Nach etlichen Jahren hatte er in Bajard eine Heimat gefunden. Heimat? Nicht wirklich, denn sein unsteter Lebenswandel hatte ihn schon immer von hier nach dort gezogen. Immer auf der Suche nach etwas Vergnügen und dann schnell wieder die Flucht ergreifen, wenn es zu ernst wurde. So geschehen auch als er sich aus einer Laune heraus entschloss dem Regiment beizutreten. Ansehen, Gold und sicher ein paar behimmelnde Blicke der Damenwelt, damit hätte er gut leben können. Aber natürlich war es ein Dienst, und daraus entsprangen Pflichten. Und mit Verpflichtungen und Erwartungen war er schon immer kein guter Freund geworden.
A propos Freunde. Der einzige wirkliche Freund, den er noch hatte war Lucien. Auch wenn er selbst nie so wirklich immer für ihn da war, bei ihm fühlte er sich zumindest halbwegs verstanden. Aber Lucien war erwachsener geworden, hatte eine Fraue und nun Familie. Pflichten. Und Pflichten war nun wirklich kein guter Freund von Tayron. Er sollte sogar Patenonkel sein, doch er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wann er das letzte Mal die beiden nach der Geburt besucht hat und seine Pflicht wahrgenommen hatte. Im Grunde war er wohl der schlechteste Freund und Patenonkel, den es jemals gegeben hatte. Selbstsüchtig und egoistich, nur darauf bedacht, seinem eigenen Vergnügen nachzugehen.
So verhielt es sich auch meist dann, wenn er mit der Damenwelt in Berührung kam. Er liebte das Zwangslose und Überkümmerte. Doch die meisten sehnten sich nach einem Partner, der stets für sie da war. Er fühlte sich eingeengt, so richtig erklären konnte er es sich nie. Vielleicht war er einfach nicht dazu geschaffen, ernsthaft ein Leben mit jemanden zu führen. Daran scheiterte sicher auch die Beziehung zu Sarah. Offen würde er das wohl nie zugeben, aber ihm war es von wenig Bedeutung, wie sie sich ihr Leben gemeinsam vorstellte, er wollte einfach nur den Augenblick genießen.
Er irrte umher, immer auf der Suche nach dem nächsten Vergnügen. Die Kämpfe im Großen und im Kleine, sie waren ihm lästig. Die Götter führten seit Jahrhunderten Krieg gegeneinander und er früchtete sich insgeheim, denn wer wußte schon, wenn sie in den Kampf eingriffen, welche Auswirkungen das haben würde. Ab und an hörte er von Geschichten, von Dienern eines Totengottes, die die Seelen aller Lebewesen einfingen. Er konnte sich das nie erklären, wie man eine Seele denn einfing. Vielleicht hatte es mit dem Lied zu tun, über die die Magischen immer sprachen. Das hatte er schon ein paar Mal am Rande mitbekommen, doch auch so interessant es schien, er konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass die Welt ein Gesang sein sollte. Er musste dabei immer an eine einsame Sängerin denken, die sich in ihren eigenen Gesang so sehr hineinsteigerte, dass sie selbst nicht mehr entfliehen konnte. Man konnte wohl nur bitter darüber lachen.
Selbst war sein Verbundenheit zu den Göttern eher ein loses Band, weder mit dem Panthergott, noch mit Temora konnte er sich anfreunden. Es war ihm zu starr, zu viele Pflichten und Erwartungen, die man zu erfüllen hatte. Wenn, dann war es Hoteras, den er heimlich seine Gedanken schenkte. Bei ihm fühlte er sich aufgeben, denn auch wenn seine Kenntnise nur begrenzt waren, er wußte, dass er für die Freiheit und Unabhängigkeit und das war etwas, was Tayron mochte.
Er wanderte gedankenverloren über den Trampelpfad, durch den kleinen Wald westlich von Varuna. Hier hatte er vor längerer Zeit ein junges Gör einmal gefunden, die vom Pferd gefallen war. Sie wirkte etwas keck und doch, hatte sie etwas Lebhaftes und Sprunghaftes an sich. Später erfuhr er dann, dass sie zu einer Schaustellergruppe gehörte und obendrein, hatte sie noch ein Lied aus der Begegnung gemacht. Es handelte von einem Mann der Blumen sammelte, den Herr der Blumen. Er musste bei der Erinnerung grinsen, nie hatte er gedacht, dass er jemals in einem Lied auftauchen würde. Mittlerweile musste er immer etwas ironisch Grinsen, wenn er von alten Sagen und Heldentaten hörte. Vielleicht waren sie auch einfach nur zufällige Begenungen und der Protagonist mitunter auch eher so ein Taugenichts wie er. Das amüsierte ihn.
