Flaschenpost im Himmelsmeer

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Melissyn

Flaschenpost im Himmelsmeer

Beitrag von Melissyn »

Es ist die Nacht des 14 Rabenmondes 254 oder aber schon der Morgen des 15. Rabenmondes - so sicher bin ich mir da nicht.

Mein lieber Seebär,
meine liebe Lachmöwe...

... im Moment fühle ich mich euch beiden so nah.
Es ist ein bisschen so, als müsste ich einfach meine Arme ausstrecken und könnte schon die bunten Perlen im Bärenbart berühren oder die Möwengrübchen an den Wangen nachzeichnen. Das liegt nun sicher nicht daran, dass ich dem Tod nah genug, um ihn anzuhusten, bin, sondern an dem Inselzauber.
Du weißt schon, Bär, DER Inselzauber.
Ich hoffe du hast nie gedacht, dass ich all die Geschichten über La Cabeza irgendwann nicht mehr recht geglaubt habe, Sal. Klar, ich bin ein Mädchen und zudem eines der Sorte, die Abenteuererzählungen wie ein trockener Schwamm köstliches Nass aufsaugen. Dennoch bin ich keine Trottellumme und durchaus in der Lage das Körnchen Wahrheit in jeder Geschichte zu finden, besonders, wenn es so ein großes Korn ist, dass man ein ganzes Fass Schnaps draus brennen könnte.
Dass es die Insel gibt war ja schon klar, weil nicht du mir heimlich Geschichten darüber zugesteckt und manchmal davon geflüstert hast - der gute alte Knollen-Nollen ebenso und Allzeitvoll-Davide, den man eigentlich immer irgendwo am Kai finden konnte sowieso.
Erinnerst du dich, was du mir damals gesagt hast, Bär?
"Dem schneidense noch die Kehle durch, wenn er das weiterhin so rausposaunt..." Haben sie auch, Sal, haben sie.

Ich wusste also, dass was dran ist an den Geschichten und ich hab gehofft ich würd' irgendwann mal selber auf La Cabeza stehen und dann schmunzelnd selber bemerken, welche Teile du dir für das kleine Mädchen, das an jedem Wort von deinen Lippen gierig hing, ausgedacht hast und wo aber all die echten Körner zu finden wären, die mir die Fußspuren meiner Eltern zeigen sollten. Jetzt, lieber Bär, liebe Möwe, jetzt schon hab ich diese Gelegenheit und ich denke keiner von uns hätte gedacht, dass es so eine komische Irrfahrt bis nach La Cabeza werden würde. Oh nein, ich meine nicht die Überfahrt, von der ich zu meiner Schande vielleicht gerade mal die Hälfte mitbekommen hab', vielmehr der lange Weg zuvor und gerade da, als ich die Hoffnung aufgeben wollte...

Bis jetzt kann's noch nicht recht glauben und hab mich mehrfach in den Arm gekniffen. Der ist nun oben mit dem ersten hässlichen, blauen Flecken gezeichnet aber der Traum ist entweder verfluchtnocheins tief oder aber es ist wahr, alles.
Irgendwie glaub ich fast, dass dein kleines Sprüchlein vom Wegestern nicht ganz falsch ist, Möwe. Du weißt schon:

"Am Himmelszelt, weit oben fern, leuchtet dir mein Kind ein Stern. Folge ihm und lass dich leiten in des Schicksals unendliche Weiten."

So ganz sicher bin ich mir nicht, ob der Stern nun eines der Kräuterkinder war. Vielleicht hat mir Yuni, Niclas oder Ella Glück gebracht oder es waren alle drei zusammen. Yuni nennt sich ja sogar Sternenkraut - aber dann wiederum war es das Gespräch zwischen den Kerlen und mir, die sich zwar keine Krautnamen gaben, doch das Ganze recht anständig verqualmt haben. Oh Sal, ich hab seit dem Abschied von Nollen keinen Krautstengel mehr geschmaucht und das Zeug, welches Lysander dabei hatte, erinnerte mich vom würzigen Geschmack so an deine Pfeife, dass ich zusehen musste nicht wie ein Seehundwelpe zu heulen. Hätte ja auch ein prächtiges Bild abgegeben, was?
Na, zumindest war er da: Lysander, der das gleiche offene Grinsen wie du hat und mich generell sehr an dich erinnerte auch wenn er schlanker ist als du, Bär. Doch neben all der vertrauten Gesten und dem knisternden Hauch von Gefahr und Freiheit war da noch mehr. Es fühlre sich ein wenig so an, als wäre eine der Gestalten aus deinen Erzählungen herausgesprungen und würde nun in Fleisch und Blut vor mir stehen.
Glaubt ihr mir, wenn ich dreist behaupte, dass der Stern ein weiteres Mal geleuchtet hat? Oder lag der Zauber in den leisen Worten Luciens? In den geheimnisvollen Nebelaugen seiner Liebsten? Im Dunst des Krauts und dem Brennen des Rums?
Als die Münze glitzerte und sich meine Welt so langsam ein wenig zu drehen begann, da war der Schicksalspfad plötzlich ganz deutlich zu sehen und ich wusste, dass ich entweder Lysander dazu bekommen musste mich mit ihm zu nehmen, weg vom Gläserabwasch und Bodenschrubberei, oder den Weg, nein mein Ziel, vergessen konnte.

