Briefe an Mutter

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Ulbrecht Ataclastos

Briefe an Mutter

Beitrag von Ulbrecht Ataclastos »

Es war längst überfällig geworden, der werten Mutter, Welchselbige, in beruhigend unnahbarer Ferne, am Rande alumenischen Festlandes, ein nun einsameres (doch höchstwahrscheinlich nicht weniger glückliches) Dasein fristete, einen der unzähligen (vor seiner Abreise) zugesagten Erfahrungsberichte zu schreiben, auf die sie inzwischen seit Monden warten musste, weil Ulbrecht von den Versprochenen noch nicht einen Einzigen verfasst zu haben pflegte.

Wozu auch.
Im Grunde war ja noch nichts über die Maßen Aufsehenerregendes passiert, und als sich schlussendlich, vor wenigen Wochen, wichtige, sein Leben verändernde, Dinge abzuzeichnen wagten, fehlten ihm im Grunde ja, von gleich auf gestern, entweder a) die Zeit oder b) eine angemessen gesunde Verfassung zur Verfassung. Von äh, einem Brief an die Mutter. Und allein schon ob der, vage zu erwartenden, Vorstellung, das sich in allzu naher Zukunft einiges in seinem Curriculum Vitae bewegen können würde, was, bei anzunehmendem Wiedersehen der werten Frau Mutter, dann dieser angesichtig näherzubringen wäre, wollte Ulbrecht lieber vorsorglich handeln, und die angehende Flut an Informationen Schank- oder Eimerweise über das Haupt seiner Erzeugerin gießen. In Scriptum, nicht wortwörtlich. Der zu erwartende Vorwurf gegen Ihren Sohn, an Ihrem vorzeitigen Ende als Hauptschuldner involviert zu sein, sollte sich damit um einen Gutteil reduzieren – die Anklage bezüglich eines Herzinfarkts auf Raten würde Ulbrecht argumentativ abzuwehren wissen. Zur Not unterstützt von einem resoluten Heilkundigen.

Zu diesem Behufe war es aus Sicht der Erfahrungen der vergangenen Jahre empfehlenswert, sich die vom Elternhaus anerzogene Kruste aus vermeintlich erhabenem Bücherwissen und grundlos elitärem (ein Grinsen schlich sich auf Ulbrechts Lippen – aber nur kurz!) Gehabe bildlich vorzustellen, ehe man ein Schriftstück an Mutter verfasste. Es könnte sonst, wie in Präzedenzfällen unrühmlicher Natur vorher, bei kleinsten Unachtsamkeiten oder gar FEHLERN im Wortsinngebrauch, zu Unannehmlichkeiten führen, auf die Ulbrecht sehr gern verzichten konnte. Ergo lenkte er seine, noch bis kürzlich einer experimentellen Tangentialfunktion zugeordneten, Gedanken auf das leere Schriftstück vor sich, formulierte sorgfältig aus, was sein schlechtes Gewissen ihn zu Schreiben riet, und bereinigte eben Jenes vor der schriftlichen Niederlegung um die Komponenten, die das feinmaschigste rationelle Sieb, welches sein Verstand nach der alkoholdurchtränkten Erfahrung einer unbezahlten Nächtigung auf einem geknüpften Textil vor einem offenen Kaminfeuer bereithielt, zurückzuhalten vermochten. Der Rest war Hoffnung. Frau Mama war unzweifelhaft die perfekteste humanoide Metapher eines Drachen, die man sich vorstellen konnte, aber sie war seine Mutter. Ulbrecht atmete tief durch. Die Tinte bahnt sich, von der Feder geführt, schicksalhafte Pfade von dauerhaften Verbleib über die pergamentene Einöde.

„ Liebe Mutter,

Ich darf dir voller Stolz mitteilen, dass ich endlich in Adoran eingetroffen bin. Die Reise war nicht sonderlich beschwerlich, verzögerte sich jedoch aufgrund schlechten Wetters um einige Tage. Es wird dich gewiss freuen zu hören, dass mein Gesuch um die Aufnahme im ehrenwerten Konzil des Phönix erhört wurde. Diesbezüglich steht mir eine eingehende Inspektion durch das Kader der Magister und Praeceptoren bevor. Insofern die gelehrten Herrschaften meine Wenigkeit für würdig befinden, sollte es nicht bei der bereits ausgehändigten Immatrikulationsurkunde bleiben.“


Ulbrecht legte an dieser Stelle kurz die Feder beiseite und besah sich den Text zufrieden. Ein Schluck bereits erkalteten „geistvollen“ Apfeltees genehmigte er sich, um für die zwangsläufige, den Brief nach Erwartung der Mutter abschließende und für Ulbrecht reichlich unangenehme Diminuskel angemessen gelockert zu sein. Was könnte er noch verfassen?
Gemäß der soziologisch geprägten Eigenheiten selbst verfasster Werke an Angehörige der eigenen Familie, eventuell eine etwas persönliche Komponente? Warum nicht! Nun in ein wenig Schreiblaune hineingetrunken, griff Ulbrecht erneut zur Feder und formulierte weiter.

