es gewesen und so hatte er wieder versagt.
Aber jetzt war kein Gefühl von Zorn und Hass mehr für diesen Mann in ihm. Im Gegenteil, er empfand Mitleid für ihn. Genauso wie er damals Mitleid für die Tetrachin empfunden hatte, als er mit ihr damals dieses Gespräch im Tempel in Rahal geführt hatte. Sie alle folgten dem Brudermörder, der doch selbst nur ein verzweifeltes Kind auf der Suche nach Liebe, Respekt und Anerkennung war. Mitleid, das war alles, was er für sie empfand, Mitleid und Bedauern.
Mitten im Wald angekommen sah er sich um. Niemand, weit und breit. Nur er selbst. Wieder dachte er an sie. Sein Eichhörnchen, sein Herz, seine Liebe. Das Gefühl in ihm war noch stark, doch er ahnte, oder wusste er es, dass er sie schwer enttäuscht hatte. Er hatte keine Ahnung wie sie auf ihn reagieren würde, wenn sie ihn wieder sehen würde. Was auch immer passieren würde, wichtig war nur, dass sie glücklich war. Wenn das bedeutete, ohne ihn zu leben, dann musste er das akzeptieren. Aber er wusste auch, dass er ihr die Zeit geben musste, die sie brauchte. Er selbst hatte das nicht gekonnt und verstanden. Statt zu warten und sich weiter um sie zu kümmern war er aus der Höhle gestürmt und hatte sie alleine gelassen. War es aus dem Wunsch heraus geschehen ihr weh zu tun? Sachte schüttelte er den Kopf, er hatte ihr nicht weh tun wollen, er hatte sich selbst bestrafen wollen, hatte gehofft, dass es ihm besser gehen würde dadurch. Doch er hatte sich nur immer tiefer in das Loch gestürzt, das in seiner Seele klaffte und nun zu einem riesigen Schlund geworden war, der immer tiefer und breiter werdend ihn entzwei zu reißen drohte.
Licht. Er stand auf einer Lichtung und von oben strahlte die wärmende Sonne in sein Gesicht und vertrieb diese düsteren Gedanken. Er badete in ihrem Licht und ließ die Strahlen seinen Körper umhüllen, durchfluten. Sie schenkte ihm neue Lebensgeister. Die Sonne der Mutter, die immer für ihn und ihre Kinder da war. Kurz bedauerte er, dass er wohl niemals ihr Lied hören könnte, von dem ihm seine gute Freundin Sophie so viel erzählt hatte.
Schmerzlich dachte er an Sophie. Er hoffte inständig, dass sie ihr Glück mit der Welt finden würde. Oft hatte er sie an dem Abgrund erlebt, vor dem er so oft in den letzten Tagen selbst gestanden hatte. Doch bestimmt würde sich für sie alles zum Guten hin entwickeln. Sie hatte es verdient.
Nachdenklich blickte der Mann, den sie Bert nannten und der hier, ganz allein im Wald beschloss wieder Garan zu sein, in den Himmel. Einige Wolken waren dort zu sehen, die träge am Himmel entlang zogen. Keine Sterne, wie auch, es war nun schon Vormittag, sicher die neunte Stunde schon vorbei. Schade eigentlich, er mochte sie sehr. Denn sie waren das Symbol des Gottvaters, den er innerlich so verehrte.
Seine Gedanken verloren sich in den Schreckensnächten auf Lameriast. Die Untoten wüteten und keiner wusste einen Ausweg. Da war er losgezogen um den Tod zu suchen. Doch der Sternenvater hatte anders entschieden. Statt in den Tod führten ihn die Sterne zu dem Ort, an dem die Rabendiener ihr widernatürliches Ritual durchgeführt hatten. Seine Zeit war auch damals noch nicht gekommen. Noch gab es wohl eine Aufgabe für ihn zu erfüllen.
Langsam sank er auf die Knie und schaute in den Himmel. Er schloss die Augen und begann zu beten. Irgendwie hoffte er, dass der Gott, der er sich selbst gewählt hatte um die Freiheit zu ehren und zu leben, der Bruder Eluives, Horteras ihm zuhören würde.
Es wurde ein langes Gebet. Ein inniges Gebet. Nun, eigentlich war es gar kein Gebet, viel mehr erzählte er alles, was seine Seele belastete. Tief in seinem Inneren hatte er das Gefühl, das ihm zugehört wurde und langsam und ganz gemächlich schloss sich die Kluft in seinem Körper wieder.