Plötzlich waren da Stimmen, viele Stimmen und die Äste und Zweige knackten. Er blinzelte überrascht und das Bild an das junge Gör im Wald verblasste und die kalte, schneebedeckte Landschaft zeigte sich wieder vor seinen Augen. Er hörte sie, es waren mehrere und als er den Blick nach links wandte, brachen die ersten zwei Gestalten hinter den Bäumen hervor.
Sie wirkten abgehalftert, als hätten sie etliche Tage in der Wildnis verbracht. Er erkannte, dass sie sich Bären- und Rotwildfelle zum Schutz gegen die Kälte umgewickelt hatten. Dann entdeckte er auch die schartigen Waffen in ihren Händen. Er hatte ordentliche Winterkleidung an, die er von Verdania bekommen hatte. Glücklicherweise hatte er auch sein Schwert mitgenommen. Kein besonderes, aber er wußte mittlerweile damit umzugehen.
Da hörte er von rechts weitere Geräusche, als sich drei weitere Gestalten näherten. Sie versuchten ihn wohl zu umzingeln. Aus dem Augenwinkel konnte er eine schmächtigere Person ausmachen, sie trug eine Armbrust.
Der erste der Gestalten sprach, wie man es von einem Räuber erwarten würde: "Na Freundchen, wohl verlaufen, eh?" Und ein gehässiges Grinsen wanderte in seine Fratze. Die anderen lachten heimlich, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
"Ich dacht mir, ich genieße die frische Luft und ..", sprach Tayron ruhig als Erwiderung, als ihn der Kerl schon wieder unterbrach: "Bursche, ich glaub' keiner von uns, will dein Gesabbel hören. Du wirst schön die Taschen leermachen, verstanden?"
Tayron zuckte einmal kurz mit den Mundwinkel, ehe er dann in seine Manteltasche griff und seinen spärlich gefüllten Goldbeutel löste und ihm in Richtung des Mannes warf.
Als jener ihn aufhab und hinein blickte, konnte er die Frustration in dessen Gesicht deutlich erkennen. Sein Äußeres hätte vielleicht darauf vermuten lassen, dass er wohlhabend war. Aber er war bitter arm. Vermutlich nicht so arm wie die fünf Gestalten, aber auch nicht wesentlich reicher. "Willst du uns auf den Arm nehmen?", grollte der Kerl wieder und wandte sich seinem Nachbarn zu. "Los, durchsuch ihn. Der hat sicher noch mehr!".
Tayron wollte gerade etwas erwidern, da hörte er noch dne Schritt neben sich. Er hatte nicht aufgepasst, eine Gestalt von den anderen hatte sich heimlich schon genähert, und so spürte er nur noch den Luftzug des heransausenden Knaufs, dann wurde es schwarz.
Sie hatten ihn liegen gelassen, und ihm bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Die Platzwunde hatte stark geblutet, aber im Dunkel der Nacht, konnte man es nur spärlich erkennen, dass der Schnee um seinen Kopf blutgetränkt war.
Hier lag er nun, der Herr der Blumen und die Kälte fraß sich in seine Glieder. Er kam noch ein paar Mal zum Bewußtsein, denn die Spuren im Schnee zeigten, dass er versuchte sich an die Böschung zu robben. Aber die bittere Kälte und der Verlust des Blutes hatten ihn wohl zu sehr geschwächt.
Im Laufe der Nacht hörten die Tiere gequälte Laute, von jemanden, dessen Glieder allmählich abstarben. Verzweifelte Versuche zu schreien, nach Hilfe fordernd. Dann Gewimmer, leises Gewimmer, klagend, armseelig. Um letzten Trost spendend. Der verzweifelte Versuch, dass die Seele, die in der Person schlummerte, nicht an Krathor geht. Flehenltich bebten die Lippen ein letztes Mal, ehe der letzte Dunst des Atems in die kalte Luft der Nacht aus dem Mund drang und der Atem für immer erstoppte.
Der unheroische Tod des Tayron Murthtor
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Tayron Murthtor
Der unheroische Tod des Tayron Murthtor
Zuletzt geändert von Tayron Murthtor am Dienstag 27. März 2012, 15:10, insgesamt 2-mal geändert.