Erschöpft ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schloss die Augen. Endlich war es vorbei. Seit Tagen schon hatte sie Angst vor diesem Gespräch gehabt, hatte allein beim Gedanken an das, was ihr bevorstehen mochte bereits einen flauen Magen bekommen. Wer hätte sich schon denken können, dass es vollkommen grundlos war?
Hätte sie auch nur geahnt, das Mariella Verständnis für ihre Situation gehabt hätte, wäre sie zu ihr gegangen, anstatt den Ort aufzusuchen, zu dem sie gegangen war. Es hätte wesentlich weniger Ärger bedeutet, als es schlussendlich gegeben hatte. Lange hatte sie sich überlegt, wer sich die interessanten Gerüchte ausgedacht hatte, die im Umlauf waren, es aber nach einer Weile entnervt aufgegeben. Die Jagd nach Phantomen war nicht das Ihre. Wichtig war nur das, was unmittelbar vor ihr lag, und der Abend, der hinter ihr lag.
Alles nur, weil sie Angst vor Mariellas Reaktion gehabt hatte. Wenn sie ehrlich war hatte sie befürchtet, das ihr der Kopf abgerissen und sie achtkantig aus dem Haus geworfen wurde, stattdessen hatte sie Verständnis und Hilfe vorgefunden, selbst jetzt noch, nachdem sie die Gräfin derart enttäuscht hatte. Natürlich waren die Worte hart gewesen, das mussten sie auch sein, doch Mariella hatte verstanden.
Ihre Worte waren ruhig gewesen und endlich, nach all den Tagen, hatte Corinne nicht nur die Worte gehört, sondern auch verstanden, was dahinter stand. Keine Ablehnung, sondern Sorge. Nicht mehr als Sorge um ihr Wohlergehen. Wenn sie etwas erreichen wollte, für sich selbst stehen und einstehen wollte, dann musste es allein geschehen. Ohne Rafaels Hilfe, ohne sein Eingreifen. Sie musste selbst und aus eigener Kraft zu etwas kommen. Sie hatte nicht wahrgenommen, nein, nicht wahrnehmen wollen, das man ansonsten trotz allem immer nur ihn sehen würde, gleichgültig was sie tat.
Einen Moment lang hatte sie an die Zeit zurück gedacht, in der sie Ritterin werden wollte. Die Zeit bevor sie entdeckte, dass sie mit dem Bogen gut umgehen konnte. In diese Gedanken war Mariellas Frage nach ihren Zielen geplatzt, und eine Weile musste sie nachdenken. Was konnte sie wirklich gut? Was würde sich lohnen, ausgebaut zu werden? Was würde sich umsetzen lassen? Sie hatte an die Ritterschaft gedacht, und festgestellt, dass dieser Weg nicht mehr der ihre war. Sie hatte an ein Leben ohne den Kampf gedacht, in einer Familie oder gar als Verwalterin, Schreiberin vielleicht. Aber obwohl sie gern las, war auch das nicht ihr Weg. Wann immer sie an ihre Zukunft dachte, sah sie sich selbst als Kämpferin.
Sie wollte Schützin sein, aber sich auch im Nahkampf behaupten können. Sie wollte stark und sich selbst bewusst sein, Masken tragen können damit niemand sonst wahrnehmen konnte, was sie empfand und warum. Niemand sollte sie mehr verletzen können. Sie wollte eine Rüstung um ihr Selbst aufbauen, die verhinderte das sie kläglich unterging. Es war wie ein Blitz der sie durchfuhr, als ihr klar wurde, das Mariella sie nicht als ein Kind sah, das mit einem Bogen spielt. Das sie die Kämpferin in ihr sah - und anerkannte. Endlich erkannte sie die ausgestreckte Hand als das, was sie war. Die Gräfin würde ihr helfen, gleichgültig was kam.
Als sie zögernd zu sprechen begann und endlich ihren Weg aussprach, in dem Wissen, das man ihr helfen würde ihre Ziele zu erreichen, fühlte sie sich endlich angekommen. Endlich daheim. Dinge waren notwendig, ob sie ihr gefielen oder nicht, aber all das konnte sie lernen. Man würde sie unterrichten und am Ende würde die Person herauskommen, die sie sein wollte. Vielleicht nicht ganz so, wie sie sich das jetzt vorstellte, aber sie würde sie sein.
Dankbar hatte sie die ausgestreckte Hand genommen, bereit sie mit allem zu verteidigen was sie hatte. Solange Mariella bei ihr war würde sie alles erreichen können.