Als er geendet hatte öffnete er die Augen wieder. Die Sonne war weiter gezogen und der Mittag schon vorüber.
Langsam schlenderte er wieder zurück Richtung Herberge. Wie es weiter gehen würde, dass würde die Zeit, das Schicksal und die Götter entscheiden. Was vor ihm lag, war ungewiss, doch es würde sicher besser werden als das, was hinter ihm lag. Er selbst jedenfalls hatte seinen Frieden gefunden, mit sich selbst und mit seinem Gott. Denn irgendwo war er und irgendwas hatte er noch mit dem Mann vor, der sich selbst den Namen Bert gegeben hatte.
Es hätte ein Augenblick der Ruhe und des Friedens sein können, doch etwas störte. Mit einem Schlag riss der Mann, den sie Bert nannten die Augen auf. Instinktiv wanderte seine Hand zum Hals. Wie immer in diesen Tagen, wenn er wieder erwachte, griff er panisch nach der Kette, die stets um seinen Hals hing. Sie war noch da. Nein, das war nicht richtig, berichtigte er sich selbst in seinen Gedanken. Sie war wieder da. Wäre noch eine Träne in seinem Leib gewesen, er hätte sie nun vergossen, doch die Zeit des Weinen war vorbei. Tage hatte er damit verbracht, im Keller der Herberge, wo keiner ihn sehen oder hören sollte. Manchmal kam einer seiner Kameraden, dann verschwand er schnell im Schatten hinter einer Truhe oder einem Schrank. In den ersten Tagen hatte er vor Zorn geweint, er hatte gebrüllt und getobt. Dann folgte eine Zeit der Trauer und dann blieb nur noch Verzweiflung. Bis nichts mehr da war, bis er selbst nichts mehr war. Das war die Lehre, die ihm sein Meister eingeprügelt hatte. Du bist nichts, du lebst nur um zu dienen und zu gehorchen. Nach dem Tod seines Meisters hatte er rebelliert, wollte nun selbst bestimmen, wer er war und was er war und er wollte wieder das Gefühl der Liebe spüren.
Sanft und vorsichtig tasteten seine vor Kälte tauben Finger über das sternenförmige Amulett. Sie hatte es ihm wieder gegeben. Eines Tages lag es in der Kiste in der Herberge. Wieso hatte er es nur in der Höhle gelassen, als er hinaus gestürmt war? Wieso war er überhaupt geflohen?
Sehr oft hatte er sich diese Frage gestellt in den letzten Tagen und Nächten. Letztlich kam er immer zum selben Ergebnis, zur selben Antwort. Er war zu feige gewesen. Wie oft hatte er ihr seine Liebe gestanden, ihr versichert, dass er alles für sie tun würde? Doch im entscheidenden Augenblick hatte er versagt. Er hatte sie im Stich gelassen, er hatte zugelassen, dass die Panther sein kleines Eichhörnchen als ihr Spielzeug mit in ihre Höhle nahmen. Sie quälten und folterten. Die Finger verkrampften im Griff um die Kette.
Oft war er in der Nacht zurück in die Höhle geschlichen und hatte ihr beim Schlafen zugesehen. Still und schweigsam hatte er die Nacht über sie gewacht und wenn sie ein Anzeichen des Erwachens machte, war er geflohen. Hatte er sich wirklich um sie Sorgen gemacht, oder war es nur eine Form des Kontrollwahns. Er wusste es nicht mehr. Nur, dass es ihn auf der einen Seite beruhigte, dass sie wieder daheim war, auf der anderen Seite hätte er aber auch nichts mehr gewünscht als sich neben sie zu legen und ihre kalten Füße zu wärmen. Doch er hatte den Schlüssel zu dem kleinen Tor, welches den Weg versperrte in den Fluss geworfen und sie blieb im verschlossen. Aber seine eigen Gefühle waren nicht mehr wichtig. Darauf hatte er jedes Anrecht verloren, es gab nur noch eins was zählte. Sie sollte glücklich sein.
War das die wahre Bedeutung von Liebe? Dass das Glück des geliebten Menschen einem mehr wert war als das eigene? Nie in seinem Leben hatte er sich über so etwas besonders viele Gedanken gemacht. Gefühle waren eher lästig und es galt sie zu unterdrücken. Er musste erreichen, dass sie glücklich war, mit allen Mitteln, das war es, worauf es nun ankam.
