Ihre Zeit war gekommen – sie hatte sich entschieden.
Althan hatte ihr Tage zuvor einen ruhigen Ort ausserhalb der heiligen Stadt gezeigt, an dem sie, wie sie zu ihm sagte, ihrem Leben ein Ende bereiten konnte.
Ihre Seele sollte endgültig ihre Hülle - das menschliche Fleisch, dass nur noch ein Wrack und ein Hindernis für sie gewesen war - verlassen und ihren direkten Weg an einen Anderen, vielleicht sogar schöneren Ort finden. Zu viele Emotionen, die sie schwächten, raubten ihr jegliche Kraft – übermannt von Depressionen nahm sie kaum noch Nahrung zu sich. Dürr war sie geworden, wie ein alter, zerbrechlich wirkender Letharenmagier und auch ihre Gesichtszüge waren nicht mehr das was sie einst einmal waren.
Sie sank an jenem Ort auf den Po und sah unter stoischer Ruhe über das leise rauschende Meer hinweg. Die Finger, die sie auf ihre überkreuzten Beine bettete waren von der abendlichen Kälte unterkühlt und nahmen bereits ein fahles, grässliches blau an. Kaum eine Regung ging von ihrem Leibe aus, nur ab und an ein Blinzeln, provoziert durch den beissend kalten Wind.
Sie wollte jedes Gefühl an Freude, Wollust, Trauer, Schmerz, Hass und Zorn hinter sich lassen und endlich Ruhe finden.
Das ihr an diesem späten Abend jemand gefolgt war, wusste sie nicht. Nicht einmal einen Schritt des Unbekannten vernahm sie, wo sie doch sonst so aufmerksam war und nach jedem Geräusch lauschte. Diesmal aber war es das Gegenteil. Zu sehr war sie in sich gekehrt und spürte nicht einmal den penetranten Blick auf ihrem Rücken, der sie fast zu durchbohren drohte.
Kaum zwei Herzschläge später ergriffen sie die beiden Hände auch schon am Hals, die Finger stetig gegen ihren Kehlkopf gedrückt, um sie zu würgen und ihr so die Luft abzuschnüren.
Sie zappelte, wand sich in den Fängen des Unbekannten und versuchte sich so durch eine leichte Drehung ihres Leibes aus dem Griff zu lösen. Durch die Hektik, gar aufkeimende Panik, strampelte sie so sehr, dass sie sich letztlich befreien und sich einige Schritte entfernt vor ihm aufrichten konnte. Noch währenddessen zog sie aus der Waffenhalterung an ihrem Schenkel den Dolch hervor und richtete die Klinge bedrohlich auf ihren Gegner. Doch noch ehe sie einen Angriff gegen den Feind ausüben konnte, fiel sie erneut unter einem leisen Keuchen zurück und sank gelähmt durch den Schmerz in ihrer Schulter auf die Knie. Man hatte ihr hinterrücks einen Pfeil durch die Schulter geschossen und sie zu Boden gezwungen.
„Bring sie um… Bring sie endlich um, du Idiot!“
Tränen aus Wut rannen ihr über die geröteten Wangen. Die Gestalt näherte sich und umging sie mit langsamen Schritten, bis sie schließlich hinter ihr zum Stehen kam. Der Pfeil erledigte seine Arbeit meisterlich und entfaltete in ihrem Blut die Lähmungsflüssigkeit gänzlich. Er kniete sich zu ihr herab, strich ihr das schwarze, gelockte Haar über den Rücken und legte seine Finger um ihr Kinn. Kalter Stahl drückte sich an ihre Kehle und trachtete durch einen tiefen, feinen Schnitt nach ihrem warmen Blut. Leise vernahm man noch einen gepressten Laut, welcher über ihre bebenden Lippen kam, bevor er sie vorneüber zu Boden sinken liess. Die smaragdfarbenen Augen verloren ihren Glanz noch bevor sich ihre glühende Wange in das feuchte Gras schmiegte und ihrem Leib allmählich die Kälte des Todes übermannte…
Der Vicarius, sollte er widerkehren und nach dem Rechten sehen, wird die Spuren eines Kampfes in der Wiese erkennen können. Aber auch der Pfeil in ihrer rechten Schulter weist darauf hin, dass es kein Selbstmord war. Ein Attentat auf eine Bürgerin Rahals? Man munkelte bereits, dass es von solchen Feinden im alatarischen Reich nur so wimmelte.
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