8. Rabenmond 254
Wenn ich denke, die Welt gerät aus den Fugen, dann ist er da. Hält mich in seinen Armen und in seinen Augen finde ich Trost und Zuversicht und Liebe. Das Wunderbarste das ein Mensch einem anderen schenken kann. Er vermag es mit einem einzigen Blick all dies auszudrücken. Er ist einzigartig und mir seelenverwandt. Unsere Liebe ist so einzigartig, so wie sie begonnen hat. Damals ahnte ich noch nicht, dass jener sonderbare Augenblick, der von unserem Schicksal bestimmt wurde, von Bedeutung war. Ein gemeinsamer Weg, der anfangs so verschlungen und verborgen war. Nun ist er klar und wir gehen ihn gemeinsam, Seite an Seite, ein Leben lang. Er versetzt mich immer wieder in Staunen, wie seine Worte der Poesie, die er mir schenkt. Kostbar und unentbehrlich sind sie mir geworden. In Zeiten, wo wir uns fern sind, weil es unsere Aufgaben so erfordern, erfüllen sie mich mit Wärme und Hoffnung, wie die Gebete vor Temoras Altar. Ich gehe nun regelmäßig in die kleine Burgkapelle. Dort bin ich ungestört. Meinem Herzog gilt mein innigster Dank, denn ich liebe diese kleine, in ihrer Schlichtheit mich berührende Kapelle. Sie erinnert mich ein wenig an jene, wo ich Seite an Seite meiner Familie niederkniete.
Ja, ich muss gestehen ich habe bisher dies genauso vermisst, wie die Poesie. Beides hat mir die gütige Herrin nun geschenkt und mein Leben mit Liebe erfüllt. Mein Sire ist kein Mann, der poetischen Worte. Micheil, mein Bruder war es. Er hat mir die Augen für die Schönheiten des Lebens geöffnet. Kostbarkeiten, die wie er kaum einer sah, die unbezahlbar sind und die man nicht erwerben kann. Man kann sie nur erkennen und sich daran erfreuen. Ich habe sie aufgenommen und sie erfüllen mein Leben. Ein wichtiger Teil in einer grausamen Welt des Krieges und der Schlachten.
Viel davon entdecke ich bei dem Mann, den ich liebe. Anders zwar, aber ähnlich. Je näher wir uns kommen, umso mehr entdecke ich seine Wesen, die unzähligen Nuancen seiner Vielseitigkeit, die mich entzücken und berühren. Ich bin dankbar für jeden kostbaren Augenblick, den wir beide ungestört verbringen dürfen. Es uns gestattet ist, all das, was einen Menschen ausmacht, sein Wesen und seine Seele zu entdecken, und uns näher zu kommen. Ihm gehört bedingungslos mein Herz für ewig und über den Tod hinaus. Wie sehr ich doch meinem Vater in diesem Aspekt ähnle, erkenne ich jetzt, wo es zu spät ist ihm dies anzuvertrauen. Wie gerne würde ich das tun. Zu spät. Dennoch spenden mir die Worte meines Herzogs Hoffnung.
Er weiß mit Sicherheit, dass du ihn liebst, so sehr wie er dich geliebt hat!
Jedes Mal, bin ich von tiefer Dankbarkeit erfüllt, einen väterlichen Freund, ja das ist er insgeheim für mich, wie meinen Herzog, gefunden zu haben. Er ist mir nahe, wie es Vater jetzt und hier gewesen wäre, würde er noch leben. Er hat mir die Augen geöffnet, ihm habe ich es zu verdanken, dass ich Vater nun verstehe und offen lieben darf, wie es mir zu seinen Lebzeiten nicht vergönnt war. Mein Herzog hat gemeinsam mit meinem Sire, jeder auf seine Art und Weise, Micheils Werk fortgesetzt und zur Vollendung gebracht. Ich bin nun frei, den vorgezeichneten Weg an Seite des Mannes, den ich liebe, zu gehen. Wir beide bestimmen unseren weiteren Weg nun und beschreiten ihn mit Liebe und gegenseitiger Achtung, so schwer er auch einst sein mag. Wir sind für einander bestimmt und werden uns zur Seite stehen. Wie sagt man so schön, in guten und schlechten Zeiten, Höhen und Tiefen, Ehrlichkeit, Vertrauen und Liebe.
Es sind nur Worte, aber für uns beide haben sie eine Bedeutung, die wohl kaum einer je nachvollziehen kann in einer Welt, die von Unkeuschheit geprägt ist, wo der Mensch in seiner Gesamtheit nicht wahr genommen werden will, man nicht bereit ist das Einzigartige nach und nach zu entdecken, weil anderes bei weitem wichtiger erscheint.
Einmal, wenn die Zeit dafür reif ist, werde ich für meine Familie einen Grabstein setzen lassen. Ein Zeichen, damit ihre Namen sichtbar für jeden, nicht nur in meinem Herzen weiter leben. Sie haben es verdient, dass ich ihnen diese letzte Ehre in Demut und Dankbarkeit erweise.