Der Mann, den sie Bert nannten, blickte von seinem Schlafplatz, dem gemütlichen Sessel in der Herberge auf und sah zum Fenster. Langsam dämmerte es draußen.
Wieder drückte er sacht die Kette als er plötzlich eine Stimme vernahm. Erschrocken sah er sich im Raum um, doch da war niemand, kein Mensch weit und breit. Wieder erklang die Stimme in seinem Kopf und er wusste wer es war, der ihn da rief. Es war ihre Stimme, sie rief ihm etwas zu. Nein, auch das stimmte nicht, es war nur ein Flüstern in seinem Kopf, doch in der Stille seines Seins hallte es wieder und überwältigte ihn beinahe.
„Du musst keine Angst haben. Ich pass auf dich auf!.“
Mit einem Satz sprang der Mann, den sie Bert nannten, auf. Nur im sogleich beinahe zu stürzen. Seine Beine waren taub und kraftlos und kaum in der Lage ihn zu tragen. Er wusste nicht mehr, wie viele Tage er nichts gegessen oder getrunken hatte. Er strauchelte und bewegte sich zitternd ganz langsam auf den Tisch zu. Im Korb lag frisches Essen. Er dachte an die vielen Mahlzeiten, die ihm die brave Fabienne hingestellt hatte und die er stets unberührt stehen hatte lassen. Doch nun begann er zu essen und zu trinken. Er wusste nicht was er da aß oder trank. Es war ihm auch egal, doch er merkte, dass sein Körper dankbar die neuen Kräfte auf sog wie ein Schwamm das Wasser.
Draußen war es nun hell und sicher würde bald einer seiner Kameraden kommen um mit seinem Tagewerk zu beginnen. Vielleicht der fleißige Gondros oder die liebe Verdania. Beide waren in den letzten Tagen immer bemüht ihm zu helfen. Doch er hatte sie nur wortlos abgewiesen und war in ihrer Gegenwart stumm geblieben. Das hatten die beiden nicht verdient, doch was hätte er ihnen sagen sollen?
Immer noch saß er am Tisch und schaute sich nachdenklich um. Dann wanderte seine Hand langsam seine Hose entlang und griff nach dem verborgenen Dolch. Er betrachtete ihn eingehend. Die Klinge aus dem besten Diamantstahl, den Gondros hatte. Der Griff aus dem Horn eines Dämons geschnitzt und reich verziert. Diese Waffe hatte einst die Stärke und Macht ihres Trägers symbolisieren sollen, doch nun war sie nur ein Relikt aus vergangenen Tagen und Zeugnis seines Niedergangs. Der Giftkanal war leer, wohl in den letzten Tagen verdunstet.
Ganz langsam schob er die Ärmel seines Hemdes am linken Arm nach oben und setzte die Klinge an. Schwach waren die Adern noch ausgeprägt, er hatte viel seiner Muskulatur in den letzten Tagen verloren. Sanft drückte er sie ins Fleisch und sogleich kam rotes Blut zum Vorschein, benetzte die Spitze der klinge und rann warm seinen Arm hinab. Nichts. Er spürte nichts.
Halt. Nein. Etwas in ihm tobte und rebellierte. Es war das Tier, das in ihm wohnte und stets seinen Kerker sprengen wollte. Nein, so konnte es nicht zu Ende gehen. Er würde sich nicht hier an diesem Ort des Friedens und der Harmonie das Leben nehmen.
Langsam hob er den Dolch wieder hoch, legte ihn beiseite, riss den Ärmel seines Hemdes ab und verband den Arm. Es dauerte nicht lang und die Blutung stoppte. Tief atmete der Mann, den sie Bert nannten, durch. War es Feigheit so zu gehen? Oder war es eine mutige Tat sich selbst zu vernichten um den anderen die Last seiner Existenz zu nehmen?
Heftig schüttelte er den Kopf. Solche Gedanken durfte er nicht zulassen. Mit einem Ruck stand er auf und ging zur Tür und öffnete diese. Es war ein kalter Morgen, doch auch erfrischend. Mit einem Lächeln sah er sich um. Der Schnee der Nacht war liegen geblieben. Ungewöhnliche Kälte für diese Jahreszeit, aber irgendwie entsprach es der Stimmung seiner Seele.
