Kabinett der Sinne

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Ariah Marlenthin

Kabinett der Sinne

Beitrag von Ariah Marlenthin »

Der Weg zurück nach Adoran kommt mir wie ein Traum vor, ein Traum in einem Traum. Fragt sich, wann ich erwache. Und ob das wirklich sein wird.
Ich habe etwas wieder gefunden, das ich so lange vermisste und dafür etwas anderes verloren - mich selbst. Als ich an die Pforte des Konzils klopfe und aufgefordert werde, meinen Namen zu nennen, kommt er mir für mehr als eine Schrecksekunde nicht in den Sinn.

Ariah. Bin ich Ariah? Sicher ist, das Mädchen, das ging trug diesen Namen. Alles andere ist ungewiss.

Am Ende des Tages trage ich auch wieder das Weiß des Konzils und ein kleiner Teil von mir ist zufrieden mit dem gemachten Anfang, dem aus gerissenen Fäden geknüpften Knoten. Der Rest von mir ist genauso in Aufruhr und uneins mit allem wie zuvor.
Und der nicht allzu kleine Teil von mir, der sich danach sehnt ihn wieder zu sehen obsiegt am Ende, wie fast immer.. wie mechanisch erhebe ich mich, selbst wenn ich mich nicht von aussen zu betrachten vermag, ist mir bewußt wie hölzern diese Bewegungen wirken müssen, als wäre ich eine Puppe.

Püppchen hat man mich früher so oft genannt. In gewisser Weise ist diese Zeit vorbei und doch auch wieder nicht.

Ich öffne also die oberste Schublade der kleinen Holzkommode in dem so kärglich eingerichteten Herbergszimmer, sie wehrt sich regelrecht so kommt es mir vor, auch wenn es sich nur um über die Zeit verzogenes Holz handeln mag. Dann hole ich den kleinen, in Lumpen gewickelten Gegenstand hervor, setze mich auf das Bett, wickle ihn aus wie ein Kind sein lange ersehntes Geburtstagsgeschenk.

Die Spiegelscherbe funkelt und fängt das wenige Licht im Raum vollständig ein, blendet mich...

"Es wird Dir nichts nutzen. Du bist nichts gegen mich. Alles was Du tust wird Dir nichts nutzen - ich werde nicht wieder weggehen. Und am Ende wirst Du das auch nicht mehr wollen. Wir gehören nun zusammen."

Seine Stimme erklingt und doch weiß ich, dass nur ich sie höre - zuerst dachte ich noch, ich bilde sie mir nur ein. Jetzt bin ich sicher, dass dem nicht so ist. Eigentlich will ich sie nicht hören, nicht zuhören was er mir zuraunt. Aber sein Bild, das Bild, das ich vor Augen habe wenn erzu mir spricht ist es, das mich immer wieder dazu treibt, den Splitter hervorzuholen.

Er trägt das Gesicht meines Bruders - meines Bruders Augen strahlen mich an, wenn ich in diesen Spigel blicke. Wie könnte ich je von ihm lassen? Selbst wenn es nur ein Bild ist, das von dem was dahinter steht aufs übelste verzerrt wird - ich kann nicht loslassen, ich werde nicht loslassen.
Bis zu dem Tag, an dem ich die Stärke gewonnen habe, diesen Spiegel zu zertrümmern. Dann wird es endgültig sein, dann werde ich ihn nie wieder sehen. Aber immerhin damit im Reinen sein.
Ariah Marlenthin

Reflexionen für den Winter meiner Seele

Beitrag von Ariah Marlenthin »

Demoar Llastobhar forderte mich auf, ihm genauer zu erklären was geschehen ist, seit ich verschwand. Was weiß ich wirklich, was weiß ich sicher?

Nur, dass ich mich von Adoran abwandte mit klarem Ziel, dass ich den Weiher aufsuchte, in den ich das Amulett versenkt hatte, kurz nach dem Alyuin gestorben war. Was ich für eine Sicherheit darin zu finden glaubte, es wieder zu haben weiss ich nicht. Und wie es möglich gewesen ist, dass ich es fand, verstehe ich bis heute nicht - vielleicht ist er daran beteiligt gewesen. Es war nicht zu Grunde gesunken, es hatte sich mit dem Kettchen an einem Ast verhakt. Trotzdem tauchte ich viele Male bis ich es fand, was selbst im seichten Wasser des Ufers anstrengend war, ich erinnere mich an die Kälte, die unglaubliche Kälte die von mir Besitz ergriff, als ich letztendlich aus dem Wasser kroch, das Medaillon in der Linken.