Tja nun liege ich hier, spüre warme Decken um mich herum, die Schultern drücken sich in gut gestopfte Kissen und zur würzigen Geruchsmischung aus Tabakrauch, Holzglut und nasser Wolle gesellt sich die salzige, frische Luft, nein Brise der See. Möwen stoßen gellende Schreie aus und mir fremde Tiere antworten plappernd und nimmermüd'.
Liebster Bär, meine allerbeste Möwe, ich hab's geschafft. Ich bin angekommen, da wo alles vielleicht begann und nun trau ich mich nicht die Augen zu öffnen, aus Angst, dass es vielleicht doch noch zum Rauschtraum schrumpfen könnte.

Aber nein, ihr habt keine feige Ratte großgezogen - ich glaub, ich riskier's...
Melissyn

Beitrag von Melissyn »

La Cabeza - es müsste der Abend des 22.Rabenmonds 254 sein

Mein lieber Seebär,
meine liebe Lachmöwe...

… ich gehe auf Wolken, nein schwebe, Blödsinn! Ich tanze den Wiegereigen der See!
Alles in mir tobt wie ein brausender Sturm auf dem offenen Meer. Du weißt schon, Bär, wenn die Wolken plötzlich silbergrau wie altes Blei werden, das salzige Wasser endlos rings um das Schiff sich in einen grünschwarzen Wirbel verwandelt und das gesamte Himmelszelt ein dunkles Lila als Gewand annimmt.

„Gewitterkindwetter!“ hast du es schmunzelnd immer genannt Möwe und das stimmt bis heute.
Es ist mein Wetter, rüttelt mich innerlich hellwach, lässt mich nach Luft schnappen und mein Herz schlägt wie ein wahrer Trommelwirbel. Genau so ein Gewitterkindwetter herrscht nun schon seit Stunden – oh nein, nicht hier auf der Insel! Hier ist es noch immer so unglaublich warm, als würde um uns herum der Hochsommer jauchzen und nicht schon der Winter vor der Türe stehen... aber in mir drinnen tobt „mein“ Wetter!

Dass der wunderbare Sturm sich zusammenbraute hab' ich Lysander, Jacky und dem kleinen Esteban zu verdanken, denn bei denen fühl' ich mich nach und nach immer wohler, doch dass der Sturm dann ausgebrochen ist wie ein Vulkan und länger andauert als so manch bitteres Schneegestöber am Festland, das ist die „Schuld“ der Amarths.
Ja und damit meine ich sogar ein wenig Geexta, den Gorilla.
Dieser hat mich nämlich draußen entdeckt, als ich mich in der Nähe vom Zollamt verfranst hatte und hat mir mit seiner Glasscheibenschleckerei erst einmal einen guten Schrecken eingejagt. Naja, wenn man versucht was im Haus zu erkennen, angestrengt durch dickeres Milchglas stiert und plötzlich eine rosa Zunge quer darüber schlabbert... ihr könnt es euch vorstellen, hm?
Jedenfalls hat er mir so einen Aufschrei entlockt, dass Vallas auf mich aufmerksam wurde und mich reingebeten hat. Diese Einladung hat seine Frau Charly später nochmal wiederholt und bei Tisch machten sie mir beide das Angebot, dass ich mich melden solle, wenn Sinja... oder war's Sina?... gleich nun, die Zöllnerin meine ich, wenn diese also keine Arbeit für mich hätte.
Hatte sie auch nicht oder zumindest nicht viel, denn bei meiner Schreibgeschwindigkeit hat sie schon geseufzt und als sie den Text dann lesen wollte, die Hände über'm Kopf zusammen geschlagen. Paar Summen dürft' ich rechnen, meint sie und dafür lehrt sie mich recht zu schreiben aber Arbeit gäb's wohl erstmal nicht. War schon ziemlich enttäuscht, doch hätte ich gewusst, was Vallas mir nur zwei Stunden später anbieten würde, hätt' ich längst Luftsprünge gemacht.

Bär, Möwe... ich hab als Schiffsjunge angeheuert!

Ja, nun lacht ihr sicher, da allein das Wort angesichts meiner Wenigkeit eine äh Kuriosität ist, denn ich bin ein Mädchen – egal, selbst dieser Widerspruch stört mich kein bisschen, nachdem ich das Schiff dazu gesehen habe.
Bär, du kennst vielleicht sogar die unheimliche Geschichte um „El Toro de Muerte“? Ich war nah dran das Ganze Vallas nicht abzukaufen aber irgendwo fehlte in seinen Augen dieser schelmische Funke, der auf Seemannsgarn hindeutet und sowieso erfüllte mich jeder Schritt, jede Berührung und jeder Anblick auf dem schwarzen Schiff mehr und mehr mit Ehrfurcht. Zuletzt war das Gefühl so überwältigend, dass ich neben Vallas nur noch nach Atem rang und glaubte mir müssen die Augen gleich aus dem Kopf fallen.
Nie, nie und nimmer hätte ich sein Angebot abschlagen können, wenn meine Seele auch nur ein klein wenig mit dem Meer verwoben geblieben ist.

Ich warte nun bis Lysander auftaucht, denn irgendwie möcht' ich's ihm gern erzählen...
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