Thanaya
Verfasst: Freitag 19. August 2011, 17:06
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Es war kalt in der Hütte. Prasselnd fiel Regen auf das undichte Dach und von dort dicke Regentropfen in dafür eigens aufgestellte alte Holzeimer. An der hinteren Wand lagen einige flickenbesetzte, dunkle Decken auf schmutzigen Boden. Ein kleines dunkelhaariges Mädchen hatte sich ihn ihnen eingewickelt. Unter fransigen Haaren blickte sie zu einem Mann, der auf einem Holzschemel am Tisch sass und ein Bier mit beiden Händen umschloss. Ungewaschene Haare hingen ihm über die Ohren. Sein Gesicht, eigentlich noch recht jung, war von einem stoppeligen Bart umwuchert. Er starrte auf seine Hände und verharrte fast regungslos. Neben dem Tisch stand ein altes, nur spärlich befülltes Regal. Ihm gegenüber befand sich eine notdürftige Feuerstelle, die im Winter ein wenig Wärme spendete. Die Hütte hatte nur an der Frontseite zwei Fenster, die eine in rostigen Angeln hängende Tür einrahmten. Ungeputzt gaben die Fenster den Blick auf ein nah gegenüberstehendes Gebäude frei. Das Hafenviertel in dem sie lebten, war an einigen Stellen so eng bebaut, dass kaum zwei Personen nebeneinander durch die Gassen treten konnten. Es war laut, dreckig und der Gestank von Verzweiflung, Alkohol und Armut kroch durch die Strassen. Durch die Spalten und Ritzen der Wände der drangen die üblichen Geräusche des Viertels in die kleine Hütte. Irgendwo kläffte ein Hund und ein Kind weinte.
Thanaya beobachtete den Mann der da sass verhalten. Sie liebte ihn, es war eine schreckliche Liebe, geboren aus der Abhängigkeit von ihm und den freundlichen Worten die er manchmal für sie übrig hatte. Dann fühlte sie sich glücklich und war bereit alles für ihn zu tun. Aber meistens war er grob, besonders wenn eines seiner eingefädeltes Geschäfte wieder mal schieflief. Dann tobte er, schmiess mit Sachen um sich und brüllte sie an. Er fühlte sich als Versager und war überfordert damit ihn und seine kleine Schwester irgendwie durchzubringen. Seine Frustration ertrank er in Alkohol und seine Wut liess er nicht selten an ihr aus. Es war einfach sie für ihr Leben zu beschuldigen, vielleicht wäre er alleine ja besser dran gewesen. Doch die Wahrheit war, dass sie genauso mithalf dass sie überleben konnten, so gut ein 10 jähriges Mädchen das eben vermochte.
Sie bettelte, versuchte am Hafen was mit kleineren Botengängen zu verdienen oder stahl auf dem Markt etwas zu essen. Wenn sie erwischt wurde, dann rannte sie wie ein Wiesel zu den engen und verwinkelten Gassen des Hafenviertels um etwaige Verfolger abhängen zu können. Das Hafenviertel kannte sie gut, es war ihre Heimat, alles was sie kannte und die dortigen Gesetze waren die ihren. Denn an wenig anderem konnte sie sich orientieren.
Thanaya hatte sich mit einem Mädchen angefreundet, das etwas älter war als sie und sich ein wenig um sie kümmerte. Anja war ihr Name. Sie trug meistens ein dunkles Kleid über mehreren hellen Unterröcken, die so gerafft waren, dass ihre Beine gut zum Vorschein kamen. Manchmal wenn Thanaya traurig war, nahm sie sie in den Arm und tröstete sie. "Weine nicht, du darfst niemandem zeigen was du fühlst. Weinen bedeutet nur Schwäche, und Schwäche wird ausgenutzt. Verstehst du das?" Dann strich sie ihr über das Haar.
Oft kamen Männer zu Anja wenn sie auf der Strasse stand. Dann unterhielten sie sich und meistens ging sie mit ihnen fort. Wenn sie dann wiederkam lächelte sie, doch es war kein ehrliches Lächeln. "Zeige niemandem wer du wirklich bist, oder nur Menschen denen du vertraust. Dann hast du immer einen Ort, an dem du dich zurückziehen kannst, einen den dir niemand wegnimmt." Sprach sie dann manchmal.