Damit begann es, damit begann er zu mir zu sprechen. Der Übergang war fließend. All die Jahre hatte ich Alyuins Stimme in meinem Kopf gehört, die letzten Worte die er zu mir sprach, immer und immer wieder vernommen und war auf gewisse Weise damit zufrieden gewesen. Aber auch davon getrieben.

Als sie sich das erste Mal veränderten, wie ich nass wie eine Schiffsratte im Gras lag, glich es einem Schlag ins Gesicht und doch, auch wenn ich wußte, wie unmöglich es war, ich wollte mehr davon. Und er gab mir mehr. Er fütterte mich, er lockte mich und ich folgte jeder Silbe. Er brachte mich an den Ort, den er nicht verlassen konnte und vielleicht noch immer nicht kann - er hielt mich dort fest, für lange Zeit wie ich jetzt weiss.

Ich habe einen Traum gelebt...

Die Welt hinter dem Spiegel ist der Wirklichkeit so ähnlich, so unglaublich ähnlich. Mit einem Unterschied. Alyuin ist am Leben, er lebt und er ist ebenso gealtert wie ich es bin. Wir verbrachten lange Zeit dort zusammen, in dem kleinen Haus am Weiher, das in dieser Wirklichkeit nur eine Ruine ist. Vermutlich wäre ich niemals gegangen, hätte diesen Ort nie verlassen, wenn er nicht derjenige wäre der er ist. Was auch immer er ist..
Am Ende gab es zu viele Fehler, zu viele Unregelmässigkeiten. Zu vieles, das mein Bruder niemals getan oder gesagt hätte, das die Illusion zerstörte.

An den Tag, an dem ich den Spiegel zerschlug - im Inneren der Anderswelt - will ich nicht denken. Es schmerzt, es fühlt sich an als sei mein Bruder ein zweites Mal gestorben. Als hätte ich ihn getötet.
Indes, ich bin frei und ich kann alles in meiner Macht stehende tun um ihn ebenfalls auszulöschen. Und sollte es mich meinen Verstand, mein Blut und mein Leben kosten - es ist alles, was ich noch zu tun vermag und alles was mich treibt.

Er hat ihn mir weggenommen. Er wird dafür bezahlen.

Der Gedanke brennt so heiss, dass ich lachen muss, obwohl mir Tränen die Wangen hinunter laufen - abrupt schlage ich die Lumpenfetzen wieder über die Scherbe und lasse mich vom Bett auf den Boden gleiten, um dort im Halbdunkel zu hocken. Mir durchaus bewußt, dass ich nicht mehr bin als ein Kind, das sich wünscht mit seinem Vater auf Bärenjagd zu gehen, ohne überhaupt zu wissen, was das bedeuten mag.
Ariah Marlenthin

Abglanz des Lichts

Beitrag von Ariah Marlenthin »

Tareion - wenn ich mit Dir zusammen bin fühle ich mich alt. So alt wie die Berge und das Meer, genauso kalt und steinern und unbeweglich. Du bist eigentlich älter als ich, aber Du erscheinst mir so jung und so lebendig.

In der Nacht am Flußufer habe ich mir gewünscht, dass jemand wie Du meine Rettung sein könnte. Dass es so einfach sein könnte und ich mich nur in Deine Arme werfen müsste und alles würde anders. Vielleicht würde das sogar für ein paar Stunden funktionieren, vielleicht für länger. Doch bleibe ich die alte Ariah. Die Verwundete, die Überlebende.
Den Schwur, den ich Alyuin geleistet habe, werde ich nicht brechen. Ich habe auf mein Blut geschworen und ich werde nicht davon lassen. Was also tue ich hier? Wieso bin ich nicht in der Bibliothek und lese alles was es zu lesen gibt, suche Ausreden, benehme mich wie das Kind das ich war als ich ging?

