Von den vier Elementen

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Medren Haingrund

Von den vier Elementen

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1. Wie der Fuchs das Feuer fand

Schritt um Schritt entfernten ihn seine Füße von dem vertrauten alten Holzhaus, an dessen Seite sich die Mühlenflügel im sachten Abendwind drehten. Ruhig und beschaulich wirkte alles um ihn herum, der Fluss folge noch immer dem gleichen Lauf, den er schon vor Menschengedenken in den weichen Boden gegraben hatte und er konnte eine Vielzahl an zwitschernden Vögeln vernehmen, die sich in den Bäumen, die den Weg säumten, ihr behagliches Nest für die Nacht bereiteten und von den Abenteuern des Tages sangen. Das Land sprach von Frieden, nie, so schien es, hatte der grausame heimtückische Krieg dieses Land heimgesucht und Medren hoffte inständig, dass es auch nie dazu kommen würde. Einen Moment lang blieb er stehen und blickte zurück zum Kirchenfenster, aus dem noch ein weibliches Gesicht mit dunklen, krausen Locken winkte.

Seine Mutter, Elspeth, würde dort ganz sicher auch noch stehen, wenn er längst aus ihrer Sicht verschwunden war, sie hatte ihn vermisst und nun kostete sie jeden noch so kleinen Augenblick aus um ihren‘ Jungen‘ zu sehen. Ein wenig musste er über den Ausdruck jedes Mal schmunzeln, wo er doch nicht mehr der kleine Kerl war, den sie am Abend aus dem Wald zurück erwartet hatte und doch würde er es für sie immer bleiben, das hatte er im Gefühl.
Schließlich blieb er doch noch einmal stehen, hob die rechte Hand und winkte ihr ein letztes Mal zu… er wusste, es würden wieder einige Monde vergehen, bevor er sie und seinen Vater wiedersah, denn der Weg zu ihnen war weit und er musste seine Freunde, die, die ihm wie ein Teil seiner Familie waren, zurücklassen. Ein leises Sehnen flüsterte ihm die Namen derer in den Sinn und lächelnd schloss er die farngrünen Augen, sah vor seiner inneren Sicht seine Brüder, die Schwestern und ein weiches, ihn willkommendes Lächeln.

Sein Gang gewann ein wenig an Geschwindigkeit, als wolle er sich mit ihrem Gedanken im Herzen beeilen, die Liebgewonnenen wieder um sich zu haben und so sah er die dunklen Regenwolken, die hinter ihm über den Horizont zu kriechen begannen, nicht.
Einige Stunden später hatte der Sturm ihn erreicht.
Medren kämpfte gegen den um ihn tosenden Wind, lehnte sich in die wütenden Böen, um nicht wieder zurückgetrieben zu werden und raffte den weiten, sie immer von Neuem lösenden Mantel eng um sich. Er musste dringend einen Unterschlupf finden, um zumindest ein kleines Feuer entfachen zu können. Der kalte Regen prasselte unaufhörlich vom Himmel und durchweichte jedes Stück Stoff, das er am Leibe trug. Innerhalb von Minuten war er nass bis auf die Knochen und selbst seine Versuche, sich im Lied mit der Melodie des Feuers aufzuwärmen, scheiterte irgendwann kläglich.

Nur noch vorwärts, das Gesicht zum Boden gewandt, stolperte der fuchshaarige Medren voran, während ihm die Äste des wilden Waldes entgegen peitschten. Verzweifelt hielt er inne und versuchte im Lied zu lauschen, folgte den Melodien des Waldes um ihn herum, die vom lauten Knurren des Sturmes immer wieder übertönt wurden und suchte nach dem Hallen eines Echos, das ihm Hinweise auf einen möglichen Unterschlupf gab.

Und tatsächlich… als er bereits aufgeben wollte, vernahm er es… leise… wie ein Wispern.

Gen Norden zogen die Töne ihn und im tiefen Vertrauen auf Mutters geschickte Hände, die ihn leiteten, ließ er sich an die Hand nehmen und verfolgte den feinen Strang, währende das Wasser in Sturzbächen in seinen Nacken lief.

