Ein Zeichen der Würde

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Sylvain Schwarzburg

Ein Zeichen der Würde

Beitrag von Sylvain Schwarzburg »

Mit einem Seufzer massierte sich Sylvain die Nasenwurzel, überzeugt von der schmerzlindernden Wirkung, welche dieser Geste beigemessen wurde.

Er hatte kaum ein Auge zugetan und schon waren diese Gärtner wieder in seinem Garten zugange. Sie kratzten mit Metall auf Stein, schaufelten Erde zur Seite, klopfen Nägel in Bretter, lachten, brüllten und ächzten in der aufgehenden Herbstsonne.

Ja er wollte die Gartenanlage noch vor dem Winter abgeschlossen wissen, er hatte diesen Auftrag gegeben, aber warum nahmen diese Leute keine Rücksicht auf seine weitreichenden, ausufernden Probleme, die er Tag für Tag und besonders in der Nacht mit sich herumschleppte?
Missmutig schälte der junge Adelige sich aus den Seidenlaken, schlüpfte in einen Morgenmantel und schlenderte zum Tisch. Mal sehen, was heute so an Terminen anfiel.

Mit der Aufnahme des heiß gebrühten Kaffees besserte sich auch seine Laune und Motivation ­zusehens. Praktischer Teil Beschwörung mit Tiro Findl, ein Gespräch mit Cupitor Coram, eine Sitzung mit dem Berater aus dem Bankunternehmen über die zu tätigenden Investitionen und ein kurzer Vermerk zu einem Stab. Stab?

Fluchtartig verließ er den Speisesaal, warf sich in eine Ausgehmontur und eilte zum Treffpunkt der Gemeinschaft der Erben. Er hatte doch einen Termin mit Anor'iell ausgemacht, warum hatte sich dieses Hausmädchen nur Stab notiert? War es so schwer einen Satz zu schreiben? Schlechtes Personal war die Geißel des Wohlstandes!

Gerade noch rechtzeitig für seine Verhältnisse, also genau eine Viertel Umdrehung der Uhr vor der Zeit, erreichte er die kleine Gaststube der Herberge "Hinterm Tor" und suchte sich, wie so oft in der Vergangenheit, eine ruhige Ecke und bestellte Wasser mit 2 Kelchen.

Die Hilfe der Hochelfe erwies so hilfreich, wie Sylvain es sich gedacht hatte. Sie konnte ihm eine ganze Menge über die verschiedenen Hölzer, deren Stärken und Schwächen, erzählen. Er wusste schon, wie er das Rohmaterial finden wollte, schon als er das erste Mal davon hörte, hatte er vor einen gefallenen Baum als Grundlage zu nehmen. Er sah es als seine Pflicht das Land nicht auszubeuten und hatte von einem alten Lehrer gehört, dass Holz mit der Zeit reifer wurde. So war der Entschluss gefestigt, natürlich abgelagertes Holz zu suchen.

Wie er nun von Anor'iell erfahren hatte war die Art des Holzes von entscheidender Wichtigkeit um ein qualitativ hochwertiges Endergebnis zu erzielen. Sylvain war nicht bereit Kompromisse einzugehen.

Eibe zeichnete sich durch eine enorme Flexibilität aus, farblich gab es keine Überraschungen aber weder Tiere noch Pilze rührten das Holz gerne an.

Fichte war einfach zu finden, ein sehr anspruchsloses Gewächs, jedoch nur mit wenig Stabilität gesegnet.

Kiefer, ein weiteres Nadelholz, schied wegen dem hohen Harzgehalt sofort als Grundlage für einen Stab aus. Es wäre mehr als nur peinlich wenn das Würdensymbol für klebrige Hände sorgte.

Tanne war überall zu finden, es gab ganze Wälder davon. Auch kippten die Bäume wegen mäßigem Wurzelwuchs recht leicht um und boten so eine leichte Beute. Mit einer abschätzigen Handbewegung verwarf er auch dieses Holz, es war nicht stabil, zu weich und nichteinmal flexibel.