Ich habe Angst. Angst vor Ihm. Vor einsamen Nächten, in denen er mich besucht und mir Dinge in die Ohren flüstert - schreckliche Dinge. Ein Flüstern nach dem ich mich manchmal sogar sehne, nur weil seine Stimme wie die meines Bruders klingt. Vor allem habe ich Angst zu versagen, meinen Schwur am Ende nicht halten zu können. Macht es da Sinn, gar nicht erst zu Beginnen um das böse Ende nicht zu erleben? Nein.

Habe Spaß, benimm Dich Deinem Alter angemessen, diesen weisen Rat gab Tareion als er begann die Tiefe der Kluft zwischen uns zu ahnen - auf ihn mag es passen das auch tatsächlich zu tun. Mit all der Unbedarftheit der Jugend durch's Leben zu gehen. Ich tanze nach einer anderen Melodie und ich darf nicht aufhören mich zu drehen, wenn ich nicht als Marionette enden will.
Trotzdem hat er in gewisser Weise wohl auch Recht, ich darf ebenfalls nicht aufhören zu leben, weiter zu gehen. Denn sonst werde ich mich verlieren und in dem Rachedurst der wie Feuer heiß in meinem Innersten lodert verzehrt werden.


Weiter gehen... nicht zum ersten Mal seit ich nach Adoran zurück gekehrt bin, frage ich mich für einen kurzen Herzschlag, wie es wohl jenen ergangen ist die geblieben sind als ich ging. Gesichter tauchen auf und am Ende ist es wie jedes Mal das von Tiia, welches sich vor alle anderen schiebt.

Ich bin zurück gekommen, aber ich wage es nicht den letzten Schritt dieses Weges auch noch zu tun. Was für ein Feigling ich doch bin.
Zuletzt geändert von Ariah Marlenthin am Freitag 9. November 2012, 02:26, insgesamt 1-mal geändert.
Ariah Marlenthin

Beitrag von Ariah Marlenthin »

Als ich in dieser Nacht in mein bescheidenes Kämmerchen zurück kehrte, war die Unruhe grösser als in allen Nächten zuvor zusammen genommen. Auch wenn ich mich erst rücklinks auf das Bett fallen ließ und versuchte, konzentriert die Decke an zu starren und mir Tareions Worte und ihren Klang wieder ins Gedächtnis zu rufen, gelang mir das nicht mehr als ein paar Minuten.

Er rief mich, es war als würde der Splitter wie ein Herzschlag pulsieren den ich vernehmen konnte, obwohl er dick eingepackt in seiner Schublade ruhte.
Ich musste einfach hinüber gehen, sie öffnen und ihn herausholen.

Als ich mich auf den Weg zum Hafen machte, lag die Dämmerung in ihren ersten Zügen und als ich mich irgendwo fern ab der früh-nächtlichen Geschäftigkeit der Handelsschiffer an einem entlegenen Kai nieder ließ ging die Sonne eben auf. Ich betrachtete sie eine Weile und zum ersten Mal seit Tagen kam mein Geist wirklich zur Ruhe. Doch nicht für lange. Alsbald wickelte ich den Splitter aus - meinte fast den gleichmässigen, langsamen Puls unter meinen Fingern fühlen zu können.

Meine freie Linke berührte unwillkürlich die Narbe unterhalb meiner Schlüsselbeine... ich schloß die Augen, ich schloß die Finger fest um den in der jungen Sonne gleißenden Splitter und hob ihn an. Er schien schwer zu sein, so schwer wie ein ganzes Gebirge.
Dennoch zerteilte er die Haut oberhalb von meinem Herzen leicht, den Schmerz den er verursachte zurückdrängend in dem Pulsieren, das nun meinen gesamten Körper ergriff und meine Gedanken ausfüllte, die Bereiche meiner Selbst ausfüllend, welche mir im Wachen nicht zugänglich waren. Im Schlaf würden sie sich nun in eine Alptraumlandschaft verwandeln, verzerrt und verdreht durch seine Präsenz die nun untrennbar mit meiner verbunden war. Aber das ahnte ich in jenem Moment nicht.

So vieles ahnte ich in jenem unvermeidbaren Moment nicht, in dem meine Hand längst nicht mehr von meinem Willen allein gelenkt wurde - aber in Anbetracht dessen, wohin meine Schritte mich alsdann führten, mochte diese Kleinigkeit verblassen.
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