Am liebsten hatte Thanaya, wenn Anja sie bei der Hand nahm und sie über den Markt schlenderten um Zutaten für Kuchen oder Kekse zu kaufen. Es war ein seltenes Ereignis aber dann war sie so glücklich als hätte sie Geburtstag. In dem grossen Haus in dem Anja mit vielen anderen Mädchen wohnte, buken sie dann Kuchen und Thanaya durfte kräftig mithelfen. In solchen Momenten vergass sie alles um sich herum.
Anja prägte sie und brachte ihr vieles bei. Für Thanaya war sie wie eine grosse Schwester die sie bewunderte.
Sie hatte früh begriffen was Anja eigentlich tat, doch Anja war immer bestrebt Thanaya davon so weit wie möglich fern zu halten. "Du musst dein Geld auf bessere Weise zu verdienen. Niemals darfst du dich verkaufen hörst du? Du wirst daran kaputt gehen." Bleute sie ihr dann immer ein.
Als sie älter wurde, so mit 13 oder 14, muss es gewesen sein, lernte sie 2 Männer kennen, die offenkundig immer genug Geld besassen um sich für die Verhältnisse des Hafenviertels gut kleiden zu können und sich leisten zu können was sie wollten. Dennoch waren sie von hier, gehörten aber keiner der Banden an.
Thanaya bekam mit, das sie wilderten. Sie verstanden es mit Bogen und Fallen umzugehen und verkauften die Felle, Horn, Knochen und das Fleisch der Tiere dann für gutes Geld weiter. Wildern war ein gefährliches unterfangen. Wer erwischt wurde, konnte damit rechnen in Sklaverei zu kommen oder sogar gehängt zu werden, denn das Jagen war einzig und allein dem Adel vorbehalten. Und doch liess sie der Gedanke, und somit vielleicht dem Elend zu entfliehen nicht mehr los. Sicherlich war sie damit nicht die einzige, und was auch richtig war, dass viele erwischt wurden. Vielleicht lag es daran das sie ein Mädchen war, vielleicht erweichte sie irgendwie das Herz der beiden, doch sie bat und bettelte dass sie sie dochmal mitnehmen mögen, versprach aufzupassen, zu lernen und sie nicht zu stören. Zu Anfang jagten sie sie lachend weg. Sie war nur eine kleine abgerissene Hafengöre, lauseverseucht und schwächlich. Doch ihre Ausdauer immer wieder zu ihnen zu kommen und sie zu bitten sie mitzunehmen hatte irgendwann Erfolg. Vielleicht sahen sie wie Ernst es ihr war oder dachten, sie könne doch irgendwie nützlich sein.
Und so zogen sie einen Morgen in aller Frühe los. Die Sonne war noch nicht einmal zu sehen und es war bitterkalt. Der Tau, der auf den Blättern und Gräsern lag, durchnässte ihre Kleider und liess sie noch mehr frieren. Aber Thanaya biss die Zähne aufeinander. Es war ein langer, strammer Fussmarsch bis sie die ersten ausgelegten Fallen erreichten. Stetig suchten beide den Boden nach Spuren ab oder sahen sich um. Dabei erklärten sie ihr fast Flüsternd was sie taten und welchen Sinn es hatte. Sie versuchte jedes einzelne Wort in ihr Gedächtnis zu brennen und ihre Bewegungen nachzuahmen um sich genauso leise durchs Unterholz zu bewegen wie die beiden Naris und Ardan, wie die beiden sich ihr vorgestellt hatten. Als sie die erste Falle endlich erreichten, graute der Himmel langsam auf. Sie war zu ihrem Ärger leer, jedoch zugeschnappt. Also musste sie wieder ausgerichtet werden, was sich Thanaya genau einprägte. "Sowas passiert manchmal..vielleicht war das Tier zu flink, oder sie hatte eine Fehlauslösung." Erklärte Naris. Dann wanderten sie zur nächsten Falle. Ein Kaninchen hatte sich darin verfangen. Ängstlich versuchte es ihr zu entwischen. "Schau genau hin." Mahnte Naris, packte das Kaninchen und drehte ihm den Hals um. Als Thanaya dabei etwas erschrocken keuchte, schlug Ardan ihr gegen den Hinterkopf und hob einen Finger. "Kein Mitleid, so ist das eben." Zischte er. Die Falle wurde neu gelegt und dann zogen sie weiter zu einem kleinen Waldsee. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen und der Morgen leuchtete golden und strahlend über das Wasser. "Hier musst du besonders vorsichtig sein. Die Adligen kommen manchmal hier her. Aber wenn die Tiere hier trinken, kann man sie gut schiessen." Erklärte Adran. Sie suchten sich eine vom Wind abgewandte Seite und legten sich auf die Lauer, wobei einer von beiden Wache hielt. Der andere nahm einen Bogen vom Rücken, legte einen Pfeil auf und wartete geduldig. Thanaya, die das Kaninchen zu tragen hatte, war hundemüde, die Kälte der Nacht verliess nur langsam ihren Leib und sie verspürte Hunger. Fast war es eine Qual nur so dazuliegen, sich nicht zu bewegen und auch nicht einzuschlafen. Doch an diesem Tag kam kein Wild an den See, und als der Mittag nahte, machten sie sich auf den Weg nach Hause. Das Kaninchen brachte nur einen spärlichen Betrag ein, Thanaya bekam nichts davon. Doch sie durfte wieder mit, nicht jedesmal, aber sie lernte immer wenn sie sie begleitete dazu, gab sich wirklich Mühe und schleppte das Wild für sie, solange es nicht zu gross war.
Manchmal wurde sie auch allein zu einer Fallen geschickt, während sich die beiden Männer um eine andere kümmerten, was das alles etwas beschleunigte. Und wenn der Fang gut war, bekam sie sogar ein paar Münzen davon ab.
Sie war den beiden Symphatisch geworden. Thanaya hatte sich trotz der ärmlichen Verhältnisse in denen sie aufwuchs einen gewissen Witz bewahrt, Risikobereitschaft und Frechheit. Sie hatte gemerkt dass sie dadurch auffiel und einiges mehr erreichen konnte als wenn sie sich mit dem zufrieden gab, was sie bekam, auch wenn sie manchmal etwas zu weit ging.
"Die Leute wollen nicht wissen wie es dir geht. Wenn du lachst und fröhlich bist mögen sie dich mehr, als wenn du traurig bist. Und das wird dir mehr bringen als wenn du dein Wahres Innere zeigst." Pflegte Anja immer zu sagen.
Thanaya wurde mit der Zeit ein fester Teil der kleinen Jagdgesellschaft. Sie durfte lernen mit dem Bogen umzugehen, selber Fallen auslegen, wurde manchmal auch vorrausgeschickt um die Spuren zu lesen und hatte nun fast die gleichen Aufgaben wie die beiden Männer. Auch das Geld dass sie nach Hause brachte war mittlerweile ansehnlicher als das, was sie durch das Betteln verdiente. Ihr Bruder nahm dies gemischt auf. Einerseits war er froh darum, andererseits war er wütend auf ihren Erfolg. Manchmal stritten sie sich dann, wenn er alles davon für sich verlangte. "Ich habe dich aufgezogen, ich habe dich hier wohnen lassen. Du solltest mir dankbar sein!" Schrie er sie dann an. Am Ende blieb meist nur ein kleiner Teil für sie übrig, von dem sie sogar noch etwas versteckte und aufsparte. Es war ihr Schatz und ihr Geheimnis.
Doch wie vielen Wilderern, erging es auch der Dreiergruppe nicht immer erfolgreich. So vorsichtig sie auch waren, so wenige Spuren sie auch hinterliessen....
Wilderei war verboten, Wilderer wurden ihrerseits gejagd wenn sie erwischt wurden. Und als sie einer Gesellschaft adliger Jägern in die Arme liefen, schien alles vorbei.
"Wilderer! erschiesst sie!" Brüllte einer auf seinem Pferd. "Lasst die Hunde los!" Rief ein anderer und deutet mit den Fingern auf die mit Bögen bewaffneten. Ein Fusstrupp, der sich in der Nähe befand kam herbei gerannt, Hunde kläfften und irgendwo surrte ein Pfeil. "Lauft..Lauft!" Schrie Ardan den beiden anderen zu. Jeder stürmte geradezu kopflos in eine andere Richtung davon. Was dann geschah verblasste in Thanayas Erinnerung. Sie rannte, sie rannte bis ihr die Lungen brannten und die Beine bleischwer wurden. Sie wusste nicht ob sie verfolgt wurde oder was mit den beiden anderen geschehen war. Sie rannte nur um ihr Leben.