Als er schön nicht mehr glaubte, die Höhle noch zu finden, tat sich, behangen von Efeu, ein dunkler und trockener Eingang vor ihm auf, in den er erleichtert hineinstürzte. Auf die Knie gesackt sah er sich in seinem neu gewonnenen Unterschlupf um. Der Steinboden war halbwegs sauber und kein regen war tiefer hineingedrungen. Zudem hatte wohl ein Wanderer, den es vor ihm hierher verschlagen haben musste und der die Höhle ebenfalls als Nachtlager genutzt hatte, ein paar Holzstämme ordentlich in den geschützten Eingangsbereich geschlichtet. Langsam schälte sich Medren Schicht um Schicht aus den nassen Sachen und legte die letzte saubere Garnitur an, denen man ihr langes Leben an durchgewetzten Stellen und alten geflickten Rissen schon ansah und stapelte einige der Hölzer so auf, dass der Rauch des Lagerfeuers in den Regen hinauszog.
Dann setzte er sich und versuchte mit Feuerstein und Zunder Hitze ins Feuerholz zu bringen, nährte das neugeborene Flämmchen und wärmte die tauben Handflächen über der bald aufflackernden Glut. Kurz versuchte er, einen Blick hinauszuwerfen, um abzuschätzen, wie lange er sich hier in der Sicherheit der Höhle aufhalten musste, doch die fingerdicken Bindfäden, die vom Himmel fielen und im Wind wie haltlose Taue umher geweht wurden, vernichteten jede Hoffnung, noch am gleichen Abend die Reise fortzusetzen.

Leise seufzend wandte er den Blick zurück zum Höhle und gestattete sich, das Innere genauer zu betrachten. Das Ende der etwa drei Schritt in die Tiefe führenden Öffnung lag um eine Ecke verborgen und entzog sich seinem Auge, daher betrachtete er die kleinen Scharten in der Steinwand und die Blätterschicht, die einen Teil des Bodens im hinteren Teil bedeckte.

„Wie gemacht als Bett…“ ging es ihm durch den Kopf. Seine Mutter würde sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, doch er hatte schon schlechter genächtigt als in einer trockenen warmen Höhle. Nahe dem Feuer fand er einen kleinen Felsvorsprung über den er die nassen Sachen breitete. Wenn Mutter und das Glück ihm hold waren, würden die Sachen bis zum nächsten Tag wieder trocken sein und er konnte zurück zu Hanna, zu Arulius und den anderen Hexen und Druiden.

Als draußen der Sturm in den düsteren Nachthimmel überging, streckte sich Medren auf dem Blätterbett aus, schloss die Augen und bald, noch bevor ihm die im Feuerschein schimmernden kleinen Knöchelchen auffallen konnten, forderte der anstrengende Tag seinen Tribut und er schlief ein.

Draußen, beschienen von Nichts als dem freundlichen alten Vollmond, hatten die Regenwolken ein Einsehen mit der großen Katze, die zwischen den Bäumen umherschlich und witterte. Die Nachtluft schmeckte nach Fleisch und das rabenschwarze Tier setzte die weichen Pfoten geschickt und glitt lautlos voran. Das mit scharfen Krallen, groß wie Dolche, bestückte Maul öffnete sich, als die Nase zuckte und leckte sich die Lippen. Immer näher umkreiste der große Kater die Höhle, aus der der Geruch ihr wie ein wortloses Versprechen entgegen strömte.

Der Fuchskopf ruckte in die Höhe und seine Augen starrten hinaus in die Dunkelheit, erst noch orientierungslos, doch dann gewahrte er das Atemgeräusch und zwei gelb blitzende Augen, die ihn fixiert hatten, seinen Blick hielten und abzuwägen schienen, wie groß die Chance auf eine schnelle Attacke war.
Medren richtete sich langsam auf, streckte den Rücken, langsam, Stück für Stück. Er musste größer wirken um der Katze zu imponieren, das Tier erst mal abzuhalten. Gleichzeitig tastete er mit der Hand nach seinem Wanderstab, dunkel wie geöltes Birnenholz, aber doch viel härter und mit zahlreichen Schnitzereien überzogen. Als seine Finger die mit Lederband umwickelte Grifffläche ertasteten, hätte er vor Freude am liebsten gejubelt, doch die Katze lauerte noch immer wachsam, wartete auf ihre Chance.
Diese kam schneller, als es Medren lieb war, denn um den Stab anzuheben, musste er den Oberkörper mitdrehen und in diesem Moment spannten sich die kräftigen Muskeln und der schwarze Schatten sprang. Gerade noch rechtzeitig brachte er das Holz zwischen sich und den auf ihn prallenden Körper, der faulige Hauch aus dem gefräßigen Maul nahm ihm den Atem und der Stab ächzte unter der Anstrengung, aber Medren gab nicht auf. Jeder von ihnen versuchte die Oberhand zu gewinnen, rangen dem anderen mehr und mehr der teuren Kraftreserven ab, doch die Katze arbeitete sich millimeterweise voran. Medren erkannte, dass er dabei war zu verlieren und das entzündete in ihm den Funken der Wut.

