Es war bereits dunkel in dem kleinen Zimmer der Herberge, die etwas südlicher des Ordensgeländes lag. Er saß auf dem Bett, den kleinen Oktavband vor sich auf die Truhe gelegt und studierte die Zeile über die Erschaffung elementarer Mächte, die in Form von Nahrung erschienen. Er hatte schwierigkeiten, seine Gedanken auf die Erde als das wesentliche Element zu konzentrieren, wußte er doch nur zu gut, dass an der weltlichen Erschaffung von Nahrung auch Feuer, Wasser und bisweilen gar Luft beteiligt waren. Doch das brachte ihn nicht weiter. Er hatte es bereits versucht, ein einfaches Stück Brot entstehen zu lassen, doch es war nicht geglückt. Jetzt durchforstete er die Zeilen nach einem Hinweis, wie er's anstellen könnte, die fremden Einflüsse aus seinen Gedanken zu entfernen. Es war eigentlich eine ganz einfache Konzentrationssache.
Dem alten mann fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Er war nun weit jenseits der 50 und hatte sein Leben lang die komplexe Handwerkskunst der Alchemie ausgeübt und auch wenn dieses Handwerk seine Grundlage für den Elementarismus begünstigte, gab es ihm doch auch deutliche Schwierigkeiten mit auf den Weg, denn Alchemie war komplex. Alle Elemente hatten hier ihren Platz und waren am Ergebnis beteiligt, doch bei der Erschaffung komplexer Strukturen aus dem Nichts mittels der Magie schien das anders zu sein. Diesen Zusammenhang musste er ersteinmal verstehen.
Lebenskraft, Erde, Feste das war's was er brauchte, nicht die Hitze, die aus dem Teig das Brot machte, nicht das Wasser, was in dem Teig enthalten war. Er seufzte etwas. Er konnte sich nicht konzentrieren. War er vielleicht doch schon zu alt. Sowas kompliziertes, wie die Magie erlernte man nicht einfach so. Aber er vielleicht war es gar nicht so schwer, wie er dachte. Was hatte der Lehrmeister gesagt, handelt aus der Intuition. Das klang zwar nicht nach Wissenschaft, aber vielleicht lag hierin der Schlüssel? Sein Blick fiel nach draußen. Es war schon lange nach Mitternacht, doch das war er gewohnt. Er klappte das Buch zu, verstaute es in seiner Tasche und stand auf. Dann ging er leise durch den Flur und die Treppe hinunter. Die Schnarchgeräusche machten ihm nur noch mehr bewußt, dass er leise sein musste.
Er blätterte eifrig im Schein der Laterne, die er mitgebracht hatte. Da war die Seite, die er zuletzt betrachtet hatte. "Die Anwesenheit der zu erschaffenden Elemente". Das könnte helfen, sich zu konzentrieren. Hier im Park des Ordens, wo die beiden Obstbäume standen. Der Hinweis war im Unterricht gegeben worden, doch er hatte es recht schnell wieder vergessen. Jetzt würde sich zeigen, wie alt er war. War sein Geist noch flexibel genug, um ein derartiges Potential an Imagination hervorzubringen? Er las die Zeilen weiter. Das klang alles weniger nach Wissenschaft, als nach Hexentum. Intuition. Er zog sich der Anweisung gemäß die Schuhe aus, um einen direktn Kontakt mit der Erde zu haben und lehnte sich an den Apfelbaum. Jetzt konzentrierte er sich auf die Armbewegungen, die das Buch vorgab und die er die ganze Woche geübt hatte. Seine Schultergelenke knarzten protestierend, doch mussten sie seinem Wunsch gehorchen und so beschrieb er die Zeichen in der Luft und sprach die entsprechenden Worte laut vor sich hin. Er versuchte sich auf die Erde zu konzentrieren unter seinen Füßen, über ihm. Aus seinen Jahren des Lernens wußte er, dass es nur einmal funktionieren musste. Er brauchte nur die innere Mauer durchbrechen. Das Gefühl erfahren, das er benötigte, um die Elementaren Kräfte anzurufen. Erde Erde Erde... Warmes Brot... nein nicht Feuer... Er spürte die Kraft fließen und schaute auf den Boden, wo ein verkohltes etwas vor ihm lag, das zwar im Ansatz an einen Laib Brot erinnerte, aber so sicherlich nicht genießbar war.
Verzweifelt seufzte er. So würde das nichts werden... Er starrte in die Lichtspende Flamme der Laterne... Flamme? Schneller, als ein Mann seines Alters derartiges normalerweise vollbringt hatte er sich hinuntergebeugt und die Laterne gelöscht. War es das? Er richtete sich auf und konzentrierte sich wieder.
Kurz wanderten seine Gedanken an den Teigfladen zurück, der auf der Truhe zerlaufen war und an das eklig stinkende Gebräu, was in der Schale entstand, als er schlicht etwas Tee erschaffen wollte. Schlicht... Es war eigentlich Wasser, was er mit den Kräften der Erde rufen musste...
Seine Gedanken kehrten in das hier und jetzt zurück. Das musste doch möglich sein. Erneut hob er die Arme und vollführte die Gesten. Erde Erde Erde. Gras, Baum, Erde... Seine Gedanken fokkussierten das Brot und er spührte die Erde unter sich. War es das? War das das Gefühl, was er suchte? er ließ seine Kräfte fließen und sprach die Worte. Seine Arme kreisten und er spürte, wie er müder wurde. Dann war es geschehen. Der Spruch beendet. Müde öffnete er die Augen und versuchte etwas zu erkennen, doch es war dunkel. Nachtsicht... Würde er das noch schaffen? Er vollführte die Armbewegung und dachte an die Laterne. Er hätte auch diese ertasten und entzünden können. Feuer... Die Nacht wurde erhellt. War es das? War es so einfach? Vor ihm lag der Laib Brot im taunassen Gras. Müde ließ er sich sinken und brach es sofort entzwei. Das war genau das Richtige jetzt....