Aber sie war gesehen worden. Man würde sie wiedererkennen, ganz bestimmt, vielleicht sogar das Viertel nach ihr durchkämmen, denn die meisten Wilderer kamen aus den ärmeren Stadtvierteln.
Sie hatte selten soviel Angst wie jetzt gehabt. Ihr Leben schien ihr zwischen den Fingern wie Sand zu verrinnen.
"Was mache ich denn jetzt.." Flüsterte sie Anja zu, nachdem sie sich zu ihr geschlichen hatte und nun ängstlich auf einem alten Schemel in Anjas Zimmer sass. "Du hast zwei Möglichkeiten denke ich. Du kannst auf dein Glück hoffen das man dich nicht findet oder sucht. Oder du kannst deine Sachen packen und für eine Weile abhauen. Aber wenn sie dich gesehen haben und rumfragen, wird dich vielleicht jemand für Geld verpetzen." Thanaya war den Tränen nahe.
Weggehen stand für sie ausser Frage. Wo sollte sie denn hin, sie kannte niemanden ausserhalb der Stadt, sie wusste nichts von der Welt. Also beschloss sie auf ihr Glück zu bauen und dass keiner nach ihr fragen würde.
Als sie spät in der Nacht nach Hause ging und die alte Hütte fast erreicht hatte, zischte jemand aus den Schatten einer Gasse zu Thanaya hin. Sie erschrack, doch als Ardan ein wenig aus den Schatten trat, atmete sie erleichtert ein.
"Sie haben Naris erwischt. Er ist tot" Kam es trocken von ihm. "Sie haben Suchtrupps losgeschickt.....sie haben jedem eine Belohnung versprochen der uns kennt und ihnen sagt wo sie uns finden:" Redete er leise weiter. Ungläubig hörte sie die Worte doch sie schienen zuerst keinen Sinn zu ergeben.
Es war als würde ihr der Boden unter den Füssen verschwimmen. Die Knie wurden ihr weich, die Kehle schnürte sich zu und sie konnte kaum glaube was er da sagte. "Du musst verschwinden. Ich jedenfalls werde das tun."
Sprach er weiter, seine Stimme war fast zu ruhig, doch irgendwo erkannte sie darin ein Zittern. "Wo soll ich denn hin?" Erwiederte sie verzweifelt. "Mir egal, machs gut Thanaya." Er zog sich seine Kapuze tiefer ins Gesicht und verschwand in der dunklen Gasse. Bebend sah sie ihm nach, dann wurde sie panisch, blickte umher und versuchte mit irgendwelchen Lumpen die sie am Leib trug ihr Gesicht zu bedecken.
Zuerst steuerte sie die Hütte an in der sie mit ihem Bruder lebte. Wusste er schon davon? Hatte er davon gehört das man sie suchte? Würde er sie verraten oder nicht? Sie hatte oft Streit mit ihm. Wegen des Geldes. Und Geld war es auch das ihm nun als Belohnung ausstand. Liebte er sie genug? Wollte sie es wirklich riskieren?
Fast automatisch trugen ihre Füsse sie dann ganz woanders hin. Zu ihrem kleinen Versteck, ihrem Schatz.
Doch wo sollte sie hin? Ardan hatte sie gewarnt, er hatte sein Leben auf Spiel gesetzt und hatte auf sie gewartet um sie zu warnen, kamen ihr die Gedanken während sie ihre wenigen Ersparnisse barg. Er hätte sie doch mitnehmen können...warum hat er es nicht getan? In die Angst und Dankbarkeit mischte sich nun auch Wut.
Noch in derselben Nacht versteckte sie sich auf einem alten Schmugglerschiff, so wurden die Frachtschiffe genannt die Waren zwischen nahegelegenen Hafen hin und her transportierten. Sie hockte tief im Frachtraum zwischen einigen alten Kisten und Tonnen. Im nächsten Hafen würde sie sich von Bord schleichen und vielleicht dort eine Weile bleiben oder vielleicht reichte ihr Geld um eine Überfahrt noch weiter weg zu kaufen.....