Im Geist griff er nach dem Feuer und ließ seinen Klang in das Fünkchen hineinfließen, mehrte es, bis es wie Blut durch seine Adern floss.
Vielleicht war es Angst, vielleicht aber auch der Wille zu überlegen, doch er drückte gegen die Katze mit all seiner Kraft. Er bat und rief im Lied und es war, als erhörte ihn Mutter selbst, Flammen züngelten aus seinen Fingern und folgten den Schnitzereien wie ein Feuerband, das in der dunklen Höhle leuchtete. Erbostes Fauchen erklang, als die Katze zurücksprang und sich über die baren Sohlen, nun verbrannt, leckte. Sie mochte kein Feuer… dessen Gefahr war seit jeher in ihren Sinnen verankert und ließ siezurückweichen. Ihrer Bewegung folgend erhob sich Medrens Körper, ebenso langsam wie bedacht, er streckte seine Beine um mit einem schnellen Ruck einen Schritt nach vorn zu springen, den feurigen Begleiter wie einen brennenden Hirtenstab vor sich haltend.
Fauchend suchte das Tier das Weite und verschwand in die dunkle Nacht hinaus, um sich eine leichtere Beute für den leeren Magen zu suchen.
Medren aber sah auf die langsam verlöschenden Flammen, die ein dunkleres Muster im Holz zurückgelassen hatten und die Melodie des Feuers stieg aus dem alten Wanderstab auf, umtanzte ihn, um dort von Erde und Wasser willkommen geheißen zu werden.

Farghus Worte kamen ihm nun in den Sinn: „Ich bin damals unendlich viele Male über meinen Stab gestolpert, bevor ich ihn erkannte.“ Ein Lachen verließ Medrens Kehle und er ließ es wie Wasser aus sich herausfließen. Sein Bruder würde sicher schmunzeln, wenn er ihm gestehen musste, dass sein Instrument des Feuers schon immer in seinem Besitz gewesen war, als eine der beiden einzigen Erinnerungen an jene Menschen, die ihn zur Welt gebracht und dann am Haingrund ausgesetzt hatten.

Den Rest der Nacht wachte Medren am Feuer, falls die Katze es sich doch anders überlegte, doch alles blieb still und als der Morgen sein frisches Gesicht zur Höhle hineinstreckte, erhob er sich und wanderte gen Heimat.

Zum Druidenhain…

Und zu dem kleinen Häuschen am See…
Medren Haingrund

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2. Vom steinigen Weg in die Tiefen der Erde

„Das Pentakel, Brüder, ist ein Instrument um ein gewisses Maß an Kraft und Energie zu speichern…“ flüsterte Farghus Stimme als Erinnerung durch Medrens Gedanken und nicht das erste Mal manifestierte sich vor seinem inneren Auge jene Scheibe, die der ältere Druide hervorgezogen hatte. Drei ineinander verschlungene Linien formten sich auf dem Abbild der runden Fläche und ein sachtes Prickeln fuhr über die Nervenenden seiner Fingerspitzen, die Arme hinauf und über den Nacken den ganzen Körper hinab. Etwas Mächtiges lag in ihren Tiefen verborgen, sammelte sich dort wie Wasser in der Mitte eines Handtellers, um jenem, der fähig war die Hand danach auszustrecken, seine Kraft anheim werden zu lassen und ihm die enthaltene Macht zur Verfügung zu stellen.