Erle und Espe waren auch zu weich um daraus einen Stab zu machen, welcher noch in vielen Jahren vom alten Glanz zeugte.
Weißbuche war ihm wiederum zu hart. In Stabform würde es zu wenig nachgeben und schnell brechen.

Am Ende standen nur 3 Sorten für sein Vorhaben zur Auswahl:

Eiche, Walnussbaum und Kirschbaum, alle vereinten die besten Eigenschaften und unterschieden sich hauptsächlich in der Färbung. Eiche besitzt einen leichten Grünstich, Walnuss ist braun bis dunkelbraun und Kirsche bringt einen rötlichen Unterton mit.

Seit diesem Tag war Sylvain jeden Tag wenigstens für eine Stunde in den Wäldern unterwegs um die perfekte Grundlage für seinen Stab, das Symbol seiner Magierwürden zu finden.

Wochenlang wanderte er von Lichtung zu Lichtung, untersuchte gefallene Bäume, verwarf Ideen, probte gefundene Hölzer. Nichts sprach ihn an, nichts war so perfekt, wie er es sich vorgestellt hatte. Und daran änderte sich eine ganze Weile wenig.

"Wenn du etwas krampfhaft suchst wird es sich vor deinen Blicken verbergen, höre auf zu suchen, fang an zu leben und du wirst finden."
Während einem kleinen Spaziergang mit seinem Bruder durch die Wäldereien rund um das Kloster kam ein starker Wind auf und wehte Sylvain das Seidentuch, mit dem er gerade einen Apfel säuberte aus der Hand riss und in den Wald wehte. Ohne über die Folgen nachzudenken setzte er reflexartig die Verfolgung an. Doch schon nach wenigen Schritten in das dichte Unterholz bemerkte er die kleinen, dezenten Fehler seiner Entscheidung. Wer war auch so stürmisch und rannte mir einem opulenten Seidenmantel ins Unterholz?

Zerkratzt und in seinem Eifer gebremst stoplerte Sylvain auf eine kleine Lichtung. Von seinem Tuch keine Spur, von seinem Bruder keine Spur und von einem Weg schonmal garnicht.

Gerade als er wieder ansetzte sich die Nasenwurzel mit Zeigefinger und Daumen zu massieren fiel der Blick auf eine riesige Tanne mit enormer Spannweite. Doch nicht dieser majestätische Baum war es, was ihm ins Auge gesprungen war, sondern der lange, schmale, kleine Baum, der in der Sicherheit des dichten Nadeldaches seine letzte Ruhe gefunden hatte.
Der Teppich aus Nadeln dämpfte die Schritte der Stiefel als er sich dem umgestürzten Baum näherte. Dieser war von geradem Wuchs, gute 4 Schritt lang, zwei Hände konnten den Stamm locker umfassen und das, was vom Wurzelwerk übrig blieb, sah aus wie eine kleine Krone. Schon als er die Hand auf das Kirschbaumholz legte wusste er, das es nur dieser Baum sein konnte. Er war perfekt, genau wie für diesen Zweck geschaffen.

Ein Lächeln huschte über Sylvains Züge, als er die Grundzüge des fertigen Stabes schon vor sich sah. Die Wurzeln würden einen Edelstein halten, die Baumkrone gekappt und der Stamm auf einen brauchbaren Durchmesser gebracht.

Wenige Stunden später hatte man ihm den jungen Kirschbaum zum Anwesen gebracht und ohne Zögern machte der Magier daran die Rinde abzuschaben. Das Holz war trocken, mit einem satten Rot versehen, welches nach einer ordentlichen Ölung fast schwarz wirken würde und die Verbindung, die er zu diesem Stück Holz spürte ließ ihn die Strapazen, welche nun folgen, gerne ertragen.

Und so begann er Stück für Stück und Tag für Tag einen glatten Stab aus dem Baum zu formen. Jeder Span der fiel brachte ihn näher an das Ziel. Oft war er an diesen Tagen mit Holzstaub überhäuft ins Bett gefallen. Doch als seine Finger über das geschliffene Holz streichelten und das Rot im Holz durch den Schein des Kamins aufloderte war es vollbracht. Der Grundstein für seinen Stab war geschaffen!
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