Unter der dunklen Robe der Höflichkeit...

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Gast

Unter der dunklen Robe der Höflichkeit...

Beitrag von Gast »

Der seltsame Fremde beim Bankhaus zu Bajard hatte aufgehört über die nutzlosen Frauen, über Adoran und das Regiment zu wettern. Nun beobachtete er aus geringer Entfernung ihre Misere gegenüber dem dunklen Berobten ... am liebsten hätte sie ihm entgegnet, er sollte einmal überlegen, wer genau gerade hier "nutzlos" sei.

Sie überlegte fieberhaft hin und her, kam allerdings immer zum gleichen Schluss: Sie hatte zwar eine Wahl - aber ihre Möglichkeiten ließen doch arg zu wünschen übrig.

"Vi... ca... rius." Sie wiederholte die Silben leise und prüfte sie auf ihrer Zunge. Nicht zum ersten Mal versuchte sie sich den fremdartigen Titel einzuprägen. Doch wenn sie den Blick auf die Gestalt des Mannes neben sich lenkte, musste es ihr wohl gerade umso stärker angeraten scheinen.

Der große Mann in der Kapuzenrobe hatte sich vom Dorfeingang her genähert. Trotz der beschatteten Gesichtszüge hatte sie ihn sogleich erkannt - spätestens beim Klang der Stimme, die eine Erinnerung an bohrende Fragen und überhebliche Erwiderungen in ihr wach rief, war auch ihre Verärgerung von der letzten Begegnung wieder da.

Im Plauderton begannen sie ein Gespräch, doch ließen sie sein raubtierhaftes Lächeln wie auch sein durchdringender Blick spüren: Heute sollte sie nicht einfach weg schlüpfen können.
Überaus höflich schilderte er ihr, er brauche ihre Hilfe... "ihr Wissen". Es handele sich um einen "im entferntesten Sinne" Kranken oder Verwundeten, fand sie durch einige Nachfragen heraus.

Somit beschloss sie - als hätte sie ernsthaft eine Wahl gehabt - ihm zu folgen.
Gast

Beitrag von Gast »

Einmal war sie ihm in der Bibliothek durch die Finger geschlüpft, doch heute würde dies nicht geschehen. Sicher ist dieser jungen Frau eingeimpft worden, dass jeder in den dunkelroten Farben des Tempels das personifizierte Böse darstellte, dennoch schien sie seinem Wort zu vertrauen und so folgte sie seiner Aufforderung ihn zu begleiten.
Dieser zwingende Blick, der keinen Widerspruch duldete die leichte Geste seines Armes und die Andeutung von ihm sich von ihm führen zu lassen. Galant und höflich als seien sie auf einem Fest und nicht auf den matschigen Wegen des kleinen Fischerdorfes. Er wusste sie würde nicht wagen seinen Zorn zu erregen, wo er sich doch solch sichtbare Mühe gab das Raubtier hinter der höflichen Fassade im Zaum zu halten und ihr einfach auf raffinierterer Weise seinen Willen kund zu tun.
Sie zu verschleppen und einzufordern was er wollte, das war dumm und wenig effektiv. Ein ungeduldigen Verhalten würde bei ihr alles zerstören, was er hier und heute aufbaute.
So führte er sie hinaus aus Bajard, ihr zusichernd, dass sie unbeschadet wieder zurückkehren würde und bestieg mit ihr die Kutsche.
Nur mit der Wahrheit würde er ihr Vertrauen erlangen können und so waren seine Antworten dementsprechend, auch wenn es sie nicht sonderlich befriedigte was sie hören musste.

Neugier... was würde er ihr zeigen?
Unsicherheit... würde sie wohlbehalten zurückkehren und er Wort halten?
Freundlichkeit... erwartete sie von Anderen und durch ihn in Düstersee.
Sicherheit... sie stand unter seinem Schutz.
Gewissheit... die Begegnung wer nur eine von vielen.

Kein Verwundeter erwartete sie in Düstersee, keine Bekehrungsversuche seinerseits. Was auch immer er bezweckt hatte, das was er erreichte schien ihm zu genügen.