Ein Seufzer entfuhr im. Kurz überlegte er, war es aus Bedauern, aus Trauer, oder gar aus Erleichterung? Mit einem Mal fiel sein Blick auf etwas, das da nicht hin gehörte. Mitten aus dem Schnee stach eine einzelne kleine Blume hervor. Er wusste ihren Namen nicht, aber er kannte sie gut. Es war eben jene Art von Blumen die Ashlin am Wasserfall in die Haare gesteckt hatte. Langsam ging er in die Hocke und betrachtete die Blume eingehend. Sie wirkte geradezu unberührt und strotze kräftig und voller Leben ihrem drohenden Tod. War es ein Zeichen?
Ganz vorsichtig und behutsam zupfte er die Blume und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. Er drehte sie und plötzlich begann er zu Lachen. Wieso, das wusste er nicht, aber ein Gefühl der Freude durchströmte seinen Körper. Die Blume noch in der Hand ging er wieder ins Haus und zu seiner Truhe. Er sah sich in dem Chaos um, fand dann endlich einen kleinen Beutel und legte dort die Blume hinein. Er würde sie behüten.
Wieder sah er in die Kiste. Der Mann, den sie Bert nannten, ging in die Knie und betätige einen kleinen versteckten Mechanismus, der den doppelten Boden der Kiste öffnete. Dort hinein legte er alles, was für ihn nun nur noch ein Ballast war, den er nicht länger mit sich herum tragen wollte. Die dunkle Rüstung aus der geheimen Grotte, auch das schöne Drachenleder fand dort seinen Platz. Dazu legte er noch die langen, spitzen Dolche, die er sonst immer griffbereit hatte. Auch seine Meisterklinge legte er dazu. In schwarzen Samt hüllte er sie ein. Obschon er sie nun nicht mehr benötigte, es war eines der Meisterwerke von Gondros und verdiente keine schlechtere Behandlung.
Er versiegelte den Mechanismus wieder und griff nach einem warmen Mantel und einem Schal.
Gut eingepackt ging er wieder nach raus. Einmal durch Bajard und dann in den Wald. Das Spazierengehen tat ihm gut. Es machte seinen Kopf klar und lies ihn wieder frei und unbeschwert denken.
Es gab vieles, um das er sich Gedanken machen musste. Würde er Rache üben an denen, die er so lange nun gehasst hatte? Er dachte an den Mann, der schuld war am Tod seiner Familie. Nein, das würde früher oder später jemand anderes erledigen. Dann dachte er an die Katzendame aus Rahal. Sie war ihm gar nicht so unähnlich, aber er war sicher, dass sie früher oder später im Feuer ihres eigenen Ehrgeizes vergehen würde. Schließlich dachte er wieder an diesen Mann, diesen Trabanten, den Folterer hatte er ihn genannt. Er wäre ein leichtes Ziel gewesen. Ein Lächeln trat in das Gesicht des Manns, den sie Bert nannten. Er erinnerte sich an die Begegnung vor Rahal. Kaum gerüstet war dieser Mann da vor ihm gestanden, rüpelhaft und pampig, wie es nur ein Soldat sein konnte. Wie sehr hatte es ihm in den Fingern gejuckt ihn dort auf der Stelle zu vernichten. Er war vorbereitet gewesen und die Hand war während des Gesprächs mehrmals zu seinem Gürtel gewandert, wo die Tränke hingen. Aber er hatte ihn verschont. Er hatte ihn im Glauben seiner Macht gelassen.
Doch die Gedanken an diese Szene verdüsterten auch sein Gemüt. Den auch Ashlin war dort gewesen. Wie ein verwundetes Tier hatte sie sich an den Trabanten heran geschmiegt und ihn selbst, „Bert“ weg geschickt. Wieso hatte er ihn nicht einfach erschlagen und sich Ashlin wieder genommen? Diese Frage stellte er sich oft. Furcht, Angst, Scheu vor den Konsequenzen. Das war es gewesen und so hatte er wieder versagt.
Aber jetzt war kein Gefühl von Zorn und Hass mehr für diesen Mann in ihm. Im Gegenteil, er empfand Mitleid für ihn. Genauso wie er damals Mitleid für die Tetrachin empfunden hatte, als er mit ihr damals dieses Gespräch im Tempel in Rahal geführt hatte. Sie alle folgten dem Brudermörder, der doch selbst nur ein verzweifeltes Kind auf der Suche nach Liebe, Respekt und Anerkennung war. Mitleid, das war alles, was er für sie empfand, Mitleid und Bedauern.