Damals hatte das Pentakel beinahe unscheinbar zwischen ihm und den anderen Brüdern gelegen und doch, als Medren sein eigene Selbst im Lied ausgestreckt und gedehnt hatte, bis sich die beinahe durchsichtigen Hände wie feine Wasserfäden Farghus Scheibe angenähert hatten, war das Pochen und Pulsieren wie der Schlag eines Herzens in Wellen durch sein ganzes Sein vibriert, hatte von dem Flirren und Trommeln, dem Stampfen und Mahlen der Erde gesprochen und Medren hatte das erdene Lied deutlicher denn je zuvor zwischen seinen ausgebreiteten Fingern gespürt.
Nachdenklich hob sich sein Kopf und Medren sah durch die halb geöffneten Vorhänge der kleinen Hütte, die Hanna bewohnte.
Die Dunkelheit war vor Stunden in Begleitung des kühlen Nachtwindes aufgebrochen und hatte sich um die Welt gelegt und der junge Druide war schon versucht, den Melodien um seine Augen mehr Kraft zu verleihen, um auch in der finsteren Düsternis des unbeleuchteten Hauses besser sehen zu können, doch ein leises schläfriges Seufzen hielt ihn ab. Hanna schlief den Schlaf der Gerechten und der Arglosen. Seit vielen Tagen schon, er hatte nicht mitgezählt, denn es erschien ihm sinnlos, wachte er hier wie ein Schatten, mal im Haus, mal in den Wäldern um den Weiler und dann wieder weiter gen Varuna, wachte über ihren Schlaf, verteidigte mit seiner nicht grenzenlosen Kraft die drei Häuser im Weiler von Hannas Familie. Doch der Strom aus ruhelosen Seelen riss nicht ab, wer auch immer die Toten zu sich rief, ihre müden Gebeine aus den Tiefen ihrer Gräber auferstehen ließ, war noch dort inmitten der toten Stadt und gab ihnen Nacht für Nacht, Tag um Tag den gleichen Auftrag.
Jede Nacht rief Medren nach mehr des reinigenden Wassers und immer wieder sponn er daraus feste Pfeile aus Eis, die die Verbindung zum Meister der Auferstandenen für kurze Zeit durchtrennten und ihnen einen Augenblick der kostbaren Ruhe, nach denen sie tief in ihrem seelenlosen Inneren schrien, schenkte.

Doch lange wehrte sie nicht und wieder zogen unsichtbare Fäden an ihren Gliedern, stellten sie wie Marionetten auf die entstellten Gebeine und trieben sie weiter, fort hinaus.

Einen Moment Ruhe hatte sich Medren nur gönnen wollen, deshalb saß er nun am Küchentisch, Arme und Beine von sich gestreckt und der Fluss an Kraft versiegte in ihm immer mehr, die Erschöpfung wollte nicht weichen. Das Wasser bot ihm seine Stärke an, doch der Strom, der ihn von Neuem mitreißen wollte, wusch über ihn hinweg und hinterließ immer weniger seiner nährenden Stärke, so dass die Müdigkeit seine Augen kleiner und kleiner werden ließ, langsam aber beständig sackte sein Oberkörper auf die Tischplatte und er schlief ein.

Der erdige Geruch nach Wurzeln und Pflanzen umwallte ihn wie eine mächtige lebendige Mauer und aus allen Richtungen gleichzeitig waberten die Töne von Grün und Braun mit leisem Scharren und Nagen zwischen den Strängen seines Seins hindurch. Medren zog die Beine eng an seinen Körper, die Knie bis zum Brustkorb schiebend, bis aus der schlaksig wirkenden großen Gestalt ein kleiner Haufen in sich verschlungener Glieder wurde. Seine ganze Welt drehte sich nur noch in dem engen Kreise zwischen den modrig warmen hölzernen Wänden seines Kokons, die ihn umschlossen hielten.
Doch statt sich unwohl zu fühlen, sich eingeschlossen und unter so viel Erde erdrückt zu wissen, spürten seine Sinne nun Neues, nie zuvor Erlebtes. Direkt neben seinem linken Ohr verlief eine oberarmdicke Wurzel, die sich nach weiter unten verästelte, immer wieder aus sich selbst Ableger treibend und in der er den Pflanzensaft wie Blut fließen hören konnte. Dort, wo er seine nackten Füße erahnen konnte, pulsierte der leise dünne Strom eines Tausendfüßlers, der sich seinen Weg durch Gänge und Bauten des Höhlenkomplexes suchte, sich mit hauchdünnen zitternden Fühlern vorantastend. Über sich vernahm er das Rauschen und Singen des Windes, der durch die Wipfel des Baumes strich und dessen schlanken Leib mit der warmen Sommerbrise liebkoste.
Ein Strom aus lebendiger Energie, wie das freundliche Lachen im Rascheln einer Birke oder die sich im Sturm wiegenden Gräser, die jeder noch so starken Böe trotzten, kroch an seiner Hand vorbei, ringelte sich wie der langgezogene Körper einer Schlange um seinen kleinen Finger und betrachtete ihn neugierig wie ein kleines Tier. Immer mehr Geräusche klangen nun in den Melodien dort an und Medren konnte sich deren wunderbarer Vielfalt nicht satt hören, spürte den Gerüchen nach, die ihn tänzelnd umrundeten und verfolgte ihre vielen Spuren. Er sprang hinter einem wabernden, herb duftenden Braun her, kroch dem sich in kleinen Bröseln entfaltenden Ocker nach und lachte mit einem leisen und schüchtern flirrenden Grün.
Wie in Trance führten ihn die Klänge durch ein Labyrinth unter der Erde, in dem Zeit und Raum Schritt für Schritt an Bedeutung verloren, die Stränge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verflochten sich zu einem starken Band, dass sich um ihn legte.

