Tränen waren in letzter Zeit ihr ständiger Begleiter. Wie ein Fluss rannen sie über ihr Gesicht.
Meistens weil sie sich über sich selbst ärgerte, manchmal auch einfach, weil sie sich so allein und verloren vor kam und natürlich weil man ihr immer wieder das Herz brach. Einmal jedoch, einmal weinte sie auch aus Freude. Das war der Tag, wo sie sich bei ihrer Nachbarin ausgesprochen hatte. Ein nettes Mädchen, nur wenig jünger als sie und außerdem ebenso Tiro am Konzil. Es war fast, als hätte sie eine Schwester, der sie alles anvertrauen konnte, jemand, der sie verstand. Das war neu für sie. Sie, die immer allein war, hatte das Gefühl, eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Das war ein wundervolles Gefühl gewesen.
Aber warum weinte sie im Moment eigentlich? Es war mitten in der Nacht und als sie aus dem Schlaf aufschrak, war ihr Gesicht bereits vom Salzwasser benetzt. Achja.. sie hatte wieder von ihm geträumt. Sie seufzte.
Er, der Erste, der ihre Gefühle zu erwidern schien und der sie trotzdem nach nur ein paar Tagen verlies. Verlassen worden für seine Familie... weil er seine tote Frau und seine Kinder nicht vergessen konnte und weil er sich um seine Schwester kümmern wollte, der es wohl nicht gut ging. Wieder eine Enttäuschung.. eine von vielen. Seit dem träumte sie immer wieder, wie sie allein in der kalten Dunkelheit stand und ihm nachrief, er solle nicht gehen. Aber er drehte sich nicht einmal um und schien sie nicht zu hören und selbst wenn sie versuchte ihm nach zu rennen, war er schneller und entfernte sich immer weiter von ihr.
So konnte es einfach nicht weiter gehen! Wenn sie einmal ein respektables Mitglied des Konzils sein wollte, eine Maga, vielleicht eines Tages vielleicht sogar Arcomaga, eine Magistra und eine Person die vielleicht sogar in Adelskreisen einmal geachtet sein würde, konnte sie nicht länger ständig herum flennen wie ein kleiner Backfisch. Es wurde Zeit der Realität ins Auge zu sehen. Er war schon viele Wochen fort und er würde nicht mehr wieder kommen. Und sie würde auch sicher niemandem mehr nach rennen wie ein verliebtes Mädchen. Entweder man wollte sie, oder eben nicht. Und wenn das hieß, dass sie eben allein blieb, dann hatte sie wenigstens mehr Zeit für ihre Studien. Eluive selbst hatte sie schließlich gesegnet mit ihrer Gabe. Darauf sollte sie sich konzentrieren, nicht auf Liebesgeplänkel.
Ihr Blick fiel auf den Schmuck, den Sie auf ihrem Nachtkästchen abgelegt hatte. Blaue Saphire in Tropfenform zierten sowohl Ohrringe, als auch die Halskette und plötzlich fiel ihr etwas ein, was sie in einem alten Gedichtband einmal gelesen hatte:
Sei wie der Fluß, der eisern ins Meer fließt
Der sich nicht abbringen läßt egal wie schwer's ist.
Selbst den größten Stein fürchtet er nicht.
Auch wenn es Jahre dauert bis er ihn brich.
(Silbermond - Krieger des Lichts)
Ein Fluss, ja. Sie würde wie ein Fluss sein, kein Fluss aus Tränen mehr, sondern ein starker unbeirrbarer, der sich seinen Weg suchte und zur Not auch selbst machte. Ein Fluss der in der Sonne glitzerte, aber auch tosen kann, wenn nötig.
Sie würde sich nicht mehr beirren lassen, aus Angst, allein zu sein. Nein, sie war stark und ab heute würde sie nie wieder einen Gedanken an Dinge verschwenden, die sich nicht ändern lassen.
Und so legte sie sich wieder schlafen und für den Rest der Nacht ruhte sie friedlich und traumlos, während ihr innerstes sich selbst erneuerte und alle trüben Gedanken weg schwemmte.