Mitten im Wald angekommen sah er sich um. Niemand, weit und breit. Nur er selbst. Wieder dachte er an sie. Sein Eichhörnchen, sein Herz, seine Liebe. Das Gefühl in ihm war noch stark, doch er ahnte, oder wusste er es, dass er sie schwer enttäuscht hatte. Er hatte keine Ahnung wie sie auf ihn reagieren würde, wenn sie ihn wieder sehen würde. Was auch immer passieren würde, wichtig war nur, dass sie glücklich war. Wenn das bedeutete, ohne ihn zu leben, dann musste er das akzeptieren. Aber er wusste auch, dass er ihr die Zeit geben musste, die sie brauchte. Er selbst hatte das nicht gekonnt und verstanden. Statt zu warten und sich weiter um sie zu kümmern war er aus der Höhle gestürmt und hatte sie alleine gelassen. War es aus dem Wunsch heraus geschehen ihr weh zu tun? Sachte schüttelte er den Kopf, er hatte ihr nicht weh tun wollen, er hatte sich selbst bestrafen wollen, hatte gehofft, dass es ihm besser gehen würde dadurch. Doch er hatte sich nur immer tiefer in das Loch gestürzt, das in seiner Seele klaffte und nun zu einem riesigen Schlund geworden war, der immer tiefer und breiter werdend ihn entzwei zu reißen drohte.
Licht. Er stand auf einer Lichtung und von oben strahlte die wärmende Sonne in sein Gesicht und vertrieb diese düsteren Gedanken. Er badete in ihrem Licht und ließ die Strahlen seinen Körper umhüllen, durchfluten. Sie schenkte ihm neue Lebensgeister. Die Sonne der Mutter, die immer für ihn und ihre Kinder da war. Kurz bedauerte er, dass er wohl niemals ihr Lied hören könnte, von dem ihm seine gute Freundin Sophie so viel erzählt hatte.
Schmerzlich dachte er an Sophie. Er hoffte inständig, dass sie ihr Glück mit der Welt finden würde. Oft hatte er sie an dem Abgrund erlebt, vor dem er so oft in den letzten Tagen selbst gestanden hatte. Doch bestimmt würde sich für sie alles zum Guten hin entwickeln. Sie hatte es verdient.
Nachdenklich blickte der Mann, den sie Bert nannten und der hier, ganz allein im Wald beschloss wieder Garan zu sein, in den Himmel. Einige Wolken waren dort zu sehen, die träge am Himmel entlang zogen. Keine Sterne, wie auch, es war nun schon Vormittag, sicher die neunte Stunde schon vorbei. Schade eigentlich, er mochte sie sehr. Denn sie waren das Symbol des Gottvaters, den er innerlich so verehrte.
Seine Gedanken verloren sich in den Schreckensnächten auf Lameriast. Die Untoten wüteten und keiner wusste einen Ausweg. Da war er losgezogen um den Tod zu suchen. Doch der Sternenvater hatte anders entschieden. Statt in den Tod führten ihn die Sterne zu dem Ort, an dem die Rabendiener ihr widernatürliches Ritual durchgeführt hatten. Seine Zeit war auch damals noch nicht gekommen. Noch gab es wohl eine Aufgabe für ihn zu erfüllen.
Langsam sank er auf die Knie und schaute in den Himmel. Er schloss die Augen und begann zu beten. Irgendwie hoffte er, dass der Gott, der er sich selbst gewählt hatte um die Freiheit zu ehren und zu leben, der Bruder Eluives, Horteras ihm zuhören würde.
Es wurde ein langes Gebet. Ein inniges Gebet. Nun, eigentlich war es gar kein Gebet, viel mehr erzählte er alles, was seine Seele belastete. Tief in seinem Inneren hatte er das Gefühl, das ihm zugehört wurde und langsam und ganz gemächlich schloss sich die Kluft in seinem Körper wieder.
Als er geendet hatte öffnete er die Augen wieder. Die Sonne war weiter gezogen und der Mittag schon vorüber.
Langsam schlenderte er wieder zurück Richtung Herberge. Wie es weiter gehen würde, dass würde die Zeit, das Schicksal und die Götter entscheiden. Was vor ihm lag, war ungewiss, doch es würde sicher besser werden als das, was hinter ihm lag. Er selbst jedenfalls hatte seinen Frieden gefunden, mit sich selbst und mit seinem Gott. Denn irgendwo war er und irgendwas hatte er noch mit dem Mann vor, der sich selbst den Namen Bert gegeben hatte.