Es herrschte eine vollkommene Stille in der großen Halle des Temoratempels der Hauptstadt. Nur selten kroch ein Windhauch zwischen den Fensterritzen oder unter den Torbögen hindurch und ließ einige der Kerzen sanft im Rhythmus der Natur tanzen. Deren Schein sorgte für eine heimelige Atmosphäre, erhellte die mit schweren und edlen Behängen verzierten Wände, die Dutzende Schritt hoch hinaufzugehen und erst nahe am Abendhimmel das Dach zu tragen schienen. Vorn am Altar wurde dies noch vermischt mit dem einfallenden Schein der letzten Sonnenstrahlen, die - draußen schon tiefrot - nun durch das phantastische Fenstergemälde hindurchschienen. Das Glas, in mannigfachen Farben gehalten und zu einer herrlichen Szene zusammengesetzt, erstrahlte in unwirklichem Glanz; das Gemälde schien, verstärkt noch durch das sanfte Flackern der Kerzen, zum Eigenleben erwacht zu sein und dem Gläubigen ein wie privat wirkendes Spektakel zu gewähren.
Tatsächlich kniete ganz vorn unter dem Altar zu dieser Abendstunde eine kräftige Gestalt, den Kopf gesenkt, das Kinn bis an die Brust gepresst und ins Gebet versunken. Der Mann war schon vor geraumer Zeit eingetreten, hatte die Herrlichkeit des Bauwerks auf sich wirken lassen und sich daraufhin ins Gebet vertieft. Hier sprach er nun tonlos - die Lippen bewegten sich kaum und formten doch stille Worte – seine Gedanken, seine Sorgen und auch Hoffnungen, formulierte sie zu Dank und Preis und sandte sie zur Schildmaid.
Seine Ankunft auf dem Kontinent lag nun mehrere Wochen zurück, doch hatte er sich bislang kaum einzuleben vermocht. Unterkunft war gefunden, verlorene Ausrüstung zumindest an Wichtigstem ersetzt und auch die schwere Verletzung in Besserung begriffen. Doch an die veränderte Lebensweise hatte er sich nicht gewöhnen können. Noch immer war ihm all die Etikette unangenehm, die fahlen, teils feindlichen Blicke, die er erntete, wenn er auch den zwölfthöchsten Adligen der achtangesehensten Familie des dritten Stadtviertels nicht sogleich erkannte und voll Demut zu grüßen begann. Er war nie ein Freund unnötiger Worte gewesen, und die kaum überschaubaren Anredeformen, die man stets parat zu haben hatte, missfielen ihm zutiefst. Und auch wenn sich mancher Adlige nach dem Kennenlernen doch als angenehm, ja sogar freundlich herausstellen mochte, so schienen doch auch Diener, Leibwächter und jedwede Person, die sonstwie mit diesen verbunden war, nur mit erhobenem Zeigefinger auf einen Fauxpas zu warten, um dem Fremden seine Unwissenheit und Niedertracht vorhalten zu können.
In all diesem gesellschaftlichen Gewühl vermochte er sich nur selten zu seiner eigenen Zufriedenheit zurechtzufinden. Er war froh über die Kontakte, die gerade Jascha und Alienor zu knüpfen gewusst hatten. Auf diesem Wege hatte er Personen kennengelernt, die ihn nicht als einen aussätzigen oder zumindest uninteressanten Fremden einschätzten, sondern mit echter Hilfsbereitschaft und Freundschaft wie friedliche Ankerpunkte im Adelsmeer zu wirken vermochten.
Erst als er vor einigen Tagen Tidus im Kloster besucht und sich dieses hatte erstmalig zeigen lassen, war ein gewisses Umdenken eingetreten. In einer Mischung aus Selbstmitleid und Schicksalsergebenheit hatte er die äußeren Umstände bestimmen lassen, über sein Denken wie auch sein Handeln. Doch auch seinem einstigen Schüler, Bruder und Hochmeister war es nicht wohl ergangen, viel schlimmer gar noch als Kerum. Tidus, der sonst so übermütige und tapfere Streiter der Herrin, würde keine schwere Rüstung mehr anlegen, nicht mehr in erster Schlachtreihe stehen können. Doch er hatte sich zu arrangieren gewusst, er hatte eine neue Rolle gefunden und akzeptiert, ja, er blühte darin geradezu auf.
Auch wenn er nie viel auf die Meinung und Einschätzung anderer gegeben hatte, so war Kerum durch seinen Ruf in der alten Heimat doch stets auf anderer Stufe gestanden als viele. Ihm hatten Türen und Ohren offengestanden, um die andere sich – teils vergeblich – mühen mussten. Mochte dies auch nicht sein Verschulden gewesen sein, so hatte er diese Tatsache doch bislang übersehen und für alltäglich angenommen. Den mangelnden Rückhalt in der neuen Umgebung aber konnte nur er selbst ändern; seine Rolle vor Temora einzunehmen ebenso. Und dies beides wollte er nun in Angriff nehmen, ohne sich zurücksetzen zu lassen.
Schließlich waren sie nicht grundlos nach Adoran gereist. Eine große, eine heilige Queste hatte sie angetrieben, und diese nicht aus den Augen zu verlieren musste nun sein neuerliches Ziel sein.
Diese Einsicht, zuvor schon wie ein leises Flüstern im Bewusstsein herumgehuscht, hatte er nun im Gebet formuliert, hatte sie sich und seiner Göttin geäußert und verdeutlicht.
„Oh Temora, Herrsch'rin der Welt,
Mein Glaube ist rein, mein Hunger gestillt,
Stehe uns bei und Glaube sei Schild.“
Als er nun mit den traditionellen Worten, die er schon unzählige Male gesprochen hatte, sein Gebet beendete, die Augen öffnete und sich wieder zu voller Größe aufrichtete, da schien ihm von der Glasmalerei ein Lichtschein wie ein Lächeln entgegenzufunkeln. Vielleicht war es nur der Windstoß einer Kerze, vielleicht ein letztes Aufglimmen der Abendsonne; ihm aber war es ein aufforderndes Zeichen seiner Herrin.