„Florentiiiinaaaa!“ die schrille Stimme ihrer Tante war im ganzen Haus zu hören und wenn sie nicht wollte, dass sie noch schriller und nervtötender wurde, sollte sie ihrem stillen Befehls des Erscheinens folge leisten so schnell sie konnte.
Sie klappte das Buch zu, dass sie eben noch am Dachfenster, mit dem wundervollen Blick aufs Meer hinaus, gelesen hatte und machte sich auf die Suche.
Als sie die Treppe hinab rannte wurde sie bereits unten erwartet und gestoppt. „Kind renne nicht so, das tut eine Dame nicht. Überhaupt wie siehst du aus, los kämme dir die Haare richte dein Kleid wir haben etwas auszuliefern."
Sofort wand sie sich um und ging ihn ihr Zimmer unters Dach zurück, jedoch nicht ohne das Geschnatter ihrer Tante mit Grimassen zu untermalen. „Jawohl Tante Claudette ich eile mich.“ flötete sie liebreizend.
In ihrem Zimmer angekommen setzte sie sich an ihren Frisiertisch und begann mit festen Strichen ihr schwarzes Haar zu bürsten. Währenddessen betrachtete sie sich im Spiegel, das auffallendste an ihr waren wohl ihre leicht schräg gestellten lavendelblauen Augen, die heute durch das gleichfarbige Kleid, welches ihre Tante ihr morgens hingelegt hatte, noch intensiver strahlten. Ihre grade nicht sehr breite Nase und volle Lippen in einem eher ovalen Gesicht rundeten das ganze ab.
Sie war keine Schönheit im herkömmlichen Sinne, jedoch fand sie ihr Aussehen durchaus passabel.
Als ihr schwarzes Haar glänzend ihr Gesicht einrahmte legte sie die Bürste beiseite und stand auf. Mit einem prüfenden Blick in den Spiegel richtete sie ihr Kleid und strich vereinzelte Falten raus.
Auch mit ihrer Figur war sie einigermaßen zufrieden, sie war schlank jedoch nicht dürr und war von der Natur an den richtigen Stellen mit sanften Rundungen versehen worden.
Der erneute Ruf ihrer Tante riss sie aus ihrer Betrachtung mit einem „Ich komme schon.“ eilte sie die Treppe wieder hinab, jedoch diesmal ohne dabei zu rennen.
Anfangs hatte sie keine Ahnung wohin sie gingen, doch als sie dem Anwesen der Reuwards näher kamen verschlechterte sich ihre Laune zunehmend, was sie jedoch geschickt zu verbergen verstand.
Die Dame des Hauses öffnete ihnen in einem altrosa Kleid die Tür, welches ihre eh schon recht üppige Leibesfülle noch unvorteilhafter zur Schau stellte. Ihre Tante überschlug sich mit ihrer schrillen Stimme förmlich wie liebreizend sie doch aussehen würde und wie gut dieser Ton zu ihrem Teint passen würde.
Wie sie diese Heucheleien hasste, wieso sagte sie ihr nicht einfach wie sie wirklich aussah, dass sie in diesem Kleid eher aussah wie ein schlachtreifes Mastschwein und alles andere als liebreizend.
Diese Gedanken taten ihre Wirkung sie hatte zumindest kein Problem mehr damit fröhlich vor sich her zu lächeln.
Es gefror ihr jedoch auf dem Gesicht als auch noch Hubertus hinter seiner Mutter erschien.
Er glich seiner Mutter arg, besonders was seine Figur betraf. Wobei nein, bei ihm war nichts zu erkennen was auch nur ansatzweise auf eine Taille hinzudeuten schien, eher wirkte er als habe er einen überdimensionalen Kürbis verschluckt.
„Hubertus sei so gut und zeig doch Florentina den Rosengarten, während ihre Tante und ich erst das geschäftliche und dann das Verlobungsfest besprechen.“ meinte Frau Reuward.
Kaum gesagt umfassten sie auch schon die wurstigen Finger Hubertus am Oberarm, so als wenn er sie nun nie wieder loslassen würde, und führte sie in den Garten.
„So, ihr verlobt euch, welch eine Überraschung“ versuchte sie so beherrscht und interessiert, wie es ihr unter den Umständen möglich war das Gespräch zu eröffnen.
„Sag nicht man hat dir noch nicht gesagt, dass du meine Frau wirst!“ raunte er ihr schnaufend, als wenn er grade einmal durch den Ort gelaufen wäre, zu.