Er sah und fühlte die sonnige Erde im Dorf seiner Kindheit, lauschte dem Lachen seiner Eltern und Großeltern, dass durch die Wurzelgeflechte hallte, während die alten Bäume des Druidenhains ihre Wurzeln unter seinen Füßen wachsen ließen, ihn mit dem Boden vereinten, in dessen Tiefe er wie in einen See eingetaucht war. Kaum vernehmbar breitete sich der Hall eines gemeinsam gehüteten Kräutergartens aus, dessen Düfte nach zwischen den Fingern verriebener Minze und Verbena ihn aufrichten ließ.

Alles um ihn herum leuchtete in den schönsten Farben und Tönen, nie hatte die Luft süßer geschmeckt oder sich seine Haut so warm und doch zugleich kühl angefühlt und doch, so idyllisch es sich anfühlte, Medren spürte, dass etwas nicht so klang wie es sollte. Aus dem Inneren eines Astloches pochte etwas wie eine frisch zugefügte Wunde, schlug eine dumpfe Trommel, deren lederne Haut im kranken Rhythmus vibrierte. Und in der warmen Umarmung der Mutter Erde breitete sich der Klang schnell aus, überrollte alles wie eine eisige Woge kalten Wassers und ließ ihn frierend zurück…. und einsam.

Medrens Körper schauderte und zitterte und sein Herz schlug und schlug wie in einer namenlosen Angst, dem Gefühl, zu spät zu kommen.

Doch wohin wollte er?

Er konnte sich nicht erinnern irgendwohin zu müssen oder zu wollen. Warum also fühlte es sich so merkwürdig an? Was nagte da an ihm?

Plötzlich drang ein Laut an sein Ohr, ein leises Stöhnen, das zu einem Röhren anschwoll und Medren aus seinem Traum riss. Blinzelnd und verschlafen sah er sich im Raum um, der ruhig und still im Mondlicht dalag, doch im kleinen Kräuterstübchen regte sich etwas. Medren richtete sich auf und ging die eine Stufe in den tiefer liegenden Verkaufstrakt hinab.
Ein leises Rumpeln vom Eingang, eine Schale mit Nüssen stürzte um, die kleinen Früchte rollten am Tresen vorbei und blieben vor der Treppe liegen. „Ein Einbrecher…?“ raste der Gedanke durch Medrens Sinne. „Ich…ich muss…“, doch weiter kamen die Gedankenfetzen in ihrem Trudeln nicht, denn ein weiterer Laut hallte durch die Nachtluft, tief und dumpf, aus einer Kehle, die lange geschlafen hatte und niemals mehr hätte erwachen sollen. All seine Nervenenden begannen auf einmal zu vibrieren und das Rauschen seiner eigenen Essenz wurde lauter und lauter. Langsam tasteten sich seine Füße im Dunklen voran, denn er wagte es nicht, im Lied zu wirken- er war noch zu erschöpft und würde vielleicht jedes Fünkchen an Kraft brauchen.