Der Tag hatte vielversprechend begonnen, weitere würden folgen.
Gast

Beitrag von Gast »

‚Wisst ihr was das Problem ist, wenn man einen Mann, Kinder und Freunde hat?
Sie werden zu eurer Schwäche..‘


Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken los zu werden und beschäftigte sich eingehend mit der Abschrift vor sich.
Ein weiterer Buchstabe fand auf dem Pergament seinen Platz, ein kleiner Kringel am Ende, dann hielt die Feder wieder inne.


‚Und glaubt mir, ich werde sie ausnutzen um euch von eurem Tun abzuhalten dem heiligen Reich zu schaden‘

Auf dem Pergament bildete sich ein dunkler Fleck, langsam saugt sich die Tinte in das Buch..
Ein leises ungehaltenes Fluchen.
Nein, hier würde sie heute nicht weiter kommen. ..
Statt dessen verließ sie den leise knarzenden Stuhl unter der Befreiung ihres Gewichts, wobei sie aus einer der dunkleren Ecken einen kleinen Korb ans Licht beförderte.
Den sie schließlich emsig zu packen begann.
Sie würde nicht warten, die Hände in den Schoß legen.


‚Glaubt mir ich habe nichts zu verlieren.‘

Nein, das glaubte sie nicht. Da war sehr wohl etwas, auch wenn es vielleicht nicht bewusst war, aber es war da. Dessen war sie sich sicher.
Ein weiterer Gegenstand fand Platz in dem kleinen Körbchen.


‚Es ist schon geschehen..‘

Sie war nicht aufmerksam genug gewesen, sie hatte sich ablenken lassen.
Der Fehler würde ihr kein zweites Mal geschehen. Nun lag sie auf der Lauer, blieb die Frage wie aufmerksam er wohl in seiner Vorgehensweise war…


Sanftmut: ungewöhnliche Geduld bei der Planung einer süßen Rache.
Gast

Beitrag von Gast »

Leise hatten sie sich im Kaminzimmer der Bibliothek unterhalten und wieder war es ein verbales Kräftemessen gewesen, auch wenn er ihr diesmal mehr offenbahrt hatte wie weit er bereit sein würde zu gehen, wenn sie ihm im Wege stand.
Nicht ohne Grund hatte er keinen nahe an sich herangelassen, dann am Ende zählte nur das Ziel des Herrn weiter voranzutreiben. Sie hatte einen Fehler begangen und nichts von seiner Denkweise bisher auch nur annähernd verstanden wie es schien. Er würde stets den Willen des Alleinen über alles andere stellen und auch die opfern, die er liebte.
Hatte sie eine Ahnung wie weit er zu gehen bereit wäre?
Nicht ohne Grund hatte er herausgefunden wo ihre Lieben sich aufhielten und wo er sie fand. Seine Worte schienen sie zu schockieren und ihr auch die Erkenntnis zu bringen, dass er wie stets wahr zu ihr sprach.


"Ihr habt keine Ahnung wie weit ich zu gehen bereit bin."


"Nur soweit wie ich euch kommen werde lasse, ich würde mir gut überlegen, ob ihr das wirklich ausprobieren möchtet."

"Haltet euch an meine Warnung und es wird ihnen nichts geschehen."
Es war die Wahrheit, wieder einmal jedenfalls wenn er es versprach. Süßer war doch der Sieg, wenn er bekehren konnte anstatt über jene zu richten.

"Solltet ihr jemals... jemals.. auch nur einen aus meiner Umgebung anrühren, ist mir jegliche Regel, die jemals aufgestellt wurde, völlig gleich."

"Hm, das ist schon geschehen und trotzdem wandel ich noch unter den Lebenden."

"Wer?"

"Das, meine Liebe... werdet ihr wohl selbst herausfinden müssen."

Er lies sie mit den Worten und der Erkenntnis allein, doch sein kaltes Lachen ob ihrer Situation klang wohl noch lange in ihr nach.


Gen Abend erhielt er ein Buch von Frau Demarkes... ein Buch was Nia in der Bibliothek als Abschrift bestellt hatte? Nachdenklich betrachtete er den Titel und lies es in seiner Robentasche verschwinden.
Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 18. September 2012, 08:51, insgesamt 2-mal geändert.
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