Wer Flora in diesem Moment das erste Mal gesehen hätte würde sie gewiss für ein nicht sonderlich intelligentes Wesen halten, denn ihr entglitten sämtliche Gesichtszüge.
Sie starrte ihn nur voller Unglauben an, was ihn dazu zu bewegen schien ihr das ganze auf seine ganz eigene Art noch einmal näher zu bringen. Er drängte sie in eine Ecke des Gartens und sie wich immer weiter zurück, bis sie einen Tisch in ihrem Rücken spürte. Den seine Mutter wohl dazu nutzte, um ihre Gartenutensilien aufzubewahren, denn als sie gegen stieß hörte sie das klirren von Tontöpfen.
Mit einem feisten Lächeln auf seinem fettglänzenden Gesicht, welches dafür sorgte das Übelkeit in ihr aufstieg, kam er näher. Ihre Hand tastete hinter sich auf dem Tisch nach irgendetwas was ihr helfen könnte und fand einen Griff, vielleicht der von einem Messer. Grad als er sich zu ihr beugen wollte, um sie zu küssen hielt sie es ihm zwischen die Beine und zischte ihn an „Fass mich an und ich entmanne dich auf der Stelle“ Ungläubig ging sein Blick an sich hinab dann fing er an zu lachen „Du willst mich nun nicht wirklich mit einer Schaufel entmannen?“ und schon setzte er an sein Werk zu vollenden. Voller Wut und Ekel zog sie ihr Bein an und stieß ihn zurück. Quiekend sackte er in sich zusammen und sie nutzte ihre Chance und rannte. Seine Worte, dass sie sich nicht so zieren solle, sie würde sich dem fügen müssen, spornten sie nur zu einem noch schnelleren Lauf an.
Während sie rannte nahm sie nicht viel um sich herum wahr, sie wollte nur so weit weg von diesem Kerl wie es irgend ging.
Nach etlichen Minuten kam sie hinter einer Hauswand zu stehen und zog schnell atmend die Luft ein. Es roch nach Fisch frisch aber auch schon etwas älter und der typische Geruch des Meeres stieg ihr in die Nase. Sie musste in der Nähe des Hafens sein. Wieso kam ihr ausgerechnet nun ein Gedicht in den Sinn das sie vor einiger Zeit gelesen hatte.
Nur am Meer,
schwebt der Duft nach Freiheit
in den streunenden Winden,
schmeckt die Luft
nach den salzigen Kristallen,
die die Lippen behauchen.
Nur am Meer,
weben Sonne und Wolken
bunte Bilder an den Himmel,
küsst am Horizont
das Abendrot die Wellen,
und du mein Gesicht.
So langsam erreichten auch die Geräusche aus der Umgebung sie und sie hörte einen Mann rufen.
„Beeilt euch ihr faulen Säcke mit dem Beladen oder ich trete euch in die Ärsche, wir müssen bald ablegen.“ Vorsichtig blickte sie um die Ecke und sah wie Seeleute Waren aus einem Lagerhaus zu einem Schiff brachten und in ihr keimte eine Idee auf.
Sie schlich durch die Gärten hinter den Häusern der Fischer und schnell fand sie was sie suchte. Wie meist war die frisch gewaschene Wäsche dort zum trocknen aufgehangen und sie griff sich was sie brauchte. Hier eine Hose dort ein Hemd dann ging sie zurück und zog sich um, natürlich war die Hose viel zu weit also riss sie einen Streifen Stoff aus ihrem Kleid und nutze ihn als Gürtel. Sich in einem dreckstrotzendem Fenster eines Lagerhauses betrachtend murrte sie auf. Sie sah noch immer wie eine Frau aus also riss sie einen weiteren Streifen aus ihrem Kleid und band sich die Haare zusammen. Dann nahm sie etwas Dreck und schmierte es sich ins Gesicht und durchs Haar.
So langsam kam sie der Sache näher und schlich in die Nähe des Lagerhauses.
„Hey du da, du wirst nicht fürs rumstehen bezahlt“ hörte sie plötzlich eine donnernde Stimme neben sich und sofort senkte sie den Kopf etwas ab. „Los pack mit an“ grade als sie losgehen wollte fiel ihr Blick auf ihre feinen blauen Schuhe. Schnell schoss sie sie in eine dunkle Ecke und trat aus dem halbdunklen heraus und zu ihrem Glück wurde sie gar nicht weiter beachtet. Sie warf sich einen Sack auf die Schultern und schleppte ihn unter Aufbringung all ihrer Kraft an Bord dann suchte sie sich ein Versteck.[/i]