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Es war kalt in der Hütte. Prasselnd fiel Regen auf das undichte Dach und von dort dicke Regentropfen in dafür eigens aufgestellte alte Holzeimer. An der hinteren Wand lagen einige flickenbesetzte, dunkle Decken auf schmutzigen Boden. Ein kleines dunkelhaariges Mädchen hatte sich ihn ihnen eingewickelt. Unter fransigen Haaren blickte sie zu einem Mann, der auf einem Holzschemel am Tisch sass und ein Bier mit beiden Händen umschloss. Ungewaschene Haare hingen ihm über die Ohren. Sein Gesicht, eigentlich noch recht jung, war von einem stoppeligen Bart umwuchert. Er starrte auf seine Hände und verharrte fast regungslos. Neben dem Tisch stand ein altes, nur spärlich befülltes Regal. Ihm gegenüber befand sich eine notdürftige Feuerstelle, die im Winter ein wenig Wärme spendete. Die Hütte hatte nur an der Frontseite zwei Fenster, die eine in rostigen Angeln hängende Tür einrahmten. Ungeputzt gaben die Fenster den Blick auf ein nah gegenüberstehendes Gebäude frei. Das Hafenviertel in dem sie lebten, war an einigen Stellen so eng bebaut, dass kaum zwei Personen nebeneinander durch die Gassen treten konnten. Es war laut, dreckig und der Gestank von Verzweiflung, Alkohol und Armut kroch durch die Strassen. Durch die Spalten und Ritzen der Wände der drangen die üblichen Geräusche des Viertels in die kleine Hütte. Irgendwo kläffte ein Hund und ein Kind weinte.
Thanaya beobachtete den Mann der da sass verhalten. Sie liebte ihn, es war eine schreckliche Liebe, geboren aus der Abhängigkeit von ihm und den freundlichen Worten die er manchmal für sie übrig hatte. Dann fühlte sie sich glücklich und war bereit alles für ihn zu tun. Aber meistens war er grob, besonders wenn eines seiner eingefädeltes Geschäfte wieder mal schieflief. Dann tobte er, schmiess mit Sachen um sich und brüllte sie an. Er fühlte sich als Versager und war überfordert damit ihn und seine kleine Schwester irgendwie durchzubringen. Seine Frustration ertrank er in Alkohol und seine Wut liess er nicht selten an ihr aus. Es war einfach sie für ihr Leben zu beschuldigen, vielleicht wäre er alleine ja besser dran gewesen. Doch die Wahrheit war, dass sie genauso mithalf dass sie überleben konnten, so gut ein 10 jähriges Mädchen das eben vermochte.
Sie bettelte, versuchte am Hafen was mit kleineren Botengängen zu verdienen oder stahl auf dem Markt etwas zu essen. Wenn sie erwischt wurde, dann rannte sie wie ein Wiesel zu den engen und verwinkelten Gassen des Hafenviertels um etwaige Verfolger abhängen zu können. Das Hafenviertel kannte sie gut, es war ihre Heimat, alles was sie kannte und die dortigen Gesetze waren die ihren. Denn an wenig anderem konnte sie sich orientieren.
Thanaya hatte sich mit einem Mädchen angefreundet, das etwas älter war als sie und sich ein wenig um sie kümmerte. Anja war ihr Name. Sie trug meistens ein dunkles Kleid über mehreren hellen Unterröcken, die so gerafft waren, dass ihre Beine gut zum Vorschein kamen. Manchmal wenn Thanaya traurig war, nahm sie sie in den Arm und tröstete sie. "Weine nicht, du darfst niemandem zeigen was du fühlst. Weinen bedeutet nur Schwäche, und Schwäche wird ausgenutzt. Verstehst du das?" Dann strich sie ihr über das Haar.
Oft kamen Männer zu Anja wenn sie auf der Strasse stand. Dann unterhielten sie sich und meistens ging sie mit ihnen fort. Wenn sie dann wiederkam lächelte sie, doch es war kein ehrliches Lächeln. "Zeige niemandem wer du wirklich bist, oder nur Menschen denen du vertraust. Dann hast du immer einen Ort, an dem du dich zurückziehen kannst, einen den dir niemand wegnimmt." Sprach sie dann manchmal.