Einige von Hannas Bücherstapeln umrundend hielt er an der Tür inne und spähte in den Raum hinein, den die Schwester liebevoll mit allerlei Kräutern, Pasten, Mörsern gefüllt hatte, bis er ein buntes Sammelsurium einer echten Hexenhütte bildete. Erst rührte sich nichts mehr, doch dann sah er ihn, der Kiefer nur noch lose an den Muskeln baumelnd, die Haut über den morschen Fingern löste sich bereits und das Mondlicht gab den schonungslosen Blick auf die leeren weißen Augen frei, die suchend in den Höhlen umher rollten. Er sah…noch so menschlich aus…
Nicht wie die Knochenwesen, über die sich kein Fleisch mehr zog…
Keiner der beinahe durchscheinenden Geister…
Man konnte noch die Gesichtszüge erkennen, die in seinem Leben sicher ein liebendes Herz berührt hatte, die leicht schiefe Nase und die Ohren, die so mancher Geschichte gelauscht haben mussten.
Medrens Magen drehte sich einmal um die eigene Achse und brennende Übelkeit stieg aus der Tiefe in sein Bewusstsein.
Das Wesen wankte voran, stieß dabei gegen eine Vase, die klirrend zu Boden stürzte und Medren aus seiner Starre holte. Irgendetwas musste er unternehmen… Irgendetwas… Im Lied streckte er sich nach der Melodie des Wassers, griff nach ihr, wie die Hände des Kindes nach denen der Mutter zu greifen versuchen, wenn Angst ihre Seele im Zaum hält, und formte sie zu jenem eisig glitzernden Pfeil, der die Verbindung zu seinem Meister durchtrennen sollte. Doch das Gesicht des Mannes, der das Wesen einmal gewesen sein musste, wandte sich ihm zu und der tote Mund öffnete sich.

„Hi…Hil…“, schienen die Lippen zu formen, ein Wort, das noch in den Tiefen der bereits verendeten Seele erklang, das noch aus seiner menschlichen Erinnerung übrig geblieben zu sein schien.

Die Waffe, glitzernd wie Raureif am Morgen, verwandelte sich in Nebel und hüllte ihn ein, barg ihn schützend, doch ebenso hilflos wie er selbst, hilflos, wie die am frühen Morgen über die Auen ziehenden Nebelfrauen, die nur klagen können und denen doch nicht geholfen werden kann. Er konnte reinigend über ihn waschen, ihn erneuern und ihm einen kühlenden und lindernden Balsam über die wunden Gedanken legen, doch das in den Grundfesten erschütterte Vertrauen in ihn selbst konnte es nicht wiederherstellen und so weinte es wie ein kleines Kind bittere Tränen um ihn.

Verzweifelt rief es und bekam Antwort, ein beständiges und beruhigendes Flirren und ein warmer, fast mütterlicher, Herzschlag traten an seine Seite und halfen ihm. Medren fühlte eine tiefe, ihn versichernde Kraft in sich anklingen, von seinen Nackten Füßen herauf klopfte und vibrierte es und feine Wurzelfäden streckten sich wie neugierige Finger hinab in die Erde, verästelten sich dort und schwollen zu kräftigen Wurzeln an, deren Geflecht große Bäume in der Erde verankern. Wie von selbst richtete sich sein Körper auf, seine Augen blickten auf die noch immer näher wankende Gestalt und, als hätte das Wissen schon die ganze Zeit ungenutzt in seinen Gedanken geruht, sah er die vollkommene Leere in den Augen des Wesens. Es gab nur eine Hilfe für ihn und die würde er ihm gewähren. Vielleicht konnte seine Seele dann in Mutters Schoß ruhen.
Mit einem Ruf ins Lied, einem Gedanken, streckte er sich nach dem Feuer aus und ließ den Körper in ihm aufgehen. Eine Träne, still und allein vergossen, weinte er für den unbekannten Toten, dem er hoffentlich seinen Frieden geschenkt hatte.

Lange starrte er ins Nichts, gefangen von Hoffnung und dem neuen warmen Herzschlag der Erde, als er aus Hannas Schlafzimmer ein leises Seufzen vernahm. „Du solltest wieder ins Hier und Jetzt zurückkehren…“ schienen Schwester Erde und Bruder Wasser zu flüstern und Medren zog langsam das Wurzelgeflecht zurück in seine eigene Essenz, sammelte die letzten Nebelschwaden ein und ging hinüber zu Hanna.

Müde ließ er sich auf dem Bett nieder und mit ihrem Bild unter den Lidern schlief er ein.
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