„Praecepter Apex de Feruin würde Dir sehr zusagen. Meiner Einschätzung nach entspricht ihr Ego in etwa den Bildnissen eines vom Firmament herabsteigenden Kriegsgottes, inklusive Schwert und Flammen, und muss den Vergleich mit einem gestaltgewordenen Phönix kaum scheuen, wenngleich mir der visuelle Beweis ihrer destruktiven Fähigkeiten bislang Eluiveseidank verwehrt blieb. Magister Inos, Welchselbiger sich in nächster Zukunft für meine Ausbildung zuständig zu erklären pflegte, ist meinen seligen Vater nicht unähnlich! Mit harter Hand und sehr distinktivem Auftreten bereitet ihm das Erteilen von Lektionen gewiss keine Mühe noch schlechtes Gewissen. Sein Unterricht wird gewiss von Organisation und Effizienz geprägt sein, wie ich es präferiere. Ich kann mich nur glücklich schätzen!
Tertio existiert hier noch Magistra van Valerian, welche sich durch übermäßigen Fleiß, exorbitante Motivation, und diverse andere Superlativen auszeichnet. Ihre Adelung wurde erst kürzlich vollzogen, weißt Du. An jener wird das Urteil über meine Integration in die Schülerschaft des Konzils am ehesten Scheitern, da sie offenbar zu emotional agitierter Erteilung von „freiwillig“ zu bewerkstelligen Zusatzaufgaben neigt. Sie entspricht dem Archetypus desjenigen Kreises von Damen, vor denen Du mich stets zu warnen pflegtest!“

Ulbrecht starrte stolz auf diesen Abschnitt, der seine Mutter daheim in Entzückung versetzen würde. Das war natürlich quatsch. Mutter titulierte JEDE Frau, außer sich Selbst und einige Auserwählte, meist antik anmutende, Damen als öh, „Flittchen“ , „zu Nichts nutze“, „Faulhaut“ oder „Beischlafschurkin“. Er würde ihr diesen „Spaß“ auf ihre alten Tage sicher nicht nehmen wollen. Nur gut dass die Magistra diesen Brief niemals zu sehen bekommen würde. Und falls Mutter ihn unerwartet besuchen wollen würde?
Crux, verdammte!
Rasch schrieb Ulbrecht vom schlechten Gewissen getrieben weiter.

„Abgesehen von ihrer zugegebenermaßen sehr großzügigen und fürsorglichen Natur, selbstverständlich. Dank den Bemühungen der Magistra verfüge ich inzwischen über ein Arsenal an combattativen Utensilien, die einem Knappen im Dienste des Adels zur Ehre gereichen würde, und einen gewachsenen Kreis an eloquenten Bekanntschaften. Die Konzilisten befleissigen sich dem elitären Ruf des Instituts aufs Äußerste, so dass es mir trotz meines fortgeschrittenen Lebensalters reichlich schwer fallen dürfte, mich auf irgendeinem Fachgebiet in besonderer Weise hervorzutun.“

...gerettet. Ulbrecht trank ein weiteres Gläschen Apfelwein.

„Des weiteren durfte ich mich in die profanen Künste an der Klinge einweisen lassen und konnte dort, was zweifelsohne zu deiner geschätzten Überraschung geschehen sein dürfte, im Kampfe gegen kavernenbewohnende Menschenfresser in bemerkenswerter Weise hervortun.“


Das hättest du wohl nicht vermutet, Frau Mama! Fügte Ulbrecht im Geiste triumphierend hinzu. Und das!

„Und zu meiner Rekreation verbringe ich meine Zeit mit allerlei reizenden Herr- und Damenschaften. Die Gastfreundschaft dieser Lande ist bemerkenswert, die Speisen wahre Gaumenfreuden, und das Wort eines belesenen Mannes offenbar hoch geschätzt. Um Dir sogleich die Furcht zu nehmen, nein, ich verbringe meine kostbare Zeit natürlich nicht sinnlos. Ganz im Gegenteil bin ich in einige Projekte involviert und ..“


Ulbrecht würde sehr gern noch etwas über die reizende Dame verfassen, mit der er tatsächlich einige ergötzliche Stunden reinster, unbefangener und im wirtschaftlich-akademischen Sinne fruchtloser Freizeit verbracht hatte...aber wie sollte er das anstellen, ohne Mutter aufzubringen? Er blickte auf die friedlich schlummernde Dame neben sich. Visuell absorbierte das, in echter Partystimmung befindliche, Bewusstsein Ulbrechts, insbesondere sehr plastisch kreiszahlbeeinflusste Konturen, die sich reizvoll unter dem sichtverdeckenden Nachthemd abhoben, und die mit 116,5 prozentiger Sicherheit selbst eingefleischte, und an Cerebralparese leidende, Mathematiker und Pi-Fetischisten lieber haptisch vermessen, denn berechnen wollen würden! Bestätigend schob ein hypothalamusinduzierter Hormonanstieg die corticoale Schlagfrequenz nicht unwesentlich an, und Ulbrecht führte sich selbst den Rest des Apfelweines zur Beruhigung zu. Die Schrift wurde langsam fahriger. Jubirallala!

„und vertiefe, in Zusammenarbeit mit einer echten Koriphäe, meine Kompetenzen in Sinus- und Tangentialfunktionen und beabsichtige mich auch in den Gebieten Anatomie, Diffusion und Ballistik bei ausführlichen praktischen Übungen intensiv auszutauschen.
Ob ich dir davon zukünftig berichten werde, wage ich indes stark anzuzweifeln, „


Herrje! Ulbrecht versuchte sich zusammenzureißen – Ja er meinte das zwar genau so, aber das wollte er seiner Mutter ja nicht...er musste die Kurve, ähm, komm zum Ende Ulbrecht! Befahl er sich selber.


„weil ich Dir gewiss so umfangreich über meine arkanen Lehren berichten werde, dass dafür kaum die Tinte ausreichen dürfte! Bitte richte Onkel Sideus meine ergebensten Grüße und Wertschätzung aus,“


...und jetzt biss er die Zähne zusammen und schrieb in schönster Handschrift...

„ Dein Dich liebender Sohn Ulbi.“
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