Am liebsten hatte Thanaya, wenn Anja sie bei der Hand nahm und sie über den Markt schlenderten um Zutaten für Kuchen oder Kekse zu kaufen. Es war ein seltenes Ereignis aber dann war sie so glücklich als hätte sie Geburtstag. In dem grossen Haus in dem Anja mit vielen anderen Mädchen wohnte, buken sie dann Kuchen und Thanaya durfte kräftig mithelfen. In solchen Momenten vergass sie alles um sich herum.
Anja prägte sie und brachte ihr vieles bei. Für Thanaya war sie wie eine grosse Schwester die sie bewunderte.
Sie hatte früh begriffen was Anja eigentlich tat, doch Anja war immer bestrebt Thanaya davon so weit wie möglich fern zu halten. "Du musst dein Geld auf bessere Weise zu verdienen. Niemals darfst du dich verkaufen hörst du? Du wirst daran kaputt gehen." Bleute sie ihr dann immer ein.
Als sie älter wurde, so mit 13 oder 14, muss es gewesen sein, lernte sie 2 Männer kennen, die offenkundig immer genug Geld besassen um sich für die Verhältnisse des Hafenviertels gut kleiden zu können und sich leisten zu können was sie wollten. Dennoch waren sie von hier, gehörten aber keiner der Banden an.
Thanaya bekam mit, das sie wilderten. Sie verstanden es mit Bogen und Fallen umzugehen und verkauften die Felle, Horn, Knochen und das Fleisch der Tiere dann für gutes Geld weiter. Wildern war ein gefährliches unterfangen. Wer erwischt wurde, konnte damit rechnen in Sklaverei zu kommen oder sogar gehängt zu werden, denn das Jagen war einzig und allein dem Adel vorbehalten. Und doch liess sie der Gedanke, und somit vielleicht dem Elend zu entfliehen nicht mehr los. Sicherlich war sie damit nicht die einzige, und was auch richtig war, dass viele erwischt wurden. Vielleicht lag es daran das sie ein Mädchen war, vielleicht erweichte sie irgendwie das Herz der beiden, doch sie bat und bettelte dass sie sie dochmal mitnehmen mögen, versprach aufzupassen, zu lernen und sie nicht zu stören. Zu Anfang jagten sie sie lachend weg. Sie war nur eine kleine abgerissene Hafengöre, lauseverseucht und schwächlich. Doch ihre Ausdauer immer wieder zu ihnen zu kommen und sie zu bitten sie mitzunehmen hatte irgendwann Erfolg. Vielleicht sahen sie wie Ernst es ihr war oder dachten, sie könne doch irgendwie nützlich sein.
Und so zogen sie einen Morgen in aller Frühe los. Die Sonne war noch nicht einmal zu sehen und es war bitterkalt. Der Tau, der auf den Blättern und Gräsern lag, durchnässte ihre Kleider und liess sie noch mehr frieren. Aber Thanaya biss die Zähne aufeinander. Es war ein langer, strammer Fussmarsch bis sie die ersten ausgelegten Fallen erreichten. Stetig suchten beide den Boden nach Spuren ab oder sahen sich um. Dabei erklärten sie ihr fast Flüsternd was sie taten und welchen Sinn es hatte. Sie versuchte jedes einzelne Wort in ihr Gedächtnis zu brennen und ihre Bewegungen nachzuahmen um sich genauso leise durchs Unterholz zu bewegen wie die beiden Naris und Ardan, wie die beiden sich ihr vorgestellt hatten. Als sie die erste Falle endlich erreichten, graute der Himmel langsam auf. Sie war zu ihrem Ärger leer, jedoch zugeschnappt. Also musste sie wieder ausgerichtet werden, was sich Thanaya genau einprägte. "Sowas passiert manchmal..vielleicht war das Tier zu flink, oder sie hatte eine Fehlauslösung." Erklärte Naris. Dann wanderten sie zur nächsten Falle. Ein Kaninchen hatte sich darin verfangen. Ängstlich versuchte es ihr zu entwischen. "Schau genau hin." Mahnte Naris, packte das Kaninchen und drehte ihm den Hals um. Als Thanaya dabei etwas erschrocken keuchte, schlug Ardan ihr gegen den Hinterkopf und hob einen Finger. "Kein Mitleid, so ist das eben." Zischte er. Die Falle wurde neu gelegt und dann zogen sie weiter zu einem kleinen Waldsee. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen und der Morgen leuchtete golden und strahlend über das Wasser. "Hier musst du besonders vorsichtig sein. Die Adligen kommen manchmal hier her. Aber wenn die Tiere hier trinken, kann man sie gut schiessen." Erklärte Adran. Sie suchten sich eine vom Wind abgewandte Seite und legten sich auf die Lauer, wobei einer von beiden Wache hielt. Der andere nahm einen Bogen vom Rücken, legte einen Pfeil auf und wartete geduldig. Thanaya, die das Kaninchen zu tragen hatte, war hundemüde, die Kälte der Nacht verliess nur langsam ihren Leib und sie verspürte Hunger. Fast war es eine Qual nur so dazuliegen, sich nicht zu bewegen und auch nicht einzuschlafen. Doch an diesem Tag kam kein Wild an den See, und als der Mittag nahte, machten sie sich auf den Weg nach Hause. Das Kaninchen brachte nur einen spärlichen Betrag ein, Thanaya bekam nichts davon. Doch sie durfte wieder mit, nicht jedesmal, aber sie lernte immer wenn sie sie begleitete dazu, gab sich wirklich Mühe und schleppte das Wild für sie, solange es nicht zu gross war.
Manchmal wurde sie auch allein zu einer Fallen geschickt, während sich die beiden Männer um eine andere kümmerten, was das alles etwas beschleunigte. Und wenn der Fang gut war, bekam sie sogar ein paar Münzen davon ab.
Sie war den beiden Symphatisch geworden. Thanaya hatte sich trotz der ärmlichen Verhältnisse in denen sie aufwuchs einen gewissen Witz bewahrt, Risikobereitschaft und Frechheit. Sie hatte gemerkt dass sie dadurch auffiel und einiges mehr erreichen konnte als wenn sie sich mit dem zufrieden gab, was sie bekam, auch wenn sie manchmal etwas zu weit ging.
"Die Leute wollen nicht wissen wie es dir geht. Wenn du lachst und fröhlich bist mögen sie dich mehr, als wenn du traurig bist. Und das wird dir mehr bringen als wenn du dein Wahres Innere zeigst." Pflegte Anja immer zu sagen.
Thanaya wurde mit der Zeit ein fester Teil der kleinen Jagdgesellschaft. Sie durfte lernen mit dem Bogen umzugehen, selber Fallen auslegen, wurde manchmal auch vorrausgeschickt um die Spuren zu lesen und hatte nun fast die gleichen Aufgaben wie die beiden Männer. Auch das Geld dass sie nach Hause brachte war mittlerweile ansehnlicher als das, was sie durch das Betteln verdiente. Ihr Bruder nahm dies gemischt auf. Einerseits war er froh darum, andererseits war er wütend auf ihren Erfolg. Manchmal stritten sie sich dann, wenn er alles davon für sich verlangte. "Ich habe dich aufgezogen, ich habe dich hier wohnen lassen. Du solltest mir dankbar sein!" Schrie er sie dann an. Am Ende blieb meist nur ein kleiner Teil für sie übrig, von dem sie sogar noch etwas versteckte und aufsparte. Es war ihr Schatz und ihr Geheimnis.
Doch wie vielen Wilderern, erging es auch der Dreiergruppe nicht immer erfolgreich. So vorsichtig sie auch waren, so wenige Spuren sie auch hinterliessen....
Wilderei war verboten, Wilderer wurden ihrerseits gejagd wenn sie erwischt wurden. Und als sie einer Gesellschaft adliger Jägern in die Arme liefen, schien alles vorbei.
"Wilderer! erschiesst sie!" Brüllte einer auf seinem Pferd. "Lasst die Hunde los!" Rief ein anderer und deutet mit den Fingern auf die mit Bögen bewaffneten. Ein Fusstrupp, der sich in der Nähe befand kam herbei gerannt, Hunde kläfften und irgendwo surrte ein Pfeil. "Lauft..Lauft!" Schrie Ardan den beiden anderen zu. Jeder stürmte geradezu kopflos in eine andere Richtung davon. Was dann geschah verblasste in Thanayas Erinnerung. Sie rannte, sie rannte bis ihr die Lungen brannten und die Beine bleischwer wurden. Sie wusste nicht ob sie verfolgt wurde oder was mit den beiden anderen geschehen war. Sie rannte nur um ihr Leben.
