Lebenslauf einer Gewöhnlichen

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Atheya Gonwrath

Lebenslauf einer Gewöhnlichen

Beitrag von Atheya Gonwrath »

Lebenslauf einer Gewöhnlichen


Es ist nicht schwierig, geboren zu werden.

Ein Kind wird in einer milden Spätfrühlingsnacht, am ersten Tage nach Beginn des fünften Mondzirkels in ein frisches, weißes Leinenlaken hineingeboren und danach in die schwachen Arme seiner liebenden Mutter hineingedrückt.

Zwar, es weint ganz herzbewegend jämmerlich, erzeugt aber auch jenes wohlwollende Schmunzeln auf den Gesichtern der Umstehenden, welche, sei es durch Zugehörigkeit zur Familie oder sehr enge Freundschaft, die auserwählten Begleiter seines ersten Lebensmoments sein dürfen, und der erschöpfte Blick seiner Erschafferin kann mit einiger Überzeugungskraft die Skepsis des ersten Moments lösen - und das Kind
nach einiger Zeit zum Einschlafen bringen.



Es ist nicht schwierig, sich zu entwickeln.

Ein Kind, freundlich im ersten Blickkontakte, hübsch im Frätzchen und still in der Nacht, wird auch in der unmittelbar auf seine Geburt nachfolgenden Zeit geliebt und umhegt werden, da es den vergleichslosen Segen eines Gefühls der Vervollständigung in seinen Eltern durchaus seinerseits zu erzeugen und aufrechtzuerhalten vermag.

Es wird auch dann, wenn es über das Längerwachsen seines Haares, die Heranbildung seiner für das ihm gewährte Geburtsglück wohl angemessenen Dankbarkeit und die Beibehaltung seines freundlichen Blickes dasjenige aus sich herausformen kann, was seine liebenden Eltern mit noch mehr Liebe und Freude erfüllt - seine Eltern nennen es "Wohlgeratenheit" - erfahren, dass die Liebe liebender Eltern annährend keine Grenzen kennt.

Ein Kind spaziert eingehüllt in feine Stoffe über den Kieselweg zum bescheidenen, aber gepflegten Teiche hin und wieder zurück. Lernt auf der Harfe zu spielen und den einen oder anderen "Alten" bescheiden zu rezitieren, gepflegten Würdenträgern, so sich einmal einer im Tuchhändlerhause einfinden sollte, ein hübsches Verschen aufzusagen, gefolgt von einem würdevollen Bekenntis anerlernter Ehrerbietung
in Form einer zierlichen Verbeugung.



Es ist nicht schwierig, zu wachsen.

Ein Kind bildet über die Götterläufe hin die Kennzeichen aus, die es erstmals ernstlich "Tochter" nennen lassen und erhält noch feinere und gepflegtere Stoffe, spaziert häufiger hin und wieder zurück, aber seltener zum Teiche, viel öfter zu geschäftlichen Zusammenkünften seines Vaters mit dessen Kollegen und deren Zöglingen.

Eine Tochter verliebt sich in den strohblonden, stattlichen und überaus höflichen Sohn eines Pferdehändlers aus Bajard mit der Aussicht auf eine beachtliche Rente von sechstausend Goldtalern jährlich, welcher, nach
nur wenigen Augenblicken gemeinschaftlicher Ausspähung gegenseitiger Charakter-Gemeinsamkeiten auch ihr alsbald verfällt.



Es ist nicht schwierig, zu gehen.

Eine junge Frau sitzt allein in ihrer Kammer, stopft ein paar Kleidungsstücke in einen Lederbeutel, etwas Seife, ein
Parfum ihrer geliebten Mutter legt sie noch dazu. Sie ergänzt ihr Reisegut um Brot, Käse, Salz, Feuerstein und etwas Zunder, die sie nicht recht zu bedienen weiß, einen vom Vater geklaubten Kompass, den sie auch nicht zu bedienen weiß, und um einen vollen Strauch roter Trauben, den sie ganz obenauf bettet, ehe sie die Kordel des Lederbeutels verknotet.
Sie nimmt ein kleines bronzenes Amulett vom Bande ab, das über ihrer Kammertür hängt und die Gottheit des Hauses zeigt - Horteras - und steckt es es in ihre Rocktasche.
Sie zerdrückt den Docht der Kerze, die die Ausführung ihrer Idee ermöglichte, springt aus dem Fenster und landet in einem weichen Gebüsch, sieht um sich und rennt.





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