Aber sie war gesehen worden. Man würde sie wiedererkennen, ganz bestimmt, vielleicht sogar das Viertel nach ihr durchkämmen, denn die meisten Wilderer kamen aus den ärmeren Stadtvierteln.
Sie hatte selten soviel Angst wie jetzt gehabt. Ihr Leben schien ihr zwischen den Fingern wie Sand zu verrinnen.
"Was mache ich denn jetzt.." Flüsterte sie Anja zu, nachdem sie sich zu ihr geschlichen hatte und nun ängstlich auf einem alten Schemel in Anjas Zimmer sass. "Du hast zwei Möglichkeiten denke ich. Du kannst auf dein Glück hoffen das man dich nicht findet oder sucht. Oder du kannst deine Sachen packen und für eine Weile abhauen. Aber wenn sie dich gesehen haben und rumfragen, wird dich vielleicht jemand für Geld verpetzen." Thanaya war den Tränen nahe.
Weggehen stand für sie ausser Frage. Wo sollte sie denn hin, sie kannte niemanden ausserhalb der Stadt, sie wusste nichts von der Welt. Also beschloss sie auf ihr Glück zu bauen und dass keiner nach ihr fragen würde.
Als sie spät in der Nacht nach Hause ging und die alte Hütte fast erreicht hatte, zischte jemand aus den Schatten einer Gasse zu Thanaya hin. Sie erschrack, doch als Ardan ein wenig aus den Schatten trat, atmete sie erleichtert ein.
"Sie haben Naris erwischt. Er ist tot" Kam es trocken von ihm. "Sie haben Suchtrupps losgeschickt.....sie haben jedem eine Belohnung versprochen der uns kennt und ihnen sagt wo sie uns finden:" Redete er leise weiter. Ungläubig hörte sie die Worte doch sie schienen zuerst keinen Sinn zu ergeben.
Es war als würde ihr der Boden unter den Füssen verschwimmen. Die Knie wurden ihr weich, die Kehle schnürte sich zu und sie konnte kaum glaube was er da sagte. "Du musst verschwinden. Ich jedenfalls werde das tun."
Sprach er weiter, seine Stimme war fast zu ruhig, doch irgendwo erkannte sie darin ein Zittern. "Wo soll ich denn hin?" Erwiederte sie verzweifelt. "Mir egal, machs gut Thanaya." Er zog sich seine Kapuze tiefer ins Gesicht und verschwand in der dunklen Gasse. Bebend sah sie ihm nach, dann wurde sie panisch, blickte umher und versuchte mit irgendwelchen Lumpen die sie am Leib trug ihr Gesicht zu bedecken.
Zuerst steuerte sie die Hütte an in der sie mit ihem Bruder lebte. Wusste er schon davon? Hatte er davon gehört das man sie suchte? Würde er sie verraten oder nicht? Sie hatte oft Streit mit ihm. Wegen des Geldes. Und Geld war es auch das ihm nun als Belohnung ausstand. Liebte er sie genug? Wollte sie es wirklich riskieren?
Fast automatisch trugen ihre Füsse sie dann ganz woanders hin. Zu ihrem kleinen Versteck, ihrem Schatz.
Doch wo sollte sie hin? Ardan hatte sie gewarnt, er hatte sein Leben auf Spiel gesetzt und hatte auf sie gewartet um sie zu warnen, kamen ihr die Gedanken während sie ihre wenigen Ersparnisse barg. Er hätte sie doch mitnehmen können...warum hat er es nicht getan? In die Angst und Dankbarkeit mischte sich nun auch Wut.
Noch in derselben Nacht versteckte sie sich auf einem alten Schmugglerschiff, so wurden die Frachtschiffe genannt die Waren zwischen nahegelegenen Hafen hin und her transportierten. Sie hockte tief im Frachtraum zwischen einigen alten Kisten und Tonnen. Im nächsten Hafen würde sie sich von Bord schleichen und vielleicht dort eine Weile bleiben oder vielleicht reichte ihr Geld um eine Überfahrt noch weiter weg zu kaufen.....
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